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Marginalien aus zehn Jahren Verbandsarbeit:

Stellungnahmen und Leserbriefe zu aktuellen Themen

15.01.03

Wie gehen wir in der Schule mit dem 11. September um?

Berichte über Reaktionen auf Gewalttaten

Wie viele andere Schulen haben Schülerinnen und Schüler unserer Bismarckschule auf den Terror vom 11. September ebenso wie auf die Erfurter Morde mit ehrlicher Betroffenheit und mit Schweigeminuten rea­giert. Das sollte keineswegs kritisiert werden, doch sind weiterführende Überlegungen notwendig.

Zunächst muss man sich vor Augen halten, dass Gewalt, Waffengewalt und auch suizidale Gewalttaten weder in unserer noch in fremder Kultur wesensfremde und überwundene Verhaltensformen sind, son­dern zum tradierten Verhaltensrepertoire auch unserer Politischen Kultur gehören (man denke an Hel­den­verehrung oder „soldatische Tugenden“). Der Zivilisationspro­zess hat zwar das Gewaltmonopol des Staa­tes postuliert, jedoch den Staat und sein Verhalten nicht grundsätzlich pazifiziert. Gerade in einer Zeit, in der die ehrenwerte Selbstzurücknahme der Bundesre­publik Deutschland nach dem Zweiten Welt­krieg einem „unbefangeneren Umgang mit Waffengewalt und Krieg“ – sicherlich aus durchaus ehren­wer­ten Motiven einer „internationalen Verantwortung“ – weichen muss, weichen auch zivilisatorische Schran­ken gegenüber der individuellen Gewalt, die nur über ihre Folgen – die Opfer –, nicht aber über ihre ge­sell­schaftlichen Ursachen thematisiert wird.

Hier erschließt sich dann auch die Ambivalenz der öffentlichen Betroffenheit und Trauer – wie wir es auch in der weltweiten Reaktion auf Selbstmordattentate des nahöstlichen Terrorismus beobachten kön­nen –: Die Aufmersamkeit, die der Tat gewidmet wird, ist Bestätigung der aggressiven Ziele des suizida­len Mörders, ist eine symbolische Heldenfigur gegenüber einer fiktiven oder abstrakten Eigengruppe, die real gar nicht zu existieren braucht, im Nahen Osten aber von Mal zu Mal tatsächlich größer wird. Diese Heldensymbolik des Einzelkämpfers hat für psychisch ähnlich strukturierte Jugendliche Vorbildcharakter, die proportional zur öffentlichen ritualisierten Reaktion größer und gefährlicher wird. Zumindest diese ri­tualisierte „Trauerarbeit“ und die Mediendominanz solcher Verbrechen sollt kritisch überdacht werden.

In unserer Politischen Kultur muss darüber hinaus die negative Stigmatisierung der Gewalt weit über die Betroffenheit mit den Opfern hinaus gehen und eine „political correctness“ induzieren, die das Spiel mit der Gewalt und den Umgang mit Waffen ganz grundsätzlich als gesellschaftlich unerwünscht brand­markt. Ich bin froh darüber, daß ich in meinem achtundfünfzig jährigen Leben noch nie eine Waffe (im klassischen Sinne) angefaßt habe und würde dies gerne als gesellschaftliches Leitbild verankert sehen. Mit dem „Notwehr“-Argument Pazifisten als naive „Gutmenschen“ zu diffamieren, versucht eine alt- oder neu-raktionäre Pragmatikergeneration auf perfide Weise gültige auch, aber nicht nur religiöse Wertnor­men zu diskeditieren. Dennoch sollte mit Norbert Elias festgestellt werden, daß der Mensch zwar nicht den Tod aber durchaus das Töten von Menschen abschaffen kann. Erst das wäre der letzte Schritt des Zivilisationsprozesses.

Quelle: Leserbrief Hannoversche Allgemeine Zeitung: Terror vom 11 September – Kritik, 030115 

Verantwortlich für diese Seite: Gerhard Voigt: Verband der Politiklehrer e.V.,
Hannover /
Marginalien aus zehn Jahren Verbandsarbeit: Stellungnahmen und Leserbriefe zu aktuellen Themen

Erstelldatum und Fassung der Datei: 27. April 2003. 
Internetpublikation 27.04.03
/ Revision 20.11.2009

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