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Marginalien aus zehn Jahren Verbandsarbeit:

Stellungnahmen und Leserbriefe zu aktuellen Themen

 

21.07.95

 

 

Rechtschreibreform:

 

 

„Alles Rhabarber? Vom Mut der Ortografen“

  

Das „Experiment“ der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, eine Seite in neuer Orthographie zu setzen, war aufschlußreich und ermutigend. Zufällig hatte ich mehrere Artikel dieser Seite gelesen, ehe ich mich mit dem Hauptartikel über die Recht­schreibereform auseinandersetzt. Und: mir war bis dahin nichts aufgefallen! Alles war lesbar wie sonst, die wenigen abweichenden Schreibweisen fallen weder besonders auf, noch hindern sie das Verständnis (und der Medienalltag bringt eine solche Fülle von Neologismen und unüblichen Schreibweisen, daß solche kaum noch Aufmerksamkeitswert besitzen — ob man das nun begrüßt oder beklagt).

Vier Fragen und Thesen möchte ich kurz anfügen, die meine Praxis als Lehrer und »Korrigierender« von Klausuren und Abiturarbeiten unmittelbar berührt:

  •     Orthographie, die sich an »Zweifelsfällen« und »Ausnahmen« orientiert hat doch wohl nichts mit dem berechtigten Wunsch nach Verständlichkeit und schneller Kommunikation zu tun; sie ist eher ein soziales Selektionssymbol (Bildungsarroganz der Lehrer!);

  •     vom Duden lasse ich meine eigene Orthographie in Zweifelsfällen nicht bestimmen; bevor­zuge ich aus dem Kontext heraus sprachwurzelorientierte oder fremdsprachliche Schreibwei­sen, werde ich sie auch benutzen, ebenso nutze ich Neologismen dort, wo sie mir sinnvoll erscheinen; (warum sollte in der »Neuen Ortografie« das Wortungeheuer Zooorchester nicht mit dem praktischen, sinnvollen, geliebten Bindestrich »Zoo-Orchester« geschrieben werden? Ich werde es jedenfalls immer so schreiben);

  •     ich lese schnell und oft in Teilsätzen; mir sind Bagatellfehler völlig egal (übrigens auch in meinen Korrekturen); warum in Fach-Abiturarbeiten Rechtschreibefehler zum Punktabzug führen, ist mir nicht einsichtig; 

  •     als Historiker und Gesellschaftswissenschaftler weiß ich und kann es an vielen Beispielen be­legen, daß Hochsprachen nicht zur besseren Verständigung, sondern zur Durchsetzung des Kulturmonopols und Hegemonialanspruches des zentralen Nationalstaats eingeführt wurden (Spanien, Frankreich, heute auch die Türkei). Rigider Hochsprachenzentralismus ist auch ein Stück sozialer und kultureller Verarmung.

   

Bezug: HAZ Nr. 167 vom 20.07.95, S. 7

Quelle: HAZ-Leserbrief: Alles Rhabarber – Vom Mut der Ortografen, 950720 

 

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Verantwortlich für diese Seite: Gerhard Voigt: Verband der Politiklehrer e.V.,
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Marginalien aus zehn Jahren Verbandsarbeit: Stellungnahmen und Leserbriefe zu aktuellen Themen

Erstelldatum und Fassung der Datei: 26. April 2003. 
Internetpublikation 26.04.03

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Web-Fassung: 31.08.2004 - Verantwortlich: Gerhard Voigt <politiklehrerverband.voigt@web.de>
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