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Marginalien aus zehn Jahren Verbandsarbeit:

Stellungnahmen und Leserbriefe zu aktuellen Themen

 

07.06.97

 

 

Bürgerlicher Bildungskanon?

 

 

›Vier Gedichte von Goethe, billiger mach’ ich es nicht‹

  

Die deutsche Publizistik berichtet in diesen Tagen „aufgeregt“ oder auch voller „klammheimlicher Freude“ über die ‚unsägliche‘ ZEIT-Umfrage, welche „Werke der deutschsprachi­gen Literatur“ ein Abiturient mindestens „im Deutschunterricht gelesen haben“ sollte. Mich trifft bei­nahe der Dahlschlag (hannöversch)! Welcher Teufel hat dieses Blatt geritten, wieder einmal das alte bildungsbürgerliche Status-Arroganz-Überheblichkeits-Normenfindungs-Spielchen des »Disputes über einen gymnasialen Literaturkanon« auf die Tagesordnung des Feuilletons zu set­zen? Der Be­richt in der Neue Presse wird die Diskussion sicher noch verbreitern – auf genauso unkritischem Ni­veau wie in der ZEIT! Bei dem Spaß bleibt nicht viel Vergnügen, weil die Schülerinnen und Schüler auf der Strecke bleiben und dem Schulunterricht sicher keine Hilfe geleistet wird.

Generationen von Schülerinnen und Schüler haben den Spaß an der Literatur im Deutschunter­richt verloren; dazu gehören leider auch viele Lehrerinnen und Lehrer, die sich nur zähneknirschend den obsoleten Grundbildungsvorstellungen von verschnarchten Kultusministern, Arbeitgebern, deren Bildungsarroganz umgekehrt proportional zu ihrer eigenen Bildung ist, und der intellektuellen Selbst­befriedigung holden Feuilletonredakteuren unterzuordnen müssen glauben.

Und siehe da, die Redakteure finden in Scharen gutwillige, naive Schriftsteller, Wissenschaftler und Talk­master, die Ihr Ansinnen einigermaßen ernst nehmen – und die die Literatur tatsächlich lie­ben, für sie eintreten möchten. Schade. Hier war der falsche Ort dazu!

Aus der Tiefe meiner wuchernden Bücherregale heraus, deren einige zehntausend literarische und fachwissenschaftliche Werke vielleicht ein gutes Wort für die literarischen Neigungen ihres Be­sit­zers und Lesers einlegen werden, rufe ich ein verzweifeltes „Halt!“ in eure Redaktion: zum Lesen muß man verführen, der Zauber der Literatur und ihre existentielle Bedeutung erschließt sich nur am biographisch richtigen Ort zur richtigen Zeit. Aufgabe des Lehrer kann es nur sein, wenn er die Lite­ratur wirklich liebt, diese Orte und Zeiten zu erkennen und den jeweils richtigen Lesestoff dafür zu finden. Der muß nicht klassisch sein, der muß nicht deutsch sein, der muß keinem Bildungskanon entsprechen: er muß gut sein, er muß richtig sein, er muß wichtig sein!

Mir, aus einem »goetheanischen« Elternhaus stammend, der die erste Lebensjahrhunderthälfte schon einige Jahre hinter sich bringen konnte, hat man in der Schule die Klassik gründlich ausgetrie­ben. Daher habe ich kaum eines der Werke, die Ihre Literaten als »unverzichtbar« oder wenigstens als besonders wichtig aufzählen – hier wird ein leichtes Unbehagen an der Aufgabe doch recht deut­lich! – gelesen. Kein »Faust«, keine Schiller-Dramen, wenig sonstiges Klassisches. Dafür habe ich als Schüler moderne Lyrik, moderne Dramen der Fünfziger und beginnenden Sechziger Jahre in mich hereingefressen, anfangs zum Kummer meiner Deutschlehrer – oder, was konnte man damals mit ex­pressionistischer Lyrik, mit dem frühen Benn, mit Brecht in der Schule anfangen, mit all den inhaltli­chen Tabus, die es zu achten galt?

Heute sehe ich im Theater viele klassische Stücke und habe keine Scheu zu sagen, daß es sich teilweise um Erstbegegnungen mit »Pflichtstoffen« handelt, Begegnung an dem Ort, für den sie ge­schrieben waren, vielleicht auch vor einem Lebenshintergrund, für den die Dichter geschrieben ha­ben. Vieles an Distanz bestätigt sich, so bei Goethe und Schiller, deren Lebensgefühl mir bis heute recht fremd geblieben ist, Begeisterung aber bei der Begegnung mit Shakespeare, mit Lessing... Doch verführt es, jetzt auch einmal die Texte zur Hand zu nehmen, zu fragen, warum gelten denn diese Werke als klassisch? Das kulturhistorische Interesse ist auch ein Schlüssel zum Werk.

Und hier liegt wohl das Grundmißverständnis jeder Grundbildungsvorstellung, vor allem was einen möglichen Literaturkanon angeht: Wert, Bedeutung und Qualität eines literarischen Werkes wird normativ postuliert, von den Rezeptionskontexten abstrahiert und absolut gesetzt. Aber nur durch eine Näherung an die Literatur vom Leser her, aus der Situation der Schülerinnen und Schüler heraus, beim bewußten Hereinstellen in historische und gesellschaftliche Kontexte und Be­gründungs­zusammenhänge wird schließlich das Nichterschließbare, das Erratische, das dauerhaft Sperrige und Uneinlösbare großer Literatur deutlich und existentiell erfahrbar. Auf dieses »Wunder der Literatur­rezeption« wartet ein guter Deutschunterricht und empfindet einen vorgegebenen Litera­turkanon, ja sogar den Disput über einen solchen, als Hindernis auf dem Weg zum Lesen.

Und dabei, für die Germanistikdidaktik nicht Neues, sind auch die traditionellen Kategorien der Literaturtheorie, der Nationalliteraturen und der literarischen »Innensichten« wenig hilfreich. Auf der einen Seite: Sigmund Freud, Norbert Elias, ja auch: Eric J. Hobsbawn bieten exellente literarische Zugänge, Djelladin Rûmi, Omar Khayyam, Hafez können den literarischen Augenblick aufleuchten lassen, und warum Zugänge suchen über die Klassik? Ob Nadolny, Eco, Ransmayr, Norfolk und Rushdie in hundert Jahren »kanonisiert« sein werden, steht dahin und ist mir ehrlich gesagt »schnurzepiepe«. Aber mit diesen fünf Autoren, recht zufällig aus meiner Lektüre des letzten Jahres herausgegriffen, läßt sich ein literarischer Mikrokosmos aufbauen, der zum Weiterlesen, zum Weiter­fragen, zum »Egotrip in die literarische Vergangenheit« einlädt, um allein die Anspielungen, Bezüge, Kontinuitäten und Diskontinuitäten des Realitätsverständnisses erkennen und verstehen zu können.

Dabei wird umso deutlicher, daß Literaturverständnis nicht primär oder gar ausschließlich Sache des Deutschunterrichts sein kann, sondern von allen Schulfächern gemeinsam entwickelt, interdiszi­plinär begriffen werden muß. Politikunterricht mit Norbert Elias, Sloterdijk, Ransmayr (Morbus Ki­tahara) und »Anonymus« (Primary Colors) ist auch Literaturunterricht! Und was ist für Schülerin­nen und Schüler spannender als eine Beschäftigung mit Gödel, Escher, Bach (Douglas R. Hofstad­ter)? Aber bitte: macht nun nicht daraus gleich wieder einen Literaturkanon!  

Bezug: Neue Presse, 05.06.97, S. 27

Quelle: Leserbrief Neue Presse: Deutschunterricht Bildungsziele 970607 

 

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Verantwortlich für diese Seite: Gerhard Voigt: Verband der Politiklehrer e.V.,
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Erstelldatum und Fassung der Datei: 26. April 2003. 
Internetpublikation 26.04.03

 

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