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Peter Reinhart Gleichmann

Sind Menschen in der Lage, das gegenseitige Töten abzu­schaffen?

 [*]

 

 

Inhalt:

Peter Reinhart Gleichmann

Sind Menschen in der Lage, das gegenseitige Töten abzuschaffen?

1 . Könnte hier ein eigenes Forschungsgebiet, ein neues sozialwissenschaftliches Denkschema oder Paradigma entstehen?

2. Genügt es nicht, sich mit den Wandlungen des Verhältnisses von Krieg und Frieden zu befassen, wenn wir – erkennend und/oder gestaltend – die Friedensbemühungen vertiefen wollen?

3. Doch wer untersucht mit derselben sachlichen Direktheit das Töten und Getötetwerden unmittelbar?

4. Ist das Ausmaß der Chancen gegenseitigen Tötens und Getötetwerdens in Staatsgesellschaften des westeuropäischen Typs sozial stabiler institutionalisiert worden?

5. Doch wie entstehen die gemeinsamen Tötungshemmungen?

6. In welche Richtungen hin ändert sich das ‚polemologische Denken‘ im Zuge des Aufkommens thanatogener Fabriksysteme der industriellen Staaten während des 20. Jahrhunderts?

7. Doch wie denken und sprechen die eigentlichen Ingenieure des Tötens, diejenigen, die die Tötungsmaschinen und deren Hilfsaggregate erfinden, konstruieren, fertigen, zusammensetzen, reparieren und verteilen, die sie pflegen und schließlich bedienen?

8. Bestehen noch grundsätzliche soziale Unterschiede zwischen konstruktions- und destruktionstechnischer Intelligenz der industriellen Staatsgesellschaften?

9. Lassen sich gegen Ende des 20. Jahrhunderts noch grundlegende Unterscheidungen von ziviler und militärischer Produktion industrieller Güter treffen?

10. Welche Menschen engagieren sich unmittelbarer am gegenseitigen Töten und welche vermögen sich stärker seelisch und sozial davon zu distanzieren?

11. Und wo finden wir die sozialwissenschaftliche Intelligenz? Interveniert sie in die Tötungshandlungen?

12. Das berufliche und gesellschaftliche Erkenntnisinteresse Intellektueller kennt angeblich keinerlei soziale Tabus; weshalb scheut sich nahezu die gesamte sozialwissenschaftliche Intelligenz der industriellen Staaten, auch nur den tatsächlichen Gebrauch der Tötungsge­walt durch die Inha­ber der staatlichen Gewaltmonopole zu untersuchen?

13. Wie wird diese in einzelnen Staaten jetzt relativ hohe sozio-psychische Stabilität kollektiver Tötungshemmungen von den einzelnen Menschen erworben?

14. Lassen sich stichwortartig einige Grundfragen anführen, die das Erforschen der industriellen Thanatogenese vorantreiben könnten?

15. Sind Menschen in der Lage, vom gegenseitigen Töten abzulassen?

Literatur

Andere Aufsätze in diesem Band

Impressum

 

„Der Tod wird mit heimlicher Schläue und mit listigen Aus­flüchten eingeführt – und die Sprache von Schlauheit und List erfordert eine sorgfältige Untersuchung, falls wir je­mals die Bedingun­gen der Mo­derne auf den Begriff bringen wol­len.“ (Michael Geyer, 1993.)

„Menschen sind nicht in der Lage, den Tod abzuschaffen. Aber sie sind ganz gewiß in der Lage, das ge­gen­seitige Töten abzuschaffen.“ Ist, wer am Ende des 20. Jahrhunderts selbst zwei Weltkriege über­lebt hat, nicht gänzlich von utopi­schen Vorstellungen beseelt, wenn er ernsthaft öffentlich solche Ge­wiß­hei­ten (N. Elias, 1985: 90) aus­spricht? Dem ließe sich beispiels­weise entgegenhalten, wer hätte denn etwa gegen Ende des 18. Jahrhunderts den aufkommenden For­derun­gen nach Abschaf­fung der Sklavenwirt­schaft zu folgen vermocht, wenn zugleich seine eigene Planta­genwirtschaft in Nord­amerika existentiell darauf aufgebaut ge­wesen war?

Die folgenden Anmerkungen verbleiben in der Gestalt eines dialogischen Fra­gens. Für manche fachwissen­schaftliche Disziplin wäre bereits viel geleistet, ge­länge es, die entscheidenden Fragen zu de­ren Begründung zu stellen. Sokrates meint stets, ich weiß, daß ich nichts weiß. Das Fragen im Wechsel­gespräch hat für ihn deshalb stets Vorrang. Plato nennt dies das Hebammenverfahren, die maieutische Methode.

Gleichzeitig können wir uns solchen, auch von den meisten Sozialwissen­schaften weitgehend tabuisier­ten Fragen nur nähern, wenn wir hinreichend ler­nen, abwechselnd oder zugleich auf die ver­schiedenen so­zialen Handlungsebe­nen zu achten, auf denen Menschen wirken können. ‚Kriege‘ ha­ben im 20. Jahrhun­dert vornehm­lich mit ‚Staaten‘ zu tun oder doch solchen Großeinheiten, die dies zu werden versuchen. Gleich­zeitig etwa be­rühren sie Verhältnisse zwi­schen den Menschen und so­zialen Institutio­nen; aber auch die zwi­schen einzel­nen Men­schen. Nicht zuletzt wandelt sich das Ver­hältnis, das jeder einzelne zu sich selbst hat. Und dann wird schließ­lich die Ebene des sozialen Er­werbs oder Austausches von Wissen berührt.

1 . Könnte hier ein eigenes Forschungsgebiet, ein neues
sozialwissen­schaft­liches Denkschema oder Paradigma entstehen?

Warum sollten wir ein neues Paradigma benötigen? Gehen nicht die meisten so­zialwissenschaftlichen Erfor­scher der Kriege wie bereits C. von Clausewitz da­von aus, Kriege seien letztlich eine menschli­che Institu­tion (R. Aron, 1976), das „Krieg­führen“ (J. Keegan, 1993) unvermeidlich? Nur sehr weni­ge Den­ker be­fas­sen sich ausdrücklicher mit dem gegenseitigem Töten im Krieg (O. Barto­v). Und sind es nicht allzuwenige, die daran zweifeln, daß der Krieg „zu den an­thropolo­gischen Konstanten ge­höre“? (H. von Stietencron / J. Rüpke, 1995). Forschen denn nicht Kriegshistoriker, Friedensfor­scherInnen und viele andere Spezialisten darüber zur Genüge?

Mit diesen Fragen setze ich meine Bemerkungen „Zum Verhältnis von Mili­tarisierungs- und Zi­vi­lisie­rungs­prozessen“ (P. R. Gleichmann, 1992) fort. Sie sind damals veranlaßt worden durch die intel­lektuellen Reaktionen auf den Krieg des Irak gegen Kuweit und die anschließenden Reaktionen der US-Army. Ihr ha­ben viele Intellek­tuelle sogleich mit beachtlicher moralischer Distanzie­rung eine ‚Lo­­gik der Destruktion‘ unterstellt.

Haben sie sich so bereits von der Pflicht zu befreien vermocht genauer nach­zuschauen, was „Das Feuer dies­mal“ (R. Clark, 1992) erbracht hat, offene Kriegsverbrechen der US-Army? Haben sie die „Zweite Front“, die „Zensur und Propaganda im Golfkrieg“ (J. R. MacArthur, 1992) hinrei­chend durchleuchtet? Fast alle kritischen Intellektuellen (nicht nur Europas) votieren damals gegen je­nen fer­nen Krieg – jedenfalls so­lange zwei Welt­mächte sich in einer relativen Machtbalance gegen­seitig in Schach zu halten vermögen. Bald darauf bricht ein Krieg aus am Rande Mitteleuropas in nächster Nähe der Deutschen. Jenes einst aber fünf­zig Jahre währende relative Macht­gleich­gewicht lockert sich, wird labi­ler und endet schließlich. Kriegsan­lässe sind nicht mehr so einfach einer der Groß­mächte zuzu­schreiben. Nun schweigen die meisten jener eu­ropäischen In­tellektuellen. Kön­nen sie trotz ihrer vielfach von moralischer Überlegenheit ge­prägten Selbstbilder tatsächlich auch wirk­lich­keitsge­rechtere Vorstel­lungen von den gesellschaftlichen Verflechtun­gen der modernen Staaten­welt entwickeln? Nun beginnen mit einem Male einzelne jener friedfertigen Intel­lektuellen, ent­schie­den für diesen Krieg einzutreten (K. O. Hondrich, 1992). Ja, das „kol­lek­tive Lernen wi­der Willen“ erzwin­gen; doch, weshalb allein durch das Töten? Und manche Intellektuelle beginnen an ihrem ge­fes­tigten Moralismus Zweifel an­zu­melden; mit einem Mal erklä­ren sie das kriegerische Ein­grei­fen an­derer Staaten für „unausweichlich“ (J. Ha­bermas, 1995) Andere wiederum, et­wa die­je­nigen, die sich stär­ker auf ihren Glauben zu stützen ge­wöhnt sind, scheinen das Tö­tungstabu mit einem Male aus­drück­licher relativie­ren zu kön­nen; gilt das Tö­tungstabu denn auch für den Staat? – werde ich in einem Brief aus Taizé ge­fragt.

2. Genügt es nicht, sich mit den Wandlungen des Verhältnisses von Krieg und Frieden zu be­fassen, wenn wir – erkennend und/oder gestal­tend – die Friedensbemühungen
ver­tiefen wol­len?

Diejenigen, die sich längere Zeit hindurch mit solchen Friedensaktivitäten befas­sen, stellen bald fest, wie längerfri­stig gesehen eine eher zunehmende weitere Militarisierung der Erde nur teilweise beglei­tet wird von einer stabile­ren Befrie­dung einiger Gebiete; daher die vielen Analysen über das Neben­ein­ander und das Auf und Ab längerer Militarisierungs- und Zivilisierungsperioden. Zweifel kom­men auf, ob ein Militärein­satz überhaupt geeignet sein kann zur Befriedung man­cher Gebiete und ob an­de­­­rerseits die be­fugten Organi­sationen überhaupt immer ein Interesse an der zivileren Konfliktbe­ar­bei­tung haben (H.-M. Bircken­bach / U. Jäger / C. Wellmann, 1995). Diejenigen, die sich über län­gere Peri­oden hinweg für friedlichere Verhältnisse einsetzen, überblicken meist die über­raschende Viel­falt von Friedensbemühun­gen, von ganz praktischen Anstren­gungen bis hin zu den mehr theore­tischen, von den eher glaubensge­bundenen, bis hin zu den agno­stischeren, von denen, die die Waf­fensysteme auf­listen (SIPRI, 1993) bis zu denen, die die Kriege zählend beschreiben, um deren Ursa­chen auf die Spur zu kommen (K. J. Gant­zel / J. Siegelberg, 1991) oder denen, die die Kriege der Er­de über ein hal­bes Jahrhundert hin kartieren (T. Hartman / J. Michel, 1985). Ja, selbst die „theore­ti­sche Tötungs­kapazität der Waffen“ wird so für die Länder der Erde vergleichbar skizziert (M. Ki­dron / D. Smith, 1991).

3. Doch wer untersucht mit derselben sachlichen Direktheit
das Töten und Getötetwerden unmittelbar?

Sollten wir von Sozialwissenschaftlern nicht erwarten können, was sie so oft von sich behaupten, sie kenn­ten keine Tabus im Denken und Forschen? Wer sich aber länger mit Fragen von Krieg und Frie­den befaßt, stellt erstaunt fest, wie we­nig sie das gegenseitige Töten überhaupt erwähnen. Ist es nur jene „Sprache von Schlauheit und List“, mit der bereits die Akteure selbst ihr Tun verstecken? Oder teilt die sozialwissen­schaftliche Intelligenz in Wirk­lichkeit be­reits jene Hemmungen vieler Laien, da­von über­haupt zu sprechen?

4. Ist das Ausmaß der Chancen gegenseitigen Tötens und Getötetwerdens in Staats­ge­sell­­schaf­ten des westeuropäischen Typs sozial stabiler insti­tu­tio­nalisiert worden?

Die lange Genese gegenseitigen Tötens von Menschen ist auch ein Prozeß des relativ immer kontrol­lier­teren Tötens gewesen, unbeschadet davon, ob es nun um das Töten ‚militärischer‘ oder ‚ziviler‘ Perso­nen gegan­gen ist. Nicht allein die Möglichkeiten des wechselseitigen Tötens, sondern auch die Chancen einer dau­ern­den Befriedung sind in modernen Staatsgesellschaften immer stärker institu­tio­nalisiert worden. Das eröffnet mehrere Befunde über längerfristige so­ziale Wandlungen dieser menschlichen To­desproduktion.. Die Insti­tutionen wechsel­seitigen Tötens sind von Menschen ge­schaffen. ‚Kriege‘ stellen jeden­falls eine bereits ein­gehegte, kontrolliertere Form des zuvor allgegen­wärtigen wechselseiti­gen Tö­tens dar. Unterschiedliche ge­sellschaftliche Strategien eines langfristi­gen sozialen Einhegens gegenseiti­gen Tötens sind zu erkennen. Dar­über bestehen zwischen den berufe­nen Deutern des Vergangenheits­wissens kaum gegensätzli­che Auffas­sungen (J. Keegan, 1993; H. von Stie­tencron / J. Rüpke, 1995). Bei den berufenen Interpreten des Politi­schen finden sich biswei­len Phan­tasien von einer „entstaatlichten, entmilitarisierten Gesellschaft“ (E. Krip­pendorf, 1987: 149); sie sind dann daran zu erinnern, „daß nicht nur der Krieg, sondern auch der Frieden per definitionem staatlich konstituiert sind und daß – empi­risch – der Staat nicht nur die bellizistische Intensi­vierung der Kon­fliktaustragung zur Folge hat, sondern glei­chermaßen über eine Pazifizierungs­funktion ver­fügt“ (H. Münk­ler, 1987: 144). Menschliches Han­deln institutio­na­lisieren heißt, es auf Dauer mög­lich zu machen; die wechselseitigen Handlungs­erwar­tungen jedes einzelnen können sich stabilisieren. Dauerhafte­res Handeln und Planen wird möglich. In diesem Sinne sind viele menschli­che Institutio­nen universal. Doch auch außer­halb institutionalisierter Formen treffen wir auf zu­mindest teilweise organisiertes Zerstören von Menschenleben, auf massenwei­ses gegenseitiges Erschlagen oder Ermor­den von Menschen. Auch an der Wende zum 21. Jahrhundert geschieht das besonders dort, wo noch nie stabilere ‚Staaten‘ bestanden haben oder wo solche zerfallen sind.

5. Doch wie entstehen die gemeinsamen Tötungshemmungen?

Die relative Stabilität der Tötungshemmungen jedes einzelnen erkennen wir be­sonders daran, wie müh­sam es für diejenigen ist, die andere zum ‚Krieg‑führen‘ erziehen wollen, die anderen zum ge­mein­schaftlichen Durchbre­chen der Tö­tungsangst und zum gemeinsamen Überwinden der anerzo­genen Tötungs­hem­mungen überhaupt zu bringen versuchen (M. van Creveld, 1982). Diese Ausbil­dung zu ge­meinsamer Tötungsbereit­schaft vollzieht sich deshalb stets in einer „totalen Institution“ (H.-M. Birckenbach, 1990: 163). Wie Men­schen ihre Tö­tungshemmun­gen im einzelnen eigentlich erwer­ben, das Wissen über die Sozio- und Psycho­genese dieser Vorgänge ist noch ganz ungewiß. Die sozialen Nor­men des Du-sollst-nicht-töten werden je­denfalls von der großen Mehrzahl der Men­schen dieser Erde erfolgreich gelernt, verinnerlicht und befolgt. Mit Vor­rang müssen Menschen des­halb erforschen, wie das gemeinschaftliche Durch­brechen stabiler er­worbener Tötungshem­mun­gen vor sich geht. Das ge­schichtli­che Erfor­schen der „anderen Soldaten“ (N. Haase / G. Paul, Hrsg., 1995), die schärfste Sank­tionen haben erleiden müssen, weil sie sich dem kol­lektiven Tö­tungszwang wider­­setzt haben, es beginnt erst. Ein Erfor­schen der sozio-psychi­schen Aspekte dieses menschlichen Tuns ist kaum zu erkennen; auch nicht, ob etwa Frauen die Tötungshemmungen verläßlicher erwer­ben als Männer. Biolo­gische Dif­ferenzen werden schwerlicher anzufüh­ren sein. Wie­derum schei­nen die er­sten Befunde über das gemein­schaftliche Durchbrechen jeglicher Tö­tungshem­mungen histori­sche zu sein (O. Bartov, 1990; 1994).

6. In welche Richtungen hin ändert sich das ‚polemologische Denken‘ im Zuge des Aufkom­mens thanatogener Fabriksysteme der industriellen Staa­ten wäh­rend des 20. Jahrhunderts?

Das Gesamt des thanatogenen Fabriksystems und seiner Genese haben die mili­tärischen Denker des 19. Jahrhun­derts stets sorgsam beiseite gelassen; sie kon­zentrieren sich auf Fragen ‚Vom Kriege‘. Erst im 20. Jahrhundert widmen sich einige auch und bald ausschließlich den Problemen des ‚Frie­dens‘.

Auf den ersten Blick hin scheinen die vergangenen größeren Kriege hinläng­lich dargestellt wor­den zu sein. Kriege des 20. Jahrhunderts, besonders von des­sen zweiter Hälfte werden weltweit ge­zählt und vergli­chen. Einige hervorra­gende Forscher versuchen sich an geschichtlichen Synthesen, sei es der „Europäischen Kriege“ (M. Howard, 1981) oder der sozial- und wirtschaftsge­schichtlichen Rolle, die das Militär für „den Aufstieg Europas“ (W. McNeill, 1982) gehabt hat; oder sei es an einer wirk­lichen „Globalgeschichte“ der „Welt in Waffen“ im Zweiten Weltkrieg, aus der der Macht­grö­ßenwahn beson­ders deutscher und ja­pani­scher Offiziere hervorgeht (G. L. Weinberg, 1995: 958). Tritt angesichts des­sen nun das ingenieursmäßige Betrachten der Kriege zu­rück? Jene Kriegsge­schich­te von den „Aktionen von Streitkräften“, jene „Operationsgeschichte“ (K.-V. Neuge­bauer, 1993)? Sind die vornehmlich mili­tärischen Retrospektiven auf das kriegerische Geschehen ganz für die eigentli­chen Lei­tungsstäbe der staatli­chen Gewaltorganisationen verfaßt, die sich dann im alltägli­chen Umfeld ihrer modernen Tö­tungsmittel bewegen? So entwickeln in Pe­rioden rascherer Wand­lungen im Weltgefüge der Staaten die staatli­chen Gewaltmonopolisten flugs über ihre neuen Ziele auch prospektive Phantasien; beiläufig er­wähnen sie biswei­len das Töten (U. Hartmann / C. Walther, Hrsg. 1995: 198) dabei.

Weit bedeutsamer sind gegen Ende des 20. Jahrhunderts die Vorstellungen vom ‚Frieden‘; es sind nicht bloß feierliche Erinnerungen an die nun über 200 Jahre alten Ideale vom ‚ewigen Frieden‘, deren sich Men­schen ent­sinnen. Viel­mehr ist im Gefolge generationenlangen Kriegeerlebens und -reflektierens eine Fülle menschlicher Organisationen entstanden, die sich damit befassen, die Be­din­gungen des Frie­dens zu erfor­schen, zu sichern und weiter auszudehnen. Die öffentliche Aufmerk­samkeit dafür mag bis­weilen schwanken, hat jedoch weit­rei­chende Folgen etwa für staatliche Organi­sationen. So läßt etwa der öffentli­che Sprachge­brauch westeuropäischer Offiziere erkennen. wie selbstverständ­lich und genau viele von ihnen sich der Sprachgewohnheiten der Friedensbewe­gun­gen und -organisationen zu bedienen verstehen; solch Sprach- und Denk­wandel ist beachtlich. Insofern haben die den Frieden fördernden Or­ganisatio­nen oft mehr sozialen Wandel geschaffen als sie selbst erwartet hatten; länger­fristig könnte das als Erfolg in Richtung auf ein stär­keres Eindämmen gegen­sei­tigen Tötens ange­sehen werden.

7. Doch wie denken und sprechen die eigentlichen Ingenieure des Tötens, diejenigen, die die Tötungsmaschinen und deren Hilfsaggregate erfinden, konstruieren, fertigen, zusam­menset­zen, reparieren und verteilen, die sie pflegen und schließlich bedienen?

Welche technischen Hilfsmittel verwenden sie, um etwa wesentliche Sozialtech­nologien vergangener Tö­tungsak­tionen selbst zu erlernen oder zu vervollkomm­nen? Sämtlichen kriegerischen Konflikten des zwan­zigsten Jahr­hunderts gehen Bedrohungsphantasien, ja oftmals -obsessionen voraus. Meist werden diese ge­meinschaftlich erzeugt, oft über Jahrhunderte hinweg von Geschichtsfor­schern über­liefert. Sie können zu kollektiven Zwangsvor­stellungen werden. In ihrer je modernsten ingenieurs­mäßigen Gestalt werden sie zu umfänglichen ‚Be­dro­hungs­szenarien‘ ausgebaut, meist ausgedacht von kleinsten Speziali­sten­gruppen (F. Unger, 1989); manche nennen solchen wahnhaften Zwang zu glau­ben, seine Umgebung ständig kontrollie­ren zu müssen, paranoid (H. Nick­las, 1990: 80 ff.). Sel­ten wird erkennbar, wieviele Menschen getötet wer­den sollen; noch seltener gar welche über­haupt. Selbst um die tatsächlich Getöte­ten auch nur genauer zu zählen, lassen sich kaum verläßlichere Be­mühungen der Akteure fin­den. Täu­schendes Erfinden von Zahlen getöteter Menschen gehört, ganz im Ge­genteil, seit langem zur öffentli­chen ‚Desinformation‘ von Kriegs­par­teien.

Beispielsweise sind über fünfzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Welt­krie­ges die Zahlen der da auf Seiten der Kriegsparteien Getöteten immer noch sehr ungenau (mit Ausnahme der USA), wahr­scheinlich aber viel zu niedrig. Für Deutschland waren nach statistischem Auswerten von Wehr­machts­aus­kunftstel­len „die Verluste weitaus höher als dies die offiziellen Statistiken der Kriegszeit ausweisen“ (R. Overmans, 1999); so „standen der Führung weit we­niger Solda­ten zur Verfügung als sie tatsächlich zur Verfügung zu haben glaubte“.

8. Bestehen noch grundsätzliche soziale Unterschiede zwischen kon­struk­ti­ons- und destruktionstechnischer Intelligenz der industriellen Staatsge­sell­schaften?

Einige der das Töten vorbereitenden Ingenieure erarbeiten sich beispielsweise durch Luftaufnahmen ein punkt­genaues Bild von Menschen und Waffen auf der Erde. Andere untersuchen und planen etwa die Zer­störbarkeit von Waffen- wie Verkehrssystemen, von Hochbauten oder Brücken mit derselben physi­kalisch-technischen Präzision, mit der sie zuvor für das Errichten gearbeitet haben. In diesen Hinsichten unterschei­den sich die Ingenieure des Konstruierens über­haupt nicht von denen des kalku­lierenden tö­tenden Zerstö­rens.

Das humanwissenschaftliche Wissen der älteren Bildungsintelligenz, philo­so­phische Kategorien oder histori­sche Denkbezüge, sie sind dieser jüngeren techni­schen Intelligenz weitgehend obsolet ge­wor­den (P. R. Gleich­mann, 1992). Den ‚Spezialisten‘ des Tötens jedenfalls (J. R. Lifton, 1992: 111 ff.) dünken sie völ­lig überflüssig zu sein. So erst wird der grundlegende soziale Wandel er­kennbar, der mit dem Aufbau der westdeutschen Armee nach dem Zweiten Weltkrieg lange wie selbstver­ständlich einher­gegangen ist, das Er­fordernis, von jedem jungen Mitglied des Leitungspersonals ein Universitätsstudi­um zu ver­langen. Das ist ein weltweit unvergleichlicher Erfolg eines geplanten rela­ti­ven Zivilisierungs­schubes gewesen. Im weltge­schichtlichen Vergleich wie insbe­sondere für die neuere deutsche Staatsge­sellschaft hat das weitgehende soziale Folgen gehabt; zum er­sten Mal haben die jüngeren Akteure des legitimen staat­lichen. Gewaltmono­pols nicht mehr ganz außerhalb und iso­liert von der verfaß­ten Gesell­schaft stehen können. Die erneuten Versuche, nun von dem Erfor­dernis eines Hochschulstudi­ums für das Führungspersonal wieder absehen zu wollen, beunruhigen daher sehr.

Das Wissen der Naturforscher und Ingenieure läßt sich kaum mehr nach ‚zivilen‘ und ‚mi­li­tä­ri­schen‘ Antei­len unterscheiden. Die formal-rationalen Grundsätze des Maschinen­kon­stru­ie­rens gelten für das Planen von Produktions- wie von Destruktions- und Tötungsapparaten in gleicher Weise. Die späte­ren Auseinan­dersetzungen mit den Konstrukteuren der ersten Atombomben aus dem Jahre 1945 haben das bereits erge­ben.

9. Lassen sich gegen Ende des 20. Jahrhunderts noch grundlegende Un­ter­scheidungen von ziviler und militärischer Produktion industrieller Gü­ter treffen?

Für Physiker etwa oder Chemiker und Ingenieurwissenschaftler sind sie prak­tisch verschwunden. In­du­stri­elle und erst recht Händler von Industriegütern zumal von Waffen scheuen keine Anstren­gung, um solche traditionalen Unter­schiede, wo sie denn noch auszumachen wären, gänzlich zu ver­wi­schen. Vie­len Spre­chern der Friedensbe­wegungen hat das zunehmend Mühen bereitet. In den wis­sen­schaftlichen Hochschulen ist öffentlich praktisch nicht mehr auszuma­chen, wel­che Forschungen direkt oder indirekt militärischen Zwecken dienen – gleich, ob es hier um bestimmte Techniken der Informatik, von elektro­nischen Anlagen oder um rechnerisch komplexe Boden­untersuchungen geht. Ich charak­terisiere dies als einen Wandel hin zu thanatogenen industriellen Systemen; den prägnan­ten Ausdruck übernehme ich von M. Geyer (1993;162).

10. Welche Menschen engagieren sich unmittelbarer
am gegenseitigen Tö­ten und welche vermögen sich stärker
seelisch und sozial davon zu distan­zieren?

In den vergangenen großen Kriegen noch bis in den Ersten und Zweiten Welt­krieg hinein sehen sich viele derer, die sich unmittelbar tödlich bedrohen, ge­gen­seitig in die Augen. Offenbar schon sehr lange vor den großen Krie­gen des 19. und 20. Jahrhunderts haben militärische Führer unmittelbar da­vor ihren Mann­schaf­ten reichlich Alko­hol ausgeschenkt, in der Hoffnung, damit die wachsen­den To­des­ängste dämpfen zu kön­nen (H. J. Schröder, 1992; 1995: 132). Deut­sche Militärpsychiater des Ersten Weltkrie­ges schicken diejeni­gen, die dieses gegen­seitige Töten nicht aushalten, nach kurzen Ru­he­aufenthalten wieder an die Front; es seien bloß eingebildete Ängste gewesen. Für die Men­schenvernichtun­gen des Zweiten Weltkrieges finden wir ein abgestuftes System gesellschaft­li­cher Unter­drückung, vom Töten auch nur andeutungsweise zu spre­chen, bis­weilen gut be­schrieben (R. Hilberg, 1990: 1082 ff.); damit haben sich die dafür Verantwortli­chen durch Unterdrückung auch nur des gesprächs­weisen Aus­tauschs vom indi­viduellen Tötungserleben zu di­stanzieren versucht. Wie fest das Tötungstabu von den einzel­nen Menschen internalisiert wird, do­kumentie­ren derartige Hal­tun­gen wiederum gut.

Inzwischen sind die generationenlangen Praktiken der Militärzensur und des Verbreitens von Des­in­formati­on drastisch vervollkommnet. Jetzt gibt es Kriege, aus denen es den Siegern gelingt, keine Bil­der von Leichen publizieren zu las­sen (J. R. MacArthur, 1993: 162). Im ‚Golfkrieg‘ gelingt es der nordamerikani­schen Militär­organisation, sämtliche Journalisten gänzlich vom Töten fernzu­hal­ten. Von den tatsächlichen Kämpfen gibt es öffentlich keine fotografischen Dokumente (J. R. MacArthur, 1993: 173 ff.). Eine sehr ho­he Zahl von fremden Verwunde­ten wer­den sich selbst überlassen. Selbst die Zahlen von mehreren Hundert­tau­send ‚feindlicher‘ getöteter Zivilisten und Soldaten werden vom ‚Sieger‘ nicht mehr publiziert (R. Clark, 1993: 77 ff. u. 126). Sämtliche ge­naue­ren Be­obachter oder Zeugen werden vom Tötungsgeschehen fernge­halten. Und der Tschet­schenien­krieg offenbart im Jahre 1995/6 sehr ähn­lich organisierte Prakti­ken.

Und wie verhalten sich diejenigen, welche die Entscheidungen zum Töten verantwortlich tref­fen? Im Ver­gleich zu den meisten Offizieren der beiden Welt­kriege oder früherer Genocide (T. Ak­çam, 1996) ver­mögen sich moderne Tö­tungsingenieure in Offizierskleidung persönlich, sozial und nicht zuletzt phy­sisch vom unmittelbaren Tötungserleben immer weiter zu distanzieren. Lange Hand­lungsketten, Inter­dependenz­ketten von Menschen und Apparaten sind zwischen die persönliche Ent­scheidung über die Tötungsmittel und Tötungs­handlungen und das Realerleben von Töten und Getötetwerden eingefügt wor­den. Wir finden alle Formen technisch vermittelter Interaktion dieses Tötens wie in den industriel­len Produktionsprozessen anderswo. Haben deshalb die neuesten Be­richte militäri­scher Tötungshand­lungen so oft den ingenieurmäßi­gen Charakter moderner Pro­duk­ti­onsproto­kolle angenommen?

11. Und wo finden wir die sozialwissenschaftliche Intelligenz?
Interve­niert sie in die Tötungshandlungen?

Oder beginnt sie wenigstens mit sorgsamer Kritik und empirischer Darstellung einiger dieser indu­stri­el­len Tötungshandlungen? Wo sind die engagierten unmit­telbaren Beobachter? Ja, mutige Aus­nahmen gibt es (B. Müller, 1996). So wie etwa Frühformen der industriellen Produktion von einigen mutigen Sozial­forsche­rIn­nen beschrieben worden sind? Im Unterschied zu jenem frühen Indu­striege­schehen ist dagegen das moderne Tötungs­geschehen umgeben von einem organi­sierten Schleier pro­fessioneller Des- und Nichtinformation (A. Grewen­ing, 1995). Der stärker werdenden Distanz­nahme der Tötungsin­genieure ent­spricht daher not­wendig das Verringern der Distanz bei den pro­fessionel­len Augenzeu­gen; sie gefährden ihr eigenes Leben oftmals weit mehr als die Tö­tungstechni­ker selbst. Das Engagement der wenigen selbst beobachtenden Jour­nalisten wächst. Ohne deren oft rasche Be­richte blieben manche Tö­tungsaktio­nen der Welt unbe­kannt; sie erführe bestenfalls von ‚erfolgreich gewesenen Maßnahmen‘.

Wie könnten die modernen Staatsgesellschaften hier realitätstüchtiger wer­den? Diejenigen, aus de­nen gerade die Täter stammen wie die, die derzeit die Opfer zu beklagen haben? Warum wenden sich die fach­kundigeren Beobachter, Journalisten, Geschichts- oder Sozialforscher nicht von dem viel zu allge­meinen Pa­radigma von Krieg und Frieden stärker ab? Weshalb sollten sie sich nicht dem wechselseiti­gen Töten von Menschen unmittelbarer zu­wenden können?

12. Das berufliche und gesellschaftliche Erkenntnisinteresse Intellektuel­ler kennt angeblich keinerlei soziale Tabus; weshalb scheut sich nahezu die ge­samte sozialwissenschaftliche Intelligenz der indu­striellen Staaten, auch nur den tat­sächlichen Gebrauch der Tötungsge­walt durch die Inha­ber der staatlichen Gewaltmonopole
zu untersuchen?

Das Monopol, legitim zu töten, hat in den moderneren Staatsgesellschaften Euro­pas und Nordameri­kas wohl in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts am voll­kommensten bestanden. Die genauere Ge­nese die­ser Ge­waltmonopole ist weit­gehend unerforscht: in Erörterungen der Akteure selbst spielt sie keine er­kenn­bare Rolle. In Debatten intellek­tueller Interpreten scheint man auch nicht dar­über spre­­chen zu wol­len. Werden die Wandlungen, auch die Verla­gerungen der physi­schen Gewalt­mo­no­pole gänzlich tabui­siert? Und, wenn dies so wäre, wes­halb? Die vorsichtig umschreibende Rede von der Souveräni­tät der Staaten kommt bei den staatstheoretischen Denkern seit dem Absolutismus auf. Wäh­rend des Ein­rich­tens bleibender, sogenannter stehender Heere formulieren be­sonders Juristen Konzepte von der darauf beruhenden wechselseitigen ‚Souveränität‘ europäi­scher Staaten. Mit der allmählichen Zentralisierung und Bürokratisierung geraten auch die Polizeien aus den lokalen Anfän­gen zu Zen­tralorganen in­nerstaatlicher Monopolgewalten.

Ansätze einer relativen Lockerung dieser einzelstaatlichen Gewaltmonopole beginnen sich zum En­de des 20. Jahrhunderts anzuzeigen. Dabei bleibt das ge­nerelle Tötungstabu gesellschaftlich offen­bar dennoch weitgehend stabil; das wird nur selten bemerkt. Haben es die Staatsbürger der Massen- und Wohl­standsge­sellschaften Zentral­europas vielleicht fester verinnerlicht als je zuvor? Ist die konti­nuierli­che Zunahme jun­ger ‚Kriegsdienstverweigerer‘ ein Indiz da­für? Vermag diese lange verinner­lichte Sta­bilisierung des Tö­tungstabus – mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Zweiten Welt­krieg – zu erklä­ren, warum nun erst­mals eine breite Bereitschaft besteht, endlich jene jungen deutschen Soldaten zu re­habilitieren, die „Deserteure der Wehrmacht“ (W. Wette, Hrsg., 1995), „die anderen Soldaten“ (N. Haase / G. Paul, Hrsg., 1995), die sich dem verbrecheri­schen Töten (H. Heer / K. Naumann, 1995) einst unter Einsatz ihres eigenen Le­bens verweigert haben?

13. Wie wird diese in einzelnen Staaten jetzt relativ hohe
sozio-psychi­sche Stabilität kollektiver Tötungshemmungen
von den einzelnen Men­schen er­worben?

Viele soziale Wandlungen dürften dazu Anlaß gegeben haben. Der Aufbau stabi­lerer kollektiver Si­cher­heitssyste­me, dauerhafterer Militärbündnisse im eu­ropäi­schen, teilweise auch im globalen Zu­sammen­hang hat vielen Ein­zelstaaten ihre bis dahin relativ autonome Verfügung über ihre Tö­tungsmittel einge­schränkt oder ganz abgenom­men. Einige der gefährlichsten Tötungsmittel wer­den eigens mit überstaat­lichen Organi­sationen unter Kontrolle zu halten ver­sucht. Anderer­seits sind die Realkontrollen über Produktion und Ver­teilung vieler Tötungsmittel in der modernen Weltwirtschaft weiter gelockert als dies in den Nationalwirt­schaften des 19. Jahrhunderts für indu­striell gefertigte Tö­tungsmittel noch mög­lich gewesen sein mag. Doch wer vermag die Weltmärkte mit Tötungs­mit­teln an der Wende zum 21. Jahr­hundert noch zu überblicken, wenn es schon schwierig wird, diesen Han­del für einen örtlich begrenzte­ren Krieg verläßlicher zu beobach­ten (Harkavy, R. E. / Neuman, S. G., Hrsg. 1994)?

Insofern verwundern den sozialwissenschaftlichen Beobachter weniger die gelegentlichen, meist grau­samen kollektiven Durchbrechungen kollektiv stabiler Tötungshemmungen bei den meisten Men­schen; son­dern weit mehr die Frage, wie bei den meisten eine relativ hohe sozio-psychische Stabilität der Tötungs­hemmungen entsteht? Wodurch wird sie für die Mehrzahl der Menschen auf­rechterhal­ten? Warum, noch­mals, entwickelt sich mit Fragen dieser Art nicht längst ein eigenes For­schungsge­biet? Steht das ‚neue Den­ken‘ über den Krieg (H. Bluhm, Hrsg., 1995) doch erst an sei­nem Beginn? Sicher sind ‚de­mo­kra­ti­sche Staaten‘ eine wichtige Bedingung zum stabileren Aufrecht­erhal­ten ge­mein­sa­mer Tötungshemmungen (R. J. Rummel, 1994); doch sie sind bei weitem kei­ne hin­rei­chende Bedingung da­für, zumal, wenn ‚autoritäre Staa­ten‘ als al­lei­ni­ges Ge­genmodell zu den Demokratien. be­trachtet wer­den. Viel­mehr ist bereits ein Nich­tentstehen oder ein Auflösen zuvor relativ gefestigter staatlicher Struk­tu­ren im 20. Jahrhundert ein Anlaß (R. Gutman, 1994) für das um­fassende Durch­­bre­chen gemeinsamer Tö­tungshemmungen.

14. Lassen sich stichwortartig einige Grundfragen anführen, die das Er­for­schen der industriellen Thanatogenese vorantreiben könnten?

Bevor ich das sokratische Vorgehen abbrechen muß, doch noch einige Fragen an die, die sich mit der mo­dernen Thanatogenese befassen. Nicht alle derartigen Fragen sind bereits genügend eng formu­liert. Men­schen vermögen jedenfalls zu lernen weit direkter über dieses gegenseitige Töten zu spre­chen als das die tat­sächlichen Akteure selbst tun. Was denn hindert die eigentliche intellektuelle und wissen­schaftliche Intelli­genz daran, weit unmittel­barer über dieses welt­weite Töten zu sprechen? Begibt sich nicht ein jeder sogleich auf die andere Seite, der nur bemüht lose und umschreibend vom Tötungsge­schehen redet oder der es, ganz systematisch verschweigt? Definiert er sich damit nicht ganz direkt auch als ein Glied in der langen indu­striellen Handlungskette tötender Men­schen?

Müssen die Sozialwissenschaften nicht einen ganz anderen Gesellschaftsbe­griff verwenden, der das gegen­seitige Töten ausdrücklicher mitumfaßt? In der längerfristigen Überlieferung des Nachden­kens über die Fragen, was ‚Ge­sell­schaf­ten‘ denn seien, der sozialwissenschaftlichen Theoriege­schichte, kommt das wechselseitige Töten kaum vor; vereinzelte Denker des 19. oder 20. Jahr­hun­derts thematisie­ren es am Rande. Können es sich die so­zialwissen­schaft­li­chen Denker an der Wende zum 21. Jahrhun­dert leisten, so realitätsun­tüchtig zu sein? (I. Wallerstein, 1991). Die kritische Erör­te­rung des bisher be­scheidenen Beitrages der soziologischen Genocidfor­schung und -theorie (H. Fein, 1993) mit Konse­quenzen für ein realistischeres Verständnis moderner Staatsgesell­schaften und Folge­rungen für das so­ziologische Theoriebilden steht erst am An­fang.

Wie können Menschen früher in ihrem Leben lernen, sich vom gegenseiti­gem Töten verläßlicher und ent­schiedener sozio-psychisch zu distanzieren? Und wie könnte die sozialwissenschaftliche Intel­li­genz sich mit der Welt der moder­nen Staatsgesellschaften so befassen, daß wir alle die realen ge­samtge­sellschaft­li­chen Anteile, deren Ausmaß und Reichweite, an der industriellen Todespro­duktion besser er­fassen lernen?

Allzu wenige Sozialforscher sprechen wirklich vom „Töten“, selbst dann, wenn sie es eigentlich mei­nen. Vereinzelt lassen sich Ausnahmen finden (M. Ki­dron / M. Smith, 1991; 52 ff.). Wenn Waf­fen­hersteller oder -händler ungern da­von reden – ; doch warum verschweigen es auch die stren­gen Analyti­ker des größten Waffenher­stellers der Erde (R. E. Harkavy / S. G. Neuman, Hrsg., 1994)? Über Been­digungschancen tödli­cher Bürgerkriege in der Welt forschend nachdenken (R. Licklider, Hrsg., 1993), doch allein mittels poli­tikwissenschaft­licher oder sozialanthropologischer (R. A. Hinde / H. E. Watson, 1995) Theo­rie­konzepte?

Gegenseitiges Töten und das Sprechen der Lebenden davon sind tabui­siert; es bestehen nahezu univer­sale Tötungstabus. An die einzelnen Getöteten mögen sich deren Angehörige erinnern. Die große Masse der Getöteten ver­schwindet aus dem ‚Kollektivgedächtnis‘ der Staatsgesellschaften – bitter, das festzustellen – sehr rasch. Zeitweilig haben sich daraus „der politische Toten­kult, die Krie­ger­denkmäler der Moderne“ entwickelt. Da trifft es zu, selbst das Verschwinden der Leichen ist der­art industriell per­fektioniert worden, daß ein angemessenes Sich­daranerinnern „nur in der Reflexion einzuholen ist“ (R. Ko­selleck, 20, in: ders. / M. Jeismann, Hrsg., 1994). „Die Unsäglichkeit des Men­schen möglichen Tö­tens, und seit der Moderne auch der technisch perfekten Beseiti­gung nicht mehr zähl­barer Millionen ein­zelner Menschen verschlägt die Sprache, führt zur Sprachlo­sigkeit oder zum Verstummen. Einen schmalen Ausweg kann nur die bildneri­sche Kunst öffnen: sie allein kann ver­sinnbildli­chen, was nicht mehr sagbar ist. Nur wenige, namentlich auf­zählbare, Künstler haben es ge­schafft, diese Wende unserer eigenen Erfahrung zu visualisieren. Ihr – mögli­cher – Beitrag zu einer Verhaltensänderung darf nicht unterschätzt wer­den.“

Geschichtsforscher wollen stets die ‚Quellen‘ selbst sprechen lassen? Doch wenn diese bereits das in­dustria­lisierte Töten ganz tabuisieren? Nur wenige Hi­storiker bemühen sich hier um Auswege. Män­ner wer­den durch staatliche Zwangsgewalt verpflichtet zu töten. „Dieser Prozeß ist ganz und gar öffent­lich. Aber,“ erinnert M. Geyer (ders., 1995; 158), „das Töten und Getötetwerden ist es nicht. Es findet nur sehr bedingt eine Sprache. Es gewinnt einen öffentlichen Raum des Erinnerns in sorg­fältig kultivier­ten Prozessen der Übertragung. Die Toten werden in Kriegerdenkmälern und Solda­ten­friedhöfen einge­hegt. Man ge­denkt ihrer als Opfer. Das bewußte und kalkulierte Töten hingegen wird heim­lich und un­tergründig eingeführt. Dies ge­schieht, indem die Tat von ihren Kon­se­quenzen gespal­ten wird. Die Fol­gen des Tötens werden aus der Ge­schichte und aus der Sprache getilgt. Die Sprache und Bilderwelt die­ser Heim­lichkeit bedarf einer genauen Darstellung, wenn wir diese mo­derne Welt des Tötens und Getö­tetwerdens als Geschichte darstellen wol­len.“

Was bleibt den Forschenden vorrangig zu tun? Manche der einfachsten Vor­aussetzungen des Mas­sen­tötens im 20. Jahrhundert, das Einführen etwa der all­gemeinen Wehrpflicht und deren späte­rer allzu­beliebi­ger Begrün­dungen (E. Opitz / F. S. Rödiger, 1994; R. G. Foerster, 1994), weshalb sie aufrecht­zuerhal­ten sei, sind kaum ansatzweise durchleuchtet worden. Wer hier „eine Bresche in die Forschungs­landschaft schla­gen“ will, wird notwendig jeden „mul­ti­dis­zi­pli­nä­ren Vorstoß“ begrüßen (W. Wette, Hrsg., 1992; 23 f.). Und das wird in der mo­dernen Staatenwelt, in der auch lange Prozes­se der ‚Individualisierung‘ vor­an­ge­trieben worden sind (und eine ihr entsprechende ‚Psycho­logi­sie­rung‘), nur dann erleichtert werden, wenn die Sozi­alforscher ler­nen – wie eingangs er­wähnt – ge­danklich und ana­lytisch stets auf den verschie­denen Hand­lungs­ebe­nen zugleich vorzuge­hen, die den Menschen gegen­wärtig offen stehen.

15. Sind Menschen in der Lage,
vom gegenseitigen Töten abzulassen?

Hier brechen wir ab: Ist die Diskussion darüber überhaupt schon er­öffnet? Eini­ge jüngste Studien wei­sen in verschiedene Richtungen.

Da sind etwa evolutionspsychologische Studien über das „Totschlagen“ (Mar­tin Daly / Margo Wilson, New York 1988); einige der Befunde kommen den zivilisationstheoretischen sehr nahe. Dann finden wir sorgsame Untersu­chungen über „Kriege vor Beginn der Zivili­sation“, über „den Mythos des fried­fertigen Wilden“. Diese archäo­logische Arbeit sam­melt eindrucksvolle Befunde. „Tatsächlich,“ schreibt Keely (New York/Oxford 1996, p. 174), „waren die primitiven Kriegs­techniken weit todesbrin­gender als das Kriegefüh­ren zwischen zivilisierte­ren Staaten wegen der weit häufigeren Kämpfe und der viel erbar­mungsloseren Weise, in der sie ausgeführt wur­den.“ – Oder auch (p. 175): „Der primitive Krieg war nicht eine infantile oder unzulängliche Form des Kriegfüh­rens sondern war reduziert auf das We­sentliche: Feinde töten mit ei­nem Mini­mum an Risiko; ihnen die Mittel zum Überleben verweigern vermittels Vanda­lismus und Diebstahl (sogar ihrer Re­produktions­chancen, indem man sie ihrer Frauen und Kinder beraubte), sie mit Terror zwin­gen, daß sie ent­weder auf dem ihnen überlassenen Territo­rium blei­ben oder von ihren Übergrif­fen und Ag­gressionen ablas­sen.“

Auch nehmen die immer sorgfältigeren Studien über Genozide, insbesondere über die bürokra­tisch gründlich organisierten zu. Über „Rasse, Macht und Ge­nozid in Kambodscha unter den Roten Khmer 1975-1979“, über „das Pol Pot Regime“ sagt etwa Ben Kiernan (New Haven/London 1996: 464): „Trotz seiner unterentwickelten Öko­nomie übte das Regime vermutlich mehr Macht über seine Bürger aus als irgendein Staat in der Weltgeschichte.“

Dann befassen sich immer mehr Fachleute mit den Fragen, wie die Kriege sich verändern. Am ra­dikal­sten präsentieren sich solche globalgeschichtlichen Befunde ganz pessimistisch. Sie konstatieren schlicht, die Phase von ‚Staaten‘ mit halbwegs stabilen eigenen Gewaltmonopolen gehe zu Ende; das habe nur für ei­ne vergleichsweise kurze Phase im Europa des 18. und besonders des 19. Jahrhunderts gegolten (M. van Creveld, 1999). Vier Fünftel der ‚Staaten‘ der Erde verfügten in Wirklichkeit gegen­wärtig gar nicht über die legitime monopo­le Gewaltkontrolle auf ihren Territorien; in diesen dominierten künftig auch weiter kaum beherrschbare ‚low-intensity‘-Konflikte (M. van Creveld, Die Zu­kunft des Krieges, 1991).

Weit zuversichtlicher erinnern kritische Kenner der modernen Rü­stungs­in­du­strie daran, wie schwer es für Menschen des 18. und des 19. Jahr­hun­derts ge­we­sen ist sich vorzustellen, daß die Sklaverei je­mals abge­schafft werden könnte. Und so sei es auch heute mit dem ‚Krieg‘. „Manche sagen, Krieg kann nie ab­ge­schafft werden“, schreibt beispielsweise Chris Hables Gray (Lon­don 1997: 252 und 261), „aber dasselbe wurde über die Sklaverei gesagt. Es war ein sehr alter Dis­kurs und dennoch ist sie jetzt fast ganz diskredi­tiert. Eine Abschaffung des Krie­ges ist möglich.“ Und: „Es ist eine Sache des Überlebens. Die Sarajewos von 1919, 1944 und 1995 sollten niemals wiederholt werden. Krieg ist sehr stark. Wir müssen stärker sein.“

Etwas nüchterner suchen historisch geschultere Köpfe vorzugehen, die im Gegensatz zu ihren Vor­vä­tern das massenhafte Töten um sich herum nicht er­lebt haben. Sachlich stützen sie sich dabei auf die Quel­len. Doch sie haben meist sozialwissenschaftlich auch gelernt, daß bei dem gesellschaftlich Extrem tabuier­ten Geschehen wie dem Töten das soziale Verhalten und die sozialen Normen selten noch schrift­lich fixiert sind. Das Realgeschehen läßt sich aus den traditionellen Quellen meist gar nicht mehr hinrei­chend erschlie­ßen. Und in ih­ren Gesellschaften wachsen allmählich die Abscheu vor dem Töten und zu­gleich das Inter­esse, darüber doch mehr zu erfahren.

Da werden nicht mehr in der Sprache des Krieges umschreibend „die militä­rischen Verluste“ oder „die Gefallenen“ gezählt (R. Overmans, 1999), sondern es wird immer direkter die schließlich unge­hemmte „Eskalation des Tötens in zwei Weltkriegen“ (B. Ziemann, 1998) sorgsam analysiert und präzi­se auch aus­gesprochen. Doch auch: Auf welche Weise die Sprache das Töten festhält, wird von den Jüngeren nun im­mer unmittelbarer notiert. „Wie direkt sprechen Soldaten vom Tod, wie nahe treten sie an ihn heran?“ fragt eine Analyse von Feldpostbriefen (K. Latzel, 1998; besonders: 227-283). Die so­zio-psychische Distanz zu den Menschen, die das legitime Gewaltmonopol praktisch ausüben, wird im­mer größer; diese historischen Forscher vermögen schließlich den Op­fermythos kriegerischen Tötens immer direkter als solchen auch zu benennen (Th. Kühne, 1998, 1999, 2000), als Mythos eben. Und dann werden die ersten umfänglicheren Studien des „Dahinschlachtens“ vorgelegt (J. Brücke, 1999). Zumindest das offene Sprechen vom gewalt­samen und massenhaften Töten be­ginnen Menschen bereits zu lernen.

 

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*      Besonders habe ich Michael Geyer, Chicago; Wolfram Wette, Freiburg; Canja Wirtz, Wa­shington, und Dirk Heinrichs, Ottersberg, zu danken. – Eine erste, kürzere Fassung erschien in: Berliner Debatte INITIAL Nr. 2/1996, 93-101.

 

 

Zu den weiteren Aufsätzen des Bandes:

Zu diesem Band 

Gerhard Voigt

Zur Notwendigkeit eines fachwissenschaftlichen und didaktischen Diskurses über die ,Staatsgesellschaft‘ und ihre Zukunft 

Gerhard Voigt

,Staat‘ und ,Staatsgesellschaft‘: Gegenstandsbestimmung, Begriffs­­klärung und theoretische Einordnung 

Peter R. Gleichmann

Sind Menschen in der Lage, das gegenseitige Töten abzuschaffen? 

Lothar Nettelmann/Gerhard Voigt/Vesna Plavšic/Helena Holm

‚Staatsgesellschaft‘ – historisch-gesellschaftliche Reflexionen zum Entstehen des modernen Staatsbegriffs. Versuch einer didaktischen Reduktion 

 

 

Gerhard Voigt, 28.08.2002

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Web-Fassung: 31.08.2004 - Verantwortlich: Gerhard Voigt <politiklehrerverband.voigt@web.de>
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