
Peter
Reinhart Gleichmann
Sind Menschen in der Lage, das
gegenseitige Töten abzuschaffen?
Inhalt:
1 . Könnte hier ein
eigenes Forschungsgebiet, ein neues sozialwissenschaftliches Denkschema oder
Paradigma entstehen?
2. Genügt es nicht,
sich mit den Wandlungen des Verhältnisses von Krieg und Frieden zu befassen,
wenn wir – erkennend und/oder gestaltend – die Friedensbemühungen vertiefen
wollen?
3. Doch wer untersucht
mit derselben sachlichen Direktheit das Töten und Getötetwerden unmittelbar?
4. Ist das Ausmaß der
Chancen gegenseitigen Tötens und Getötetwerdens in Staatsgesellschaften des
westeuropäischen Typs sozial stabiler institutionalisiert worden?
5. Doch wie entstehen
die gemeinsamen Tötungshemmungen?
6. In welche
Richtungen hin ändert sich das ‚polemologische Denken‘ im Zuge des Aufkommens
thanatogener Fabriksysteme der industriellen Staaten während des 20.
Jahrhunderts?
7. Doch wie denken und
sprechen die eigentlichen Ingenieure des Tötens, diejenigen, die die
Tötungsmaschinen und deren Hilfsaggregate erfinden, konstruieren, fertigen,
zusammensetzen, reparieren und verteilen, die sie pflegen und schließlich
bedienen?
8. Bestehen noch
grundsätzliche soziale Unterschiede zwischen konstruktions- und
destruktionstechnischer Intelligenz der industriellen Staatsgesellschaften?
9. Lassen sich gegen
Ende des 20. Jahrhunderts noch grundlegende Unterscheidungen von ziviler und
militärischer Produktion industrieller Güter treffen?
10. Welche Menschen
engagieren sich unmittelbarer am gegenseitigen Töten und welche vermögen sich
stärker seelisch und sozial davon zu distanzieren?
11. Und wo finden wir
die sozialwissenschaftliche Intelligenz? Interveniert sie in die
Tötungshandlungen?
12. Das berufliche und
gesellschaftliche Erkenntnisinteresse Intellektueller kennt angeblich keinerlei
soziale Tabus; weshalb scheut sich nahezu die gesamte sozialwissenschaftliche
Intelligenz der industriellen Staaten, auch nur den tatsächlichen Gebrauch der
Tötungsgewalt durch die Inhaber der staatlichen Gewaltmonopole zu
untersuchen?
13. Wie wird diese in
einzelnen Staaten jetzt relativ hohe sozio-psychische Stabilität kollektiver
Tötungshemmungen von den einzelnen Menschen erworben?
14. Lassen sich
stichwortartig einige Grundfragen anführen, die das Erforschen der
industriellen Thanatogenese vorantreiben könnten?
15. Sind Menschen in
der Lage, vom gegenseitigen Töten abzulassen?
Literatur
Andere Aufsätze in
diesem Band
Impressum
„Der Tod wird mit heimlicher Schläue und
mit listigen Ausflüchten eingeführt – und die Sprache von Schlauheit und List
erfordert eine sorgfältige Untersuchung, falls wir jemals die Bedingungen der
Moderne auf den Begriff bringen wollen.“
(Michael Geyer, 1993.)
„Menschen sind nicht in der Lage, den
Tod abzuschaffen. Aber sie sind ganz gewiß in der Lage, das gegenseitige
Töten abzuschaffen.“ Ist, wer am Ende des 20. Jahrhunderts selbst zwei
Weltkriege überlebt hat, nicht gänzlich von utopischen Vorstellungen beseelt,
wenn er ernsthaft öffentlich solche Gewißheiten (N. Elias, 1985: 90) ausspricht?
Dem ließe sich beispielsweise entgegenhalten, wer hätte denn etwa gegen Ende
des 18. Jahrhunderts den aufkommenden Forderungen nach Abschaffung der
Sklavenwirtschaft zu folgen vermocht, wenn zugleich seine eigene Plantagenwirtschaft
in Nordamerika existentiell darauf aufgebaut gewesen war?
Die folgenden Anmerkungen verbleiben in
der Gestalt eines dialogischen Fragens. Für manche fachwissenschaftliche
Disziplin wäre bereits viel geleistet, gelänge es, die entscheidenden Fragen
zu deren Begründung zu stellen. Sokrates meint stets, ich weiß, daß ich nichts
weiß. Das Fragen im Wechselgespräch hat für ihn deshalb stets Vorrang. Plato
nennt dies das Hebammenverfahren, die maieutische Methode.
Gleichzeitig können wir uns solchen,
auch von den meisten Sozialwissenschaften weitgehend tabuisierten Fragen nur
nähern, wenn wir hinreichend lernen, abwechselnd oder zugleich auf die verschiedenen
sozialen Handlungsebenen zu achten, auf denen Menschen wirken können.
‚Kriege‘ haben im 20. Jahrhundert vornehmlich mit ‚Staaten‘ zu tun oder doch
solchen Großeinheiten, die dies zu werden versuchen. Gleichzeitig etwa berühren
sie Verhältnisse zwischen den Menschen und sozialen Institutionen; aber auch
die zwischen einzelnen Menschen. Nicht zuletzt wandelt sich das Verhältnis,
das jeder einzelne zu sich selbst hat. Und dann wird schließlich die Ebene des
sozialen Erwerbs oder Austausches von Wissen berührt.
Warum sollten wir ein neues Paradigma benötigen? Gehen
nicht die meisten sozialwissenschaftlichen Erforscher der Kriege wie bereits
C. von Clausewitz davon aus, Kriege seien letztlich eine menschliche Institution
(R. Aron, 1976), das „Kriegführen“ (J. Keegan, 1993) unvermeidlich? Nur sehr
wenige Denker befassen sich ausdrücklicher mit dem gegenseitigem Töten im
Krieg (O. Bartov). Und sind es nicht allzuwenige, die daran zweifeln, daß der
Krieg „zu den anthropologischen Konstanten gehöre“? (H. von Stietencron / J.
Rüpke, 1995). Forschen denn nicht Kriegshistoriker, FriedensforscherInnen und
viele andere Spezialisten darüber zur Genüge?
Mit diesen Fragen setze ich meine
Bemerkungen „Zum Verhältnis von Militarisierungs- und Zivilisierungsprozessen“
(P. R. Gleichmann, 1992) fort. Sie sind damals veranlaßt worden durch die intellektuellen
Reaktionen auf den Krieg des Irak gegen Kuweit und die anschließenden
Reaktionen der US-Army. Ihr haben viele Intellektuelle sogleich mit
beachtlicher moralischer Distanzierung eine ‚Logik der Destruktion‘
unterstellt.
Haben sie sich so bereits von der
Pflicht zu befreien vermocht genauer nachzuschauen, was „Das Feuer diesmal“
(R. Clark, 1992) erbracht hat, offene Kriegsverbrechen der US-Army? Haben sie
die „Zweite Front“, die „Zensur und Propaganda im Golfkrieg“ (J. R. MacArthur,
1992) hinreichend durchleuchtet? Fast alle kritischen Intellektuellen (nicht
nur Europas) votieren damals gegen jenen fernen Krieg – jedenfalls solange
zwei Weltmächte sich in einer relativen Machtbalance gegenseitig in Schach zu
halten vermögen. Bald darauf bricht ein Krieg aus am Rande Mitteleuropas in
nächster Nähe der Deutschen. Jenes einst aber fünfzig Jahre währende relative
Machtgleichgewicht lockert sich, wird labiler und endet schließlich.
Kriegsanlässe sind nicht mehr so einfach einer der Großmächte zuzuschreiben.
Nun schweigen die meisten jener europäischen Intellektuellen. Können sie
trotz ihrer vielfach von moralischer Überlegenheit geprägten Selbstbilder
tatsächlich auch wirklichkeitsgerechtere Vorstellungen von den
gesellschaftlichen Verflechtungen der modernen Staatenwelt entwickeln? Nun
beginnen mit einem Male einzelne jener friedfertigen Intellektuellen, entschieden
für diesen Krieg einzutreten (K. O. Hondrich, 1992). Ja, das „kollektive
Lernen wider Willen“ erzwingen; doch, weshalb allein durch das Töten? Und
manche Intellektuelle beginnen an ihrem gefestigten Moralismus Zweifel anzumelden;
mit einem Mal erklären sie das kriegerische Eingreifen anderer Staaten für
„unausweichlich“ (J. Habermas, 1995) Andere wiederum, etwa diejenigen, die
sich stärker auf ihren Glauben zu stützen gewöhnt sind, scheinen das Tötungstabu
mit einem Male ausdrücklicher relativieren zu können; gilt das Tötungstabu
denn auch für den Staat? – werde ich in einem Brief aus Taizé gefragt.
2. Genügt
es nicht, sich mit den Wandlungen des Verhältnisses von Krieg und Frieden
zu befassen, wenn wir – erkennend und/oder gestaltend – die
Friedensbemühungen
vertiefen wollen?
Diejenigen, die sich längere Zeit
hindurch mit solchen Friedensaktivitäten befassen, stellen bald fest, wie
längerfristig gesehen eine eher zunehmende weitere Militarisierung der Erde
nur teilweise begleitet wird von einer stabileren Befriedung einiger
Gebiete; daher die vielen Analysen über das Nebeneinander und das Auf und Ab
längerer Militarisierungs- und Zivilisierungsperioden. Zweifel kommen auf, ob
ein Militäreinsatz überhaupt geeignet sein kann zur Befriedung mancher
Gebiete und ob andererseits die befugten Organisationen überhaupt immer
ein Interesse an der zivileren Konfliktbearbeitung haben (H.-M. Birckenbach
/ U. Jäger / C. Wellmann, 1995). Diejenigen, die sich über längere Perioden
hinweg für friedlichere Verhältnisse einsetzen, überblicken meist die überraschende
Vielfalt von Friedensbemühungen, von ganz praktischen Anstrengungen bis hin
zu den mehr theoretischen, von den eher glaubensgebundenen, bis hin zu den
agnostischeren, von denen, die die Waffensysteme auflisten (SIPRI, 1993) bis
zu denen, die die Kriege zählend beschreiben, um deren Ursachen auf die Spur
zu kommen (K. J. Gantzel / J. Siegelberg, 1991) oder denen, die die Kriege der
Erde über ein halbes Jahrhundert hin kartieren (T. Hartman / J. Michel,
1985). Ja, selbst die „theoretische Tötungskapazität der Waffen“ wird so für
die Länder der Erde vergleichbar skizziert (M. Kidron / D. Smith, 1991).
Sollten wir von Sozialwissenschaftlern
nicht erwarten können, was sie so oft von sich behaupten, sie kennten keine
Tabus im Denken und Forschen? Wer sich aber länger mit Fragen von Krieg und
Frieden befaßt, stellt erstaunt fest, wie
wenig sie das gegenseitige Töten überhaupt erwähnen. Ist es nur jene
„Sprache von Schlauheit und List“, mit der bereits die Akteure selbst ihr Tun
verstecken? Oder teilt die sozialwissenschaftliche Intelligenz in Wirklichkeit
bereits jene Hemmungen vieler Laien, davon überhaupt zu sprechen?
4. Ist das
Ausmaß der Chancen gegenseitigen Tötens und Getötetwerdens in Staatsgesellschaften
des westeuropäischen Typs sozial stabiler institutionalisiert worden?
Die lange Genese gegenseitigen Tötens
von Menschen ist auch ein Prozeß des relativ immer kontrollierteren Tötens gewesen, unbeschadet davon, ob es
nun um das Töten ‚militärischer‘ oder ‚ziviler‘ Personen gegangen ist. Nicht
allein die Möglichkeiten des wechselseitigen Tötens, sondern auch die Chancen
einer dauernden Befriedung sind in
modernen Staatsgesellschaften immer stärker institutionalisiert worden. Das
eröffnet mehrere Befunde über längerfristige soziale Wandlungen dieser
menschlichen Todesproduktion.. Die Institutionen wechselseitigen Tötens sind
von Menschen geschaffen. ‚Kriege‘ stellen jedenfalls eine bereits eingehegte,
kontrolliertere Form des zuvor allgegenwärtigen wechselseitigen Tötens dar.
Unterschiedliche gesellschaftliche Strategien eines langfristigen sozialen Einhegens gegenseitigen Tötens sind zu
erkennen. Darüber bestehen zwischen den berufenen Deutern des Vergangenheitswissens
kaum gegensätzliche Auffassungen (J. Keegan, 1993; H. von Stietencron / J.
Rüpke, 1995). Bei den berufenen Interpreten des Politischen finden sich bisweilen
Phantasien von einer „entstaatlichten, entmilitarisierten Gesellschaft“ (E.
Krippendorf, 1987: 149); sie sind dann daran zu erinnern, „daß nicht nur der
Krieg, sondern auch der Frieden per
definitionem staatlich konstituiert sind und daß – empirisch – der Staat
nicht nur die bellizistische Intensivierung der Konfliktaustragung zur Folge
hat, sondern gleichermaßen über eine Pazifizierungsfunktion verfügt“ (H.
Münkler, 1987: 144). Menschliches Handeln institutionalisieren heißt, es
auf Dauer möglich zu machen; die wechselseitigen Handlungserwartungen jedes
einzelnen können sich stabilisieren. Dauerhafteres Handeln und Planen wird
möglich. In diesem Sinne sind viele menschliche Institutionen universal. Doch
auch außerhalb institutionalisierter Formen treffen wir auf zumindest
teilweise organisiertes Zerstören von Menschenleben, auf massenweises
gegenseitiges Erschlagen oder Ermorden von Menschen. Auch an der Wende zum 21.
Jahrhundert geschieht das besonders dort, wo noch nie stabilere ‚Staaten‘
bestanden haben oder wo solche zerfallen sind.
Die relative Stabilität der
Tötungshemmungen jedes einzelnen erkennen wir besonders daran, wie mühsam es
für diejenigen ist, die andere zum ‚Krieg‑führen‘ erziehen wollen, die
anderen zum gemeinschaftlichen Durchbrechen
der Tötungsangst und zum gemeinsamen Überwinden
der anerzogenen Tötungshemmungen überhaupt zu bringen versuchen (M. van
Creveld, 1982). Diese Ausbildung zu gemeinsamer Tötungsbereitschaft vollzieht sich deshalb stets in einer „totalen
Institution“ (H.-M. Birckenbach, 1990: 163). Wie Menschen ihre Tötungshemmungen im einzelnen
eigentlich erwerben, das Wissen über
die Sozio- und Psychogenese dieser Vorgänge ist noch ganz ungewiß. Die
sozialen Normen des Du-sollst-nicht-töten werden jedenfalls von der großen
Mehrzahl der Menschen dieser Erde erfolgreich gelernt, verinnerlicht und
befolgt. Mit Vorrang müssen Menschen deshalb erforschen, wie das
gemeinschaftliche Durchbrechen stabiler erworbener Tötungshemmungen vor
sich geht. Das geschichtliche Erforschen der „anderen Soldaten“ (N. Haase /
G. Paul, Hrsg., 1995), die schärfste Sanktionen haben erleiden müssen, weil
sie sich dem kollektiven Tötungszwang widersetzt
haben, es beginnt erst. Ein Erforschen der sozio-psychischen Aspekte dieses
menschlichen Tuns ist kaum zu erkennen; auch nicht, ob etwa Frauen die
Tötungshemmungen verläßlicher erwerben als Männer. Biologische Differenzen
werden schwerlicher anzuführen sein. Wiederum scheinen die ersten Befunde
über das gemeinschaftliche Durchbrechen jeglicher Tötungshemmungen historische
zu sein (O. Bartov, 1990; 1994).
6. In
welche Richtungen hin ändert sich das ‚polemologische Denken‘ im Zuge des
Aufkommens thanatogener Fabriksysteme der industriellen Staaten während des
20. Jahrhunderts?
Das Gesamt des thanatogenen Fabriksystems und seiner Genese
haben die militärischen Denker des 19. Jahrhunderts stets sorgsam beiseite
gelassen; sie konzentrieren sich auf Fragen ‚Vom Kriege‘. Erst im 20.
Jahrhundert widmen sich einige auch und bald ausschließlich den Problemen des
‚Friedens‘.
Auf den ersten Blick hin scheinen die
vergangenen größeren Kriege hinlänglich dargestellt worden zu sein. Kriege
des 20. Jahrhunderts, besonders von dessen zweiter Hälfte werden weltweit gezählt
und verglichen. Einige hervorragende Forscher versuchen sich an
geschichtlichen Synthesen, sei es der „Europäischen Kriege“ (M. Howard, 1981)
oder der sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Rolle, die das Militär für
„den Aufstieg Europas“ (W. McNeill, 1982) gehabt hat; oder sei es an einer wirklichen
„Globalgeschichte“ der „Welt in Waffen“ im Zweiten Weltkrieg, aus der der Machtgrößenwahn
besonders deutscher und japanischer Offiziere hervorgeht (G. L. Weinberg,
1995: 958). Tritt angesichts dessen nun das ingenieursmäßige Betrachten der
Kriege zurück? Jene Kriegsgeschichte von den „Aktionen von Streitkräften“,
jene „Operationsgeschichte“ (K.-V. Neugebauer, 1993)? Sind die vornehmlich
militärischen Retrospektiven auf das kriegerische Geschehen ganz für die
eigentlichen Leitungsstäbe der staatlichen Gewaltorganisationen verfaßt, die
sich dann im alltäglichen Umfeld ihrer modernen Tötungsmittel bewegen? So
entwickeln in Perioden rascherer Wandlungen im Weltgefüge der Staaten die
staatlichen Gewaltmonopolisten flugs über ihre neuen Ziele auch prospektive
Phantasien; beiläufig erwähnen sie bisweilen das Töten (U. Hartmann / C.
Walther, Hrsg. 1995: 198) dabei.
Weit bedeutsamer sind gegen Ende des 20.
Jahrhunderts die Vorstellungen vom ‚Frieden‘; es sind nicht bloß feierliche
Erinnerungen an die nun über 200 Jahre alten Ideale vom ‚ewigen Frieden‘, deren
sich Menschen entsinnen. Vielmehr ist im Gefolge generationenlangen
Kriegeerlebens und -reflektierens eine Fülle menschlicher Organisationen
entstanden, die sich damit befassen, die Bedingungen des Friedens zu erforschen,
zu sichern und weiter auszudehnen. Die öffentliche Aufmerksamkeit dafür mag
bisweilen schwanken, hat jedoch weitreichende Folgen etwa für staatliche
Organisationen. So läßt etwa der öffentliche Sprachgebrauch westeuropäischer
Offiziere erkennen. wie selbstverständlich und genau viele von ihnen sich der
Sprachgewohnheiten der Friedensbewegungen
und -organisationen zu bedienen
verstehen; solch Sprach- und Denkwandel ist beachtlich. Insofern haben die den
Frieden fördernden Organisationen oft mehr sozialen Wandel geschaffen als sie
selbst erwartet hatten; längerfristig könnte das als Erfolg in Richtung auf
ein stärkeres Eindämmen gegenseitigen Tötens angesehen werden.
7. Doch
wie denken und sprechen die eigentlichen Ingenieure des Tötens, diejenigen,
die die Tötungsmaschinen und deren Hilfsaggregate erfinden, konstruieren,
fertigen, zusammensetzen, reparieren und verteilen, die sie pflegen und
schließlich bedienen?
Welche technischen Hilfsmittel verwenden sie, um etwa
wesentliche Sozialtechnologien vergangener Tötungsaktionen selbst zu
erlernen oder zu vervollkommnen? Sämtlichen kriegerischen Konflikten des zwanzigsten
Jahrhunderts gehen Bedrohungsphantasien,
ja oftmals -obsessionen voraus. Meist werden diese gemeinschaftlich erzeugt,
oft über Jahrhunderte hinweg von Geschichtsforschern überliefert. Sie können
zu kollektiven Zwangsvorstellungen werden. In ihrer je modernsten ingenieursmäßigen
Gestalt werden sie zu umfänglichen ‚Bedrohungsszenarien‘ ausgebaut, meist
ausgedacht von kleinsten Spezialistengruppen (F. Unger, 1989); manche nennen
solchen wahnhaften Zwang zu glauben, seine Umgebung ständig kontrollieren zu
müssen, paranoid (H. Nicklas, 1990: 80 ff.). Selten wird erkennbar, wieviele Menschen getötet werden sollen;
noch seltener gar welche überhaupt. Selbst um die tatsächlich Getöteten auch
nur genauer zu zählen, lassen sich kaum verläßlichere Bemühungen der Akteure
finden. Täuschendes Erfinden von Zahlen getöteter Menschen gehört, ganz im Gegenteil,
seit langem zur öffentlichen ‚Desinformation‘ von Kriegsparteien.
Beispielsweise sind über fünfzig Jahre
nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges die
Zahlen der da auf Seiten der Kriegsparteien Getöteten immer noch sehr ungenau (mit Ausnahme der USA), wahrscheinlich
aber viel zu niedrig. Für Deutschland waren nach statistischem Auswerten von
Wehrmachtsauskunftstellen „die Verluste weitaus höher als dies die
offiziellen Statistiken der Kriegszeit ausweisen“ (R. Overmans, 1999); so
„standen der Führung weit weniger Soldaten zur Verfügung als sie tatsächlich
zur Verfügung zu haben glaubte“.
8. Bestehen noch grundsätzliche soziale Unterschiede
zwischen
konstruktions- und destruktionstechnischer Intelligenz
der industriellen Staatsgesellschaften?
Einige der das Töten
vorbereitenden Ingenieure erarbeiten sich beispielsweise durch
Luftaufnahmen ein punktgenaues Bild von Menschen und Waffen auf der Erde.
Andere untersuchen und planen etwa die Zerstörbarkeit
von Waffen- wie Verkehrssystemen, von Hochbauten oder Brücken mit derselben
physikalisch-technischen Präzision, mit der sie zuvor für das Errichten
gearbeitet haben. In diesen Hinsichten unterscheiden sich die Ingenieure des
Konstruierens überhaupt nicht von denen des kalkulierenden tötenden Zerstörens.
Das humanwissenschaftliche Wissen der
älteren Bildungsintelligenz, philosophische Kategorien oder historische
Denkbezüge, sie sind dieser jüngeren technischen Intelligenz weitgehend
obsolet geworden (P. R. Gleichmann, 1992). Den ‚Spezialisten‘ des Tötens jedenfalls (J. R. Lifton, 1992: 111 ff.)
dünken sie völlig überflüssig zu sein. So erst wird der grundlegende soziale
Wandel erkennbar, der mit dem Aufbau der westdeutschen Armee nach dem Zweiten
Weltkrieg lange wie selbstverständlich einhergegangen ist, das Erfordernis,
von jedem jungen Mitglied des Leitungspersonals ein Universitätsstudium zu verlangen. Das ist ein weltweit
unvergleichlicher Erfolg eines geplanten relativen Zivilisierungsschubes gewesen. Im weltgeschichtlichen Vergleich
wie insbesondere für die neuere deutsche Staatsgesellschaft hat das
weitgehende soziale Folgen gehabt; zum ersten Mal haben die jüngeren Akteure
des legitimen staatlichen. Gewaltmonopols nicht mehr ganz außerhalb und isoliert
von der verfaßten Gesellschaft stehen können. Die erneuten Versuche, nun von
dem Erfordernis eines Hochschulstudiums für das Führungspersonal wieder
absehen zu wollen, beunruhigen daher sehr.
Das Wissen der Naturforscher und
Ingenieure läßt sich kaum mehr nach ‚zivilen‘ und ‚militärischen‘ Anteilen
unterscheiden. Die formal-rationalen Grundsätze des Maschinenkonstruierens
gelten für das Planen von Produktions- wie von Destruktions- und
Tötungsapparaten in gleicher Weise. Die späteren Auseinandersetzungen mit den
Konstrukteuren der ersten Atombomben aus dem Jahre 1945 haben das bereits ergeben.
9. Lassen
sich gegen Ende des 20. Jahrhunderts noch grundlegende
Unterscheidungen von ziviler und militärischer Produktion
industrieller Güter treffen?
Für Physiker etwa oder Chemiker und
Ingenieurwissenschaftler sind sie praktisch verschwunden. Industrielle und
erst recht Händler von Industriegütern zumal von Waffen scheuen keine Anstrengung,
um solche traditionalen Unterschiede, wo sie denn noch auszumachen wären,
gänzlich zu verwischen. Vielen Sprechern der Friedensbewegungen hat das
zunehmend Mühen bereitet. In den wissenschaftlichen Hochschulen ist
öffentlich praktisch nicht mehr auszumachen, welche Forschungen direkt oder
indirekt militärischen Zwecken dienen – gleich, ob es hier um bestimmte
Techniken der Informatik, von elektronischen Anlagen oder um rechnerisch
komplexe Bodenuntersuchungen geht. Ich charakterisiere dies als einen Wandel
hin zu thanatogenen industriellen Systemen;
den prägnanten Ausdruck übernehme ich von M. Geyer (1993;162).
10. Welche
Menschen engagieren sich unmittelbarer
am gegenseitigen Töten und welche vermögen sich stärker
seelisch und sozial davon zu distanzieren?
In den vergangenen großen Kriegen noch bis in den Ersten
und Zweiten Weltkrieg hinein sehen sich viele derer, die sich unmittelbar
tödlich bedrohen, gegenseitig in die Augen. Offenbar schon sehr lange vor den
großen Kriegen des 19. und 20. Jahrhunderts haben militärische Führer unmittelbar
davor ihren Mannschaften reichlich Alkohol ausgeschenkt, in der Hoffnung,
damit die wachsenden Todesängste dämpfen zu können (H. J. Schröder, 1992;
1995: 132). Deutsche Militärpsychiater des Ersten Weltkrieges schicken
diejenigen, die dieses gegenseitige Töten nicht aushalten, nach kurzen Ruheaufenthalten
wieder an die Front; es seien bloß eingebildete Ängste gewesen. Für die Menschenvernichtungen
des Zweiten Weltkrieges finden wir ein abgestuftes System gesellschaftlicher Unterdrückung, vom Töten auch nur
andeutungsweise zu sprechen, bisweilen gut beschrieben (R. Hilberg,
1990: 1082 ff.); damit haben sich die dafür Verantwortlichen durch
Unterdrückung auch nur des gesprächsweisen Austauschs vom individuellen Tötungserleben zu distanzieren versucht. Wie
fest das Tötungstabu von den einzelnen
Menschen internalisiert wird, dokumentieren derartige Haltungen wiederum
gut.
Inzwischen sind die generationenlangen
Praktiken der Militärzensur und des Verbreitens von Desinformation drastisch
vervollkommnet. Jetzt gibt es Kriege, aus denen es den Siegern gelingt, keine Bilder von Leichen publizieren zu
lassen (J. R. MacArthur, 1993: 162). Im ‚Golfkrieg‘ gelingt es der
nordamerikanischen Militärorganisation, sämtliche Journalisten gänzlich vom Töten fernzuhalten. Von
den tatsächlichen Kämpfen gibt es öffentlich keine fotografischen Dokumente (J.
R. MacArthur, 1993: 173 ff.). Eine sehr hohe Zahl von fremden Verwundeten werden sich selbst
überlassen. Selbst die Zahlen von mehreren Hunderttausend ‚feindlicher‘ getöteter Zivilisten und
Soldaten werden vom ‚Sieger‘ nicht mehr publiziert (R. Clark, 1993: 77 ff.
u. 126). Sämtliche genaueren Beobachter oder Zeugen werden vom Tötungsgeschehen ferngehalten. Und der Tschetschenienkrieg
offenbart im Jahre 1995/6 sehr ähnlich organisierte Praktiken.
Und wie verhalten sich diejenigen,
welche die Entscheidungen zum Töten verantwortlich treffen? Im Vergleich zu
den meisten Offizieren der beiden Weltkriege oder früherer Genocide (T. Akçam,
1996) vermögen sich moderne Tötungsingenieure in Offizierskleidung
persönlich, sozial und nicht zuletzt physisch vom unmittelbaren Tötungserleben immer weiter zu distanzieren.
Lange Handlungsketten, Interdependenzketten von Menschen und Apparaten sind
zwischen die persönliche Entscheidung über die Tötungsmittel und Tötungshandlungen
und das Realerleben von Töten und Getötetwerden eingefügt worden. Wir finden
alle Formen technisch vermittelter
Interaktion dieses Tötens wie in den industriellen Produktionsprozessen
anderswo. Haben deshalb die neuesten Berichte militärischer Tötungshandlungen
so oft den ingenieurmäßigen Charakter moderner Produktionsprotokolle
angenommen?
Oder beginnt sie wenigstens mit sorgsamer Kritik und
empirischer Darstellung einiger dieser industriellen
Tötungshandlungen? Wo sind die engagierten unmittelbaren Beobachter? Ja,
mutige Ausnahmen gibt es (B. Müller, 1996). So wie etwa Frühformen der
industriellen Produktion von einigen mutigen SozialforscherInnen beschrieben
worden sind? Im Unterschied zu jenem frühen Industriegeschehen ist dagegen
das moderne Tötungsgeschehen umgeben von einem organisierten Schleier professioneller Des- und Nichtinformation
(A. Grewening, 1995). Der stärker werdenden Distanznahme der Tötungsingenieure
entspricht daher notwendig das Verringern
der Distanz bei den professionellen Augenzeugen; sie gefährden ihr
eigenes Leben oftmals weit mehr als die Tötungstechniker selbst. Das
Engagement der wenigen selbst beobachtenden Journalisten wächst. Ohne deren
oft rasche Berichte blieben manche Tötungsaktionen der Welt unbekannt; sie
erführe bestenfalls von ‚erfolgreich gewesenen Maßnahmen‘.
Wie könnten die modernen
Staatsgesellschaften hier realitätstüchtiger werden? Diejenigen, aus denen
gerade die Täter stammen wie die, die derzeit die Opfer zu beklagen haben?
Warum wenden sich die fachkundigeren Beobachter, Journalisten, Geschichts-
oder Sozialforscher nicht von dem viel zu allgemeinen Paradigma von Krieg und
Frieden stärker ab? Weshalb sollten sie sich nicht dem wechselseitigen Töten von Menschen unmittelbarer zuwenden können?
12. Das berufliche und gesellschaftliche
Erkenntnisinteresse Intellektueller kennt angeblich keinerlei soziale
Tabus; weshalb scheut sich nahezu die gesamte sozialwissenschaftliche
Intelligenz der industriellen Staaten, auch nur den tatsächlichen Gebrauch
der Tötungsgewalt durch die Inhaber der staatlichen Gewaltmonopole
zu untersuchen?
Das Monopol, legitim zu töten, hat in den moderneren
Staatsgesellschaften Europas und Nordamerikas wohl in der ersten Hälfte des
20. Jahrhunderts am vollkommensten bestanden. Die genauere Genese dieser Gewaltmonopole
ist weitgehend unerforscht: in Erörterungen der Akteure selbst spielt sie
keine erkennbare Rolle. In Debatten intellektueller Interpreten scheint man
auch nicht darüber sprechen zu wollen. Werden die Wandlungen, auch die
Verlagerungen der physischen Gewaltmonopole gänzlich tabuisiert? Und,
wenn dies so wäre, weshalb? Die vorsichtig umschreibende Rede von der
Souveränität der Staaten kommt bei den staatstheoretischen Denkern seit dem
Absolutismus auf. Während des Einrichtens bleibender, sogenannter stehender
Heere formulieren besonders Juristen Konzepte von der darauf beruhenden
wechselseitigen ‚Souveränität‘ europäischer Staaten. Mit der allmählichen
Zentralisierung und Bürokratisierung geraten auch die Polizeien aus den lokalen
Anfängen zu Zentralorganen innerstaatlicher Monopolgewalten.
Ansätze einer relativen Lockerung dieser
einzelstaatlichen Gewaltmonopole beginnen sich zum Ende des 20. Jahrhunderts
anzuzeigen. Dabei bleibt das generelle
Tötungstabu gesellschaftlich offenbar dennoch weitgehend stabil; das wird nur selten bemerkt.
Haben es die Staatsbürger der Massen- und Wohlstandsgesellschaften Zentraleuropas
vielleicht fester verinnerlicht als je zuvor? Ist die kontinuierliche Zunahme
junger ‚Kriegsdienstverweigerer‘ ein Indiz dafür? Vermag diese lange verinnerlichte
Stabilisierung des Tötungstabus – mehr als ein halbes Jahrhundert nach
dem Zweiten Weltkrieg – zu erklären, warum nun erstmals eine breite
Bereitschaft besteht, endlich jene jungen deutschen Soldaten zu rehabilitieren,
die „Deserteure der Wehrmacht“ (W. Wette, Hrsg., 1995), „die anderen Soldaten“
(N. Haase / G. Paul, Hrsg., 1995), die sich dem verbrecherischen Töten (H.
Heer / K. Naumann, 1995) einst unter Einsatz ihres eigenen Lebens verweigert
haben?
Viele soziale Wandlungen dürften dazu Anlaß gegeben haben.
Der Aufbau stabilerer kollektiver Sicherheitssysteme, dauerhafterer
Militärbündnisse im europäischen, teilweise auch im globalen Zusammenhang
hat vielen Einzelstaaten ihre bis dahin relativ autonome Verfügung über ihre Tötungsmittel eingeschränkt oder
ganz abgenommen. Einige der gefährlichsten Tötungsmittel werden eigens mit
überstaatlichen Organisationen unter Kontrolle zu halten versucht. Andererseits
sind die Realkontrollen über Produktion und Verteilung vieler Tötungsmittel in
der modernen Weltwirtschaft weiter gelockert als dies in den Nationalwirtschaften
des 19. Jahrhunderts für industriell gefertigte Tötungsmittel noch möglich
gewesen sein mag. Doch wer vermag die Weltmärkte mit Tötungsmitteln an der
Wende zum 21. Jahrhundert noch zu überblicken, wenn es schon schwierig wird,
diesen Handel für einen örtlich begrenzteren Krieg verläßlicher zu beobachten
(Harkavy, R. E. / Neuman, S. G., Hrsg. 1994)?
Insofern verwundern den
sozialwissenschaftlichen Beobachter weniger die gelegentlichen, meist grausamen
kollektiven Durchbrechungen kollektiv stabiler Tötungshemmungen bei den meisten
Menschen; sondern weit mehr die Frage, wie bei den meisten eine relativ hohe sozio-psychische Stabilität der Tötungshemmungen
entsteht? Wodurch wird sie für die Mehrzahl der Menschen aufrechterhalten?
Warum, nochmals, entwickelt sich mit Fragen dieser Art nicht längst ein
eigenes Forschungsgebiet? Steht das ‚neue Denken‘ über den Krieg (H. Bluhm,
Hrsg., 1995) doch erst an seinem Beginn? Sicher sind ‚demokratische
Staaten‘ eine wichtige Bedingung zum stabileren Aufrechterhalten gemeinsamer
Tötungshemmungen (R. J. Rummel, 1994); doch sie sind bei weitem keine hinreichende
Bedingung dafür, zumal, wenn ‚autoritäre Staaten‘ als alleiniges Gegenmodell
zu den Demokratien. betrachtet werden. Vielmehr ist bereits ein Nichtentstehen
oder ein Auflösen zuvor relativ gefestigter staatlicher Strukturen im 20.
Jahrhundert ein Anlaß (R. Gutman, 1994) für das umfassende Durchbrechen
gemeinsamer Tötungshemmungen.
Bevor ich das sokratische Vorgehen abbrechen muß, doch noch
einige Fragen an die, die sich mit der modernen Thanatogenese befassen. Nicht
alle derartigen Fragen sind bereits genügend eng formuliert. Menschen
vermögen jedenfalls zu lernen weit direkter über dieses gegenseitige Töten zu
sprechen als das die tatsächlichen Akteure selbst tun. Was denn hindert die
eigentliche intellektuelle und wissenschaftliche Intelligenz daran, weit
unmittelbarer über dieses weltweite Töten zu sprechen? Begibt sich nicht ein
jeder sogleich auf die andere Seite, der nur bemüht lose und umschreibend vom
Tötungsgeschehen redet oder der es, ganz systematisch verschweigt? Definiert
er sich damit nicht ganz direkt auch als ein Glied in der langen industriellen
Handlungskette tötender Menschen?
Müssen die Sozialwissenschaften nicht
einen ganz anderen Gesellschaftsbegriff
verwenden, der das gegenseitige Töten ausdrücklicher mitumfaßt? In der
längerfristigen Überlieferung des Nachdenkens über die Fragen, was ‚Gesellschaften‘
denn seien, der sozialwissenschaftlichen Theoriegeschichte, kommt das
wechselseitige Töten kaum vor; vereinzelte Denker des 19. oder 20. Jahrhunderts
thematisieren es am Rande. Können es sich die sozialwissenschaftlichen
Denker an der Wende zum 21. Jahrhundert leisten, so realitätsuntüchtig zu
sein? (I. Wallerstein, 1991). Die kritische Erörterung des bisher bescheidenen
Beitrages der soziologischen Genocidforschung
und -theorie (H. Fein, 1993) mit Konsequenzen für ein realistischeres
Verständnis moderner Staatsgesellschaften und Folgerungen für das soziologische
Theoriebilden steht erst am Anfang.
Wie können Menschen früher in ihrem
Leben lernen, sich vom gegenseitigem Töten verläßlicher und entschiedener
sozio-psychisch zu distanzieren? Und wie könnte die sozialwissenschaftliche
Intelligenz sich mit der Welt der modernen Staatsgesellschaften so befassen,
daß wir alle die realen gesamtgesellschaftlichen Anteile, deren Ausmaß und
Reichweite, an der industriellen Todesproduktion besser erfassen lernen?
Allzu wenige Sozialforscher sprechen wirklich
vom „Töten“, selbst dann, wenn sie es eigentlich meinen. Vereinzelt lassen
sich Ausnahmen finden (M. Kidron / M. Smith, 1991; 52 ff.). Wenn Waffenhersteller
oder -händler ungern davon reden – ; doch warum verschweigen es auch
die strengen Analytiker des größten Waffenherstellers der Erde (R. E.
Harkavy / S. G. Neuman, Hrsg., 1994)? Über Beendigungschancen tödlicher
Bürgerkriege in der Welt forschend nachdenken (R. Licklider, Hrsg., 1993), doch
allein mittels politikwissenschaftlicher oder sozialanthropologischer (R. A.
Hinde / H. E. Watson, 1995) Theoriekonzepte?
Gegenseitiges Töten und
das Sprechen der Lebenden davon sind tabuisiert; es bestehen nahezu universale
Tötungstabus. An die einzelnen Getöteten mögen sich deren Angehörige erinnern.
Die große Masse der Getöteten verschwindet
aus dem ‚Kollektivgedächtnis‘ der Staatsgesellschaften – bitter, das
festzustellen – sehr rasch. Zeitweilig haben sich daraus „der politische
Totenkult, die Kriegerdenkmäler der Moderne“ entwickelt. Da trifft es zu,
selbst das Verschwinden der Leichen ist derart industriell perfektioniert
worden, daß ein angemessenes Sichdaranerinnern
„nur in der Reflexion einzuholen ist“ (R. Koselleck, 20, in: ders. / M.
Jeismann, Hrsg., 1994). „Die Unsäglichkeit des Menschen möglichen Tötens, und
seit der Moderne auch der technisch perfekten Beseitigung nicht mehr zählbarer
Millionen einzelner Menschen verschlägt die Sprache, führt zur Sprachlosigkeit
oder zum Verstummen. Einen schmalen Ausweg kann nur die bildnerische Kunst
öffnen: sie allein kann versinnbildlichen, was nicht mehr sagbar ist. Nur
wenige, namentlich aufzählbare, Künstler haben es geschafft, diese Wende
unserer eigenen Erfahrung zu visualisieren. Ihr – möglicher – Beitrag zu einer
Verhaltensänderung darf nicht unterschätzt werden.“
Geschichtsforscher wollen stets die
‚Quellen‘ selbst sprechen lassen? Doch wenn diese bereits das industrialisierte
Töten ganz tabuisieren? Nur wenige Historiker bemühen sich hier um Auswege.
Männer werden durch staatliche Zwangsgewalt verpflichtet zu töten. „Dieser
Prozeß ist ganz und gar öffentlich. Aber,“ erinnert M. Geyer (ders., 1995;
158), „das Töten und Getötetwerden ist es nicht. Es findet nur sehr bedingt
eine Sprache. Es gewinnt einen öffentlichen Raum des Erinnerns in sorgfältig
kultivierten Prozessen der Übertragung. Die Toten werden in Kriegerdenkmälern
und Soldatenfriedhöfen eingehegt. Man gedenkt ihrer als Opfer. Das bewußte
und kalkulierte Töten hingegen wird heimlich und untergründig eingeführt.
Dies geschieht, indem die Tat von ihren Konsequenzen gespalten wird. Die
Folgen des Tötens werden aus der Geschichte und aus der Sprache getilgt. Die
Sprache und Bilderwelt dieser Heimlichkeit bedarf einer genauen Darstellung,
wenn wir diese moderne Welt des Tötens und Getötetwerdens als Geschichte
darstellen wollen.“
Was bleibt den Forschenden vorrangig zu
tun? Manche der einfachsten Voraussetzungen des Massentötens im 20.
Jahrhundert, das Einführen etwa der allgemeinen Wehrpflicht und deren späterer
allzubeliebiger Begründungen (E. Opitz / F. S. Rödiger, 1994; R. G.
Foerster, 1994), weshalb sie aufrechtzuerhalten sei, sind kaum ansatzweise
durchleuchtet worden. Wer hier „eine Bresche in die Forschungslandschaft schlagen“
will, wird notwendig jeden „multidisziplinären Vorstoß“ begrüßen (W.
Wette, Hrsg., 1992; 23 f.). Und das wird in der modernen Staatenwelt, in der
auch lange Prozesse der ‚Individualisierung‘ vorangetrieben worden sind
(und eine ihr entsprechende ‚Psychologisierung‘), nur dann erleichtert
werden, wenn die Sozialforscher lernen – wie eingangs erwähnt – gedanklich
und analytisch stets auf den verschiedenen Handlungsebenen zugleich vorzugehen, die den Menschen
gegenwärtig offen stehen.
Hier brechen wir ab: Ist die Diskussion darüber überhaupt
schon eröffnet? Einige jüngste Studien weisen in verschiedene Richtungen.
Da sind etwa evolutionspsychologische
Studien über das „Totschlagen“ (Martin Daly / Margo Wilson, New York 1988);
einige der Befunde kommen den zivilisationstheoretischen sehr nahe. Dann finden
wir sorgsame Untersuchungen über „Kriege vor Beginn der Zivilisation“, über
„den Mythos des friedfertigen Wilden“. Diese archäologische Arbeit sammelt
eindrucksvolle Befunde. „Tatsächlich,“ schreibt Keely (New York/Oxford 1996,
p. 174), „waren die primitiven Kriegstechniken weit todesbringender als
das Kriegeführen zwischen zivilisierteren Staaten wegen der weit häufigeren
Kämpfe und der viel erbarmungsloseren Weise, in der sie ausgeführt wurden.“ –
Oder auch (p. 175): „Der primitive Krieg war nicht eine infantile oder
unzulängliche Form des Kriegführens sondern war reduziert auf das Wesentliche:
Feinde töten mit einem Minimum an Risiko; ihnen die Mittel zum Überleben
verweigern vermittels Vandalismus und Diebstahl (sogar ihrer Reproduktionschancen,
indem man sie ihrer Frauen und Kinder beraubte), sie mit Terror zwingen, daß
sie entweder auf dem ihnen überlassenen Territorium bleiben oder von ihren
Übergriffen und Aggressionen ablassen.“
Auch nehmen die immer sorgfältigeren
Studien über Genozide, insbesondere über die bürokratisch gründlich
organisierten zu. Über „Rasse, Macht und Genozid in Kambodscha unter den Roten
Khmer 1975-1979“, über „das Pol Pot Regime“ sagt etwa Ben Kiernan (New
Haven/London 1996: 464): „Trotz seiner unterentwickelten Ökonomie übte das
Regime vermutlich mehr Macht über seine Bürger aus als irgendein Staat in der
Weltgeschichte.“
Dann befassen sich immer mehr Fachleute
mit den Fragen, wie die Kriege sich verändern. Am radikalsten präsentieren
sich solche globalgeschichtlichen Befunde ganz pessimistisch. Sie konstatieren
schlicht, die Phase von ‚Staaten‘ mit halbwegs stabilen eigenen Gewaltmonopolen
gehe zu Ende; das habe nur für eine vergleichsweise kurze Phase im Europa des
18. und besonders des 19. Jahrhunderts gegolten (M. van Creveld, 1999). Vier
Fünftel der ‚Staaten‘ der Erde verfügten in Wirklichkeit gegenwärtig gar nicht
über die legitime monopole Gewaltkontrolle auf ihren Territorien; in diesen
dominierten künftig auch weiter kaum beherrschbare ‚low-intensity‘-Konflikte
(M. van Creveld, Die Zukunft des Krieges, 1991).
Weit zuversichtlicher erinnern kritische
Kenner der modernen Rüstungsindustrie daran, wie schwer es für Menschen des
18. und des 19. Jahrhunderts gewesen ist sich vorzustellen, daß die
Sklaverei jemals abgeschafft werden könnte. Und so sei es auch heute mit dem
‚Krieg‘. „Manche sagen, Krieg kann nie abgeschafft werden“, schreibt
beispielsweise Chris Hables Gray (London 1997: 252 und 261), „aber dasselbe
wurde über die Sklaverei gesagt. Es war ein sehr alter Diskurs und dennoch ist
sie jetzt fast ganz diskreditiert. Eine Abschaffung des Krieges ist möglich.“
Und: „Es ist eine Sache des Überlebens. Die Sarajewos von 1919, 1944 und 1995
sollten niemals wiederholt werden. Krieg ist sehr stark. Wir müssen stärker
sein.“
Etwas nüchterner suchen historisch
geschultere Köpfe vorzugehen, die im Gegensatz zu ihren Vorvätern das
massenhafte Töten um sich herum nicht erlebt haben. Sachlich stützen sie sich
dabei auf die Quellen. Doch sie haben meist sozialwissenschaftlich auch
gelernt, daß bei dem gesellschaftlich Extrem tabuierten Geschehen wie dem
Töten das soziale Verhalten und die sozialen Normen selten noch schriftlich
fixiert sind. Das Realgeschehen läßt sich aus den traditionellen Quellen meist
gar nicht mehr hinreichend erschließen. Und in ihren Gesellschaften wachsen
allmählich die Abscheu vor dem Töten und zugleich das Interesse, darüber doch
mehr zu erfahren.
Da werden nicht mehr in der Sprache des
Krieges umschreibend „die militärischen Verluste“ oder „die Gefallenen“
gezählt (R. Overmans, 1999), sondern es wird immer direkter die schließlich
ungehemmte „Eskalation des Tötens in zwei Weltkriegen“ (B. Ziemann, 1998)
sorgsam analysiert und präzise auch ausgesprochen. Doch auch: Auf welche
Weise die Sprache das Töten festhält, wird von den Jüngeren nun immer unmittelbarer
notiert. „Wie direkt sprechen Soldaten vom Tod, wie nahe treten sie an ihn
heran?“ fragt eine Analyse von Feldpostbriefen (K. Latzel, 1998; besonders:
227-283). Die sozio-psychische Distanz zu den Menschen, die das legitime
Gewaltmonopol praktisch ausüben, wird immer größer; diese historischen
Forscher vermögen schließlich den Opfermythos kriegerischen Tötens immer
direkter als solchen auch zu benennen (Th. Kühne, 1998, 1999, 2000), als Mythos
eben. Und dann werden die ersten umfänglicheren Studien des „Dahinschlachtens“
vorgelegt (J. Brücke, 1999). Zumindest das offene Sprechen vom gewaltsamen und
massenhaften Töten beginnen Menschen bereits zu lernen.
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* Besonders
habe ich Michael Geyer, Chicago; Wolfram Wette, Freiburg; Canja Wirtz, Washington,
und Dirk Heinrichs, Ottersberg, zu danken. – Eine erste, kürzere Fassung
erschien in: Berliner Debatte INITIAL Nr. 2/1996, 93-101.
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Zu
den weiteren Aufsätzen des Bandes:
Zu
diesem Band
Gerhard Voigt
Zur
Notwendigkeit eines fachwissenschaftlichen und didaktischen Diskurses über die
,Staatsgesellschaft‘ und ihre Zukunft
Gerhard Voigt
,Staat‘
und ,Staatsgesellschaft‘: Gegenstandsbestimmung, Begriffsklärung und
theoretische Einordnung
Peter R. Gleichmann
Sind
Menschen in der Lage, das gegenseitige Töten abzuschaffen?
Lothar
Nettelmann/Gerhard Voigt/Vesna Plavšic/Helena Holm
‚Staatsgesellschaft‘
– historisch-gesellschaftliche Reflexionen zum Entstehen des modernen
Staatsbegriffs. Versuch einer didaktischen Reduktion
Gerhard
Voigt, 28.08.2002
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