Verband der Politiklehrenden

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Presseerklärung zum Offenen Brief

Diskussion aus Anlass der Studien zur Überprüfung
der Leistungen von Schülerinnen und Schülern

PISA: Keine Anleitung zur besseren Weiterentwicklung der Schulreform

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»PISA« – eine kritische Stellungnahme des Verbandes der Politiklehrenden

Der Verband der Politiklehrenden warnt vor einer »Bajuwarisierung« der niedersächsischen Bildungspolitik.
(2002)

Offener Brief an:

  • Herrn Ministerpräsident Sigmar Gabriel, Staatskanzlei Hannover

  • Herrn Landtagspräsident Prof. Rolf Wernstedt, Hannover

  • Frau Ministerin Renate Jürgens-Pieper, Kultusministerium, Hannover

  • Herrn Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, Berlin

  • Frau Ministerin Edelgard Bulmahn,

  • Wissenschaftsministerium, Berlin

Presseerklärung zum Offenen Brief:

Der Verband der Politiklehrenden warnt vor einer »Bajuwarisierung« der niedersächsischen Bildungs­politik.

Die in der PISA-Studie festgestellten deutschen Leistungsdefizite sind Ausdruck eines Modernitäts­rückstandes des deutschen Schulwesens, das zu spät und unzureichend auf die grundlegenden Ver­änderungen in der Bevölkerungszusammensetzung und der gesellschaftlichen Alltagswirklichkeit rea­giert.

Die »süddeutschen Vorsprünge« im Leistungsvergleich beziehen sich ausschließlich auf die in der PISA-Studie erfassten »abfragbaren Fähigkeiten« und werden noch relativiert durch stärkere soziale Auslese, geringere Abiturientenzahlen und gravierenden Mängeln in der Integration und Förderung von Schülerinnen und Schülern aus sozial schwachen Schichten oder aus Migrantenfamilien.

Niedersächsische Abiturienten sind gut ausgebildet und werden von süddeutschen High-Tech-Firmen gesucht, gerade weil sich ihre Ausbildung nicht nach bayrischem Muster auf abfragbares Faktenwis­sen beschränkt.

Im Vordergrund der Bildungsziele müssen verstärkt die Erziehung zur sozialen und kulturellen Kom­pe­tenz und das »problemorientierte Erarbeiten von Inhalten und Zusammenhängen« stehen.

Diskussion aus Anlass der Studien zur Überprüfung
der Leistungen von Schülerinnen und Schülern

PISA: Keine Anleitung zur besseren Weiterentwicklung der Schulreform

Wir sorgen uns um die Zukunft des Unterrichts. Es ist nicht allein der Unterricht im Fach »Politik« (So­zialkunde/Gesellschaftslehre). Dieser ist eingebunden in das Aufgabenfeld »B« und eng ver­knüpft mit den Fächern »Erdkunde/Geographie« sowie »Geschichte«. Uns macht die mög­lich­er­weise be­vorstehende ‘Bajuwarisierung’ der Schule Sorgen, insbeson­dere im Auf­ga­ben­feld ‘B’ der gymnasialen Oberstufe, aber auch im naturwissenschaftlichen Bereich (Auf­ga­benfeld ‘C’) sowie bezüglich allge­meiner methodischer und didaktischer Grund­sätze.

Die PISA-Studie hat bedenkenswerte Ergebnisse gezeigt. Doch hat sie ein eingeschränktes Erkennt­nisziel, das sich auf begrenzte, abfragbare Befähigungen konzentriert. Der zentrale Befund man­gelnder Lese- und Verständnisfähigkeit bei vielen Schülerinnen und Schülern kann in der Schulpraxis bis zum Abitur und auch bei Studentinnen und Studenten bestätigt werden und bereitet uns seit lan­gem Sorge. Doch ist es ein Trugschluss, hier in erster Linie einen durch »Pauken« behebbaren kog­nitiven Defizit zu diagnostizieren. Es handelt sich hier um soziale und soziokulturelle Probleme, die mit folgenden Stichworten umrissen werden können:

     Veränderungen der Bevölkerungszusammensetzung und damit verbundene Enkulturationspro­ble­me,

     Verstärkung der sozialen Desintegration und – durch PISA bestätigt – Versagen der Schule, sozi­ale Herkunftsprobleme integrativ zu bewältigen,

     Abnahme der Bedeutung der »Schriftlichkeit« im Alltag unserer Gesellschaft,

     neue Formen einer Medien- und Sprachkultur, die traditionelle und für die Schule und Berufsaus­bildung wichtige Formen des Sprachumgangs und der Argumentationskompetenz in den Hintergrund treten lässt,

     Veränderungen im Lebensstil und in der Entwicklung von gesellschaftlichen Identifikations­mus­tern, die das subjektive Interesse an traditionellen Bildungs- und Qualifikationszielen beeinträch­tigen.

Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass diese Probleme durch reines Lesetrainig und Lese-Früherziehung behoben werden können. Es geht vielmehr um soziale und kulturelle Kompetenzen, die eine Verän­derung von Unterricht und Schule erfordern.

Im Blick auf diese Aufgabe war unsere bisherige Arbeit geleitet durch Begriffe wie problemorientier­tes Erarbeiten von Inhal­ten und Zusammenhängen mit Hilfe von Texten und anderen Materialien. Dazu gehört kritisches Denken und Hinterfragen von dargestellten Sachverhalten und Wertungen sowie das Begründen von Meinungen. Ziel ist u.a. die Anleitung zu analytischem wie synthetischem Denken, zu Denk­weisen, die den Sozialwissenschaften immanent sind und deren Methoden neben anderem letzt­lich modernes wissenschaftliches Arbeiten darstellen. Kognitive Inhalte müssen durch Dis­kurse erarbeitet werden.

Dazu gehört die Einübung von Toleranz bei Diskussionen in Lerngruppen, der Distanzaufbau gegen­über vorgegebenen Darstellungen, Wahrnehmungen und Meinungen. Zu den schulischen Methoden gehören u.a. Projektarbeit und auch das Schaffen von Freiräumen bezüglich alternati­ver Unter­richtsformen. Erziehung zur Toleranz, freier Diskurs und auch eine gewollte Ergebnis­offenheit sind unabdingbar.

Wir befürchten, dass dieses alles dem süddeutschen ‘Paukunterricht’ geopfert wird: Auswendig­ler­nen anstatt problemorientiertes Denken sind die Alternativen. Letzteres gilt auch in hohem Maße für das naturwissenschaftliche Arbeiten.

Wir verkennen nicht, dass die Erziehung zu Fleiß und systematischem Lernen, zu gewissen­haf­ter häuslicher Arbeit und damit auch zum übenden Auswendiglernen durchaus bedenkens­wert ist und partiell strenger gehandhabt werden könnte. Dies kann und soll durchaus zu verbes­ser­ten und diffe­renzierten Lernziel-Kontrollen führen. Präferenzen von Kontrollen bedeuten aber generell eine ver­stärkte Hinwendung zu individuellem Ler­nen, mehr Einzel­leistungen anstatt dis­kursiv in komplexe Zu­sammenhänge einzu­drin­gen und sie  kooperativ zu erarbeiten. Abfragen heißt: Maximierung der Summe von Einzel­leistungen anstatt Optimierung der Qualität. Letzteres schließt aber an Prinzipien sozial­integrati­ver Arbeits­formen an.

Dass Schülerinnen und Schüler, die dieses gelernt haben, möglicherweise in einem an Abfragen und Konzentrationsübungen orientiertem Text nicht so gut abschneiden, ist vorstellbar.

Dass unsere Schülerinnen und Schüler, oftmals mit mittlerem oder unterdurchschnittlichem Abi­tur­zeugnis nach absolvierter Ausbildung (beruflich oder Studium), in den Technologie-Zentren des Nürnberger oder Münchener Raumes gefragte Mitarbeiter sind, weil sie gelernt haben, kon­struktiv und koo­pe­rativ sowie verantwortungsbewusst – und somit erfolgreich – zu arbeiten, ist durch viele positive Rückmeldungen belegt.

Dies gilt gerade für die Schülerinnen und Schüler, die mit häuslichem Fleiß und viel Energie den Schritt von anderen Sek-I-Schulen ins Gymnasium geschafft haben. Ihnen wäre in Bayern der Weg von vornherein versperrt gewesen. Die Hochtechnologie-Firmen in Süddeutschland erfreuen sich stattdessen an Absolventen, die offenkundig in nord­deutschen Schulen das gelernt haben, was diese einfordern.

Auch Ansätze des Förderns können neu durchdacht werden; das Fördern und Leisten muss neu re­flektiert und definiert werden. Dieses muss aber im Diskurs und Konsens erfolgen. Dabei dür­fen auf keinen Fall die Erkenntnisse der Motivationsforschung außer Acht gelassen werden oder gar ana­thematisiert werden – und dieses in den Stress-Phasen von Wahlkämpfen. Die gesamte Pädagogik als Wissenschaft und Schuldidaktik bleibt gefordert!

Es besteht die Gefahr, dass eine Kürzung der Schulzeit und die Straffung der Lern­inhalte durch ein­engende Weisungen primär den Einsparungen im Bildungssektor dienen. Gefor­dert sind aber kluge am Langzeitdenken orientierte Reformen und entsprechende Fort- wie Wei­terent­wicklun­gen.

Dazu gehört unabdingbar der Anspruch, konstruktives d.h. selbstständiges Denken zu fördern und einzufordern. Dies setzt voraus das Erlernen der Fähigkeit, Transfer-Leistungen zu erbrin­gen. Das Übertragen erarbeiteter Sachverhalte und Zusammenhänge auf neue unbekannte Pro­blemstellun­gen muss bereits in angemessener Weise in der frühen Sekundarstufe I beginnen und fortentwickelt werden.

Dies setzt die Kreativität von Lernenden und Lehrenden voraus. Ein durch starre Lehrpläne, d.h. ein methodisch, didaktisch und inhaltlich vorgeschriebener Unterricht ist in unserer Gesellschaft dys­funktional. Standardisierte Abfragetests mögen für Nichtpädagogen und an äußeren Erfolgen orien­tierten Politikern ein Höchstmaß an Vergleichbarkeit darstellen. Sie sind es nicht.

Es mag als voreiliges Argument gelten, wenn in ›Die Zeit‹ Meinungen geäußert werden wie: man könne als Kurslehrer gegenwärtig zu speziell auf die Abiturarbeiten hinarbeiten. Das mag in eini­gen Fächern (Latein?) vielleicht möglich sein. In unserer Praxis hat dieses nie einen Stellenwert gehabt und ist in den auswertenden Abitur-Besprechungen niemals genannt worden. Außerdem: Für wel­che Prüfung in der schulischen, betrieblichen oder universitären Ausbildung ist dieses Problem aus­geschlossen?

Die ausgewogenen Vorgaben der Abiturprüfungsordnungen: differenzierte Themenberück­sich­ti­gung, semester- und kursübergreifende Themenvorschläge sowie langzeitlicher Ausschluss der Wieder­holbarkeit von Aufgabenstellungen verhindern dieses.

Regelmäßig werden in der Süddeutschen Zeitung die Abitur-Themen aller Fächer veröffentlicht. Auch wir schauen uns diese an. Nicht selten stehen unsere Fachkollegen irritiert oder gar kopf­schüt­telnd davor: Die Aufgabenstellungen lassen in hohem Maße auf Reproduktionen von ange­lerntem Wissen schließen.

Angesichts der erheblich zunehmenden wissenschaftlichen Differenzierung besteht die Gefahr, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zuzusteuern, d.h. zwangsläufig auf ein niedriges didak­tisch-fach­liches Niveau, da man ja von allem etwas – und dieses möglichst vollständig und unter entsprechen­dem Stress – durchgezogen  haben muss, wie unsere bayerischen Kollegen offen eingestehen.

Als gewichtiges Problem:

Welcher Unterricht leistet mehr: der einerseits auf solide erarbeiteten Grundlagen aufbauende und dieses auf Grund zweifellos unterschiedlicher Schwerpunktsetzung der Fachlehrer entsprechend seiner oftmals eigenen fachspezifischen bzw. wissen­schaft­lichen Vertie­fung (die gewollt ist - zumindest bis dato!) – oder andererseits ein gleich­geschalteter Unter­richt wie er aus den Bezirken der DDR bekannt war? Dort wusste man zu jeder Zeit, auf wel­cher Seite eines Lehrbuches man sich gerade ‘auswendiglernend’ befand.

Zwangsläufig entstehen derartige enge Vorgaben nach der subjektiven Auffassung einiger Minis­teri­albeamter oder je nach Partei- oder Verbandszugehörigkeit ausgewählter Fachvertreter in den ent­sprech­enden Kommissionen. Auch diese handeln ihre jeweiligen Lieblingsthemen unter­ein­ander aus und setzen oftmals die Schwerpunkte, die deren jeweiliger Hochschullehrer bereits als ‘Lieblings­thema’ bevorzugte.

Andererseits sind diese unterschiedlichen Qualifikationen, die auf die Lehrerausbildung zurück­zufüh­ren sind und deren wissenschaftlicher Anspruch dann eine Chance für die Schüle­rinnen und Schüler bedeutet, wenn sie ganz konkret differenzierend und vertiefend in die Unterrichtssi­tua­tion einge­bracht werden und damit anspruchsvolles exemplarisches Lernen ermöglichen.

Objektivität oder gar eine repräsentative Auswahl der Inhalte und Methoden eines Faches sind Illu­sion. Die Freiheit von Hochschullehrern in Lehre und Forschung – ein hohes Gut, das es zu verteidi­gen gilt – setzt Rahmen. Es sei denn, dass man – wie man aus manchen Bundesländern hört – auch dort bei der Besetzung der Professorenstellen die Bandbreite innerhalb der Fachbe­reiche ein­geengt und Bewerber entsprechend ausgewählt hat. Dieses ist aber nicht überall in unserer Repu­blik so und Studentinnen und Studenten können nach wie vor Hochschulen und Professoren wech­seln und individuell Schwerpunkte setzen.

Qualität und Anspruch setzen Differenziertheit und individuelle verantwortliche  Entscheidungs­kompe­tenzen voraus. Dies schließt für uns einen hohen Aufwand bei den Vorbereitungen der jeweiligen Abiturprüfungen ein. Spezialisierungen gewährleisten in den jeweiligen Teilbereichen ein hohes Ni­veau.

In bayerischen Schulen wird nicht ‘mehr’ geleistet; dort ist das Lern- und Leistungsniveau nicht hö­her. Durchaus kann konzediert werden, dass dort in der Sekundarstufe I des Gymnasiums ein höhe­rer Lern­aufwand einge­for­dert wird. Zudem: Überdurchschnittlich begabte bzw. leistungs­fä­hige Schülerinnen und Schüler haben zwangsläufig gute Schulnoten auch bei geringerem Lernauf­wand.

Es kommt auf diejenigen an, die außerdem gefördert werden müssen, damit sie angemessene Leis­tungen erbringen können. Diese Schülerinnen und Schüler zu befähigen ist die wichtigere Aufgabe aller Lehrerinnen und Lehrer.

Das Vermitteln und das Bewirken von differenziertem Denken und konstruktivem Mitarbeiten und damit das selbstständige Erbringen von Leistungen soll und muss das Ziel von Schule bleiben.

Gerhard Voigt,
V
orsitzender des Verbandes der Politiklehrer, e.V.
Dr. Lothar Nettelmann,
stellvertretender Vorsitzender des Verbandes der Politiklehrer, e.V.

Oberstudienräte an der Bismarckschule Hannover

30173 Hannover, An der Bismarckschule 5

Information zur Person:

Die unterzeichnenden Vorstandsmitglieder des Verbandes der Politiklehrenden, Gerhard Voigt und Dr. Lothar  Nettelmann wurden beide an der Universität Hannover im Reform-Gedanken der 60er und 70er Jahre ausgebildet, nachdem sie bereits Berufserfahrung gesammelt bzw. Wehrdienst geleistet hatten.

Ihre zweite Ausbildungsphase erfolgte in einem dem traditionalen Ansatz verbundenen Stu­dien­semi­nar für Gymnasien in Hannover. Die innerschulische Ausbildung erfolgte durch Dr. Wolf­gang Hei­demann, dem damaligen Leiter der Kommission ‘B’ (gesellschaftswissenschaftliches Aufga­ben­feld) zur Reform der gymnasialen Oberstufe in Niedersachsen.

Ihre beruflichen und fachlichen Erfahrungen sind in der Bismarckschule geprägt worden, einer Schule die bereits frühzeitig in der Erprobungsphase der großen Reform der Sekundarstufe I mit­wirkte. Leiter der Schule war von 1975 - 1999 Ulrich Bauermeister. Er hat maßgeblich an der Re­form als Leiter der Kommission ‘D’ (Organisation) mitgewirkt.

Zur Information an die Presse:

Frankfurter Rundschau, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Hannoversche Allgemeine Zeitung, Neue Presse (Hannover), Süddeutsche Zeitung (München), Die Zeit, Der Standard (Wien)

 

   

Dokument Information:

Veröffentlicht in politik unterricht aktuell Heft 1 / 2002

Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover

Vorsitzender: OStR Gerhard Voigt, Pettenkoferstraße 13, D 30880 Laatzen

eMail: politiklehrerverband.voigt@web.de

http://www.voigt-bismarckschule.de

Versand des Offenen Briefes: 23. Juli 2002

Netzpublikation: 25. Juli 2002 - letzte Überarbeitung: 14.01.2004


URL: http/www.politiklehrerverband.org/PUBLIKAT/pua2002-1/pisa.htm

    Druckausgabe vgl. Publikationsliste. Bestellungsformular (im WORD-Format)
    Zur Textgestaltung und zur rechtlichen Distanzierung
von "gelinkten" Seiten vgl. Impressum.

Weiterverbreitung und Publikation des Briefes ist gestattet.

Die Autoren behalten sich alle Rechte an der Textform vor; Änderungen des Textes und sinnentstellende Kürzungen sind nicht zulässig.

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Web-Fassung: 31.08.2004 - Verantwortlich: Gerhard Voigt <politiklehrerverband.voigt@web.de>
Info unter: http://www.voigt-bismarckschule.de