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Satire über das Chaos in der Bildungspolitik
zwar aus den 80er-Jahren, aber zeitlos
Aus:
politik
unterricht aktuell 1/1988 (Dezember)
Frage: Sehr geehrter Herr
Minister, Sie haben soeben neue Fahrplankommissionen eingesetzt, die eine ganz
neue Konzeption...
Antwort: Aber, Herr V., ich muß doch schon hier kurz unterbrechen! Ich
bin dankbar, die Gelegenheit zu ergreifen, verbreiteten Mißverständnissen über
die Einsetzung der Fahrplankommissionen entgegentreten zu können -
Herr Minister -
Einen Augenblick bitte! Ich möchte doch hier an dieser Stelle einen tief
empfundenen Dank an die Damen und Herren aussprechen, die sich zur Verfügung
gestellt haben, die schwierige und verantwortungsvolle Überprüfung der
Fahrplangestaltung zu übernehmen.
Herr Minister, die grundlegende Umorientierung...
Herr V., das ist eine interessante Frage! Aber lassen Sie mich doch an dieser
Stelle ganz deutlich zum Ausdruck bringen, daß es sich nicht um eine
Neukonzeption und Umorientierung der Fahrpläne im üblichen Sinne handelt,
sondern darum, daß Ruhe und Kontinuität in den Fahrbetrieb zurückkehren können.
Die Hektik der sogenannten Reformen der letzten Jahrzehnte führte zu einer
Verunsicherung gerade auch der Fahrgäste. Wir kehren zurück auf die Schiene der
Kontinuität.
Das ist, Herr Minister, ein hohes Ziel, wenn auch vielleicht noch etwas wenig
konkret. Gibt es nicht doch in der Praxis erhebliche Änderungen für die
Fahrgäste und das Fahrpersonal?
Natürlich werden vor allem kopflastige Nahverkehrsideologen Sturm laufen
gegen unsere Rückkehr zur verantwortlichen Fahrplangestaltung; vor allem
diejenigen werden aufschreien, die glauben, die Weltrevolution durch den langen
Marsch durch die Fahrpläne anzetteln zu können. Doch lassen Sie es mich diesen
Herren ganz deutlich sagen – und die vielen Menschen draußen im Lande werden das
sehr gut verstehen! – Sie werden den Zug der Zeit nicht aufhalten können! Wir
machen eine Reform der Überschaubarkeit für die Praxis und aus der Praxis
heraus!
Das gibt mir, Herr Minister, das Stichwort, nach der Zusammensetzung der
Fahrplankommissionen zu fragen. Man munkelt ja, daß es dabei nicht in erster
Linie um Fachkompetenz ging, sondern daß regionalpolitische Maßstäbe
ausschlaggebend gewesen sein sollen.
Das ist nun wieder eine der typischen Verdrehungen der Linkspresse! Die
Kommissionen sind genau nach den Bestimmungen meines Hauses zusammengesetzt
worden. Da gibt es keine Geheimnisse und Grauzonen! Jeder Betriebshof der
Nahverkehrsbetriebe unserer Region hat einen Praktiker aus dem Fahrdienst
benannt, vorzugsweise Lehrfahrer und Fahrmeister, wozu dann noch die Vertretung
der Fahrgäste und der Betriebsrat je einen weiteren Teilnehmer hinzuschicken
konnten. Der Personalvertreter ist offensichtlich ein Funktionär der ÖTV, was
die politische Offenheit der Kommissionsarbeit deutlich belegt. So ist der ganze
Betrieb angemessen vertreten.
Und die Sachkompetenz für die Fahrplangestaltung?
Herr V., Sie dürfen hier nicht übersehen, daß ja kein neuer Fahrplan gemacht
wird, sondern daß die Fahrplangrundlagen neu bestimmt und politisch verantwortet
werden müssen.
Herr Minister, das BMFT hat in Zusammenarbeit mit Betrieben des ÖPNV seit
Jahren wissenschaftlich-technische Pilotprojekte durchgeführt, auf deren
Ergebnisse heute jede Fahrplangestaltung zurückgreift. Es geht dabei um
Optimierung der Betriebsabläufe, der Fahrgastinformation, der Fahrplanerstellung
und, u. a., der innerbetrieblichen Kommunikationsabläufe; ich nenne hier nur
BON, ALIBI, BISON, RETAX...
Aber, aber, wir verlieren uns hier doch wieder in die überspezialisierten
Bereiche, die die neue Unübersichtlichkeit erst bewirkt haben. Wir wollen unsere
Kunden nicht desorientieren, wir wollen uns dem Vorwurf der Kopflastigkeit nicht
aussetzen...
Was wollen Sie denn in der Praxis dagegen setzen?
Die Räder müssen wieder rollen! Wo kommen wir denn hin, wenn jeder Fahrgast
erst einmal lange überlegen muß, wohin er denn überhaupt will, in welche Bahn er
einsteigen muß bei dieser unübersichtlichen Fülle von Wagen und Linien und
Abfahrtzeiten? Jeder Fahrgast muß ein für alle mal wissen, wann sein Wagen
kommt. Das ewige Hin-und-Herspringen muß ein Ende haben.
Soll der Fahrgast nicht mehr umsteigen?
Das wird sich nicht immer vermeiden lassen. Aber in geordneter Form an
ausgewiesenen Umsteigestellen. Außerdem muß die verwirrende Gleichzeitigkeit des
Betriebes auf allen Linien und Strecken ein Ende haben! Wir werden in Zukunft
ganz massiv alle Wagen jeweils auf einer Strecke einsetzen, ehe wir auf einer
anderen Linie weiter fahren! Dabei gilt das altbewährte Ordnungsprinzip „vom
Nahen zum Fernen", um unsere Verankerung in der Heimat zu betonen und dem
Fahrgast Orientierungsmöglichkeiten anzubieten -
Was ist darunter konkret zu verstehen?
Zunächst fahren wir in einer geschlossenen Fahrplansequenz die kurzen
Strecken ab, ehe wir im Laufe des Tages, auf den Erfahrungen der Kurzstrecken
sequenziell aufbauend, sinnvoll auf die längeren und schließlich auf die
Außenstrecken überwechseln. Das Springen zwischen den Strecken soll es
jedenfalls nicht mehr geben!
Herr Minister, Sie haben drei verschiedene Kommissionen eingesetzt, für die
Stadt- bzw. U-Bahn, für die verbleibenden Straßenbahnlinien und schließlich für
die Busse...
Ja, das entspricht unserem dreigliedrigen Verkehrssystem
- Wäre es hier nicht sinnvoller gewesen, einen integrierten Fahrplan für die
ganze Stadt -
Nein, nein, wir wollen das Bewährte nicht aufgeben! Das Stichwort
„integriert" hat schon so viele ideologische Desorientierung geschaffen, daß wir
es aus unserem Vokabular streichen sollten! Jeder Fahrgast soll das
Verkehrsmittel erhalten, das seinen Möglichkeiten entspricht. Schließlich ist es
doch offensichtlich, daß Busse nicht in U-Bahn-Tunneln fahren können.
Wie rechtfertigen Sie es dann, daß praktisch alle Mittel und politischen
Prioritäten dem U-Bahn-Fahrplan zugute kommen sollen?
Das liegt doch auf der Hand! Oder wollen Sie es nicht sehen? Die U-Bahn ist
das von den Grundinvestitionen her aufwendigste System, das auch am weitesten
führt, bis in das Geschäftszentrum und das Regierungsviertel unserer Region
hinein. Es ist nur billig, hier auch finanziell Prioritäten zu setzen! Die
anderen Systeme arbeiten der U-Bahn zu. Nicht jeder kann eben U-Bahn fahren!
Wie erklären Sie aber, Herr Minister, daß Fahrplanentwürfe des Bussystems,
die schon auf dem Tisch lagen, kurzfristig und in kürzester Zeit gerade von der
U-Bahn-Kommission überarbeitet und in wenigen Tagen nahezu auf den Kopf gestellt
worden sind?
Das hat mehrere Gründe. Einmal haben wir im Bus eine grundlegende
Bestandsaufnahme durchgeführt -
- und wissenschaftlich auswerten lassen? -
- nein, nein, da es sich ja um politische Setzungen und nicht um
technologische Entwürfe handelt, blieb die Auswertung in den bewährten Händen
der Verwaltungsfachleute meines Hauses – also: diese Bestandsaufnahme forderte
mehr Kontinuität und mehr Rollen der Räder, was die Kommission noch nicht so gut
begriffen hatte und in der Fülle der geplanten Linien und Verbindungen zu sehr
noch am alten System hängen blieb und die Zulieferfunktion zur U-Bahn
vernachläsigte -
- die politischen Kompetenzen liegen zwischen den Kommissionen doch noch
etwas auseinander! -
- und zweitens müssen doch die Busse dort sein, wo die U-Bahn abfahren soll!
Und wenn das nun Schwierigkeiten beim Wagenumlauf der Busse hervorruft? Das
dürfte eher ein technisches Problem sein, das die Setzungen nicht berührt!
Wie begründen Sie denn diese Setzungen gegenüber den Fahrgästen?
Wie bitte?
Wodurch werden den Betroffenen die Gründe für Ihre Setzungen verständlich
gemacht?
Da liegt ein Mißverständnis vor! Eine politische Setzung ist eine
Willensentscheidung der politischen Mehrheit. Diese wird ja durch demokratische
Wahlen legitimiert. Es wäre ein Verrat an der demokratischen Freiheit unserer
Wähler, wenn wir uns bei grundlegenden politischen Setzungen in den äußeren
Zwang von Begründungspflichten und Legitimationen gegenüber demokratisch nicht
legitimierten Personenkreisen zu begeben hätten. Das widerspricht unserem
freiheitlichem System und der Gewissensfreiheit des Politikers.
Und die Logik einer Sachentscheidung?
Was hat Politik mit Logik und Sachentscheidungen zu tun?
Und wenn Sie, Herr Minister, persönlich nach den Gründen für diese Reform der
Reform gefragt werden, wie würden Sie diese gegenüber Ihren Wählern vertreten?
Ja, das ist doch sehr komplex! Sagen wir doch einfach: Die Reform entspricht
dem Zeitgeist. Wir müssen doch auch im Fahrplanbereich endlich wahrnehmen, daß
sich die Zeiten gewandelt haben und daß mit der Wende endlich ernst gemacht
werden muß!
Woher nehmen Sie, Herr Minister, den Mut zu Ihrem Vorhaben?
Das Vorbild meines geschätzten Kollegen, des Herrn Kultusministers, gibt mir
das Vertrauen, jede, aber auch jede Wende in meinem Ressort reibungslos
durchsetzen zu können, wie es unser Wählerauftrag ist.
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