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Schulreform in Niedersachsen

Der "Emder Arbeitskreis"

in Gedenken an Dr. Edigna Schrembs

Ministerialrätin im Niedersächsischen Kultusministerium im Ruhestand
* 15.7.1930 - † 6.11.2003

 

Nach einem Leben, das ganz der Schule, der Pädagogik, der Kulturpolitik und ihren Freunden gewidmet war, ist nach langen Leiden von uns gegangen Dr. Edigna Schrembs.
Ihre dankbaren Freundinnen und Freunde trauen um sie und werden sie nicht vergessen.
(aus der Todesanzeige)
Dr. Edigna Schrembs war lange Jahre im Vorstand des Verbandes der Politiklehrer im wissenschaftlichen Beirat aktiv gewesen.
Wir danken ihr für ihr unermüdliches Eintreten für eine bessere Schulpolitik.

politik unterricht aktuell, Heft 2/2002: 1-3

Emder Arbeitskreis

Zum Gedenken an Edigna Schrembs

 

In den siebziger Jahren startete das niedersächsische Kultusministerium einen tief greifenden Re­formimpuls: die Reform der Sekundarstufe II. Grundprinzip war die Auflösung des sequenziellen Fachunterrichts in einem Kurssystem, die Zuordnung zu Aufgabenfeldern (A: sprachlich-künstleri­sches Aufgabenfeld, B: gesellschaftswissenschaftliches Aufgabenfeld, C: mathematisch-naturwis­senschaftliches Aufgabenfeld), die Umstellung der Leistungsbewertung von den traditionellen No­ten auf ein Punktesystem (0 bis 15 Punkte), die größere Wahlfreiheit der Schülerinnen und Schüler in der Zusammenstellung eines individuellen Curriculums und schließlich – und das war das eigent­liche Ziel der Reform – eine Revision der traditionellen Unterrichtsinhalte und Lernmethoden. Da­bei sollte projektorientiertes Lernen, Problem- und Handlungsorientierung, exemplarisches Lernen und das, was heute wieder verstärkt gefordert wird: das Erlernen von Schlüsselqualifikationen („soft skills“) im Vordergrund stehen. Auch die Integration der allgemein bildenden und der beruf­lichen Ausbildung stand auf der Agenda.

Dazu wurden drei aufgabenfeldbezogene Reformkommissionen und eine koordinierende „Grund­satz­kommission“ eingesetzt. Die Reformarbeit erhielt in Hannover ein eigenes Büro und wurde ge­lei­tet von Frau RD´ Dr. Edigna Schrembs und dem leider früh verstorbenen O. E. Müller, die so zu sagen zu den „guten Geistern“ der Reform wurden.

Edigna Schrembs ist nach langer Krankheit im November 2003 gestorben. Ein kurzer Blick auf ihr Le­benswerk sei hier eingefügt. Als Deutsch- und katholische Religionslehrerin, zuletzt an der Elsa-Brändström-Schule in Hannover, kam sie von der schulischen Praxis her, bevor sie in das Kultus­ministerium berufen wurde. Daher stehen am Anfang ihrer Laufbahn auch einige qualifizierte fachwissenschaftliche Publikationen:

Eugenie Felice Edigna Schrembs, Die Selbstaussage in der Lyrik des 17. Jh.s bei F., Gryphius, Günther (Diss. Mün­chen), 1953

Hans-Georg Hölsken, Edigna Schrembs, Wertung und Wirkung von Literatur. Schroedel, Hann. Erscheinungsdatum: 1977. ISBN: 3507102560

Schrembs, Edigna: Textproduktion und Textrezeption zum Thema Reisen. Beschreibung des Artikels:  Materialien für die Sekundarstufe II Deutsch. Schroedel, Hannover, 1975. 120 S., kart.

Hans-Georg Hölsken, Edigna. Schrembs, Buch und Leser. Schroedel, Hann. Erscheinungsdatum: 1976. ISBN: 3507102552

Jürgen Schoormann, Hans-Georg Hölsken, Edigna Schrembs, Komik und Komödie. Schroedel, Hannover. Erscheinungs­datum: 1976. ISBN: 3507102544

Später konzentrierten sich - neben ihrer beruflichen Arbeit im Kultusministerium – ihre Veröffentli­chungen auf die bildungspolitischen Probleme und die Ergebnisse der Reformarbeit – auch heute noch lesenswerte Aufsätze, die sie dann auch zusammen mit den führenden Mitgliedern der Re­formkommissionen verantwortete:

Schrembs, Edigna und Jürgen Wolf, 1982: Das hessische Oberstufenurteil als Symptom für Kon­fliktfelder in Gesell­schaft und Schule der Bundesrepublik Deutschland. In: DDS, 74, 1982, 3, S. 177-191

Müller, Otto E., Edigna Schrembs u. Jürgen Wolf: Das gesellschaftswissenschaftliche Aufgabenfeld im Kurssystem der gymnasialen Oberstufe in der Bundesrepublik Deutschland – seine Umsetzung in Richtlinien und Handreichungen der Länder, seine Auswirkungen auf Schulbücher und Unterrichtsmaterialien. Internationale Schulbuchforschung / Georg-Eckert-Institut Braunschweig. 2. Jahrgang 1980, Heft 3

 Die Ergebnisse der Reformarbeit wurden vom Kultusministerium publiziert in den so genannten „Handreichungen“, in denen in einer Reihe von jeweils drei bis vier Bänden für jedes Aufgabenfeld Kursentwürfe mit Lernzielen, didaktischen Konzepten und Unterrichtsmaterialien veröffentlicht wurden. Daneben entstanden „Grundsatzpapiere“ zu den Lernzielen und der Unterrichtsorganisa­tion.

 Nach dem Regierungswechsel Ende der siebziger Jahre in Niedersachsen wurde diese Arbeit ab­gebrochen, die Restbestände der „Handreichungen“ verschwanden in den Kellern des Ministeriums und die Kehrtwende zu traditionelleren Schulkonzepten, die jetzt erst in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends bundesweit kumuliert. Kritische Anmerkungen dazu veröffentlicht z.B. der Verband der Politiklehrenden auf seiner Web-Site: <http://www.politiklehrerverband.org/

Aber noch einmal zurück zum Ende der siebziger Jahre. Das „Grundsatzpapier“ der Reformkom­mission für das gesellschaftswissenschaftliche Aufgabenfeld wurde nicht mehr vom Ministerium veröffentlicht – durch Vermittlung des Leiters der „Gruppe B“, Herrn Dr. Eckart Jander - später Schulleiter der Tellkampfschule Hannover – konnte eine Druckauflage vom Philologenverband Niedersachsen publiziert werde. Zwei schon fertig gestellte Kursentwürfe, für das Fach Poli­tik/Soziologie „Soziale Ungleichheit“ von Jürgen Wolf und Gerhard Voigt, für das Fach Poli­tik/Psychologie „Psychische Probleme in der Adoleszenz“ von Schattenburg / Ziehe, wurden aus grundsätzlichen politischen Gründen vom Ministerium verboten und mit Verdikten wie „verfas­sungsfeindlich“ oder „nicht  für die Schule geeignet“ versehen. Doch fanden sich auch hier Publi­kationsmöglichkeiten bei der GEW Niedersachsen bzw. bei der Pädagogischen Arbeitsstelle Dort­mund (pad), so dass diese Kurse wohl dann zum Ärger des Ministeriums die Arbeitsergebnisse der „Gruppe B“ waren, die die meiste Aufmerksamkeit - bis hin zu einer Anfrage im Landtag - und Verbreitung - auch in der unterrichtlichen Erprobung und Umsetzung - gefunden haben.

 Für die engagierten Mitglieder der Reformkommissionen war dieses Ende der Reformarbeit nicht erträglich. Durch eine Initiative von Frau Dr. Schrembs wurde der Zusammenhalt einer etwas wechselnden Reihe der Reformaktivisten aufrecht gehalten. Vor allem bis zu seiner Erkrankung Ul­rich Bauermeister, OStD, Schulleiter der Bismarckschule Hannover, Peter Domann, OStD, Hanno­ver, Dr. Eckart Jander, OStD, Laatzen, Schulleiter der Tellkampfschule Hannover, Wilhelm Leeker, OStD, Berufsbildende Schulen Emden, Dr. Edigna Schrembs, RD’, Kultusministerium Hannover, Werner Stapp, OStD, Hameln, Gerhard Voigt, OStR, Laatzen, Jürgen Wolf, StD, Braunschweig, und, als alter Freund von Frau Dr. Schrembs, Dr. Hellmut Roemer, OStD, Göttingen, sowie Marina Bökenkamp, Hannover, zeitweise auch der spä­tere SPD-Kultusminister Prof. Rolf Wernstedt, MdL nach seiner Zeit als Kultusminister Präsident des Niedersächsischen Landtages –, trafen sich regel­mäßig zu bildungspolitischen Gesprächen bei Frau Dr. Schrembs. Originalität und kritischer Impe­tus dieser Gespräche waren ungebrochen und wiesen in die Zukunft der Bildungsentwicklung.

Höhepunkte der Arbeit und der Diskussionen waren jedoch unsere Treffen in Emden. Eingeladen hat uns Wilhelm Leeker, Leiter der Berufsbildenden Schulen II und lange Zeit im Rat der Stadt Em­den nicht nur für die Bildungspolitik engagiert, sondern als Vorsitzender der SPD-Ratsfraktion en­gagierter und hervorragender Kommunalpolitiker der Stadt Emden. In der Arbeit in der Reform­kommission B (für das gesellschaftswissenschaftliche Aufgabenfeld) vertrat er die innovativen An­sätze im wirtschaftspädagogischen Bereich und über diese Kommission hinaus die Ziele der grund­sätzlichen Integration beruflicher und allgemeinbildender Schulreformen. Zu seiner Person und sei­ner erworbenen „Ostfriesenschaft“ schreibt der General-Anzeiger aus Ostfriesland (http://www.ga-online.de/inhalt/2001-05-14/lok1/d120000000_13201.html ) in seinem Artikel „Seit Samstag gibt es drei Ostfriesen mehr. Rhauderfehner Gemeindedirektor nahm als „frisch gebackener Ostfriese“ Indigenat der Ostfriesischen Landschaft entgegen“:

Dritter im Bunde der „Ehren-Ostfriesen“: Oberstudiendirektor i. R. Wilhelm Leeker. Geboren in Halle/Westfalen lernte er nach dem Krieg zunächst den Tischler-Beruf, bestand später als „Externer“ die Hochschulprüfung und nahm ein Doppelstudium an den Wilhelmshavener Hochschulen für Gewerbelehre und Sozialwissenschaften auf. Nach weiterer Ausbildung kam er 1969 als Schulleiter der berufsbildenden Schule II nach Emden, wo er bis zur Pensionierung 1996 tätig war. In seiner Wahlheimat Emden und Ost­friesland habe er sich weit über seinen beruflichen Horizont hinaus verdient gemacht, so der Landschafts­präsident.

Von diesen Tagungen leitete sich als selbst gewählter Name die Bezeichnung „Emder Arbeitskreis“ ab, die auch als „Marke“ eine grundsätzliche bildungspolitische Veröffentlichung trägt, die Edigna Schrembs, Jürgen Wolf, Eckart Jander und Gerhard Voigt durch den Verband der Politiklehrer, Han­nover, im Juni 1987 als Grundsätze der bildungspolitischen Arbeit des Emder Arbeitskreises vorgelegt haben. Beide Aufsätze aus diesem Heft sind auch auf der Internetseite des Verbandes der Politiklehrer e.V., Hannover, in durchgesehe­ner Fassung (2003) publiziert (vgl. Literaturhinweise am Ende dieser Seite) und sollen vor allem dem Anden­ken von Frau Dr. Edigna Schrembs und dem Dank an Wilhelm Leeker gewidmet sein, ohne die diese bildungspolitische Kontinuität nicht hätte erreicht werden können. Es wird Zeit, sich dieser auch heute noch innovativen Ansätze wieder zu erinnern und aus der Arbeit des „Emder Arbeits­kreises“ Impulse für ein Umsteuern in der ver­fahrenen und rückwärts gerichteten bildungspoliti­schen Situation nicht nur in Niedersachsen zu ge­winnen.

Gerhard Voigt

Erste Internetpublikation: 7. Dezember 2003 unter http://www.voigt-bismarckschule.de

 

Literaturhinweise:

 

Eckart Jander / Gerhard Voigt: Was soll Schule leisten, was kann unsere Schule leisten?

Edigna Schrembs / Jürgen Wolf:  Bildung ‑ ein Kernproblem der inneren Schulreform

Textpublikation 1987: Emder Arbeitskreis – Überlegungen zu einem Neubeginn der Schulre­form in Niedersachsen. Verband der Politiklehrer e.V., Hannover. 72 S. (vergriffen)

Internetpublikation auf der Homepage des Verbandes der Politiklehrer:

http://www.politiklehrerverband.org

und unter:

http://www.voigt-bismarckschule.de

 

Veröffentlichungen zum Emder Arbeitskreis:

Emder Arbeitskreis - ein Rückblick

Jürgen Wolf: Gedanken zur Tätigkeit von Edigna Schrembs

Eckart Jander / Gerhard Voigt: Was soll Schule leisten, was kann unsere Schule leisten?

Edigna Schrembs / Jürgen Wolf:  Bildung ‑ ein Kernproblem der inneren Schulreform

 

Aktuelle Stellungnahmen zur Schulpolitik

Marginalien aus zehn Jahren Verbandsarbeit

 

Gerhard Voigt, Pettenkoferstr. 13, D 30880 Laatzen

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