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In memoriam Ulrich Bauermeister (†) –
Schulleiter der Bismarckschule Hannover 1985-1998:
Festschrift zum Abschied und zu seinem 60ten Geburtstag 1989

Eine intensive schulpolitische und curriculare Reformarbeit und Reformorientierung erfuhr an der Bismarckschule Hannover neue Anstöße und eine ungeahnte Blüte in der Direktoratszeit von Ulrich Bauermeister. In der Zeit von 1975 bis 1998 gelang es ihm, in der Bismarckschule Hannover ein Klima durchzusetzen, das von Liberalität und pädagogischer Innovationsorientierung geprägt war.

Ulrich Bauermeister verstand und vermochte es, das Kollegium gegen „Disziplinierungsbemühungen“ und „Hereinregieren“ durch Schulaufsicht und Schulbürokratie abzuschirmen. In diesem offenen Raum konnte sich ein Klima interkultureller Offenheit und internationaler Zu­sammengehörigkeit entwickeln, dessen Früchte sich in Schulpartnerschaften, zum Beispiel mit Polen, Ungarn oder der Türkei, zeigten. Beteiligung an Lehrerfortbildungsmaßnahmen, Teilnahme an überregionalen Tagungen und wissenschaftlicher Austausch banden die Bismarckschule Hannover bewusst und nachhaltig ein in innovative fachliche, pädagogische und didakti­sche Diskurse.

Pädagogik „diente“ nicht nur dem Vollzug administrativer Vorgaben sondern wurde gefördert als ein phantasieanregendes Experiment – mit offenem Ausgang, verbunden aber auch mit dem Risiko des Scheiterns. Wenn in dieser Zeit die Bismarckschule Hannover internationales Ansehen erworben hat und wenn Publikationen, die ihren Ursprung dem kreativen und liberalen Stil der Schule verdanken, in einer breiteren wissenschaftlichen und pädagogischen Öffentlichkeit wahrgenommen worden sind, war dies durchaus nicht für alle Beteiligten unproblematisch.

Engere, affirmative Pädagogik-Ansätze und ‑Vorstellungen verursachten und begründeten immer stärker einen gewissen Widerstand von Kollegen- wie von Elternseite gegen die „Unkalkulierbarkeit“ und die immer größer werdenden Zahlen ausländischer Schülerinnen und Schüler in der Schule – und gegen das interkulturelle Selbstverständnis dieser UNESCO-Projekt-Schule, dem Ulrich Bauermeister in den letzten Jahren durch das Voranschreiten einer tragischen Erkrankung immer weniger Widerstand entgegensetzen konnte. Zu seinem sechzigsten Geburtstag 1999 kurz nach seiner vorzeitigen Pensionierung, gaben wir noch einen Sammelband mit Aufsätzen heraus, die sein Lebenswerk würdigen. Der Text wird nachfolgend auch im Internet publiziert. Am 18. Juni 2004 ist Ulrich Bauermeister gestorben.

REFORM

vom Gedanken zur Praxis

 für

Ulrich Bauermeister

Schulleiter der Bismarckschule von 1975 - 1998

Hannover 1998

Rolf Wernstedt:

Ulrich Bauermeister

Es war im Juli 1971. Ich stand das erste Mal vor dem Portal des Niedersächsischen Kultusmi­nisteriums Am Schiffgraben 12. Neben mir eine Reihe von Lehrern, die alle auch eine Ein­la­dung, unter­schrieben von Ministerialrat O. E. Müller, in der Ta­sche hatten. Das Ministerium plante, für die absehbare Einfüh­rung der neuen gymnasialen Oberstufe, die die Auflösung der Klas­sen­verbän­de und die Etablierung von Kursen mit sich bringen sollte, die Konz­i­pie­rung von Handrei­chungen. Dieser vornehme, experi­mentelle Be­griff war gewählt worden, um den Versuchs- und Rich­tungs­cha­rak­­ter zu betonen.

Ich war sehr stolz, zu diesem Kreis eingeladen worden zu sein, obwohl ich mir das nicht recht erklären konnte. Einer wußte schon an diesem Tage alles: Ulrich Bauermeister. Seine fixe Auffas­sungs­gabe, sein schnelles kombinatorisches Vorgehen und sein über die GEW erworbenes organisa­torisches Wissen machten ihn sogleich zu einem „Wortführer”. Er wurde gebeten – ich vermute, O. E. Müller hatte vorher mit ihm gesprochen –, die Leitung der Gruppe D, die Organisationsfragen zu behandeln hatte, zu über­nehmen.

Innerhalb eines guten halben Jahres sind danach die Arbeiten mit der Herausgabe der 1. Hand­reichungen abgeschlossen worden.

Da ich mich immer – damals schon – mehr für Inhalte als für die Organisation interessiert habe, war mir die komplizierte Ar­beit der Gruppe D fern liegend. Ulrich Bauermeister allerdings ging nach meinen Beobachtungen in seiner Arbeit auf.

Seine Kompetenz in organisatorischen Fragen, sein Engage­ment für seine Fächer, seine Men­schenfreundlichkeit in der Unter­stüt­zung von Hilfe suchenden Schülern sind mir immer gegenwär­tig gewesen. Als ich ihm 1990 anbot, als Dezernent in die Bezirks­regierung zu gehen, hat er dies mit dem nachvollziehbaren Be­mer­ken abgelehnt, in der Bezirksregierung sei er weniger sein ei­gener Herr als in der Schule.

Die Bismarckschule galt in den Achtziger Jahren als „schwere” Schule, was immer das auch hei­ßen mag. Die weltoffene, den ethi­schen und historischen Dimensionen von Lernen und Politik zuge­wandte Haltung hat bei mir großen Respekt hinterlassen.

Angesichts der Lebensleistung dieses Mannes ist im Rückblick die Kampagne, die 1975 gegen seine Berufung als Schulleiter der Bis­marckschule geführt wurde, geradezu erbärmlich.

Prof. Rolf Wernstedt

Präsident des Niedersächsischen Landtages

2. Juni 1998

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Wilfried Haase:

Einleitung

U. Bauermeister, OStD – manchmal auch ohne das „U.“ für Ulrich –, so stand es von 1975 bis 1998 unter Dokumen­ten, amtlichen oder nichtamtlichen Schreiben, Einladun­gen, kurz, unter den meisten mehr oder weniger offiziellen Schrift­stücken, die die Bismarck­schule verließen, „U. Bauermei­ster“ na­türlich in markanter, schwung­voller und (!) lesbarer Handschrift.

Jetzt, nach 23 Jahren Dienstzeit als Leiter der Bismarckschule beginnt mit dem 1. Juli 1998, kurz vor der Vollendung seines 60. Lebens­jahres am 7. Juli 1998, für Ulrich Bauermeister der Ruhe­stand.

23 Jahre – die längste Amtszeit eines Schulleiters in der Ge­schichte der Bismarckschule – müssen mehr als nur Spuren hin­ter­lassen, besonders wenn das Amt wie durch Ulrich Bauermeister mit dem Einsatz seiner ganzen Persönlich­keit ausgefüllt wurde.

Mit Energie und Durchsetzungsvermögen nutzte er die Mög­lich­keiten, die dem Schulleiter zur Verfügung stehen, neue Ak­zente in der pädagogischen Arbeit an seiner Schule zu setzen und für das Lernen und Lehren fruchtbare Grundlagen und Rahmen­bedingun­gen zu schaffen. Er konnte dabei auf die Erfahrungen zurückgrei­fen, die er bei der Mitarbeit an der Reform der gymna­sialen Ober­stufe in Niedersachsen gesammelt hatte, doch wesent­licher waren eigene pädagogische und politische Ideen und Vor­stellungen, die er einzubringen vermochte und für deren Verwirk­lichung er es ver­stand, innerhalb und außerhalb der Bismarck­schule die nötige Unterstützung zu gewinnen. Die Kontakte, die die Bismarckschule in einer Zeit, als solche Verbindungen noch ungewöhnlich waren, zu Polen und hier besonders zu der Partner­schule, dem V. Lyzeum Ogólnoksztańćńce in Poznań geknüpft hat, sind untrennbar mit sei­nem Namen verbunden. Er förderte und unterstützte aber auch die Kontinuität anderer Beziehungen zu ausländischen Schulen wie dem Istanbul Lisesi in der Türkei, die sich nicht immer ganz ein­fach gestalteten.

Sein 60. Geburtstag und sein Eintritt in den Ruhestand geben Anlaß, einige für Ulrich Bauermeister wichtige Schwerpunkte sei­ner Tätigkeit zu würdigen. Den Initiatoren dieser Widmungs­schrift und den Autoren, die sich bereit erklärten, in unterschied­licher Form an ihr mitzuwirken, ist herzlich zu Dank zu sagen. Ih­re große Zahl zeugt von der Vielfalt der Begegnungen und der großen An­er­ken­nung, die die Arbeit Ulrich Bauermeisters über die Bis­marck­schule hinaus gefunden hat.

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Rolf Schlömer:

Sehr geehrter Herr Bauermeister!

Die beiden Sternkarten auf den zwei folgenden Seiten mö­gen Sie daran erinnern, daß Sie sich immer tatkräftig für die Belange der Sternwarte und der Astro-AG eingesetzt haben. Dafür danke ich Ihnen sehr herzlich.

Die beiden Karten zeigen den Sternenhimmel an Ihrem Ge­burtstag um 23 Uhr mitteleuropäischer Zeit, also bei der jetzt gel­tenden Sommerzeit um Mitternacht. Schauen Sie um diese Zeit nach Süden, dann werden Sie dort den beinahe vollen Mond und die dargestellten Sternbilder sehen.

Das Programm, mit dem die Sternkarten erstellt wurden, wurde mit den Schülerinnen und Schülern der ersten Astro- AG (Schuljahr 1985/86) begonnen und in den folgenden Jahren von mir ergänzt. Polyglott wurde das Programm erst in diesem Jahr, als eine Schülerin der jetzigen Astro-AG mit Russisch als Mutter­sprache auf die Idee kam, die Namen der 88 Sternbilder auf Rus­sisch zu besorgen. Die Integration in das Programm war leichter als befürchtet. Wir haben gleich weitere Sprachen (Latein, Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch) mit dazugenommen. Bei dem umgebenden Text für Ort, Zeit und Datum haben Kolle­ginnen und Kollegen unserer Schule geholfen. Ein polyglottes Pro­gramm steht doch einer UNESCO-SCHULE besonders an!

Ihr Rolf Schlömer

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Roman Henicz:

Organisator und Diplomat

Als ich die Ehre hatte, mich mit Ulrich Bauermeister zu tref­fen, beeindruckte mich dieses Treffen sehr stark. Einerseits war das eine große Satisfaktion, andererseits eine Unruhe, was diese Kon­tak­te mit dem Westen in der politisch so schweren Zeit mit­brin­gen. Damals galten alle Kontakte mit dem Westen als verdächtig.

Unser Versuch, die Zusammenarbeit zwischen polnischen und deut­­schen Schülern anzunehmen, wurde von der Obrigkeit schlecht angesehen. Nach den ersten Gesprächen mit Ulrich Bau­er­meister habe ich mich orientiert, daß er eine vorzügliche politi­sche Orientierung hat. Er verstand unsere Probleme. Dem sich ge­stell­ten Ziel ist er beharrlich gefolgt. Der gute Diplomat, der sich nicht entmutigen läßt. Er ist imstande, überallhin zu gelangen, um Schwierigkeiten zu überwinden. Ulrich Bauermeister hat eine große Überzeugungskraft. Er kann gut die Zusammenarbeit veran­stalten, sowie die dabei Be­tei­ligten davon überzeugen. Es hat bei meiner kleinen Unterstüt­zung dazu geführt, daß unsere Schulen die offizielle Zusammenar­beit und den Schüleraustausch aufge­nom­men haben.

Jede unserer Initiativen wurde immer herzlich begrüßt. Wir konnten um Hilfe bei ihrer Realisie­rung bitten und wurden immer freundlich unterstützt. Jeder unserer Besuche in Hannover war durch­dacht und erfolgreich. Wir fühlten die starke Hand vom Chef und das kräftig bummernde Herz des Freundes.

So beurteile ich Ulrich Bauermeister, der zur Bildung der freund­lichen Beziehungen zwischen den jungen Leuten aus Polen und Deutschland beigetragen hat. Er hat den polnischen Schulen die Bahnen nach Westen geebnet. Er hat die Schüler und Lehrer aus Deutschland nach Polen geführt.

Man darf das nicht vergessen. Das ist in der Dokumentation des Klaudyna Potocka–Lyzeums enthalten, deren Kopie ich mit Beifalls­äußerung überweise.

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Eva Helms-Scholz:

Für Ulli B.

Sein Name begegnete mir zum ersten Mal nach bestandenem ersten Staatsexamen im Fach Kunst an der SHFBK Braun­schweig im Sommer 1977. Während ich mein Zeugnis foto­ko­pierte, um Bewer­bungsunterlagen zusammenzustellen, wurde mir mit den lapidaren Worten: „Du willst doch sicher zurück nach Han­nover, oder?” ein Brief des Leiters der Bismarckschule Hanno­ver in die Hand ge­drückt. Es wurde ein Exstudent gesucht, der kurzfristig bereit war, einen sechzehn Stunden BAT-Vertrag anzu­nehmen.

Die Situation hatte deutlich zwei Seiten. Die Chance, eine Stel­le zu bekommen, endlich eigenes Geld zu verdienen und aus dem un­geliebten Braunschweig nach Hannover zu kommen, war verloc­kend. Dem entgegen standen noch zwei weitere Semester Studium der Germanistik in Braunschweig bis zum Abschluß und das machte Mut zu pokern.

Eine Woche später, im Gespräch mit OStDir. Ulrich Bauer­mei­ster und dem Stundenplanmacher Körner, schlug er vor, die sech­zehn Stunden auf vier Tage zu verteilen. Mein Gegenvorschlag, al­le Stun­den an drei Tagen geblockt unterrichten zu dürfen, um Fahrzeit zu sparen, bereitete Pein. Es folgten Appell und Bekennt­nis zugleich: Kunst sei doch ein außerordentlich wichtiges Fach. Da er unbedingt entschieden sei, die Lücke in der Unterrichtsver­sor­gung mit Beginn des Schuljahres zu schließen, wurde bis zu ei­nem akzeptablen Kom­promiß weiterverhandelt.

Die Kunsterzieher an der Schule standen dem Neuling ohne Un­terrichtserfahrung skeptisch ge­genüber; Ulli B. überzeugte auch sie zur Kooperation. Als Meyer I mich im Anschluß an die Ange­stellten­zeit gegen meinen Wunsch als Referendarin an eine andere Schule zu schicken versuchte, setzte er sich erfolgreich zur Wehr. Auch bei der Notengebung im zweiten Staatsexamen stand er, der selber im Telefonbuch seine Schulkarriere hinter dem Titel Stu­dien­assessor versteckt, eher auf der Seite der Referendare als auf der der nicht ganz grundlos gefürchteten Seminar I-Tendenz.

Ulli B., nicht immer sicher, ob er heute der kollegiale oder der patriarchalische Chef war, war ei­nes: engagiert für alle, die mal al­lein im Regen stehen könnten, entschiedener und zugleich tole­ran­ter Moralist, der informierte Gestalter seiner Schule. Eigent­lich stand die Frage im Raum, ob ich nach unserem Auslandsauf­enthalt an seine Schule zurückgehen werde. Jetzt wird es eine an­dere sein.

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Gerhard Stünkel:

St an Ba

Was uns eint:

 

Viele Jahre

Graue Haare

 

Ein Fach

Einfach?

 

Was wir wollten:

 

Hoch hinaus

Hin? Aus?

 

Wo wir stehen sollten:

weder ganz oben

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noch ganz am Boden!

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Uwe Bellersheim / Thomas Sielenkämper

Gewerkschaftsarbeit an der Bismarckschule – anno dunnemals

Als Ulrich Bauermeister 1975 zum Schuleiter der Bismarck­schule berufen wurde, gab es im Vorfeld gehar­nischte Pro­teste des größe­ren Teils des Kollegiums, eines Teils der Schülerschaft sowie des Schulelternrats. Insbesondere die Mit­glied­schaft in der GEW war den Kritikern ein Dorn im Auge. Als Schul­leiter werde sich Ulrich Bauer­meister unverzüglich anschick­en, die ehrwürdige Bismarck­schule in eine Gesamtschule, rote Ka­der­schmiede oder gar noch Schlimmeres umzumodeln. Zudem sei die Schulleiterbesetzung gar vom MfS lan­ciert, um langfristig das kapi­talistische System der BRD auszuhebeln. Wie sollte man sich sonst den Umstand erklären, daß Ulrich Bauer­meister bei derart hart­näckigem Widerstand seine Bewerbung auf­recht erhielt?

In der Tat scharte Ulrich Bauermeister bald nach seinem Amts­an­­tritt Kolleginnen und Kollegen, die ebenfalls in der GEW orga­ni­siert waren, um sich, um in konspirativen Sitzungen den Umsturz des Bil­dungssystems vorzubereiten. Wie allseits bekannt ist, ge­lang dies auch. Die GEW diktierte den Behörden die Arbeits­be­din­gun­gen, revo­lutionierte die verstaubten Bildungsinhalte, schaffte Noten und Ver­setzungen am Gymnasium ab; kurz gesagt: Schule war nicht mehr das, was sie einmal war. So hatten sich die schlimm­sten Befürchtun­gen bewahrheitet – oder etwa doch nicht?

In der Tat trafen sich die in der GEW organisierten Kollegin­nen und Kollegen in halbwegs regelmäßigen Abständen; dies ge­schah im allgemeinen in Wirtshäusern, die mehr oder weniger weit von der Bismarckschule gelegen waren wie etwa dem Sie­mens-Eck (nur Alt-Kadern noch ein Begriff), in der Gilde-Klause mit dem sagen­um­wo­benen Kellner Hans – vulgo Max – oder in der Gilde-Schänke mit der feschen Wirtsgattin Rosi. Die jeweiligen Sit­zungsleiter waren um ihre Aufgabe nicht zu beneiden, denn nicht immer wurde die Diskus­sion stringent geführt, häufig waren thematische Abirrungen zu beklagen, sodaß nach geraumer Zeit ein Beschluß gefaßt wer­den mußte – des Inhalts, in den ersten 2 Stunden der Sit­zung nur zur Sache zu sprechen Auch wurde im Zuge der kader­mä­ßigen Straffung der feste Tagungsordnungs­punkt „Schul­lei­ter­schelte“ eingeführt. Leider sind die umfangrei­chen Akten aus die­ser Zeit den Wirren der Wende zum Opfer ge­fallen, sodaß hier nur aus dem Gedächtnis rekonstruiert werden kann, was insbesondere Datie­rungen erschwert.

Da die Wirtshausdebatten offenkundig den Umsturz nicht be­för­derten, wurde der – zumindest für einen Teil der Gruppe schwere – Entschluß gefaßt, die Sitzungen in Freizeitheimen abzu­hal­ten, später dann sogar in der Schule (sic).

Diskutiert wurde über allgemeine Fragen der Bildung, aber auch um konkrete Gestaltungsmöglichkeiten von Bildungspolitik an der Bismarckschule. Und es ging um Fragen der Arbeitszeit und der Ein­stellung junger Kolleginnen und Kollegen. Einer der Höhe­punkte der GEW-Arbeit war sicherlich die Teilnahme an der gro­ßen Demonstra­tion in Celle mit vorheriger demonstrativer Ar­beits­nie­der­legung von 12 Kolleginnen und Kollegen der Bismarck­schule - allen voran der Schulleiter; andere durchaus gelungene Veran­stal­tun­gen waren Wochenendaufenthalte in Eldagsen sowie im Elm, die Gelegenheiten zu intensiven Gesprächen, aber auch zu grup­pen­fördernden Aktivitä­ten gaben.

In der konkreten Umsetzung gewerkschaftlicher Aktivitäten an der Schule waren es  – von wenigen Ausnah­men abgesehen – die GEW-Kollegen, die über ihre Unterrichtsverpflichtung hinaus ihre Zeit zur Verfügung stellten, um etwa bei Feten oder Schulfesten die Aufsicht zu führen.

Die Verfasser dieser Zeilen gehören nicht zu denjenigen, für die eine Gewerkschaft in erster Linie eine Arbeitnehmervertre­tung dar­­stellt, sondern eher eine Organisation, die fortschrittli­che Bil­dung durchzusetzen versucht. Was diesen Aspekt anbetrifft, ist die Eu­pho­rie der 7Oer und frühen 8Oer Jahre angesichts der konser­va­tiven Wende einer gewissen Resignation und Müdigkeit gewi­chen, gewerk­schaftliche Positionen scheinen hierzulande nicht mehr­heitsfähig zu sein.

So ist auch von der aktiven GEW-Gruppe der Bismarckschule nicht mehr viel übrig geblieben; dies ist einerseits zu bedauern, andererseits aber auch verständlich, zumal dann, wenn keine jun­gen Kolleginnen und Kollegen eingestellt werden, die in dieser Hin­sicht neue Impulse in die Kollegien tragen könnten.

Der Gedanke einer großen einheitlichen Gewerkschaft für den öffentlichen Dienst erscheint uns sinnvoll.

Auf die aktiven Zeiten der GEW-Gruppe an der Bismarckschule blicken wir mit einem lachenden und einem weinenden Auge gern zurück.

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Gerburg Lippelt:

Aus dem Porzellanladen der interkulturellen Pädagogik

20 Jahre Schülerinnen und Schüler aus Mittel- und Osteuropa an der Bismarckschule

Das war 1977. Da fand sich die Goetheschule der zuneh­menden Zahl der Spätaussiedlerkinder nicht mehr gewach­sen, und die Behörde – was tat die Behörde? Sie handelte. Doch, ja. Sie öffnete eine zweite Schule für diese Schüler­gruppe, die Bismarckschule, und hurtig forderte der Schulleiter ein paar zusätzliche Lehrerstunden dafür, und er bekam sie. So kam ich an die Bismarckschule. War es etwa die gute alte Zeit? Ach nein, die hätte doch noch anders aussehen können. Denn wir hat­ten nun den Salat: SchülerInnen im Unter­richt, die nur 50% ver­stehen konnten, die den Kulturschock hätten verarbeiten sol­len, die durch die täglichen Demütigungen nur immer tiefer in ih­re Abkapselung hineingerieten, die mit ihren vorsichtigen ersten Anpassungsversuchen an unsere Lebensformen die schlimmsten Konflikte in ihren Familien heraufbeschworen.

Wie haben wir das aufgefangen? Wir haben es nicht aufgefan­gen. Wir haben versucht, unseren Unterricht wie gewohnt zu hal­ten, nicht da hinzugucken, wo die unglücklichen Schweiger saßen, ab und zu mal dort nachzufragen, ab und zu mal eine Pause auf ein Gespräch zu verwenden, individua­lisierte Beiträge, die zu Hause vorbereitet werden konnten, anzubieten, in den Klassenar­beiten den höheren Zeitaufwand durch verringerten Umfang aus­zu­glei­chen, Vokabelverzeichnisse zu besserem Textverständnis an­zu­fer­ti­gen – wenig, zu wenig. Immer nur in der Form der Selbst­ausbeu­tung, immer nur im Gefühl des Ungenügens. Aber gestützt und ermu­tigt durch den Schulleiter, der alles, was wir für nötig, rich­tig, hilfreich hielten, akzeptierte und notfalls vertrat gegen­über Kritik von außen oder innen. Wer andere Schulen kennt, weiß, wie vielfältig Mut, Phantasie, auch Takt und Güte durch Pa­ragra­phen­verweise und Vorschriftenängstlichkeit erstickt werden können. Aber flexible Reaktionen entstehen nur aus Veränderun­gen, und Veränderungen sind nur möglich nach Erfahrungen, und Er­fah­rungen kann nur machen, wessen Leine nicht zu straff ange­zogen ist. An der Bismarckschule konnte so in jahrelanger Refle­xion aller KollegInnen eine Art Kodex entstehen, wie innerhalb der Möglich­keiten und Grenzen unserer Berufsausübung eine An­näherung an Rücksichtnahme aussehen könnte – ein bescheidener Schritt, aber immerhin konnte davon in glücklicher Stunde etwas auf die Richt­linien abfärben, so daß, was wir tun, legal bleibt.

So also 1977 und die Folgen. Und zwanzig Jahre danach? Da sah sich die Bismarckschule der zunehmenden Zahl der Kontin­gentflüchtlinge nicht mehr gewachsen, und die Behörden? Die Be­hör­den steckten den Kopf wohin? In die Schule, um sich die Pro­portionen mal anzusehen? Aber nein. Niedersachsen ist schließ­lich, nibelungentreu, kein Einwanderungsland, vielmehr – – – rich­tig, also in den Sand. Dort aber findet man keine dritte Auf­nah­me­schule, keine Doppelzählung von SchülerInnen nichtdeut­scher Mut­ter­sprache, keine Unterscheidung zwischen drei Jahren und neun­zehn Jahren Sprachpraxis Deutsch bei der Abiturlei­stung, keine Idee überhaupt zur Integration von Immigran­ten­kindern – dort streut man sich nur selber Sand in die Augen, und in die Oh­ren gleich mit. Sieht und hört also nichts von 7. Klassen mit 29 Schü­lern, von denen sechzig Prozent Ausländer sind, sieht und hört nichts davon, daß Ausländerfeindlichkeit salonfähig wird in alten und neuen Ländern, in gebilde­ten und ungebildeten Eltern­häusern, in den Handlungsweisen von LehrerInnen und Schüler­In­nen. Und über­läßt die Schule sich selbst. So daß die Bismarck­schu­le in einem Akt der Selbstentleibung – – – ja, so war das mit dem inter­kul­turellen Lernen.

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Albrecht Riechers:

Ulrich Bauermeister – eine dreißigjährige Beziehungsgeschichte

So ein Einsatz war beinhart. Blaue Flecken blieben an meinem Schienbein zurück. August 1967: Kollegensport in der Tell­kampf­schule. Unsere erste Begeg­nung. Er: Uli Bauermeister – gerade ein­ge­­stellter Stu­di­en­as­sessor, ich – frischgebackener Stu­di­en­re­fe­ren­dar. Ich ent­schuldigte mich höflich, die Hierarchie noch beachtend, mit „Sie ...“.

Damals standen sich die vielen Referendare mit dem Fach Ge­schichte an der Tellkampfschule noch gegenseitig auf den Füßen und begehrten Ausbildungsunterricht bei den älteren bewährten Kollegen. Irgendwie war ich bei diesem Rennen zu spät gestartet. Es blieb „nur“ Uli Bauermeister übrig. Hoffnungen auf Nachsicht, sein Mitleid für meine so bedauernswerte Situation in den damals sehr großen Klassen (ca. 35 bis 40 Schüler) zu erlangen, hegte ich vergebens. Ganz im Gegenteil: „Da muß man durch...“ war seine fast stereotype Antwort. Und dann begann der Ausbildungsunter­richt in seinen Klassen. Zunächst war ich begeistert, weil meine ersten Stunden mit Intuition und in Imitation gelungener Ge­schichtsstunden, die ich bei meinen eigenen Lehrern erlebt hatte, scheinbar gut verliefen. Aber dann, als ich dem universitä­ren An­spruch auf Komplexität der Sache zu gerecht werden wollte, so gut wie keine Ahnung von didaktischer Reduktion hatte, mir alles wichtig schien – und eine nach der anderen Stunde „in den Teich“ zu gehen drohte oder auch ging, da schaltete Uli Bau­er­meister seine Mentoren-Mühle ein. „Schreiben Sie sich die Kern­fra­gen ge­fälligst vorher auf! Aber bitte nur die wichtigsten! Aber ab so­fort...“ herrschte er mich fast an. „Es sind ja schließlich auch meine Schüler, die etwas lernen sollen.“ Es war nicht gerade milde, aber dafür wirksam. Gehorsam befolgte ich seine Anwei­sungen. In seiner harten Ausbildungsschule liebte ich ihn nicht gerade, merkte aber bald, daß ich ihm für meine berufliche Prä­gung viel zu verdanken hatte. Soviel zur Ouvertüre unserer Be­ziehung.

Der zweite Satz verlief gemäßigter: U.B. blieb in Hannover, mich ereilte das damals als grausam eingeschätzte Schicksal , meine erste Dienststelle in Ostfriesland zu bekommen. Als Spät­kinder der 68‘er und auf den ersten Schritten beim Marsch durch die Insti­tu­ti­o­nen schlossen wir uns fast gleichzeitig der damals noch sehr re­form­­freundlich orientierten GEW an. U.B. begann mit Volldampf sein Engagement in der Fachgruppe Gymnasien, in der er auf Stadt­verbands-, Bezirks-, Landes- und Bundesebene alsbald füh­ren­de Stellungen einnahm. Uns in Ostfriesland gelang es im­merhin, der mitgliederstärkste Bezirksverband in Niedersachsen zu werden. Von daher meinte ich, auf den zahlreichen Delegiert­en­treffen in Han­nover auch einmal gegenüber dem „großen Bau­er­meister“ ein Wört­chen wagen zu dürfen. Es blieb bei dem be­schei­denen Meinen, denn U.B. – auch hier Didaktiker – wußte mit Nach­druck zu sagen, was damals wichtig war und wohin der Weg führen sollte. Als die alte Oberstufe des Gymnasiums sich zum heutigen Sekun­dar­be­reich II verwandelte, war U.B. einer der Vor­sitzenden der Kommis­sion D, der wortgewaltig und durchset­zungsfähig die Richtung angab.

Nach meiner Rückkehr von der niedersächsischen Küste in die Metropole – dritter Satz – kam es immer wieder zu Begegnungen mit U.B, teils verbandspolitischer, teils dienstlicher, teils privater Natur. Nachdem U.B. Leiter der Bismarckschule und ich Leiter des Studienseminars Hannover III geworden waren, intensivierten sich die Kontakte. Das Seminar arbeitete eng mit der Bismarckschule zusammen. Nicht nur, daß sich Referendare an der Schule durch Kollegen und Schulleiter gut betreut fühlten, sondern auch die kol­legiale und solidarische Hilfsbereitschaft bei Problemfällen machte die Bismarckschule zu einer beliebten und geschätzten Ausbil­dungsschule der Studienseminare. U.B. ließ sich als Schullei­ter in einem überdurchschnittlichen Maße bei Lehrproben sehen und trug, wenn die Zeit es erlaubte, sehr sachkundig und aufbau­end seine Meinung bei den Stundenbesprechungen vor. Bespre­chungen von Prüfungsunterricht in seinem Dienstzimmer zwi­schen sehr gekonnten und geschmackvollen Schlesinger-Aquarel­len, Porträts von Bismarck, August Bebel und Gustav Heinemann erhielten durch die Gastfreundlichkeit beinahe einen feierlichen, fast rituel­len Charakter. U.B.’s Beitrag in den Besprechungen des Prüfungs­unterrichts waren sachkundig und von viel Tempera­ment getra­gen. Er verschenkte nichts, blieb aber in seinen Beur­teilungen stets gerecht.

In der Sinfonie unserer Beziehungsgeschichte kommt dem Schlußsatz eine besondere Bedeutung zu: U.B. ist 1938 in Magde­burg geboren und in Seehausen in der Börde herangewachsen. Als Jugendlicher hat er die damalige DDR verlassen und seitdem eine ambivalente Haltung gegenüber dem historisch erledigten Staat gehabt. Er war eigentlich nie ein typischer Wessi geworden, son­dern durch seine Verwurzelung in seiner alten Heimat zeigte sich eine starke Empathie für die Menschen, die östlich des Eisernen Vorhanges weiterhin lebten und leben mußten. Nachdem sich seit 1969 die Ostpolitik änderte, spielte in unseren Gesprächen außen­politische Themen eine große Rolle. Die Verbindung zu den Lands­leuten und den osteuropäischen Menschen nicht abreißen zu las­sen, Wege der Begegnung zu suchen, die autoritären, staatssozia­lis­tischen Systeme zu überwinden, waren die Gedanken, die ihn umtrieben.

Als 1979 die hannoversche Deutsch-Polnische Gesellschaft ge­gründet wurde, gehörte U.B. zu den Gründungsmitgliedern. Ei­gent­lich hatte zu dieser Zeit niemand mehr die Vision, daß das soge­nannte sozialistische System in naher Zukunft so schnell im­plo­dieren würde. Daher gehörte ein begrenztes Arrangement mit den Mächtigen zur Strategie und Taktik derjenigen im Westen, die damit erhofften, das Leben der Menschen im Osten erträg­li­cher zu machen, das rückständige, ineffektive und autoritäre Sys­tem allmählich zu liberalisieren und in Richtung auf ein demo­kra­ti­sches und rechtsstaatliches Gemeinwesen zu transformieren. Uli Bauer­meister hatte diese Gedanken in Gesprächen oft geäußert und sich mit großer Einfallskraft und beharrlichem Einsatz daran gemacht, Kontakte zu Menschen in der ehemaligen DDR und in Polen zu knüpfen und zu pflegen. 1978 war er mit einer von der Landeszentrale für Politische Bildung organisierten Reise das er­ste Mal in Polen. Einer seiner ersten polnischen Gesprächspartner war ein junger Referent im Bildungsministerium, der nicht nur hervor­ragend Deutsch sprach, sondern geschliffene Analysen der deutsch-polnischen und der allgemeinen internationalen Situation vortrug, Marek Rzeszotarski, der später der erste Generalkonsul des demokratischen Polens in Hamburg wurde. Mit diesem und anderen aufgeklärten Vertretern aus Politik und Wissenschaft ver­banden Uli bald freundschaftliche Bande, die ihm bei der Entwick­lung einer der ersten deutsch-polnischen Schulpartnerschaften, die der Bismarckschule mit dem V. Gymnasium in Posen, nützlich wurden. Heute – neun Jahre nach der politischen Wende im Osten – vermag man bald nicht mehr zu ermessen, wieviel Hartnäckig­keit seinerzeit erforderlich war, gegen die Angst und den Argwohn öst­licher „Betonköpfe“ ein Partnerschaftsvorhaben zu realisieren. U.B. verfügte über diese Eigenschaft, war ausgesprochen findig, ein­flußreiche Kontakte auszunutzen, die ihm bei der Realisierung seines Zieles nützlich sein konnten. Oberbürgermeister Schmal­stieg setzte sich bei seinen Gesprächen in Posen mehrfach für die Bismarckschule ein. Uli Bauermeister gelang es auch, Prominente wie Willy Brandt oder Hans Koschnick, die nach Polen reisten, für seine Sache einzuspannen.

Das Kriegsrecht 1981 in Polen und die es begleitende wirt­schaftliche Krisensituation setzten in der gesamten Bundesrepu­blik eine Art Volksbewegung in Gang, die sich nicht nur in Dekla­mationen, sondern auch in konkreter Hilfe an Nahrungsmitteln, Medikamenten und Kleidung artikulierte. Für U.B. war sein solida­rischer Einsatz für Polen im Rahmen seines Berufsfeldes und sei­nes Engagements in der Deutsch-Polnischen Gesellschaft mit der ihm eigenen Vitalität eine große Selbstverständlichkeit. Nachdem Deut­sche und Polen sich ohne polnische staatliche Bevormundung nach dem Wegfall der Berliner Mauer frei treffen konnten, ge­hörte Uli Bauermeister zu den Organisatoren der deutschen-pol­nischen Kongresse, die seit 1991 regelmäßig abwechselnd in Deutschland und Polen stattfinden und bei denen sich mindestens 300 Deut­sche und Polen treffen und miteinander sprechen. U. Bauermeister war inzwischen stellvertretender Vorsitzender des Bun­desverbandes Deutsch-Polnischer Gesellschaften geworden und hatte diese Funk­tion bis zum Herbst 1996 inne.

Uli Bauermeister war Lehrer für evangelische Religion, Erd­kunde, Geschichte und Politik. Seine Unterrichtsinhalte sind nie bläß­liche Theorie gewesen, sondern stets auch ein großer Teil ge­lebtes Engagement. Er gehört zu der Gattung der immer rarer werdender Pädagogen, die zwar nicht Politiker im eigentlich Sinne des Wortes geworden, aber doch politische Menschen sind. Uli Bauermeisters politisches Engagement und Interesse sind weitge­fächert und schlugen auch auf unseren zahlreichen privaten Rei­sen immer wieder durch. Mit ihm verläßt ein Schulleiter seinen Arbeitsplatz, der nicht nur ein profilierter homo paedagogicus, sondern auch homo politicus ist.

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Hubert Orłowski:

Die Drewenz ist ein Fluß in Polen …

In den frühen achtziger Jahren, an einem klebrig-schwülen Som­mertage, irgendwo in Polen auf einer schmalen Brücke. – Ich lasse den Satz fallen: Die Drewenz ist ein Fluß in Polen. – Wie meinst du das? Das ist keine Meinung, das ist ein Zitat. Ein Zitat? Ja, aus Jo­hannes Bobrowskis Roman „Lewins Mühle“. Ah, Ulli war sichtlich überrascht, weniger über mein Wissen denn über die exakt situa­tionsbedingte Anwendung. – Nach einigen Wochen kam ein Brief ins Haus. Er beinhaltete u.a. auch die Richtigstellung: Im Prinzip hätte ich Recht, damals, im Gespräch auf der Brücke über die Drwńca. Aber korrekt laute der Satz dann doch ein wenig anders: Die Drewenz ist ein Nebenfluß in Polen. Und es stimmte. – Mich konn­te sein feines Mißtrauen nicht überraschen.

Doch damals, in der Hitze, waren wir in Gedanken woanders, in den uns immer wieder so frappierenden Räumen der Historie. Denn in der Tat war diese an der Brücke über die Drewenz ein unscheinbarer Gedächtnisort deutsch-polnischer Geschichte. Der Fluß, der hier einen Bogen macht, hatte zwischen 1918-1939 eini­ge Kilometer lang die Ehre, Grenzfluß zu sein. Hart an der Grenze lag damals das Dorf Zielkowo, zu Preußens Zeiten Zielkau ge­nannt; ein Verwandter meiner Frau waltete dort 1939 als Bür­germeister. Dieses Dorf wurde am 1. September frühmorgens wohl als erster polnischer Ort überrollt.

Und wir meditierten dort also über Grenzen, die den Menschen ein- und ausgrenzen. Die Menschen in Zielkowo-Zielkau, ohne daß sie ihre Gehöfte verlassen hätten, lebten innerhalb eines halben Jahrhunderts in vier Staaten: im Deutschen Reich, in der Republik Polen, im Dritten Reich, in der Volksrepublik Polen. Grenzen, Grenzen: keine (nur) historische Angelegenheit. Die Lage in den 80er Jahren kennt Ulrich Bauermeister ebenso gut wie ich: Hanno­ver trennen von Posen vier Grenzen. Und vier Grenzkontrollen. Streng? Mal so, mal so. Egal, ob man im Ost-West-Expreß, im Ei­genwagen oder mit dem (Mini)Bus hin- oder zurückreist.

Ulrich Bauermeister hat den Weg Hannover–Poznań, insbeson­dere in den 80er Jahren, vielmals zurückgelegt. In seiner Eigen­schaft als Direktor des UNESCO-Gymnasiums, als Mitglied der Deutsch-Polnischen Gesellschaft, als Mensch. Als wir uns bei einem Seminar in Loccum kennen lernten, konnten wir beide nicht ah­nen, wie intensiv und effektiv er seine Beziehungen zu Posen und dem Gymnasium Nr. V entwickeln wird. Damals in Loccum debat­tierten wir, versteht sich, emphatisch über Gott, die Welt und, na ja, über die Polen und die Deutschen.

Wer sich noch an die ersten Monate und Jahre des Kriegsrecht­zustands erinnern vermag, der wird nicht vergessen können, wie­viel Beharrlichkeit und List, Geduld und Pfiffigkeit aufzubringen es notwendig war, um Ziele zu erreichen, deren Erreichbarkeit un­ter normalen Bedingungen selbstverständlich wäre. Zähe Ver­handlun­gen mit Behörden in Posen und in Warschau, denen übri­gens viele ‘diplomatische’ Schreiben vorangingen; geschickte Ge­spräche mit Schulbürokraten und verängstigten Lehrern – im Endeffekt dann aber Dutzende an (kontinuierlichen) persönlichen Kontakten, mensch­lichen Beziehungen zwischen jungen Leuten.

Die Legierung aus moralischer Anteilnahme, persönlichem Ein­satz sowie strategisch und taktisch überlegter Effizienz, wie sie von Ulrich zusammengeschmolzen wurde, hat in diesen schwieri­gen Jahren die gemeinsame „Landschaft der Geschichte“ (Plessner) ein wenig aufgebessert.

Das Gespräch auf der Drewenz-Brücke war eines von vielen, die uns – wie ich hoffe – verbunden haben, und an denen wir in­tel­lektuelle Freude hatten. Kein zweites jedoch war von solch ei­ner spürbar-sinnlichen Lebensaura umgeben. Der Fluß, die Wiesen, die Vögel – Schlüsselbegriffe aus Bobrowskis Gedichten...

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Danuta Sziłajtis:

Ein Mann mit Profil

Wenn mich jemand fragt, wie ich Herrn Ulrich Bauermeister finde, was ich von ihm denke, würde ich sagen, ohne lange zu überlegen: ein braver Mensch.

Herrn Bauermeister habe ich im Jahre 1982 kennengelernt. Diese Bekanntschaft war im Rahmen der Deutsch-Polni­schen Gesell­schaft, an der sich Herr Lothar Nettelmann voll Eifer beteiligte. Auch Prof. Hubert Orłowski hat dafür gesorgt, daß ich dabei bin und die Kontakte mit freundlichen Hannovera­nern anknüpfe.

Herrn Bauermeister bin ich dann mehrmals begegnet. Häufig fand das im Kabinett meines Schulleiters statt. Beim Kaffee haben wir zu dritt (ich bin Dolmetscherin gewesen) verschiedene Mög­lichkeiten überlegt, um den Schü­ler­aus­tausch zwischen beiden Schulen, die Bismarckschule in Hannover und das V. Lizeum in Po­znań, möglich zu machen. Herr Bauermeister hat sich sehr be­müht, sowohl in Warszawa als auch in Poznań, um die Idee der Schulpartnerschaft zu realisieren. Unsere Rolle, obwohl wir sehr daran interessiert waren, konnte nur ganz gering sein. Das wußte Herr Bauermeister und hat die meiste Arbeit übernommen. Es war damals gar nicht leicht gewesen. Das war die Zeit, wo sich in Polen immer etwas Neues (und nicht immer Gutes) abspielte. Der dama­lige Mi­nisterpräsident, Herr Rakowski, hat schon Herrn Bau­er­meister versprochen, seine Bemühungen zu unter­stützen, da kam wieder ein anderer Mann ans Steuer und die Sache begann von An­fang an. Und so ging es mehrmals. Ich hatte den Eindruck, daß so ein Mann wie Ulrich Bauermeister, nicht aufgibt. Ich be­wunderte ihn.

Er hat es doch geschafft! Das Ziel wurde erreicht, die Bedin­gungen besprochen, aufgeschrieben, unterzeichnet. Der Schüler­austausch hat begonnen! Im September 1983 war eine Schüler­gruppe des UNESCO-Gymna­siums Hannover mit ihren Lehrern für zehn Tage in Poznań zu Gast. Die Freundschaften unter der Schul­leitung, den Lehrern und Schülern beider Schulen wurden schnell geschlossen. Die Freude war groß.

Der zweite Schritt der Begegnungen war die Lehrerdelegation vom Lizeum Nr. 5 im Februar 1984 in Hannnover. Dann folgte vom 6.IX. - 12.IX.84 der Schüleraustausch in Hannover. Es gab die nächs­ten Jugendbegegnungen und wieder die nächsten.

Die Jugendlichen kamen zusammen, lernten das Land des Nach­barn, seine Geschichte, Kultur und andere Sitten kennen. Sie nah­men in den Unterrichtsstunden teil, gingen in Discos, amü­sierten sich und wanderten. Die Schulleitungen beider Schulen sorgten da­für, daß alles in kleinsten Details aus organisatorischen Gründen tadel­los funktionierte.

Und ich konnte nicht aus dem Staunen herauskommen, wie Herr Bauermeister kontaktfähig ist, wie er für alle – ob jung oder alt – sorgt, um alles sich kümmert, alles sieht und hört. Er ist im­mer da gewesen. Interessante Dis­kus­sionen (manchmal sogar Aus­ein­andersetzungen), Theater-, Konzert-, Museumsbesuche, Stadt­füh­rungen (den ‘Roten Faden’ werde ich nie vergessen), Ra­dio- und Presseinterviews, gemeinsame Fotos, Schülerberichte … den ›Tag der deutschen Kultur‹ und ›Festivals der deutschen Lie­der‹ … . Es gab auch Videoaufnahmen, Parties, Spaziergänge, Ex­kursionen … . Wer könnte das alles aufzählen?

Herr Ulrich Bauermeister? Schulleiter, Lehrer, Freund. Ich be­obachtete ihn aufmerksam und bewunderte ihn. Ein sensibler Mensch mit umfangreichem Wissen. Wir haben miteinander über verschiedene Themen gesprochen – über Geschichte, Kunst, Lite­ra­tur, Theater. Ich bewunderte auch seine politische Orientie­rung. Schwerpunkte der deutschen Grammatik hat er mir aus­führlich und mit Geduld erklärt. „Gern geschehen!“ habe ich zum Schluß gehört. Eines Tages erwähnte ich, daß es in Hannover we­nige Kir­chen gibt. Das hat Herrn Bauermeister erregt; am näch­sten Tag bekam ich von ihm eine lange Liste von Kirchen!

Schüler und Lehrer der Bismarckschule haben vor ihrem Schul­leiter großen Respekt – das habe ich auch bemerkt. Aber sie haben ihn auch gern, sogar lieb! Als ich eines Tages bei Nebel mit kleiner Ver­spätung zur Schule kam, fragte ich Frau I. Bloth: „Wird Herr Bauermeister böse sein?“ „Oh, nein – sagte sie – er versteht, das etwas Seltsames vorgekommen ist – denn wir sind normalerweise immer pünktlich da.“

Ich erinnere mich auch an einen Abend, wo wir – eine ganz große deutsch-polnische Lehrergruppe durch Hannover zu Fuß gin­gen (es war gerade nach dem Regen, die Luft war schön frisch) – da sagte Herr Bauermeister zu mir: „Wissen Sie, wenn sich die pol­ni­sche Phantasie mit deutschem Fleiß verbinden ließe, könnten gro­ße Werke entstehen.“ Oft denke ich daran.

Nach meiner Sicht hat Herr Bauermeister Kinder und Jugend­li­che besonders gern. Viele neue Ideen, viele neue Lehrmaterialien, Kontakte mit Schulen in anderen Ländern, viele Interessenzirkel in der Schule – Sport, Theater, Orchester, Chor, Computer, Plane­ta­rium – alles für die Schüler. Und alles funktionierte sehr gut.

Auch unsere polnischen Schüler haben ihm sehr viel zu verdan­ken: die wertvollen Lehrmaterialien – Landkarten, Kassetten, Lie­derhefte, Aufnahmen, Zeitungen und Zeitschriften, und vor allem die wunderschöne Atmosphäre, die Gastfreundschaft und die un­vergeßlichen Erinnerungen!! Es war auch Herrn Bauermeisters Kon­zeption, daß immer andere Lehrer die Schülergruppe betreu­en, nicht nur Germanisten selbst, sondern auch Chemiker, Pol­nisch-, Russischlehrer, u.a. Wir, d.h. polnische Schulleitung und Lehrer, waren völlig damit einverstanden.

Ich weiß auch, dass sich der Schulleiter und das Lehrerkollektiv in Hannover gut verstanden haben. Ohne so fleißige Berufskolle­gen, ohne so liebe Eltern, würde es schwierig sein. In dankbarer Er­innerung behalte ich immer Herrn L. Nettelmann, Frau I. Bloth, Herrn E. Kalthoff, Herrn H. Gütte, Herrn U. Wehking, Herrn M. Kronig u.a. .

Die Zeit vergeht schnell. Es ist kaum zu glauben, dass Herr Bau­ermeister seinen sechzigsten Geburtstag feiert! Für mich ist er jung und bleibt noch lange jung! Alles Gute zu diesem Anlaß!!

Herzlichst Ihre Danuta Sziłajtis.

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Ludwika Brudńo:

Es gab mal eine Idee

Schüleraustausch mit Poznań

Wenige von den Lehrern, die zur Zeit ihr Amt bekleiden, wissen, daß die ersten Vorbesprechungen anbetreffend einer deutsch-pol­ni­schen Zusammenarbeit im Bereich „Schü­­ler­aus­tausch“ mit dem Bis­marckgymnasium in Hannover und dem V. Lyzeum in Poznań auf das Ende der Siebzi­ger Jahre zurück­zuführen sind.

Nachdem 1970 die vertraglichen Voraussetzungen für eine Normalisierung festgelegt wurden, leuchtete grünes Licht für eine Zusammenarbeit zwischen Ost- und Westschulen auf. Im Ostblock begann es zu hapern. Der eiserne Vorhang ging langsam hoch. Endlich bot sich die Möglichkeit, polnischen Schülern den westli­chen Teil des geteilten Deutschlands näherzubringen, aber wie?

Bevor dieses Problem gelöst werden konnte, mußten noch zehn Jahre vergehen. Während dieser zehn Jahre wurden Gesprä­che zum Inhalt der in polnischen und deutschen Lehrbüchern vorhandenen Informationen, die der Wirklichkeit widersprachen, durchgeführt. Mit diesen Gesprächen sollten schließlich jegliche Mißverständnisse anbetreffend der vorhandenen Texte aufgeklärt werden.

Am 27. September 1980 wurden im V. Lyzeum in Poznań Ju­gendliche aus Hannover empfangen, die eben ihre Polenreise zum Schluß brachten. Es gab ein kurzes Beisammensein mit der Schul­direktion und Jugend des V. Lyzeums. Die Veranstalter dieser Reise erklärten sich bereit touristische und kulturelle Bezie­hun­gen mit dem V. Lyzeum in Poznań aufzunehmen. Die Zusam­men­arbeit mit den polnischen und den Schulen in der BRD stieß auf Hinder­nisse.

Dank vieler Bemühungen seitens Herrn Bauermeisters, des Schul­vorstandes des Bismarckgymnasiums in Hannover, seiner vie­len Versuche, mit Geduld das Vorgenommene zu verwirklichen, mit den damaligen Behörden zu verhandeln, brachen die Schran­ken. Für das Jahr 1981 wurde ein Schüleraustausch mit Besuch und Gegen­besuch in Hannover und Poznań vereinbart, der aber uner­wartet nicht ausgeführt werden durfte, u.a. wegen der sich ver­schlechternden Lage in Polen und weil das Land unter Kriegs­recht gestellt wurde.

Am 31. März 1983 wurde im V. Lyzeum in Poznań eine Lehrer- und Schülergruppe von 25 Personen aus Hannover empfangen. Dies ist das Ergebnis langjähriger Zusammenarbeit unseres Lyze­ums mit Pädagogen und Jugendlichen aus der Partnerstadt drü­ben. Mit Begeisterung sollten die Darbietungen unserer Schüler empfunden werden.

Lehrer des Bismarckgymnasiums und des V. Lyzeums waren für den Erfahrungsaustausch im Unterrichtsverfahren interes­siert.

Das örtliche TV-Programm »Teleskop« brachte eine kurze Nachricht vom Besuch der Lehrer- und Schülerdelegation aus Han­nover im V. Lyzeum. Die offizielle Einladung des V. Lyzeums und des Stadtpräsidenten Poznańs und dank dem Engagement vie­ler Beteiligter beider Staaten durfte dem Bismarckgymnasium die Ein­ladung zugeschickt werden mit einem Aufenthaltsprogramm, das vorher zwischen den Vorständen beider Schulen abgestimmt wurde.

Der Besuch der Schüler des Hannoverschen UNESCO-Gymnasi­ums kam im September 1983 zustande, was unsere Schüler mit Freude zur Kenntnis nahmen. Ein frischer Windhauch kam mit die­ser Nachricht ins Lyzeum und brachte seinen Schülern die Hoff­nung, mal eigene Sprachkenntnisse überprüfen zu dürfen, den Westlern, wenn auch im geringeren Maße, einen Überblick über die besuchte Stadt, über das Leben ihrer Bewohner, sowie die Kultur des fremden Landes zu geben und Erfahrungen anbetref­fend des Schul- wie auch des Familienlebens zu machen und nicht zuletzt die Motivation zum Beherrschen der deutschen Sprache bei den polnischen Schülern zu wecken und das Unterrichtsver­fahren zu zeigen.

Die Hauptaufgabe des Schüleraustausches bestand in der För­derung gegenseitiger Verständigung der Völker.

Bei der Begegnung waren beide Seiten bemüht, allen Vorbehal­ten zu entgehen.

Beim Ausführen des Programms unsererseits beteiligten sich neben den Deutschlehrern auch Lehrer anderer Fächer.

In der Schulchronik des V. Lyzeums wird berichtet, daß in den Ta­gen vom 03. 09. 1983 Lehrer und Schüler aus dem Bismarck­gymnasium aus Hannover in Poznań empfangen wurden. Die erste Begegnung fand am Bahnhof am Abend statt und die ersten offi­zi­ellen Begrüßungsreden nächsten Vormittag in der Schule. Dar­auf folgte eine kleine Darbietung mit Gedichtaufsagen und Lie­dern. Bei dieser Begegnung hieß es für das Lyzeum – interessante Gäste, neue Freunde, gute Laune und öffentlich viel Spaß, denn es stan­den vielversprechende Angebote wie z.B.: Theater, Musik, Mu­seen­besuche, Empfang in den Familien u.a. auf dem Programm. Nicht alle Schüler konnten an dem vielseitigen Programm teil­nehmen. Es kamen meistens die mit besserer Sprachkenntnis ran, insbesondere diejenigen, die für die Sprache der Gäste wirklich in­teressiert wa­ren. Die übrigen, die keinen Zugang zu den Gästen hatten, emp­fanden das verdrießlich.

Aus der Sicht der vielen Jahre, die seither vergangen sind, müs­sen wir eingestehen, daß die Zusammenarbeit mit dem UNESCO-Gymnasium aus Hannover den Weg, den Polen heute geht, vorbe­reitet hat.

Inzwischen gibt es schon Zusammenarbeit anderer polnischer Schulen mit den deutschen Nachbarn.

Wir danken für die Bemühungen Herrn Ulrich Bauermeister und Herrn Dr. Lothar Nettelmann.

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Małgorzata Wichńacz:

Internationale Jugendkontakte

… waren und sind immer noch eine Brücke der Verständigung.

Auf der Grundlage der früheren gegenseitigen freundschaft­lichen Beziehungen wurde im Herbst 1983 der Schul­ju­gend­austausch wieder ermöglicht. Wir hatten endlich die Chan­ce, miteinander di­rekt Bezie­hungen anzuknüpfen. Die­se Jugendli­chen, die unvorbe­reitet aus einer von ‘oben’ diktierten Gesell­schaft ent­lassen wur­den, hatten Schwie­rig­keiten, die Vielfalt der Einflüsse und Möglich­keiten einer freien Gesellschaft zu verste­hen.

Ein solcher Jugendaustausch hatte für mich vor allem den Zweck, meine deutschen Sprachkenntnisse zu verbes­sern. Seit lan­gem interessierte ich mich für das kulturelle Leben Deutschlands. Es gab verschiedene Treffen, die zu Auseinandersetzungen, zum Lachen, zum Nachdenken angeregt haben. Wir haben einen gro­ßen Schritt in ein besseres Zusammenleben gemacht.

Jugend- und Erfahrungsaustausch haben zum Anknüpfen per­sönlicher Kontakte beigetragen.

Den Personen, die uns alle diese Möglichkeiten gegeben haben, sage ich an dieser Stelle herzlichen Dank.

Małgorzata Wichńacz

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Michael Kronig:

Polen im Herbst. Begegnungen und Impressionen

Wenn ich zunächst an die zwei schuloffiziellen Polenauf­ent­halte zurückdenke, leuchten sofort weite, klare Herbstbil­der auf. Kennen Sie Poznań, Poznań im Früh­herbst? Das sinkende Sonnengold feiert die barocke Alt­stadt. Müßig­gängerisch, aber wach schlendern Spaziergänger durch ehrwür­dige Gassen, über stilvolle Plätze – als hätten sie alle Zeit der Welt.

Den Polenreisenden erwarten mehr als ein paar touristische Leckerbissen. Ich lerne im östlichen Nachbarland disziplinierte, kraftvoll charmante, emphatische Persönlichkeiten kennen. Sie sind mir auf Anhieb sympathisch. Und ihre – durch viele Tücken herausgeforderte und gebeutelte – anarchische Lebensart ruft Neugier und Bewunderung in mir hervor. Ich bin sicher, daß die Bewältigung des polnischen Alltags ein Mehrfaches an Energien verschleißt im Vergleich zum sozialdemokratisch abgesicherten Le­ben in Hannover.

Knappe Haushaltsbudgets, steigende Preise in allen Bereichen, Ungewißheiten und Härten wirtschaftlichen Umbruchs melden die Schlagzeilen in drohendem Schwarz. Alles ist in Bewegung, erfahre ich aus Kommentaren. Und auf Magazinseiten bemerke ich Ju­gend­liche in Aufruhr. Doch von revoltierenden Schalträgern ah­nen wir im aufgeräumten Poznań, der internationalen Messestadt, nichts.

Andernorts teilen junge Vermummte die Städte untereinander auf, patrouillieren nachts durch Straßen. Vertreiben durch gewag­te Kriegsspiele die Leere, die entsteht, weil keiner Einfluß nehmen kann auf Kaufkraft, Berufsaussichten, Wohnqualität. Eine stei­gende Zahl junger Leute findet keinen Platz in den gebrochenen Verhältnissen. Doch mit der Machtlosigkeit wollen sie sich nicht abfinden.

Die Kollegen des V. Liceums, unserer gymnasialen Partner­schule in Poznań, demonstrieren wortlos, daß sie die aufreibende gegenwärtige Zerrissenheit ertragen können. Eine vergleichbare Belastbarkeit entdecke ich heute nur bei wenigen Deutschen. Die Mehrheit bei uns zieht das Tadellose, das glänzend Unangreifbare vor und wehrt das leidig Unregelmäßige, Bizarre ab.

Wir bummeln vom Alten Markt zur schwarzbarocken Pfarrkir­che, einst prachtvolle Heimstatt jesuitischer Missionare. Hier um­gibt mich Polen, das listig widerständige. Jedes Fresko, jede Skulp­tur, jeder Stein und jeder Brocken – jedermann (und jede Frau erst recht) wird zu einem Partikelchen Polens. Ewa zum Beispiel, traumschön, blond und braunäugig, „wie es nur bei Polinnen seine Art hat“ (Brigitte Sibrasse). Und mich selbst, den Zugerei­sten, be­stimmt plötzlich jene besondere Aufmerksamkeit für das Unver­einbare, die ich schon mit der Muttermilch eingezogen ha­be.

Erinnerungen an eine Reise mit der Familie (Ostern 1978) in die Gegend Wroclaws kehren zurück. Wo hätte ich einladendere Gastlichkeit erlebt als in jenem durchschnittlichen Haus, dem meine Mutter entstammt. Als unsere sprachlichen Verständi­gungsbemühungen scheiterten, wurden wir von strahlenden Gast­gebern mit vertrauten Gesten begrüßt und überreich beköstigt. Alle Bedenken schienen auf diese Weise von uns genommen, ein für allemal.

Dennoch: Die Schrecken der Geschichte bestürzen den aus Deutschland Kommenden. Trümmer versperren die Sicht: Hitlers zynischer Überfall auf Polen, die absurde Ausweglosigkeit im La­ger Auschwitz-Birkenau, der düstere Karfreitag im Warschauer Ghetto ...

Oskar Schindlers fein gezeichnete Spuren führen weiter, ver­hindern das Abgleiten in weltferne Melancholie, konfrontieren mit gefährlichen Einsichten im Sinne Walter Benjamins: Der „Engel der Geschichte“ zuckt zusammen vor den Scherben des Vergange­nen. „Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zer­schla­gene zusammenfügen.“ So entzündet er „den Funken der Hoff­­nung“. Überraschend spüren wir seine Präsenz als „Zu­ver­sicht, als Mut, als Humor, als List, als Unentwegtheit“ – im Au­gen­blick der Gefahr – , wenn neue Niederlagen den Lichtblick ent­zau­bern. (Wal­ter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte)

Jede der deutsch-polnischen Begegnungen, die ich miterlebte, hat bei den teilnehmenden Schülern und Lehrern das Gefühl ge­stärkt: Wir werden uns wiedersehen. In Hannover. Und in Polen. Damit die „Flamme der Sehnsucht”, die uns „reich und glücklich macht” (Brigitte Sibrasse), niemals verlöschen möge.

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Ulrich Wehking:

Reiseeindrücke von der Austauschfahrt nach Poznań im September 1995

Die Schulpartnerschaft zwischen der Bismarckschule und dem V. Liceum dauert schon so lange, wie ich selbst Lehrer an der BS bin, nämlich seit dem September 1983. Die Be­suchsfahrten nach Poz­nań und die Betreuung der Gäste hier wurde von verschiedenen Leh­re­rinnen und Lehrern durchgeführt, was die entstehende Arbeit ver­teilt hat und den Kreis derer, die von diesem Austausch profitieren, nicht zu klein bleiben ließ. 1995 konnte Herr Bauer­meister den Kol­legen Michael Kronig für die Durchführung der Fahrt im September gewinnen, der schließ­lich mich Überzeugen konnte, ihn zu begleiten.

Im folgenden zitiere ich ausschnittweise und nur an wenigen Stel­len Überarbeitet oder ergänzt aus meinen Reisenotizen (ich ver­­zichte bewußt auf eine sprachlich-stilistische Überarbeitung):

Ohne Datum:

Ich bin unsicher: Die Hälfte der Schüler(innen), die sich um Herrn Kronig geschart haben, kenne ich nicht näher, einige von ihnen gebürtige Polen. Werden wir gut miteinander auskommen? In welche Familie werde ich kommen? Werden wir problemlos kommunizieren können? Auch eher unbedeutende Fragen tauchen auf: Was für ein Gastgeschenk kauft man für Leute, die man nicht kennt? Ja, ich ertappe mich sogar bei der Frage: Werde ich Abstri­che vom gewohn­ten Komfort machen müssen? Die Macht des Wohlstands hat mich mehr im Griff, als ich zugeben möchte. Aber das Interesse an diesem Land, das ich nur durch zwei 14tägige Rundreisen in den Jahren 1985 und 1987 kenne, das Wissen um die Bedeutung des Kontakts zu Polen angesichts unser Geschichte und die Freundschaft zu Michael Kronig sind stärker als alle Vor­behalte und Unsicherheiten.

Mittwoch, 20.09.95:

Über Hannover hängen dunkle Wolken, Regen den ganzen Tag Über; vormittags Schule, nachmittags Reisevorbereitungen; zwei Kol­legen liefern Geschenke und Briefe ab, die ich weiterreichen soll. 22.30 Uhr trifft sich die Reisegruppe, bestehend aus 14 Schü­lerin­nen und Schülern, Herrn Kronig und mir, am Bahnhof. Viele Eltern bleiben bis zur Abfahrt. Gespräche u.a. darüber, warum für den Polenaustausch viel weniger Schüler zu gewinnen sind als z.B. für die USA oder Frankreich. Der Einwurf: „Poznań ist eben nicht Paris“, wird treffend gekontert mit: „Aber auch nicht Peine“. – Die Nacht­fahrt beginnt pünktlich und verläuft problem- und schlaf­los. Ich lerne Namen und Gesichter der mir unbe­kannten Schüler zu verbin­den.

Donnerstag, 21.09.95:

Ankunft um 6.10 Uhr in Poznań bei strömendem Regen; die Ver­teilung auf die Familien klappt dank der Organisation von Frau Ula­nicka (Deutschlehrerin am V. Liceum) perfekt. Ich werde der Familie Korczak zugeordnet. Auf der Fahrt mit ihrem Skoda in eine der neuen Hochhaussiedlungen habe ich die ersten Ge­sprächskon­takte mit Herrn und Frau Korczak. Er, Professor für Agrartechno­logie, beherrscht amerikanisches Englisch (einjährige Gastprofes­sur in Süddakota), sie, stellvertretende Schulleiterin am V. Liceum, Franzö­sisch und Russisch, ich – Latein. Mit meinen ru­dimentären Englischkenntnissen versuche ich mich verständlich zu machen bzw. zu verstehen.

Die Wohnung im vierten Stock ist einigermaßen geräumig – je­den­falls für polnische Verhältnisse: ein Wohnzimmer, ein Kinder­zimmer für die beiden Söhne, kleine Küche, kleines Bad und WC, ein Arbeits­zimmer für Frau Korczak, das gleichzeitig als Schlaf­zimmer dient, ein ziemlich schmales Arbeitszimmer für Herrn Korczak, für acht Tage mein Refugium; über mangelnden Kom­fort kann ich nicht klagen.

Viel Zeit zum Ausruhen bleibt nicht, denn um 11.00 trifft sich die Austauschgruppe in der Schule im „Club”, einem von den Schü­lern liebevoll eingerichteten Raum im Keller des V. Liceums. Pro­gramm, Stadtplan, Busfahrkarten, Taschengeld usw. werden ver­teilt. An alles ist gedacht worden. Der Direktor Herr Henicz be­grüßt uns. Nachmit­tags Geldtausch und andere Aktivitäten, abends in der Gastfamilie, um 22.00 todmüde ins Bett.

Freitag, 22.09.95:

Der Tag beginnt mit prächtigem Sonnenschein; schon beim Früh­stück ist Fleisch an diesem Tag tabu, ich bin in einer bewußt katholi­schen Familie.

In der Schule ist heute der „Tag des Schülers der ersten Klas­se“ (= 9. Jg.). Bei der Feier in der provisorischen Aula findet neben den üblichen Ansprachen ein kurzweiliger Wettkampf der Paral­lelklas­sen statt: Ausgewählte Schüler müssen aus dem Gedächtnis ihren Klas­senlehrer malen, was angesichts der Ergebnisse viel Hei­terkeit her­vorruft, sie müssen alle Lehrer ihrer Klasse möglichst schnell aufzäh­len (nach drei Wochen Unterricht), Sinnsprüche aufsagen u.a.m. Eine Schülerjury entscheidet, die Siegerklasse er­hält eine Cremetorte. Uns zu Ehren spielt die Schülerband das Lied „’Ober den Wolken...“, von R. Mey.

Anschließend haben Michael (Herr Kronig) und ich unser er­stes Gespräch mit Herrn Henicz, u.a. über die Integrationsklassen (Ko­edukation von Behinderten und Nichtbehinderten); wir über­rei­chen die Gastgeschenke der Bismarckschule, auch einen Volley­ball, der auf einer überdimensionierten Vase plaziert wird. (Zu unserer Irritation war der Ball bei unserem Besuch im Herbst 1997 noch immer an dieser Stelle.)

Das geplante Mittagessen bei Maria (Maria Piechocka, Deutsch­lehrerin am V. Liceum) muß ausfallen, da die Wasserversorgung in diesem Stadtbezirk unterbrochen ist. Maria, Małgorzata (Mał­gor­za­ta Ulanicka, Deutschlehrerin und Organisatorin unseres Auf­ent­hal­tes), Michael und ich besuchen eine Pizzeria, von denen es mit­tler­weile schon einige hier gibt (leider auch Mc Donald’s); eine lec­kere landestypische Suppe vorweg (Barszcz statt Mini­strone) und eine erstaunlich gute Pizza hinterher. Wir unterhalten uns Über die Arbeitsbedingungen polnischer Lehrer (mehrheitlich sind es Lehre­rinnen), Über den auch für polnische Verhältnisse geringen Ver­dienst, die Notwendigkeit, durch zusätzliche Tätigkei­ten, z.B. als Übersetzerin oder durch private Nachhilfe, das Gehalt aufzu­bessern.

Es bedarf einiger Überredungskünste, Michael und mich die Rech­nung bezahlen zu lassen.

Abends Altstadtbesichtigung: Der Stary Rynek (Altmarkt) mit seinem Renaissance-Rathaus im Abendlicht – ein Ort zum Verwei­len; die ihn umrahmenden Bürgerhäuser, die Arkaden, der Proser­pinen­brunnen, die Bambergerin, die Jugendstillaternen (mit­tler­weile ver­schandelt durch die an ihnen angebrachten Scheinwerfer für die nächtliche Beleuchtung).

Anschließend fahre ich zum ersten Mal allein aus der Innen­stadt „nach Hause“. Da sich die Vorstadtbezirke mit ihren Hoch­häusern sehr gleichen, ist es gar nicht so einfach, die richtige Hal­testelle zu erkennen, zumal sie keinen Namen haben. Ich orien­tiere mich an einer Kreuzung plus langem blauen Zaun; bei Mi­chaels Heimfahrt­route ist es ein abgebrannter Kiosk. Die 25minütige Bus­fahrt gewährt Zeit zum Beobachten: viele junge, oft fröhliche Gesichter, Menschen im mittleren oder hohen Alter häufig mit müdem oder zermürbtem Ausdruck, ein Hinweis auf den für uns Kurzbesucher kaum wahrnehmbaren harten Alltag.

Samstag, 23.09.95:

Tagesausflug der ganzen Gruppe zum archäologischen Park in Bis­kupin; am Abend kann ich „zu Hause” vorzüglich zubereitetes „Bigos” genießen.

Sonntag, 24.09.95:

9.30 : Messe; da in dieser Nacht die Sommerzeit endet, habe ich dennoch ausschlafen können. Die für das große Neubaugebiet viel zu kleine Kirche ist überfüllt. Stehplatz. Ich wundere mich Über den Priester, der nicht in der Lage ist, auch nur einen Satz frei zu spre­chen, sondern alles abliest, bis mir klar wird, daß das so seine „Richtigkeit” hat; er verliest nämlich statt der Predigt, wie mir spä­ter gesagt wird, einen Brief des Episkopats von Polen (im No­vem­ber sind Präsidentschaftswahlen). Meine Gastgeber halten die Beeinflus­sung durch solche „Predigten” nicht für wahlentschei­dend. (Sie sol­len recht behalten.)

Am Nachmittag besuche ich mit meiner Gastfamilie das Pal­men­haus, das Aquarium und den Dom, wo wir Michael mit der Familie Kowala treffen. Das in diesem Jahr fertiggestellte riesige Bronzemo­nument in der Stanislauskapelle, das in mittelalterli­chen Formen gearbeitet ist, löst eine Diskussion aus. Diese mo­numen­tale und für meinen Geschmack überdimensionierte und anachro­nistische Verge­wisserung der eigenen Geschichte ist wohl etwas typisch Polnisches.

Am Abend versammeln sich alle in der Philharmonie, die durch ihr schönes Rokoko-Ambiente und die gute Akustik gefällt. Das Sym­phonieorchester von Poznań, ein russischer Dirigent und ein franzö­sischer Pianist bieten eine gelungene Mischung von Stücken bekann­ter und weniger bekannter Komponisten.

Schmackhaftes Abendessen; anschließend ein Gespräch über die polnische Ökonomie, u.a. die Probleme der Landwirtschaft, die zwar eine Überproduktion erzielt, sie aber nicht absetzen kann, da sich die EG abschottet und die östlichen Länder kein Geld haben. Die Situa­tion sei aber besser als vor fünf Jahren, u.a. habe man die Inflation verlangsamen können, meint Herr Korczak.

Montag, 25.09.95:

Die Busfahrt mit Frau Korczak zur Schule, von dem einen Ende der Stadt an das andere, dauert im morgendlichen Berufsverkehr 40 Minuten (Da sich der Fahrpreis hier allein nach der Dauer der Fahrt richtet, wird es um so teurer, je langsamer der Bus voran­kommt – ein etwas absurdes System.).

Nach drei Stunden Deutschunterricht in verschiedenen Klassen besuchen Michael und ich eine Religionsstunde. Natürlich verste­hen wir nichts, können aber trotzdem interessante Beobachtun­gen machen: Der Unterricht beginnt mit Aufstehen, Bekreuzigung und Gebet in Richtung Staatswappen (über der Tafel) und endet mit einem Gebet. 24 Mädchen und 8 Jungen nehmen teil. Das Ge­spräch des Priesters, wenn man den Monolog so nennen kann, wendet sich fast ausschließlich an die Mädchen, während die Jun­gen fast unbe­tei­ligt sind und anderen Beschäftigungen nachge­hen. Daß dies geduldet wird, hat sicher auch mit der Freiwilligkeit der Unter­richtsteilnahme zu tun. Aber es sieht so aus, als habe der Priester die Einbeziehung der Jungen bereits aufgegeben und werbe nur noch um die Gunst der Mädchen.

Neben der Freiwilligkeit der Teilnahme gehört zu den Beson­der­heiten der von der katholischen Kirche durchgesetzten „klerikalen Unterweisung”, daß es keinen Ersatzunterricht gibt und die Note nicht versetzungsrelevant ist. Außerdem werden die unterrichten­den Priester nicht vom Staat bezahlt und dürfen als einzige vom Direktor nicht visitiert werden, so daß der Religions­unterricht offen­sichtlich kein organischer Bestandteil der Schule ist. In Pri­vatgesprächen wird fast durchweg Distanz und eine sehr kritische Einstellung zu dieser Form des RU deutlich.

Dienstag, 26.09.95:

Das mit Michael vereinbarte morgendliche Treffen am Proser­pinenbrunnen verzögert sich um eine Stunde, da seine Straßen­bahn – nicht er selbst – eine Havarie erleidet. Nach dem Stöbern in einem gut ausgestatteten Antiquariat wollen wir zur Schule fah­ren. Wir wissen zwar, welche Linie wir nehmen müssen, fahren aber zunächst einmal in die falsche Richtung, so daß wir erst zur sechsten Stunde ankommen und nur noch an einer Englischstun­de im 12. Jahrgang teilnehmen können. Uns irritiert das Niveau: die Benennung von Körperteilen oder von „head” abgeleiteter Be­griffe wie „headphones” in der vierten Englischklasse? So etwas Ähnliches hatten wir bereits im Deutschunterricht gesehen, aber im 9. Jahr­gang, also in der vier­ten Unterrichtswoche!

Da die Klassen bis zum Abitur eigene Räume haben, können sie diese (anders als unsere Oberstufenkurse) selbst gestalten. In dem Raum der eben erwähnten Klasse mit dem Sprachenschwer­punkt Englisch hängen eine englische und eine amerikanische Flagge, Pla­kate, die z.B. Sehenswürdigkeiten aus England zeigen, u.a.m. Die Grup­pen haben also bis zum Ende der Schulzeit einen Ort, mit dem sie sich identifizieren können.

Am Abend genießen wir einen weiteren kulturellen Höhepunkt. Im „Großen Theater” sehen wir „Der Grieche Zorbas”, von Mikis Theodorakis (1988 in Verona uraufgeführt). Die Musik fasziniert, die dargebotenen Tänze fesseln durch ihre Artistik, Ästhetik und Erotik. Nach nicht enden wollenden Ovationen und drei Zugaben tritt Mikis Theodorakis völlig überraschend selbst auf die Bühne, um sich für den begei­sterten Applaus zu bedanken. Ein unver­geß­licher Abend.

Am späten Abend trinke ich zusammen mit meinen Gastge­bern von Herrn Korczak selbst gebrannten Honiglikör. Maciej, der jün­gere Sohn, der zu den polnischen Nachtigallen zählt (d.h., er singt im Poznańer Kinderchor), scheint der einzige nicht gut Ge­launte zu sein. Er ist mit seinem Haarschnitt, den ihm heute ein Friseur verpaßt hat, sehr unzufrieden und will ihn in Zukunft wieder seine Mutter machen lassen.

Mittwoch, 27.09.95:

Nach einer kleinen Abschiedsveranstaltung im „Club“, Fahrt der gastgebenden und unserer Schüler zum Altmarkt: 12.00 Blick auf die „Ziegenböcke“ über der Rathausuhr, 12.15 mittägliches Orgel­kon­zert in der Pfarrkirche, anschließend Besuch des Histori­schen Muse­ums im Rathaus, dann eines Cafes zum Entspannen, schließ­lich des Musikinstrumentemuseums; nach soviel Kultur Auflösung der Gruppe und Freizeit. (Im Rathaus ist mir eine In­schrift über dem Eingang zum Rathaussaal aufgefallen: „Con­si­li­um mulieris est invali­dum pueri autem in perfectum prima se­nec­tus est in consiliis uti­lior”, was bedeutet: Der Rat ei­ner Frau ist nichts wert, der eines Knaben aber (noch) unvoll­kommen; der bes­sere Ratgeber ist das frühe Greisenalter. – Ich enthalte mich eines Kommentars.)

Abends:   Die Schüler feiern miteinander bei einer Gastfamilie; wir Lehrer treffen uns im Haus der Tochter von Frau Szińajtis (der drit­ten und dienstältesten Deutschlehrerin; 1997 sind noch eine weitere Lehrerin und ein Lehrer für Deutsch dazugekommen, so daß das V. Liceum im Moment fünf Lehrkräfte für Deutsch hat): Diese fröhliche Abschiedsfeier verlangt vor allem unseren Magen­wänden einiges ab. Erst ein üppiges kaltes Buffet, dann Würst­chen, wie sie die Polen gerne essen, später Cremetorten, nebenbei Bier, Wodka, Wein; Zurückhaltung wird nicht gern gesehen (Frau Szi­­ńajtis zu Michael: „Sie Spaßvogel, mögen Sie keinen Wodka?“). Für die musikalische Untermalung sorgt ein heiterer und gelöst wir­kender Herr Henicz am Klavier; er läßt uns alle polnische Volks­lie­der und „Am Brunnen vor dem Tore“ singen. Ohne Textblatt wäre ich völlig aufgeschmis­sen. Michael und ich bekommen zum Ab­schied einen Präsentkorb mit einem Sparschwein, damit wir Glück im Leben haben, mit einem Korkenzieher, damit wir das Le­ben genießen, mit einer Pfauenfeder, damit wir immer genug Phantasie entwickeln, und mit einer Frauen­figur in polnischer Tracht, damit wir Glück bei den Frauen haben (oder hat Frau
Szińaj­tis nur „Glück in der Liebe“ gesagt?).

Donnerstag, 28.09.95:

Um 9.15 rollt unser Zug ein. Nach soviel Eindrücken und herz­licher Gastfreundschaft fällt der Abschied schwer.

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Eckhart Jander

Schulkrise und Schulreform: Ein Mitstreiter fehlt

Ich halte es für eine Ehre, zu einem Beitrag für die Festschrift zum 60. Geburtstag von Ulrich Bau­ermeister aufgefordert zu wer­den! Es war mir vergönnt, bei einigen Gelegenheiten ne­ben ihm zu ar­bei­ten. 1. Zwischen den beiden traditionsrei­chen Nach­bar­gym­na­sien diesseits und jenseits des Alten­bekener Damms am Maschsee kon­nten wir uns als Schulleiterkollegen in den ver­gangenen fünf­zehn Jahren, wenn wir nur wollten, täglich von Tür zu Tür be­su­chen. 2. Vor Jahrzehnten, ein Vierteljahr­hun­dert ist es jetzt her, trafen wir erstmals aufeinander bei der Re­formarbeit am Kul­tus­ministerium. 3. Daraus ergaben sich weitere gemeinsame Projekte.

Wie war das damals – wie haben wir das erlebt, die Planung ei­nes neuen Typs Gymnasium und den Versuch der Umsetzung dann als Schulleiter? Waren nur die offiziellen Aufträge und die Daten parallel, oder gibt es innere Übereinstimmungen? Schreibe ich auch etwas über ihn, wenn ich mich an mein eigenes Tun er­in­nere? Unsere Herkunft war sehr verschieden: Ich mehr ein Ein­zel­gänger, nur passives Mitglied des Philologenverbandes, mehr um wissen­schaftliche und didaktische Neuorientie­rung bemüht für den Job als Fachleiter für Geschichte, er aktiv im politischen Le­ben und als Gewerk­schaftler; unsere Temperamente sind sehr ver­schieden; die Schulen, an denen wir wirkten, waren und sind sehr verschie­den. Wir verstanden uns von Anfang gut, ohne jede Spur von Miß­trauen und Vor­behalt. Verläßlichkeit war die Basis, so blieb es bis heute.

Reform der gymnasialen Oberstufe: Ist das nicht sehr ferne Vergangenheit?

Werden heute nicht ganz neue und völlig andere Drehbücher ge­schrieben für alle Schulen, für alle Gymnasien, also auch für Bis­marckschule und Tellkampfschule? Stellt der Beruf uns nicht ganz neue und unerwartete Aufgaben, wenn selbst Gräfin Dönhoff rat­los scheint, Übersicht und Weisheit zu verlieren droht, ihr zuge­tragene spektakuläre Gewaltfälle an Schulen der Republik aufli­stet und in den Chor derer einstimmt, die nach verbindlichen ethischen Maßstäben rufen (DIE ZEIT 08.04.98, S.1). Immerhin erkennt sie, daß erst eine „zivilisierte Gesellschaft“ errichtet wer­den müsse, in der die Schule dann ihren Teil dazu beitragen könne, der heran­wachsenden Jugend bessere Leitbilder zu vermit­teln. Ein weites Feld. Welche Generation der jüngsten deutschen Geschichte genoß denn eine wahrhaft zivilisierte Gesellschaft? Ihr Mahnruf: „Es sind unsere Kinder – Abbild der Gesellschaft!”, ist al­lerdings sehr viel differenzierter als Peter Gauweilers These, die er in der taz vor­bringen darf, daß nämlich der Wertewandel von 68 nicht unum­kehrbar sei, der Werteverfall also korrigierbar: „...aber dies ist kein Problem mehr nur der taz und ihrer 68er. Sondern von uns allen.“ (taz 09.04.98, S.12)

Ja, es ist deutlich Tag um Tag zu spüren, daß wieder einmal ein Wechsel in der Grundstimmung des öffentlichen Lebens von­statten geht. Es ist noch gar nicht ausgemacht, wohin der Weg führt. Trotz der wohltuenden Annäherung der Nationalstaaten Europas, trotz des Geschenks der Einheit Deutschlands mit ver­bindlichen Grenzen inmitten dieses neuen Europas, trotz schön­ster Aussich­ten also auf Frieden und Wohlstand – es wird einem bange beim Blick auf den völlig ungewissen Wandel in Rußland, auf die neuen Krisengebiete in Osteuropa, auf die alten und neuen Konfliktre­gionen der Welt. Es geht eine bleierne Angst um, verursacht durch den rasanten Umbruch der Arbeitswelt, eine lähmende Starre brei­tet sich aus angesichts der Unfähigkeit der Gesellschaft, darauf produktiv und gerecht zu reagieren außer mit alten Programmen und Ideologien, mit rückssichtslosem Ausnut­zen der Schwächen der Schwachen oder mit glatten und scheinbar professionellen Konzepten des „schlanken Staates“ und einer nur streng genug ein­zufordernden Leistungsbereitschaft der „Un­tä­ti­gen“.

Genauso klingt es in der Schule, genauso lauten die Parolen neuer Macher. Mitunter scheint Schulpolitik nichts anderes zu sein als schlichte Umsetzung der Forderung des Philologenver­bandes Bayern: Beherrschung neuer Technik, Leistung durch Aus­lese, Schwerpunkt in den traditionellen Grundwissenschaften, Schullei­termanagement. Das klingt sehr ähnlich bei Wissen­schaftsminister Op­permann und Innenminister Glogowski. Wir müssen uns fragen lassen: Was machen wir da eigentlich an den Schulen „inhaltlich“ und „so gut bezahlt“? Ja, was machen wir ei­gentlich! Gibt es da noch etwas zu gestalten, oder werden wir nur in Dienst genom­men?

Wir beide gehören nicht zur wilden sechziger-Generation, uns hat der damalige Wandel erst im Beruf erreicht als Reflex auf die Stu­dentenbewegung. Die libidinöse Formlosigkeit nicht und die il­libe­rale Verantwortungslosigkeit nicht, aber die Befreiung aus po­li­ti­schen und moralischen Verkrustungen und die produktiven Ele­mente für ein demokratisches Schulleben haben wir zunächst be­grüßt und dann unterstützt: einklagbare Rechtfertigung jeder Au­torität, Mitbestimmung von Eltern und Schü­lern, offener Dis­kurs im Kollegium, Begründung von Lernformen und Lerninhal­ten, kri­tische Aufar­beitung der Rolle unserer Eltern- und Großel­tern­gene­ration beim Weg ins Dritte Reich.

Die Reformanstrengungen waren gewissermaßen eine Wel­len­kräuselung neben vielen anderen. Sie sind zu verstehen als Teil ei­nes vielschichtigen Politikwechsels. Das Klima wurde u.a. be­stimmt durch eine entspannend wirkende endgültige Zustimmung zur West­orientierung der Bonner Republik, durch den ermutigen­den Realitätsgewinn der neuen Ostpolitik und durch eine prospe­rie­rende Wirt­schaft, die soziale Modernisierung bezahlbar er­schei­nen ließ.

Ein interessantes Spiegelbild sind die Themen, die sich für Kursmodelle im gesellschaftswissen­schaftlichen Aufgabenfeld ge­radezu aufzudrängen schienen: Das Bonner Grundgesetz (als poli­tische Willensbildung) 1949/1973, Fremd- und Mitbestimmung in der Arbeitswelt, Zur Problematik des Eigentums und der Eigen­tumspolitik, Welthandelsverflechtungen, Einführung in die Mar­x­sche Theo­rie, Die Bundesrepublik Deutschland in der Entwicklung des Ost-West-Verhältnisses, Probleme der Entwicklungspolitik, Frie­denspolitik am Beispiel des Nahostkonflikts, Sicherheitspolitik und Bundes­wehr, Probleme der Entstehung von Kriegen, Der Mensch im Arbeitsprozeß, Deutsche und Polen u.a. Mit der Nicht­ge­neh­mi­gung der Kursmodelle „Soziale Ungleichheit“ und „Psy­chi­sche Kon­flikte der Pubertät“ (gedruckt von der GEW) war der Ze­nit freier curricularer Arbeit bereits überschritten, der Trend war wieder gegenläufig (Siehe „Grundsatzpapier“ der Gruppe B, eben­falls zum Druck nicht mehr freigegeben, aber dan­kens­werter­weise heraus­ge­geben vom Philologenverband Nieder­sachsen 1977).

Für dieses Konzept traten wir mit zahllosen weiteren Mitwir­kenden (Berufenere werden in die­sem Heft dazu etwas sagen) in Niedersachsen ein in den siebziger Jahren: Offene Rah­men­richt­li­nien, schrittweise Entwicklung in einem Prozeß des Erprobens und des Dialogs mit den Schulen, Vorgaben nur durch Richtziel und Lern­­zielkataloge, im Aufgabenfeld B durch „Problem­kreise”, die m.E. schon sehr nah an die spätere Konzeption von Schlüs­sel­pro­ble­men her­anreichen.

In den Schulen herrschte neben engagiertem Mittun auch Wi­derspruch, aber fast überall leben­diges Suchen und Entscheiden.

Vom mündigen Bürger gingen wir aus, vom möglichst selbst­ver­antwortlichen Schüler bei der Gestaltung des Schullebens und bei der Planung seines Bildungsganges in der gymnasialen Ober­stufe.

Lehrkräfte und Schüler sollten im Rahmen vorgegebener Ni­veaus und Methodenstandards aus weit gefächerten Vorschlags­fel­dern Inhalte selbst vereinbaren.

Heute, 1998, werden punktuell ähnliche Erwartungen an uns gerichtet. Eine neue Oberstufen­verordnung in Niedersachsen bie­tet Projektkurse und fachübergreifende Kurse an, Facharbeiten wer­den gefordert. Das kommt uns wohl vertraut vor. Da scheint ein Kapitel alter Konzepte dem sonsti­gen bundesweiten Trend der Lernstoffverpflichtung entgegengehalten zu werden. Aber im Ge­menge mit den im Vergleich zu den siebziger Jahren enorm ge­wachse­nen Problemen des Sekundarbereichs I und vor allem im Gemenge mit der generellen Schulkrise des ausgehenden Jahr­zehnts (Ver­wal­tungsreform, Aufgabenverlagerung von Mittelin­stanz auf Schul­lei­tung, Überalterung der Kollegien, Sparmaßnah­men aller Haus­halte und gesamtgesellschaftliche Problematik) treffen diese An­ge­bote auf eine Situation niedriger Akzeptanz und geringerer Glaub­wür­digkeit.

Ein Umbruch in den Schulen steht ohne Zweifel wieder an. Umso mehr fehlt ein Kollege Bau­ermeister als engagierter, kriti­scher, immer vorantreibender Mitsprecher. Laut und deutlich wa­ren seine Signale, nur scheinbar grob gelegentlich, immer loyal und verläßlich.

Der Umbruch vor 25 Jahren geschah eingebettet in die histori­schen und sozialen Bedingungen des damaligen Umfeldes. Die Ver­änderungen waren selbstverständlich politisch umstritten, die Ver­fahren kontrovers. Herr Bauermeister leitete als Gymnasialer die Gruppe D (Organisation) am MK, ich nach Herrn Dr. Heide­mann die Gruppe B (Gesellschaftswissenschaftliches Auf­gabenfeld) neben Herrn Leeker vom Berufsbildenden Schulwesen.

In der weiteren Perspektive stellten wir uns nämlich eine Ko­operation der Oberstufen vor zwi­schen Gymnasien und Berufsbil­denden Schulen. Davor schreckte aber bereits die SPD-geführte Re­gierung vor dem Wechsel 1976 zurück.

Was heute eingeklagt wird, war an sehr vielen Gymnasien le­bendig vorhanden: Aktivität, Suchen nach dem eigenen Profil, Öff­nung zu Stadtteil und Institutionen, Kontakte mit Hochschu­len, Ver­knüpfung koordinierter Fortbildung regional und über das NLI.

Mit solchen Leitbildern kamen wir dann in leitende Verantwor­tung an den Gymnasien. Wir mußten unser Rollenverständnis neu definieren. In der Anfangsphase der Reformzeit hatten alle Mit­wir­kenden der vier Arbeitsgruppen einen beträchtlichen Informa­ti­ons­­vorsprung gegenüber den übrigen Schulleitern und Dezer­nen­ten. (Durch­­aus nicht konfliktarm verlief infolgedessen die soge­nannte „Heu­­schreckenaktion“.)

Nun selbst Schulleiter, sahen wir natürlich einen Schwerpunkt unserer Arbeit in der reformierten Oberstufe.

Anfangs waren die Ziele weit gesteckt. Der Wechsel vom Klas­sen­system zum Kurssystem brachte überwiegend Vorteile, setzte tatsächlich neue Kräfte frei bei Schülern und Lehrern. Neue Fä­cher und alte Fächer mit neuen Schwerpunkten und neuer cur­ricularer Struktur führten zu lebendi­gen Experimenten. Es mach­te Spaß, sinn­volle Netzpläne zu konzipieren.

Mehrheitlich trugen interessierte, meist jüngere Lehrerinnen und Lehrer die Reform an den Schulen, gewannen auch Ältere zum korrigierenden Mittun. Viele Schulen konnten von Anfang an die Kompetenz von Mitgliedern der Arbeitsgruppen nutzen. So organi­sierte an der Tellkampfschule Herr Henning die Oberstufe, zu­nächst nach schuleigenen Modellen, dann nach KMK-Verein­ba­rung und Niedersächsischen Erlassen. Er hatte neben Herrn Bau­er­mei­ster, der ja aus dem Kollegium der Tellkampfschule stamm­te, in der Gruppe D gearbeitet.

Die Schülerzahlen waren noch hoch, die Lehrerversorgung war zwar entsprechend knapp, aber noch in Bewegung und dynamisch. Die Kollegien waren in der Altersstruktur gemischt oder stark ver­jüngt. Als Schulleiter konnten wir die Zusammensetzung eine Zeit­lang mit steuern.

Die Kooperation besonderer Art zwischen unseren beiden Nach­barschulen hat Herr Bauermei­ster stets gefördert. Sie ergab sich zwangsläufig aus dem Anspruch, eine offene Oberstufe zu ge­stal­ten mit möglichst jeder Fächerkombination für die wählenden Kurs­schüler.

Die Zeitspanne der optimistischen und offenen Reform aber war kurz bemessen. Das Pendel schlug bald zurück.

Der großzügig finanzierte Bund-Länder-Schulversuch, der die Reformgruppen und ihre Planar­beit und vor allem die Entwick­lung und landesweite Publikation hoch qualifizierter Modelle er­mög­licht hatte, lief aus bzw. wurde von der neuen Regierung nach 1976 nicht mehr genutzt.

Die neue Mehrheit im Landtag unterstützte früh den bundes­weiten Trend der Rücknahme von Reformen. Unerwünschte Mo­del­le wurden gestrichen, fertige Papiere nicht mehr gedruckt, die Wahl­möglichkeiten der Schüler Schritt um Schritt eingeschränkt.

Die Verwaltung unterstützte nicht mehr jene Schulen, die Vor­reiter der Reform gewesen waren. Eher gerieten wir in Bedrängnis in den 80er Jahren. Der Stil der Hierarchie wurde restauriert. Es gab schon Frust für Schulleiter wie Ulrich Bauermeister.

Die gleichzeitige wirtschaftliche Rezession führte verstärkt zu Sparmaßnahmen des Landes und der Kommunen.

Grundziele einer demokratischen Schulreform waren einerseits verwirklicht: Gestiegener Anteil der Kinder und Jugendlichen eines jeden Jahrgangs mit besser qualifizierenden Abschlüssen, Integra­tion von Ausländern und Aussiedlern, Offenhalten der Übergänge zwischen den weiterführenden Schularten. Orientierungsstufe, Frei­gabe des Elternwillens und Folgen des allgemeinen Geburten­rückgangs taten ein Übriges. Heute wird gefragt: Müssen alle diese Kinder wirklich das Gymnasium besuchen?

Ein erneuter Wechsel der Mehrheiten im Landtag 1990 schien den von uns erhofften Verände­rungen eine neue Chance zu ge­ben. In der Zwischenzeit von 14 Jahren hatten viele Reform­freunde sich häufig getroffen. Im kleinen „Emdener Kreis“ bei­spielsweise führ­ten wir die Diskussionen weiter, entwarfen und veröffentlichten gar Planpapiere und neue Modelle, berieten in­teressierte Mitglie­der im Kultusausschuß des Landtags und setz­ten auf dessen Spre­cher Rolf Wernstedt, der selbst in der Gruppe B mitgearbeitet hatte (Kursmodelle Marxsche Theorie, Grundge­setz und Kriegsent­stehung). Freilich, als der Wechsel endlich nach drei Wahlperioden geschah, waren die Veränderungen sehr weit fortgeschritten, auch die Entscheidungsträger und Berater hatten gewechselt. Trotz un­vermeidli­cher Enttäuschungen blieben wir beide auch aus der Distanz bis zuletzt Rolf Wernstedt kritisch-loyal verbunden.

(Nun scheidet er nach acht Dienstjahren aus dem Amt. Er hat ein liberales und sozial verantwor­tetes Bild der Schule vertreten, das wir begrüßt haben. Die kluge und differenzierte Nachdenk­lich­keit seiner Analysen und Stellungnahmen haben wir hoch ge­schätzt, seine Entscheidungen respektiert, auch wo wir sie anders wünschten.

Übrigens: Auch in der Arbeitsgruppe „Freunde der Reform“, die Herr Bauermeister für Schullei­ter und Dezernenten gemein­sam mit Rolf Bade organisierte, entsteht eine große Lücke.)

Die Zusammenarbeit zwischen Bismarckschule und Tellkampf­schule hatte im Wandel der Jahre Bestand.

Am leichtesten fiel uns die Kooperation in der Oberstufe. Im Sekundarbereich I gelang die An­näherung nicht gleichermaßen. Die Tellkampfschule entwickelte ihr bekanntes Teammodell für die Eingangsjahrgänge, sie beteiligte sich an Schulversuchen zur Er­probung neuer Unterrichtsformen und führte die sogenannte Stundentafel B ein mit einem Wahlpflichtbereich. Die Mehrheit der Gesamt­konferenz der Bismarckschule hat diesen Schritt nicht nachvollzogen. Darüber wollten wir weiter verhandeln, denn ein gemeinsames Angebot für die neunten und zehnten Klassen im Wahlpflichtbe­reich, besonders bei den Sprachen, hätte einen gu­ten Sinn.

Auch die Schwierigkeiten mit unterschiedlichen Schülerzu­strö­men wollten wir offensiv verhan­deln: Unsere Schulen erfüllen ei­nen besonderen Auftrag für die Stadt Hannover, die Tellkampf­schule mit der Integration vieler türkische Kinder, die Bismarck­schule mit der Integration vieler Aussiedler­kinder. Die zusätzli­chen Anstrengungen der Tellkampfschule bei der Erstellung eines Schulpro­gramms haben ein Unterkapitel „Kooperation mit der Bismarckschule“ ergeben. Es gibt noch viel zu tun.

Die Lage in Hannover hat sich insofern geändert, als es künftig für das eine oder andere Gym­nasium durchaus wieder um seine bloße Existenz gehen kann. Eine schulpolitische Gesamtkonzeption für Hannover, womöglich in Abstimmung zwischen allen wichtigen Bildungsträgern und Schulleitern, gibt es nicht. Das Treffen der Gymnasialschulleiter hilft nur begrenzt zur Abstimmung gemein­samer organisatorischer Interessen, ist aber als gemeinsames Or­gan gescheitert am Egoismus der Einzelschu­len. Das ist kurzsich­tig und bedauerlich, weil so die Interessen der Kinder und Eltern der Stadt nicht wirklich gewahrt werden. Hier waren und sind wir im­mer einer Meinung gewesen: Alles tun für die Stärke und das Profil der eigenen Schule, aber nie lediglich als Selbstzweck. Es gibt ein übergeordne­tes Interesse der Schulpolitik der Landes­haupt­stadt. Hannover hat sich große Verdienste erworben in den Jahren der Expansion mit vielen Neugründungen – auch nach dem Zwei­ten Welt­krieg. Es muß auch Korrekturen geben können, nicht nur Wah­rung von Besitzstand. Aber mit Weitsicht, Stil und Würde.

Ein nackter Konkurrenzkampf wäre verheerend, die Gefahr für eine solche Entwicklung nimmt zu durch ein falsch verstandenes Prinzip der offenen Konkurrenz der scheinbar selbständiger wer­denden Schulen, das auf Sponsoring der Wirtschaft und Initiative der Elternschaft bei der Geldbe­schaffung setzt.

Das ist wieder ein eigenes und sehr weites Feld. Dazu habe ich mich an anderer Stelle im Zu­sammenhang mit dem Thema „Schul­programm“ kritisch geäußert.

Der Ring schließt sich. Alte und neue Probleme überlagern sich.

Es wäre falsch, die Werte der Reformzeit vor 20 Jahren nach­träglich zu verklären. Der zeitge­schichtliche Kontext war in fast al­len Faktoren anders. Heute sind andere Lösungen zu suchen. Der Spielraum freilich scheint sehr eng zu sein. Der Wandel wird – wie überhaupt in der Geschichte – sich seinen Weg bahnen. Aber oft sind in derartigen Krisenzeiten gerade Entscheidungen inner­halb der ganz kleinen Spielräume bahnbrechend.

Da fehlt mir Herr Bauermeister in der kurzen Zeit, in der ich noch mit entscheiden kann.

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Gerhard Voigt

Ein Jahrzehnt Türkeipartnerschaft*

Es fällt nicht leicht, an dieser Stelle einen zukunftsorientier­ten Bericht über unsere lange Jahre so erfolgreiche Türkei­part­nerschaft zu geben. Der erste Blick auf die heutige Si­tua­tion ist zwiespältig, eher pessimistisch. Während sich in der İstanbul Lisesi vieles seit 1985 bewegt hat, die Schulpartner­schaf­ten einen zuneh­mend wichti­ge­ren Stellenwert einnehmen und im­mer deutlicher auf die Bil­dungsziele der Schule ausstrahlen – durchaus bewußt als Gegen­bewegung zu retardierenden Mo­menten der türkischen Bildungs­politik und der problematischen Entwick­lungen in der Türkei –, ist an der Bismarckschule Hanno­ver eher Rückschritt zu verzeich­nen.

Vom Aufbruch zu neuen Bildungskonzeptionen, wie sie bei Col­lo­quien und Veranstaltungen in der Schule in der zweiten Hälfte der 80er Jahre aufschienen, als der UNESCO-Club ge­grün­det und interkulturelle Projektveranstaltungen mehrfach mit großem Er­folg durchgeführt worden waren, ist wenig übrig ge­blieben; Resi­gnation bei vielen Kolleginnen und Kollegen greift um sich, wenn im Kollegium, wie zunehmend in der Schüler- und Elternschaft der Interkulturellen Bildung zuwider laufende Stim­mungen und Ein­stellungen dominieren, die unterschwellig sogar fremden­feindliche Haltungen und Motive erkennen lassen, die ei­ner UNESCO-Projekt-Schule nicht wür­dig sind.

Daher soll zunächst ein persönlich gefärbter Bericht über un­se­re Beziehungen zur Türkei gegeben werden, auch wenn ich beim Schreiben immer denke, daß doch alles schon so oft gesagt und doch überall bekannt sei... Doch zu leicht vergißt man ja, daß in einer langen Folge von Reiseberichten ja immer wieder an­dere Rei­seteilnehmer, und auch immer wieder andere Leserinnen und Le­ser auch der Berichte in die Türkei-Arbeit der Bismarckschule Hanno­ver integriert wurden. Schon in der Gestaltung der Reise­pro­gram­me ist darauf zu achten, daß ein Grundbestand an Er­fah­run­gen, Erlebnissen und Besichtigungen für diejenigen, die zum er­sten Ma­le die Türkei besu­chen, notwendiger Bestandteil der Pla­nung sein muß, auch wenn er in jeder Reise wieder auf­taucht. Für die jewei­lige Reisegruppe sind diese Erfahrungen neu, einprägsam und not­wendig. Für die Lese­rinnen und Leser der Reiseberichte kann daher auch nicht auf die notwendigen Grundin­formatio­nen verzichtet werden, müssen die Fragen beantwortet werden, die je­des Mal auf’s Neue gestellt werden...

Es ist dies ein Grundproblem der Lehrerexistenz, vor allem, wenn Lehrersein nicht nur als Abspulen immer der gleichen Lehr­programme und Unterrichtsstoffe verstanden wird, sondern die einmalige Lern- und Kommunikationssituation mit den Schülerin­nen und Schülern im Vordergrund stehen soll, in der sich eigene Langeweile sehr schnell auf die Lernmotivation der ganzen Lern­gruppe überträgt – was letztlich auch auf der x-ten Wiederholung einer standardisierten Tür­kei­reise passieren könnte! Jahrelang in immer den gleichen Fächern und Klassenstufen zu unterrich­ten, führt zu einer »Professionalisierung«, die von Erfolgen und Mißer­folgen gelernt hat und dazu verführt, beim »Bewährten« stehen zu bleiben und die, in früheren Zeiten zwangsläufigen, su­chenden und erprobenden, riskanteren Unterrichtsabenteuer, die erst das Ler­nen interessant und motivierend machen können, zu meiden: nicht aus Faulheit und Risikoscheu – wenn es das sicher­lich auch geben sollte –, sondern aus der gut gemeinten Überzeugung, das Falsche nicht zu tun!

Damit verliert der Beruf selbst seinen Reiz und die Lehrerin­nen und Lehrer die Chance, selbst weiter zu lernen – und wer nicht lernt, ist geistig tot. Viel­leicht hängt davon, unbewußt, auch der Eindruck vieler älteren Kol­leginnen und Kollegen zusammen, daß die Schülerinnen und Schüler von Jahrgang zu Jahrgang we­niger leistungsfähig oder sogar ›dümmer‹ würden; in Wirklichkeit wächst nur die Diskre­panz zwischen Schülerinnen und Schülern in immer wieder glei­chen Alters- und Entwicklungsstufen und dem eigenen Alter, der eigenen Erfahrung und »Professionalität« – ...habe ich das nicht schon so oft gesagt, und sie haben es immer noch nicht gelernt... Nein das waren vergangene Jahrgänge, mit denen ich das immer gleiche Problem bearbeitet hatte...

Manchmal mag es auch subjektiv etwas Wehmut hervorrufen, wenn die eigene Freude am Neuen immer weiter zurück liegt und wenn ich dabei die Freude und die Überraschung der Jüngeren be­obachte, die alles nun zum ersten Mal erleben.

So geht es mir auch bei unseren Türkeireisen. Wie viele es bis heute waren, müßte ich erst einmal nachzählen, wobei eigene Rei­sen ohne Schülerinnen und Schüler noch dazu kommen: zuminde­stens waren es fünf Reisen im Rahmen unserer Schulpartnerschaft mit der İstanbul Lisesi, die je­weils mit einem Aufenthalt in İstan­bul begannen und dann eine Rundfahrt durch die Mittel- und West­türkei, Ankara, Konya und Kappadokien, anschlossen.

Sehr deutlich wurde mir dieser Wiederholungscharakter fast schlagartig, als wir bei unserer letzten Reise zum Empfang bei Ma­hir bey, dem damaligen Direktor der İstanbul Lisesi, waren; die Schülerin­nen und Schüler etwas beeindruckt vom großen, reprä­sentativen Amtszimmer – fast im klassi­schen Sinne des Amtes als Autorität und Ehre –, auch etwas distanziert und gelangweilt, weil die deut­sche Alltagskultur gerade auch der Jugend diese Form der Amts­repräsentanz mit wachsender Di­stanz und emotionaler Ab­lehnung wahrnimmt – übrigens, wie wir beobachten konnten, ähn­lich und zunehmend auch bei den türkischen Schülerinnen und Schülern zumindest in unserer Partner­schule: sehr zum Kummer der türki­schen Bildungsideologie –, daneben wiederum andere jün­gere tür­kische Kolleginnen und Kollegen, die bei unse­rem letzten Besuch noch nicht dabei waren, aber gerade auch für die Überset­zungen gebraucht wurden, dazu Frau Kadriye Ardiç, die als Subdi­rek­torin und Deutschlehrerin für die Schulpartner­schaft zuständig ist: Mahir bey und ich in einem jetzt schon er­probten Ritual der Be­grüßung und des gegenseitigen Dankes ge­genüberstehend bzw. ‑sitzend – wobei beides sehr ernst gemeint und herzlich ausge­spro­chen wurde und als not­wendig für die Kontinuität der Part­ner­schaft zu werten war. Es überkam mich wie ein Déjà-vu-Erleb­nis und blockierte dann die Flüssigkeit der ewig wiederholten Floskeln; ich mußte mich selbst heraus­nehmen, İstanbul war ja für mich nicht mehr fremd und neu, es war ein fast vertrau­tes Wie­derse­hen, bei dem zunehmend auch kleinere Veränderungen und Ent­wicklungen wahrge­nommen und regi­striert, Stimmungen und Hoffnungen erfüllt werden, es war eher eine Rückkehr.

Und damit wird dieser Ort zu einem Teil auch so etwas wie ei­ne Heimat. Zweierlei wurde bei diesem Aufenthalt in Istanbul und in der Türkei deutlich: die Erkenntnis, so vieles noch nicht zu wis­sen, noch nicht gesehen und noch nicht verstanden zu haben – die Neugier wurde konkreter, zielgerichteter, die Fragen präziser – und andererseits – auf der spontan bewußt gewordenen ober­fläch­lichen Ebene –: ich habe auf meinen Gängen durch das Zen­trum von İstanbul keinen Stadt­plan mehr bei mir gehabt und auf unse­rer Rundreise durch Westanatolien brauchte ich kaum je ei­ne Auto­karte, die bei früheren Reisen tägliches Instrument der Rou­tenpla­nung und der Orien­tie­rung war, um unserem Busfahrer den Weg zu unserem nächsten Ziel zu weisen.

Nun, vielleicht ist dies jedoch etwas übertrieben: Meine ur­sprünglichen Besichtigungswün­sche waren, wenn auch gleich mit etwas Skepsis formuliert, nicht ganz so zu realisieren. In der zur Verfügung stehenden Zeit war ein eigentlich gewünschter Abste­cher zur Schwarzmeerküste, der mit Paßfahrten verbunden wäre, nicht möglich. Das zeigte noch in İstanbul ein intensiveres ge­mein­sa­mes Kartenstudium. Aber bis zur berühmten Ausgrabungs­stätte der Hethiterhauptstadt Hattuşa (Boğazköy), die ich bislang noch nicht besucht hatte, konnten wir unsere Rundreise auf dem Weg von Ankara nach Kappadokien doch ausdehnen.

Solche kleinen Modifikationen eines an sich bewährten Reise­programms, nur möglich durch die fast unübersehbare Fülle der geschichtlichen und kulturellen Sehenswürdigkeiten der Türkei, deren kulturelle Wurzeln gut acht Jahrtausende zurückreichen und für die Mitteleuropa ein junger Kontinent ist – geschweige denn die historische ›Eintagsfliege‹ Nordamerika –, und unter Be­rück­sichtigung der berechtigten Ansprüche der Reisegruppe, zu den wirklich zentralen Erlebnisorten in Istanbul, in Kappadokien und an der Ägäisküste geführt zu werden, sind keine selbstsüch­ti­gen Wünsche, auch etwas Neues zu erleben, sondern ein ›Me­di­ka­ment‹ gegen die Erstarrung in pro­fessioneller Routine, Rei­se­lei­ter­menta­lität oder das Erstreben eigenen Engagements und der ei­genen Neugier.

Ein weiterer solcher Ort war diesmal das von mir erstmals be­suchte römisch-hellenistische Aphrodisias westlich von Denızlı in der Nähe des zuvor besuchten Pamukkale. Das fügte sich fachlich-inhaltlich für die Begleiter sehr gut, da wir in İstanbul die große Chance und Freude hat­ten, durch Herrn Türkoğlu, den Mann der Kollegin der İstanbul Lisesi, die unseren Aufenthalt be­treute und die vorangegangene türkische Reisegruppe nach Hannover beglei­tet hatte[1], einen fach­lich überaus kompetenten Gesprächspartner gefunden zu haben, der im Laufe der Zeit nacheinan­der Muse­ums­direktor in Ephesus, in der Hagia Sophia und im Topkapı Sarayı gewesen und jetzt ›Gründungsdirektor‹ des neu der Öf­fent­lich­keit zugänglich gemachten Yıldız Sarayı aus dem 19. Jahr­hun­dert ge­worden ist. Mit ihm konnten wir mehrere Museen be­sich­ti­gen und, vor allem im Archäologischen Museum am Gülhane Park eine in­teressante ›Privatführung‹ durch die Antiken­sammlung er­leben, während der wir auch mit der künstlerischen und histori­schen Bedeutung der Bildhauerschule von Aphrodisias konfron­tiert wur­den. Der besondere lachsrote und lebendig ge­maserte Marmor in Aphro­disias machte die Statuen aus diesem Ort im ganzen römi­schen Imperi­um bekannt. Eine Art Serienfertigung konnte nach­gewiesen werden, in der Standardstatuen ohne Kopf z.B. nach Rom transportiert wurden, um dort mit nachträglich gefertigten Por­trätköpfen der Senatoren und Aristokraten, Mili­tärs und Kon­suln versehen zu werden. In Kleinasien löste die Aphrodisias-Mode die führende Rolle von Ephesus und anderen lokalen Bildhauertra­ditionen ab.

So komme ich doch wider auf meine Eingangsüberlegungen zu­rück. Ich kann nach einem Vierteljahrhundert Türkeierfahrun­gen nicht mehr die gleiche Unbefangenheit und naive Überra­schung bei einer neuen Türkeireise beschreiben, die für unsere Schülerin­nen und Schüler we­sent­liches Element des Erlebens sind. Dazu ist die Türkei bei aller differenzierten Kenntnis zu sehr Teil des eige­nen Lebensentwurfes, das heißt auch in gewisser Weise: Heimat gewor­den. Manch­mal träume ich davon, ob nicht nach meiner Pensionie­rung, die in etwas über einem Jahrzehnt ja schon recht unüber­sehbar näher kommt, ein kleines Häuschen auf der asiati­schen Seite des Bospo­rus nicht eine verlockende Perspek­tive für den Le­bensabend wäre, mit der Möglichkeit ruhigen lite­rarischen und wissenschaftlichen Arbeitens, unterbrochen von Reisen durch den Nahen Osten, mit meinen türkischen Freunden... Aber ob wohl meine Frau dabei mitmacht? Aber träumen ist er­laubt...

Zurück zur eigenen, privilegierten Biographie und der Verant­wortung, die eine solche auf­bür­det. Es bot sich also 1970 an, die schriftliche Examensarbeit im Fach Geographie mit einer Reise und einem privat organisierten und finanzierten Forschungsauf­enthalt in Iran zu verbinden, vom Institut erfreut begrüßt und ideell un­terstützt. Das Forschungsthema war eine Untersuchung der natur­geographischen Voraussetzungen des Lebensraumes in Südwest-Persien, etwa zwischen Es­fahan und der Küste des Persi­schen Gol­fes. Ein befreundeter Kommilitone, Wilfried Eilers, heute Lehrer in Salzgitter, vervollständigte das Zweierteam. Er über­nahm dann für seine eigene Staatsex­amensarbeit die wirtschafts­geographische Un­tersuchung des gleichen Raumes. Eine sol­che ver­trauensvolle und freundschaftliche Zusammenarbeit ist eine Erfahrung, die ›wis­sen­schaftliche Ein­zelkämpfer‹ unbedingt ma­chen sollten, auch um die grundsätzliche Be­schränktheit nicht-dialogi­schen Arbeitens zu erken­nen. Die Erfahrung der integrati­ven Zusam­menarbeit legt damit auch die Fundamente für eine diskursorientierte Lern- und Unterrichtskon­zeption.

So versuchten wir, eine möglichst umfassende Kenntnis des Raumes und der Orte Südwest­persiens zu erarbeiten oder zu er­fahren – im wörtlichen Sinne mit einem alten VW-Variant –, und wir genossen in vielen Städten die herzliche Freundschaft der vie­len Bekannten und Verwandten von Djalil. Doch diese Reise wäre Thema eines eigenen Buches und Erlebnisberichtes. Hier sollen diese Reminiszenzen nur einen persönlicheren Zugang zur Türkei-Arbeit auch der Bismarckschule Hannover und zu unserem Ar­beits­schwerpunkt Naher Osten er­öffnen, um auch zu zeigen, daß The­men- und Arbeitsschwer­punk­te auch im schulischen Zusam­men­hang mehr sind als Rahmen­richtlinien-Vollzug und nüch­ter­nes pädagogisches Kalkül, son­dern in biographische Kontexte ein­ge­bunden sind. Dieser beton­te Erfahrungs- und Erlebnischa­rakter der Themenvermittlung ist nun nichts anstößiges, sondern soll Bil­dungsprozesse anstoßen, die die Persönlichkeit berühren und nicht nur Wissen vermitteln. Hier liegt auch ein Wesenszug der UNESCO-Projekt-Schul-Arbeit, dem sich die Bismarckschule ver­pflichtet weiß.

Kaum zu beschreiben ist der tiefe und unvergeßliche Eindruck der ersten Ankunft in Iran. Die Grenze liegt auf einem einsamen Gebirgspaß, in einer kahlen, schroffen und dunklen Hochge­birgs­steppe zwischen Doğubayazit auf der türkischen und Maku auf der iranischen Seite. Linker­hand wird diese Hochfläche überragt von dem gewaltigen, noch im Sommer schneekappenbe­deck­ten Dop­pel­gipfel des Ararat, der sich bei unserer Ankunft in Wolken ver­hüllte. Religiöse Schauer hat der Reisende jedoch nicht zu be­fürch­ten, jedenfalls nicht in der biblischen Tradition, da die Zu­weisung der biblischen Geschichte von der Sintflut und der Stran­dung der Arche auf dem Ar­arat auf einem Übersetzungsmißver­ständnis be­ruht. Die biblische Geschichte meint einen im Na­men ähnlich lau­tenden Hügelzug in Mesopotamien, während das Ar­aratmassiv sei­nen Na­men von dem altorientalischen Reich Urartu der Urartäer bekommen hat.

Die Grenzabfertigung war – und wird es wohl auch heute noch sein – von orientalischer Umständlichkeit und Bürokratie, natür­lich in jedem Land getrennt vorgenommen. Das große Rechteck des Hofes der gemeinsamen Grenzgebäude ist durch eine Mauer in zwei ›U‹-förmige Teile getrennt, durch die nur eine mit einer Kette gesi­cherte und militärisch bewachte Durchfahrt unter den Flaggen der Türkei und Irans den Fahrzeugen in beiden Richtun­gen einzeln den Durch­laß gewährt.

Ich will aber hier nicht von den Grenzabfertigungen berichten; in den Jahrzehnten meiner Reisen in den Nahen Osten habe ich wohl zusammengezählt Wochen an Grenzen verbracht. Es geht hier nur darum, daß dann, endlich, nach den Anstrengungen eines halben an der Grenze ver­brachten Tages mit all seinen Befürch­tungen und Risiken, zudem ermüdet von einer über eine Woche dauernden Autofahrt durch den Balkan und durch Anatolien – selbst schon erlebnisreich und voller überraschender und über­wäl­tigender Eindrücke und erster Berührungen mit einer frem­den, damals noch viel ›orientalischeren‹ Welt als heute, zumin­dest will es die Erinnerung so –, und angespannt durch eine be­schwerliche Anfahrt durch die trostlosen aber auch abweisend-groß­artigen Ge­birgssteppen Ostanatoliens von Erzurum zum Grenzpaß empor, endlich die Befürch­tun­gen und Belastungen schlagartig abfallen und eine ganz tiefe Erleichterung eintritt, die unver­geß­lich bleibt. Nach wenigen Kilometern, entfernt vom ei­gentlichen Grenzkon­trollbereich, öffnet sich zwischen den dun­kel-vulkanischen Massi­ven und Felswänden der erste Ausblick auf die grü­nen Ausläufer der Hochebene von Azerbeidjan; die Wolken bleiben über den Berg­gipfeln hängen und in einem unwirklich türkisgrünen Himmel bre­chen sich glitzernd und flimmernd, die Konturen des Landes auflö­send, die warmen nachmittäglichen Sonnenstrahlen im Kon­trast zu den dunklen Schatten der Berge ringsum. »Blau, tiefblau atmen die Schatten, und die Nacht ver­zögert so sehr« (Benn).

Iran liegt vor uns, Anatolien ist durchquert, wir sind da. Wir halten an und setzen uns eine halbe Stunde lang auf Steine am Straßenrand, unfähig etwas zu sagen, in unsere eigenen Gedan­ken und Gefühle vertieft. Nie wieder werden wir diese Erfahrung, zum ersten Mal angekom­men zu sein, haben können. In der Ein­sam­keit des Gebirges sind wir plötzlich so etwas wie die er­sten Men­schen auf einem fremden Planeten in einer noch leeren Welt, oder, um ein nahöstliches Gleichnis zu verwenden, wie die Kinder Israels vor dem Gelobten Land. Viele im Alltag banali­sierte Sprachflos­keln und Bilder, die uns unsere Kultur zu Verfügung stellt, füllen sich plötz­lich mit einem unmittelbaren Erlebniswert, werden emo­tional sinn­fällig und decken damit die realen histori­schen Wur­zeln ihrer Ent­stehung auf.

In dieser Gefühlsebene des Erlebens stehen zu bleiben, würde jedoch Mystizismus, Irratio­nalismus hervorrufen. Die Kontrolle der Erfahrung durch die ordnende Analyse, das Einordnen in ra­tionale Sinn- und Erklärungszusammenhänge ist der notwendige zweite Schritt. Doch entsteht jetzt eine große Offenheit, da die Subjektbeziehungen und Erkenntnisinteressen auch zum Thema gemacht werden können und müssen. Nur in der Möglichkeit, exi­stentielle Bindungen zum Gegenstand sei­nes Lernens und Arbei­tens aufbau­en zu können, liegt die Chance eines dauerhaften ver­antwortli­chen Umgangs mit den auftretenden Problemen und Kon­flikten. So wie wir uns dann mit neuer Kraft in das Abenteuer Staatsex­amensarbeit stürzten, eine bis heute unvergeßliche Erin­nerung, so sollte auch Schülerinnen und Schülern die Chance ge­geben werden, eine unmittelbare und überra­schende Beziehung zum Gegenstand des Lernens aufbauen zu können, die Chance zu erleben, daß das, was gesehen, erlebt, erfahren und gelernt wer­den kann und soll, eine persönliche, auch emo­tionale Beziehung zur eigenen Person entwickeln kann und zum Bestandteil der ei­genen unver­wechsel­baren Biographie wird.

Auf dem Hin- wie auf dem Rückweg der Iranreise durchquerten wir die Türkei sehr bewußt und neugierig und wählten dabei auch ver­schiedene Wege. Istanbul, Ankara und Kappadokien waren schon auf der Hinfahrt Orte, die uns länger als nur für die Durch­fahrt notwendig aufhielten – was wohl selbstverständlich ist. Erste Ein­drücke von Südostanatolien erwarben wir bei der Fahrt über Kay­seri – mit einem Abstecher zu den Hethiterausgrabungen von Kül­tepe – und Malatya, noch vor Beginn der Bauarbeiten zum ›Süd­­­ostanatolienprojekt‹ (GAP, Atatürk-Staudamm am Euphrat); daß neben die Besichtigungen auch die ersten Erfahrungen mit Kaker­laken in billigen Hotels tra­ten, ist Quelle für viele heutige, leicht übertreibende, Horrorerzählungen. Für die Rück­fahrt wähl­ten wir dann den Weg an der Schwarzmeerküste und konnten damit unser erstes, noch rudimentäres Türkeibild ergänzen.

Vier Jahre später fuhr ich mit einer Schülergruppe und zwei VW-Bussen noch einmal nach Iran und konnte dabei in der Türkei weitere, mir bisher unbekannte Regionen vor allem in Zentralana­tolien zwischen den Städten Konya und Sivas kennen lernen. Daß diese Reise unter keinem guten Stern stand, sei nur am Rande er­wähnt, um auch die Risi­ken eines solchen investigativen pädago­gi­schen Konzeptes anzu­sprechen; ein VW-Bus, der schon auf der Hinfahrt in Deutschland einen Kuppelungsschaden hatte, mußte mit Getriebebruch von Ostiran nach Tehran geschleppt und dort zollamtlich ver­schrottet werden. Die eine Hälfte der Reisegruppe fuhr daraufhin mit dem Linienbus nach İstanbul und von dort aus weiter mit der Eisenbahn nach Hannover zurück – sicher auch ein aufregendes und wichti­ges Erlebnis, aber doch das bedauerli­che Auseinanderbrechen der Reisegruppe. Der zweite VW-Bus hatte dann auf der Rückfahrt auf der Strecke zwischen der türki­schen Schwarz­meerküste und Anka­ra einen ›Kolbenfresser‹, der ein Wei­terkommen aus eigener Kraft unmöglich machte. Erst eine Motor­reparatur in Ankara machte uns wieder flott für die Heim­fahrt. Außerdem war die Schüler­gruppe nicht einheitlich genug, um wirk­lich solidarisch und ge­meinsam die Reise durchzustehen – ein aus meiner Sicht bedauer­liches Ergebnis, was aber den eigent­li­chen Er­lebniswert der Reise aber nicht minderte.

In diesem Kontext steht nun die Türkei in meiner eigenen Bio­graphie. Zunächst nur als Weg zu unserem Ziel ›hinter der Türkei‹ erfahren, wurde sie immer mehr zum notwendigen und bald selbst geliebten Teil eines Erfahrungsweges, in dem der Weg selbst zum Ziel wird. Die inhalt­liche und wissenschaftliche Arbeit zum Iran wie zu den arabischen Ländern des Nahen Ostens und des Maghreb geht weiter, doch die Türkei ist zum Zentrum der Reisen und der eigenen Beschäfti­gung geworden.

Daneben aber wird von der Schule ausgehend, konsequent die Schulpartnerschaft mit der İstanbul Lisesi aufgebaut, die zum Trä­ger unserer Türkei-Arbeit geworden ist und neben der engen Kon­takte zu Polen, die auch seit den frühen achtziger Jahren be­ste­hen, zum zweiten Schwer­punkt der UNESCO-Projekt-Schul-Ar­beit der Bismarckschule Hannover wurde.

Wie alle solche Projekte gründet sie auch auf Zufälle, hier näm­lich dem zufälligen Zusam­mentreffen mit einem deutschen Kolle­gen, der an der İstanbul Lisesi unterrichtet hatte und vor­schlug, ein­mal von Deutschland aus den Kontakt zu suchen und eine Ko­operation oder Partner­schaft vorzuschlagen. Hintergrund dieses Wun­sches ist die schulpolitische Situation in der Türkei, in einem Land, das große Schwierigkeiten bei seinem seit Atatürk vorge­zeich­neten Weg in eine mo­derne, europäische Zukunft zu überwin­den hat.

İstanbul Lisesi

Nachdem ich also an die ›deutsche Ab­teilung‹ der İstanbul Lisesi geschrie­ben hatte, hatte ich bald darauf erste schrift­­liche und te­lefonische Kontakte, die 1985 zu unse­rer ersten Tür­­kei-Reise führten, in der wir, letztmalig, auch unseren Aufen­t­halt in İstanbul noch selbst organisierten und in einem Hotel über­­nach­teten. Später wurden dann unsere Schü­lerinnen und Schü­ler re­gelmäßig in Gastgeberfamilien durch die İstanbul Lisesi un­terge­bracht, was den Erfah­rungs- und Erlebnis­wert natürlich sehr stei­gerte. Unsere Partner­schule ist eine an­spruchsvolle Tra­di­tions­­schu­le mit deutsch­sprachigem und ma­thematisch-naturwis­sen­schaftli­chem Schwerpunkt, in der im »bilin­gu­alem Un­ter­richt« Fä­cher wie Mathematik oder Naturwis­senschaften von deut­schen Kol­leginnen und Kolle­gen in deutscher Sprache erteilt wer­den. Das entspricht dem türkischen Schultyp eines »Ana­to­li­schen Gym­na­si­ums« (Ana­do­lu Lise).

Der Andrang zu dieser Schule ist groß, so daß jedes Jahr durch Aufnahmeprüfungen die be­sten Bewerber ausgesucht werden. Da­für steht die İstanbul Lisesi seit Jahren auf der Rangliste im Wett­be­werb der türki­schen Gymnasien bei den Universitäts-Aufnah­me­prü­fungen mit an erster Stelle. 1996 war sie dann die ›beste Sch­ule der Türkei‹, was einen erheblichen Medienrummel nach sich zog; wir waren gerade zu der Zeit in İstanbul und konnten ei­niges von der Freude und dem Stolz in der Schule mitbekommen.

Die Schülerinnen und Schüler dieser Schule werden später zu denjenigen Führungskräften in der Türkei ge­hören, die mit den heutigen politischen und sozialen Problemen des Landes fertig werden müssen und die Türkei weiter an Europa und an demo­kra­tisch-rechtstaatliche Strukturen heranführen sollen. Um dieses Ausbildungsziel zu erreichen, pflegt die İstanbul Lisesi eine ganze Reihe von Schulpartnerschaften in Deutschland aber auch mit den Deutschen Schulen in Athen und Moskau, bei denen die Kontakte mit der Bismarckschule Hannover besonders gepflegt wer­den.

Bei den regelmäßigen Besuchen türkischer Schülerinnen und Schüler in Hannover wollen wir daher unseren Gästen nicht nur die Attraktionen unserer Region, das Leben in deutschen Familien und einen Einblick in den Alltag unseres Schulunterrichts vorstel­len, sondern ihnen auch einen er­sten, natürlich den Möglichkei­ten Ju­gendlicher angepaßten anschaulichen Eindruck unserer de­mo­krati­schen politischen Kultur, unserer Technik und Wirtschaft und un­seres Rechts zu kritischem und selbstkritischem Denken vermit­teln – also jene Ziele ansteuern, die auch die Ziele der UNESCO-Projekt-Schularbeit sind.

Dazu gehört sowohl von Seiten unserer Schule und der betei­lig­ten Lehrerinnen und Lehrer, als auch von Seiten der Eltern- und Schülerschaft einiges Engagement, das nur aufgebracht wer­den kann, wenn sich die Beteiligten der Chance und Risiken dieser In­terkulturellen Bildung, eben­so wie ihrer eigenen Motive und Dispo­sitionen bewußt sind und darüber Rechenschaft ablegen können.

Ich habe das mit einigen essayistischen Schlaglichtern auf eige­ne biographische Prägungen für mich in den vorangegange­nen Ab­schnitten zu leisten versucht und hoffe auch, damit deut­lich ge­macht zu haben, welchen hohen Rang ich persönlich unse­rer Tür­kei-Arbeit, aber darüber hinaus insgesamt auch der Inter­kul­turel­len Bildung zumesse. Daher denke ich auch, berechtigt zu sein, hier noch einmal ganz deutlich hervorheben zu dürfen, daß UNESCO-Projekt-Schul-Arbeit – das einzige wirklich zukunftsträch­tige »Pro­fil«, das die Bismarckschule Hannover in der Öffentlich­keit heute auf­zuweisen und zu pflegen hat – nicht nur in Freizeit­be­schäf­ti­gun­gen und Studien­fahrtan­geboten erschöpft sein kann, sondern daß sie ganzheitlich gesehen werden muß, mit al­len Kon­se­quenzen für den Umgang miteinander, vor allem auch mit den Schülerinnen und Schülern un­serer Schule selbst, die bio­gra­phi­sche durch Kul­tur­sprünge, soziale Diskriminierung und Ak­kul­tura­ti­onsprobleme be­lastet sind. Es geht also nicht nur um die Türkei als Land, Er­fah­rungs- und Erleb­nisraum, sondern um eine Verän­de­rung unseres eige­nen Verhaltens gegenüber dem ›Frem­den‹, ›Befremdlichen‹ und even­tuell sogar ›Ängstigenden‹. Und hier ha­ben wir auch als Leh­re­rin­nen und Lehrer, aber auch in der Eltern- und Schülerschaft ganz erhebliche Defizite auf­zuar­bei­ten! Man kann nicht nur ›mal so eben‹ an einer Schulpartner­schaft teilneh­men, in die Tür­kei oder nach Polen fahren, aber im Unter­richtsall­tag gegenüber Mit­schü­lerinnen und ‑schülern keine Konse­quenzen ziehen.

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Lothar Nettelmann

… einige Anmerkungen zu den projekt- und studienfahrtorientierten Klassenreisen im 11. Jahr­gang[2]

Kassenfahrten haben zweifellos einen Unterrichtsbezug. Sie sind in der Regel projektorientiert ange­legt oder in ein Un­ter­richts­fach eingebunden. Sie ‘ergänzen’ den Unterricht nicht, sondern sind inte­gra­ler Be­standteil von Schule.

Der äußere Eindruck ist nicht sehr einladend: Die Jugend­her­berge ‘Leipzig-Centrum’ ist eine zur Hälfte in Re­no­vierung befind­liche Baustelle. Man musste das frühere Gebäude aus Rücker­stat­tungs­grün­den verlas­sen. Alle sind sehr freundlich und hilfsbereit. Sie entschuldigen sich für die Unzulänglich­keiten, die sie selbst nicht zu vertreten haben.

Der Bau, ein ehemaliges Lehr­lings­wohnheim, ist Be­standteil einer größeren Wohn- und Ver­wal­­tungs­­bauan­lage der späten Epo­che der DDR. Die Kon­zeption – der Sani­tätsbereich ist ein Kurio­sum – ist schwer nach­voll­zieh­bar. Auch in der ‘ehe­ma­li­gen’ brauchten die Architekten bekanntlich nicht in den Objekten zu woh­nen, die sie ‘verbrochen’ hatten. Der Bund hat bisher ca. 125 Millionen DEM in die Ju­gendherbergen der fünf neuen Länder inve­stiert. Man benötigt mindestens 300 Millionen!

Bedenklich stimmt, dass bei den Schüler/innen der 11. Klassen­stufe über den Geschichts-, Erd­kunde- und So­zialkundeunterricht nur wenig vorhandenes Wissen über den Projektgegenstand spür­bar ist. Der Ober­bür­­ger­mei­s­ter ist darüber offensichtlich irritiert. Er versteht nicht, dass sein Leip­zig so unendlich fern liegt in der Vorstellungs- und Erfahrungswelt der achtzehn Bismäcks. Woher sollen sie es denn aber auch wissen? Das zwan­zigste Jahrhundert hat für sie bisher im Unterricht kaum statt­gef­unden. Schockie­rend wirkt dann der vor­wurfsvolle Rückblick des OBM: Man hat uns nach 1990 hängenlassen. Kohl war zwar mal da und Lafon­taine (of­fenkundig widerwillig) auch; das war es denn aber auch schon. Offensichtlich hat der Beam­tenappa­rat in Bonn wirklich gemeint, man könne alles aus der ‘Westenta­sche’ heraus erledigen und der Markt würde es dann schon von selbst regeln. Es war auch keine ‘Wie­der­vereinigung’, sondern der Beginn eines lang­samen Zusam­menfügens von zwei wirt­schaftlich und kulturell völ­lig auseinan­der­entwickelten Gebilden.

Die Leipziger können z.B. absolut nicht verstehen, dass man sie bei einem Besuch der Düsseldorfer Mes­se über­haupt nicht als ei­genständig wahrgenommen hat, schon gar nicht ihre Probleme. Man ver­steht ande­rer­seits über­haupt nicht die Probleme der Han­noveraner mit ihrer Expo 2000. Für die Region Leipzig-Halle-Bit­terfeld wäre sie ein Geschenk des Himmels gewesen. Man war da­mals aber noch nicht in der Lage, die­ses Projekt zu überneh­men. Nur wenige Experten sind gegenteiliger Auf­fas­sung. Die Hinter­las­sen­schaft der DDR war zu kata­stro­phal. Es war aber durchaus be­mer­kens­wert, dass es dort wichtigere Kate­gorien gibt, als die Ru­he eines Bemeroder Vorgar­tens im Sommer des Jahres 2000.

Kaum jemand beschäftigt sich in einer deutschen Schule mit sächsischer Geschichte. Im ›Fürstenzug‹ wird in Meissener Por­zel­lan die Linie sächsischer Einherrscher dar­ge­stell­t. Unwillkürlich as­soziiert man Episoden aus dem historischen Allgemeinwissen: Um die Jahr­hundertwende amtierte ein König, es war wohl ein Fried­­rich.[3]  Bei seiner Ab­setzung im November 1918 erklärte er den Re­volutionären, die zuvor artig um eine Un­terredung gebeten hat­ten: „Macht euren Dreck alleene“. Anhand seiner Person kann man z.B. erwähnen, dass es die (säch­sische) V. Armee war, die im Ersten Weltkrieg auf Befehl dieses Königs an der Marne Halt mach­te, weil die Soldaten völlig erschöpft waren. Die preußische Generali­tät hat in ihrer ›Immer–feste–druff–Manier‹ an den an­de­ren Fronten nicht aus die­sem Grunde vor dem Ziel aufgeben las­sen.

Muss man dabei nicht gleichzeitig an das Klischee von den ‘Kraut­­junkern im Offi­ziersrock’ denken und ihre wirk­liche Ein­stel­lung gegenüber ihren Unterta­nen, etwas, das später unter die preu­ßische Pflichterfül­lungs­ide­o­lo­gie sub­su­miert wurde? Am Ran­de ist es viel­leicht noch interes­sant, dass der hannöver­sche Adel nach der Degra­da­tion Han­no­vers zur preußischen Provinz seine Söhne in der Regel in sächsi­schen Regimentern hat dienen lassen.

Die Dominanz preußisch-utilaristischen Verhaltens lässt sich nicht nur an der relativen Sparsamkeit Pots­dams ver­deutlichen, sondern auch an ihrer Kehrseite: dem expansiven militaristischen Denken am Vor­abend des Ersten Weltkriegs. Geradezu grotesk mu­tet es deshalb an, wenn man in einer von der Stadt Leipzig her­­aus­ge­ge­­benen Schrift lesen kann, dass das zwischen 1898 und 1913 errichtete Völkerschlachtdenkmal einen ‘friedens­stif­ten­den Zweck’ erfülle.[4] Die sinnverkehrende Formulierung eines subal­ternen Mit­ar­beiters kann nur mit nachwen­de­spe­­zifischem Überei­fer und An­pas­sungsdruck, mit Unqualifiziertheit oder Ignoranz des Autors erklärt wer­den.

In Leipzig läßt sich sehr gut ein wesentlicher Aspekt der Bevöl­kerungsverschiebung nach dem Zweiten Welt­krieg verdeut­lichen: Nahezu die gesamte tradierte Machtelite – im wesentlichen das Stadt­bürgertum – hat die SBZ/DDR nach der sowjetischen Beset­zung ver­lassen oder wurde durch die sowjetische Militärregie­rung sowie die neuen kom­munistischen Machtinhaber ver­drängt oder hin­aus­­geekelt. Damit verbun­den ist ein Verlust von in Jahr­hun­der­ten gewachsener Identität. Dieser ist mittelfristig irre­versi­bel und kann nur schwer kompensiert werden. Auch die Neu­bür­ger/innen erreichen dieses nicht. Sie bewirken eher eine moderni­stische Über­formung der Gesell­schaft des Großraumes Leipzig, ver­bunden mit der ‘Flucht‘ ins Um­land; einer Ten­denz, der die Stadt durch Ein­ge­meindungen nachfolgen will. Nur in Ansätzen bildet sich eine diffe­renzierte Stadt­gesellschaft heraus.

Interessant sind zwei Aspekte der Marktwirtschaft: Zunächst der mit hohen Subventionen (und erheblicher Staats­ver­schul­dung) erkaufte krampf­hafte Versuch, Investoren zu locken, um eine moderne Infrastruktur zu schaffen: die Neue Messe als lang­fristiges Defizitunternehmen, der Hauptbahnhof für fünf­hundert Millionen DEM, finanziert über strittige Abschreibungs­mo­delle – sonst wären die ‘Investoren’ aber gar nicht gekom­men, die Mäd­ler-Passage als mit ‘peanuts’ bezahltes Pleiteprojekt aus Schnei­ders Bau–Impe­rium, die neue Büroarchitektur und an der Stadt­pe­ri­pherie die neuen Konsumtempel im Flachdachstil oder nach dem Pa­godenstil von Mc-Donald. Dort sind denn auch die Mc-Jobs[5]  der Leipziger zu finden.

Der Einfamilienhaus-Bau boomt. Ein Problem sind inzwischen die Überkapazitäten im Bürobereich und bei reno­vierten und zum Verkauf anstehenden Altbauten. Das Mietniveau sinkt. Dies spü­ren auch die mit hohen Rendite­versprechungen gelockten Anle­ger. Hoch­preisige Wohnungen sind kaum vermietbar, verursachen an­de­­rerseits aber Kosten. Im Innenstadtbereich bewirken die leer­ste­henden Häuserzeilen bedrückende Ge­fühle. Leipzig hatte 1933 ca. siebenhunderttausend Einwohner. Vor der Wende waren es ca. funf­­hun­dert­und­fünfzigtausend. Vor allem abends wird dem Besu­cher angesichts dunkler Häuserfronten und eingeschla­gener Fen­ster­scheiben bewußt, was es bedeutet, wenn seit 1989 rund hun­dert­tausend Menschen der Stadt den Rücken gekehrt haben.

Anderer­seits ist das Entstehen kultureller Vielfalt erkennbar. Ausdruck sind zunächst die griechischen, ita­lieni­schen und chine­si­schen Restaurants, arabische und viet­namesische Schnellimbisse und türkische Döner-Buden. Die ehemaligen Thälmann-Pioniere und FDJ-ler haben längst Geschmack gefunden an den medi­ter­ra­nen und orientalischen ‘Köstlichkeiten’. Zumeist sind es Filialen von in Westdeutschland zu Erfolg gekommenen ausländi­schen Re­s­tau­­rantbesitzern.

Ein die kulturelle Vielfalt abrundender Nachzug z.B. von türki­schen Familien aus Dortmund, Hannover oder West–Berlin erfolgt sehr zögerlich. In den Geschäften sieht man über­wiegend auslän­di­sche junge Leute, vor allem Männer, die auf dem westdeutschen Arbeits­markt nur geringe Chancen haben. Bei fak­tisch mindestens dreißig Prozent Arbeitslosigkeit mangelt es in Leipzig erheb­lich an Kaufkraft.

Der Markt funktioniert aber in Teilbereichen: Die Mieten und Preise für Wohneigentum sinken. Eine Mittel­schicht bildet sich lang­sam aus der Fassade des realsozialistischen Egalitarismus der DDR heraus und etabliert sich. An­dererseits: Es sind vor allem die Angehörigen der DDR-Intelligenz, die die Wende nicht verarbeitet und verkraftet haben.

Der Absturz aus der privilegierten Situation z.B. der Akademi­ker ist bitter. Nicht alle wurden abge­straft: die Ärzte und Juristen der alten DDR haben ihre privaten Praxen und Kanz­leien eröffnen können. Für sie gibt es viel Arbeit. Sie sind als Profiteure der da­hingesiechten DDR und ihrer ruinenhaften Hin­ter­lassen­schaft nicht durch Kla­gen über Arbeitsplatzlosigkeit ver­nehmbar. Statt­dessen sind sie wesent­lich am höhe­ren Lebens­stan­dard ihrer west­lichen Kollegen/innen orientiert.

Bitter dran ist der aus dem Versorgungssystem herausgefalle­ne ehemalige Lehrer oder die entlassene Uni-Mit­arbeiterin. Ihre Quali­fi­kationen wurden nicht mehr benötigt oder sie wurden durch z.T. miese Machen­schaf­ten hin­ausgedrängt.

Es ist für Wissenschaftler des ehemaligen Mittelbaus der Uni­versitäten und Hoch­schu­len nicht nach­vollziehbar und schwer zu verkraften, dass gerade sie als ‘in­tellektuelle Träger’ der ‘ehe­mali­gen’ mit zumeist einem theo­re­ti­schen und methodischen Wissen­­schaftsniveau der sechziger Jahre als nicht geeignet und daher als nicht mehr benötigt bzw. er­wünscht definiert worden sind. Man hat ihnen fak­tisch keine Chan­ce gegeben, hinzuzu­lernen und ihre Defizite auszugleichen. Sind sie damit Ausdruck von nicht erfolg­ter – und gar nicht gewollter – Auf­arbeitung oder zweiter Ver­gangen­heitsbewältigung. Unter­lie­gen sie nicht einer knallharten Funktio­nalisierung? Liegt der zyni­sche Begriff von der Siegerjustiz oder Sieger­mentalität so weit daneben? Sind sie dadurch Opfer gewor­den, daß personale Markt­lüc­ken aufgerissen worden sind, um für den damaligen Über­schuß an hoch qualifizierten jungen Leuten aus der alten Bundes­repu­blik in der zusammenge­bro­che­nen DDR berufliche Betätigungsfelder zu schaffen?

Die fleißige Germanistin aus Halle, die Geographin aus Ost-Ber­lin, die Historikerin aus Leipzig versteht nicht, dass sie zwecks Um­schulung oder ABM durch das Arbeitsamt ‘verwaltet’ wurde, wäh­rend der Über­schuß westdeutscher Professoren und ihrer Dok­to­randen und Diplomanden in die ‘neu gegründeten Uni­versitäten’ strömt und die Plätze besetzt hat.[6]  Ob es wirklich immer die bes­ser qualifizierten waren, die die frü­heren Mitar­bei­ter/innen, die sich ja auch bewerben durften, ausstachen? Man hört intern viele Dinge, geäu­ßert in großer Bitternis, über die Beset­zungspraktiken. Die Berufungskommission hatte längst Wartelis­ten aus west­deut­schen Instituten, die mit­einander abgeglichen wurden. Die Betrof­fe­nen verstehen nicht, im Regelfall keinerlei reelle Chance bekom­men zu haben. Einem Germanisten, Spezialist für die DDR-Litera­tur, soll nach Presseberich­ten vorgehalten wor­den sein, dass es gar keine wirkliche DDR-Literatur gegeben habe, schließlich exi­stiere die DDR nicht mehr.

Schwer zu verstehen ist für den/die westdeutsche/n Schüler/in der ‘Ostalgieeffekt’ auch und gerade bei Jugendli­chen sowie das An­wachsen der Skinhead- bzw. Neonazi-Szene. Angstgefühle wur­den geäußert. Für diese Phä­nomene bieten sich Erklärungsmuster an, die auch z.T. akzeptiert werden. Nicht wirk­lich nachvollziehbar ist, dass ehemalige Lehrer/innen und Wissenschaftler/innen ‘an etwas geglaubt haben’ oder ‘Über­zeu­gungen hatten’, die­ses ist für Au­ßen­stehende oder Spätergeborene nicht möglich.

Die dafür nötige Em­pathie kann nicht aufgebracht werden. Es mag aus der Situa­tion dieser ehe­maligen sich selbst abschot­ten­den Wahrnehmungs-Insel ableitbar sein, die sich ›Deutsche Demo­krati­sche Republik‹ nannte, und den subjektiv vermittelten Ein­druck einer Mischung aus Militär- und Operet­tenstaat machte mit dem Odeur klein­bür­gerlichen Miefes des frühen 20. Jahrhunderts. Aber auch dieses kann Gegenstand einer problemorientierten Be­trach­tung sein.

Es ist auch Ausdruck dieser verordneten und akzeptierten, wenn nicht gar verinnerlichten Wahrneh­mungs­muster[7] , möglich­er­weise auch von begrenzter Intellektualität: der reflexiven zivili­sa­to­rischen Lücke.[8]  Sie ist möglicher­weise charakteristisch für so­zia­les Aufstiegsverhalten verbliebener machtarmer Bevölke­rungs­­grup­pen angesichts zer­störter Aufstiegsmuster, den früher ent­­machteten oder exilierten Trägern, oder den tabuisierten Habi­tus­­formen einer Schicht, die man anderer­seits allzu gern kopiert hätte – nur eben unge­schickter.[9]

Die Chance auf äußere Wahrnehmungen, die möglicherweise nach­folgenden Erklärungsansätze, die Erar­beitung desselben so­wie dessen (langfristige) Verarbeitung sind die Grundlage für die Legi­timie­rung von Studienfahrten.

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Lothar Nettelmann

Bilanz im Politischen – Schule im Bereich internationaler Aktivitäten

Kein Mensch ist so reich, daß er seine Nachbarn nicht braucht!

Ungarisches Sprichwort

1. Zum Osteuropa-Engagement – wie es zustande kam

Zweifellos gab es viele parallele Ansätze und Gedanken, die zur Ein­richtung des Schüleraustausches mit dem V. Lizeum in unse­rer polnischen Partnerstadt Posen geführt haben.

Die Erinnerungen an Begeben­hei­ten, Rück­blicke auf das Ge­sche­hen, die Bewältigung wie auch das Herbeiführen von Schwie­rig­­­kei­ten läßt die Gewiss­heit entste­hen: Man hat sich bemüht.

Ulrich Bauermeister hat in diesem gesamten Geschehen nicht nur wohlwollend unterstützend mitgewirkt, er hat viele eige­ne Ideen und Initiativen entwickelt. Bei ihrer Durchführung hat er Dynamik und Kraft zur Durchset­zung gezeigt. Auf kollegiales Wir­ken wurde generell von ihm Wert gelegt. Manchmal fand eine Be­sprechung in seinem Garten statt. Alle Aktivitäten wurden ge­meinsam umge­setzt. Vielleicht hätte öfter manches delegiert wer­den sol­len.

Der Verfasser konnte sich nach und nach etwas aus dem akti­ven Teil zurückziehen, da sich für ihn weiter­ge­hende Ansätze er­ga­ben: Ratschläge für andere Kolleg(-innen) in Vorträgen und Pu­bli­ka­tionen, die Mittler­rolle zu Institu­tionen in Polen, ins­beson­de­re auch zur Botschaft in Köln, dann die fachdidaktische und als Folge die wissen­schaft­liche Arbeit. Insgesamt ist darin eine zeit­lich logi­sche Folge erkennbar. Diese Arbeit wäre nicht mög­lich gewesen ohne kollegiale Einbindung und gegenseitige Impulsge­bung und Unter­­stützung, insbesondere bei erfolgter (auch eige­ner) Infrage­stel­lung.

Die Folgewirksamkeit der Aktivitäten zeigt sich oft erst im Rückblick. Selbstverständlichkeiten für den Einen implizie­ren Dis­krepanzen gegenüber dem Anderen. Unvermeidbar sind dabei fi­gu­rative Spannungs­erhö­h­un­gen. Dar­aus resultierten in privaten wie dienstlichen Lebensbereichen – also auch im Kollegium – Bela­s­­tungs­­erschei­nun­gen von Kol­leginnen und Kol­legen. Sie richten sich oft gegen die Träger alternativen pädagogischen Han­delns. Dieses wie­derum – und das ist die Grundlage der Überzeugung – ist kein Appendix oder ein schönes Addi­tum, sondern integraler Bestand­teil von Schule. Der gesamte Komplex stellt eine Anknüp­fung und Wei­ter­ent­wicklung an der Basis – der pädagogi­schen Tä­tigkeit von An­sätzen der zwanziger Jahre – dar, nicht nur eine Re­pro­duk­tion der Reformpädagogik dieser ›ersten‹ Nachkriegszeit. Bei ihrer Wie­der­aufnahme in den fünfziger Jah­ren – also auf den Trümmern des kultur­zerstörerischen Wirkens der Nazis – erfolgte die Zuord­nung eines an­ge­messe­nen Stel­lenwertes in der Pädago­gik. Insofern las­sen sich aus ihm metho­disch-didaktische Konzep­tio­nen und Stel­lenwert­ent­schei­dungen ableiten, die in letzter Konsequenz die endgültige Be­wältigung der restrik­ti­ven autorita­ti­ven Schulmeiste­rei der Wilhelminischen Ära und der menschen­verachtenden Schule in der NS-Zeit bedeuten.

Überlagert wurde unser Engagement durch das Anwachsen der Migrationsbewegung aus den Regionen der neuen Semiperipherie Europas in den achtziger Jahren. Wir hörten seitdem oft polnische Laute in der Schule. Diese und die Schü­ler(-innen) aus Iran, der Türkei und dem Balkan internationalisierten unser Bild. Sie tru­gen über­wie­gend zur Be­wußtwerdung, zur Aufrecht­haltung sowie Neu­definition der pädagogischen Sinnhaftigkeit bei. Durch sie ver­la­gerte und ergänzte sich die Problematik der ursprünglichen Kon­zeption des Schü­ler­aus­tau­sches. Diese genann­ten Dimensio­nen wa­ren am Ende der siebziger Jahre, als die Konzeption ent­stand, abso­lut nicht vor­stell­bar und absehbar. Sicherlich war eine Folge das Gefühl zunehmenden Unvermögens, al­les Neue ver­kraf­ten zu kön­nen. Die Grenzen von Wahrnehmungs- und Bewälti­gungsfähig­keit schienen oft über­schritten. Fak­­tisch hatte nie­mand von uns pri­mär als Fachlehrer(-innen) aus­gebildeten Kol­leg(-innen) ei­ne Vor­be­rei­tung in der eigenen Ausbildung auf diese spezielle Aus­rich­tung hin erfahren können. Letzteres er­klärt si­cher­lich zum Teil die oft spürbare Zurück­haltung vieler. Nicht je­der wagt es, sich mit neuen Pro­blem­lagen zu be­schäftigen und bleibt lie­ber auf sei­nem vertrauten Terrain, bei dem was mensch gelernt hat.

Bis zum Ende der achtziger Jahre war eine zunehmende Ge­spanntheit spürbar. Die Problemlage veränderte sich, die Auf­brü­che der Spannungen zwi­schen den neuangekommenen Über­sied­lern aus der DDR ab dem Sommer 1989 sowie der folgen­den an­haltende Ost-West-Wanderung innerhalb der nun ver­größerten Bundesre­publik und die Sicht­bar­machung von Spannungen zwi­schen ehemals erzwun­ge­nen und fas­sa­­denhaften Bruder- und Freund­schaftsritua­len im ehemaligen RGW- bzw. WPO-Bereich. Spürbar wurde ein affektiver Rückschlag nach Auf­brechen der Er­star­run­gen, ein Umschlag in mehr oder weniger offene Antipa­thien. Dem konnte man das Bearbei­ten im Unterrichts­ge­spräch entgegensetzen. Es ließen sich erfreuliche Ansätze zur Aufhebung feststel­len, eine Hinwendung zur Norma­lität menschlichen Mitein­an­ders.

Dazu gehörten aber auch – und das sollte nicht unausgespro­chen bleiben – die Eman­zipationsversuche von Ange­hörigen ande­rer mitteleuropäischer Sprachgruppen gegenüber z.T. jahr­hunder­te­langer russischer Domi­nanz. Man spür­te das emanzipative Auf­begehren, auch die psychische Abwehrhaltung gegenüber Angehö­ri­gen ehe­­mals domi­nanter Ethnien. Insbesondere die polni­sche Sprachgruppe ver­suchte der lange erduldeten Hie­rar­chi­­sierung ent­­gegen­zuwirken. Ihr war allerdings die Mythenhaftigkeit, das Anknüpfen an die historische Größe der Frühformen gesellschaft­li­cher Entitä­ten, einer damals noch nicht als (eigene) Ethnie oder Nation defi­nierten Sprach­gruppe, gar nicht bewußt. Lange Ver­decktes kam zu Tage und wurde zunehmend offengelegt. Die be­ob­acht­bare latente Sprachlosigkeit zwischen Angehörigen ver­schie­dener Herkunftsgruppen, für die Ansätze von Erklärungen, kaum aber ein Nachvollzug konstatierbar sind. Die nichtrussi­schen Grup­pen des ehemals rus­sisch-zaris­tischen und sowjetisch-kom­munis­ti­schen Herrschafts­bereiches sind besonders betroffen. In der pol­nisch­­spra­chigen Gruppe waren Wechselbeziehungen zwi­schen pol­ni­scher, deutscher und vor allem regionaler (ober­schle­sischer oder ma­zurischer) Identitäten sichtbar, aus denen mehrfa­che Span­nungs­­beziehungen resultier­ten. Eine gesellschafts­histori­sche Ana­ly­se und Differenzierung müsste an anderer Stelle erfol­gen. Leh­­rerseits war ein differenziertes Erscheinungsbild erkenn­bar, das auch Lust­losigkeit und Frust auf polnischer Seite ein­schloß. Ande­rer­seits hatten die Nicht­nach­­voll­zieh­barkeit vielerlei Problem­lagen eine gene­relle Infrage­stellung und parti­elle Abwen­dung zur Folge.

Es macht nun wenig Sinn, an dieser Stelle die Entwicklung des Schüleraustausches Revue passieren zu lassen. Die­ses ist vielfach in Publikationen aus der Schule heraus geschehen. Es ist vielmehr sinnvoll, Fra­gestellungen zu ent­wickeln und diese zu verbinden mit der Hoffnung auf möglichst viele (umsetzbare) Antworten.

II. Zur Rechtfertigung von pädagogischem Engagement – eine Legitimierung internationaler Aktivitäten im Bereich von Sch­ule

Eine Legitimierung des zurückliegenden Engagements ist theore­tisch, moralisch und durch die erfolgreiche pädago­gi­sche Praxis er­folgt. Es soll nunmehr die Frage nach der Begründbarkeit in der gegenwärtig zu Ende gehenden Pha­se des Paradigmenwechsels in Ost­mitteleuropa gestellt werden. Die sich daran anknüp­fende Frage wäre die des Umge­hens, der Bewältigung auf pädagogischer Ebene mit aus der Spannungs­situation semi­peri­pherer Regio­nen resul­tie­renden Problemlagen in ihrer gesellschaftshistorisch be­stim­mbaren sozio-kulturellen Differenziert­heit.

Als zunehmend schwierig erwies es sich für viele Kolleg(-in­nen), ihr Engagement aufrechtzuerhalten, das aus (subjektiv emp­fun­de­nen) mo­ralisch-pä­dagogischen Motiva­tionen heraus ent­standen war, aber auch aus Gutwilligkeit resul­tierte. Sie standen und ste­hen den ›östlich von uns‹ ablaufenden Vor­gängen und ih­rem stei­­­gen­den Spannungsniveau oftmals resignierend ge­gen­über. Viele Men­­schen fühlen sich ten­denziell überrollt und überfordert ange­sichts des unfassba­ren Ge­sche­hens im Osten Mitteleu­ropas. Es ist nachvollziehbar, daß sich mensch dem gegenüber hilflos und oft auch ent­täuscht gegen­über­stehend sieht.

Schwer nachvollziehbar ist – obwohl rational betrachtet of­fen­kundig – daß sich die Problemlagen für die Schüler(-innen) und Kolleg(-innen) in Polen, der Türkei und Rußland erheblich schwie­riger und unüber­schauba­rer gestalten, ohne daß dort Lö­sungen und Verbesserungen mittelfristig denkbar sind. Wir müs­sen uns dabei vergegen­wärtigen, daß es in diesen Ländern zwar durch­aus Ansätze auf privater Ebene gibt, diese aber im staatlich-schu­li­schen Bereich gegenwärtig in weiter Ferne stehen. Hinzu kommt, daß eine pädagogische und gesell­schaftswissen­schaftli­che Erfor­schung dieser relativ neuen Situation in den ge­nann­ten Regio­nen nur in geringen Ansätzen erfolgt.

Im Gegenteil: Nahezu alle Aktivitäten Polens, die auf »kul­tu­rel­ler Ebene« erfolgen, haben als Bezugsebene einen tra­ditio­nell be­stim­mten historisch-kulturellen Bereich. Dies gilt in noch höhe­rem Maße für die westli­chen Sezes­sionsge­biete, der früheren So­wjet­union und die ‘Zerfallsprodukte’ Jugoslawiens. Ostmitteleu­ro­pä­i­sche Wissen­schaftler und Didaktiker ope­rieren zu oft in der Nähe zur Reproduktion von Geschichtsmythen; man funktionali­siert sie gar.[10]  Dies ist zugleich ein Indiz dafür, daß diese Länder erhebliche Legitimationsprobleme haben, die Ausdruck und Er­schwernis dar­stellen in der Phase des Paradigmen­wechsels, in der sie sich befin­den. Mit der rück­wärtsgerichte­ten und verklärten Hinwen­dung zum scheinbar Schönen und Wertvollen kaschieren und über­spie­len sie ihre reale Situation. Auch dafür muß Ver­ständnis entwickelt werden. Die innergesellschaftliche Dynamik ist erheb­lich, das Span­nungs­niveau oft unerträglich hoch, die Macht­balan­cie­rungs­pro­zesse bei weitem noch nicht aus­gestanden oder gar beendet – im Gegenteil, sie verschärfen sich und die Hemm­schwelle zur phy­si­schen wie psychischen Gewalt­ausübung verrin­gert sich. Gewalt­ta­ten nehmen zu und brutalisieren sich. Zudem haben wir West­eu­ropäer kaum einen ‘Schimmer’ von dem, was in der Ukraine, in Weißrußland oder dem Bal­kan oder der östlichen Tür­kei wirklich geschieht.

Das »Verstehen« muß im Schulisch-pädagogischen zu allererst auf der Gefühlsebene erfolgen und gewollt sein, es muß dann eine Analyse wie auch die Reflexion vorhandener Problemlagen ein­schließen, um entsprechendes Han­deln unsererseits nach sich zu ziehen.

Weggucken und sich ins angenehme Leben des Konsum- und Kulturbürgers zurückzuziehen – was sich leider zu oft hinter dem »Resig­nie­ren« verbirgt, kann sich mit unserer pädagogischen, d.h. auch gesellschaftspoliti­schen Ver­antwortung nicht verein­baren. Der Raum der Semiperipherie ist unwiderruflich einbezogen in un­seren gemein­samen europäischen Wohn­‑Raum. Auch dieses ist die Konse­quenz aus der fak­tisch bereits erfolgten Integration mehre­rer ostmitteleuropäischer Länder in die Euro­päische Ge­mein­schaft.

Wenn es sich auch für die Vertreter des gesellschaftswissen­schaftlichen Aufgabenfeldes in der Schule ent­spre­chend dem Ak­tualitätsanspruch anbietet – und der Materialreichtum zwar er­drückend umfangreich ist, aber einen gewis­sen permanenten Reiz bewirkt, ihn zu nutzen – es genügt nicht, (nur) hinzu­nehmen, daß die aus Osteu­ropa kom­menden Zuwande­rer an unserer Schule zwar den Ruf in Mathematik und Schachspiel aufrechterhalten und in den naturwis­sen­schaftlichen Fächern den Einbruch im LK- und P-Fach-Bereich verhindern, wir für ihre Problemlagen, die in­ge­samt eine langfristige Folge von schwer verkraftbaren Rahmen­bedin­gungen sind, zu wenig »engagierte Distanz« auf­zubringen vermö­gen.

Es ist nicht nur unsere moralisch-pädagogische Pflicht, es bleibt uns nichts anderes übrig, als uns dem zu stellen, was als Globali­sierungsprozeß vorliegt und uns direkt erreicht und ver­einnahmt hat, zumal andererseits die Phase der Moderne schon (fast) abge­schlossen ist. Mit dem Nachtrauern und Hoffen auf ›bes­sere Zei­ten‹ hat noch keine ›Firma‹ ihre tempo­räre Krise über­lebt. Trotz rela­ti­ver Scho­nung stecken auch wir im staatlichen Be­reich mitten drin im Wettbewerb, ob wir wollen oder nicht. Neben konzeptio­nel­lem Denken im Sinne sog. Schwer­punkt- oder Pro­fil­bildung muß es die Wahr­nehmung vor­liegender Situatio­nen sein, und das bedeu­tet konkret die Kenntnis­nahme und Akzeptanz i.S. einer Zuord­nung vorliegen­der gültiger ‘moderner’ Ansprüche an­gesichts weltweiter Entwick­lungen im Bereich der Kommu­nika­tion. Risiken lassen sich nur dann bewältigen, vielleicht auch ver­min­dern, wenn man sie wahr­nimmt und sie rich­tig einzu­schätzen lernt. Die heutige Realsitua­tion, über­schrieben mit Zweiter Mo­derne, ist recht gut über den Begriff der Risikogesellschaft defi­nierbar. Diese Rahmen­ge­­bung durch diesen neuen Modernisie­rungsschub gilt es wahr­zu­neh­men und in unsere Arbeit einzu­be­ziehen. Das kann dadurch geschehen, daß wir die Thematisie­rung vorneh­men, wie bisher auch schon viel­fäl­tig geschehen. Wir kön­nen zwar versu­chen, uns individuell vor dem zu ver­schließen – es geschieht allzu oft – von unse­ren Absol­­vent(-innen) wird es beim Übertritt in das weitere Ausbil­dungssy­stem oder dem Eintritt die Universitäten gefordert. Der Arbeits­markt verlangt es unerbitt­lich; Arbeitskraft wird auf dem Welt­markt tendenziell billiger!

Für unsere Schule bedeutet dieses u.a. ein Fördern naturwis­senschaftlich-technischen Denkens und entspre­chender Fertigkei­ten auf möglichst hohem Niveau. Der zweite Faktor ist die Opti­mierung mutter- wie fremd­sprachlicher Kom­petenz. Die Fähigkeit zur Umsetzung und Reflexion koope­rativer Arbeits- und Denkstile ist die dritte, beide anderen überklammernde und damit entschei­dende ‘Tugend’. Unabdingbar sind dafür didaktisch-methodische Ansätze, wie sie z.B. der projektorientierte Unterricht umsetzt. Kooperations-, Kon­flikt- und Kommu­ni­kationsfä­higkeit erreicht man nur dann, wenn man Chancen nutzt und ihre Basis entspre­chend ausbaut. Allein ‘ordentlichen Unter­richt’ machen zu wollen, genügt dazu nicht. Wir sind durch die heutige Entwicklung ge­zwun­gen, die pädagogische Paralyse – die zweifellos maßgeblich durch machtarrogante Verbandsfunktionäre vor­sätzlich und wis­sentlich beeinflußt und herbeigeführt wurde – zu überwinden und die gegenseitige inzwischen jahrzehntelange Blockade aufzubre­chen. Es drängt sich dabei oft der Eindruck auf, daß manchem nicht bewußt ist, daß die Achtundsechtzigerphase vorbei ist. An­dere müssen dagegen noch wahrnehmen, daß sie überhaupt statt­gefunden hat. Zweifellos muß deshalb die Erstarrung in Gra­ben­kämpfen zwischen uralten Ver­bandspositionen durchbrochen und überwunden werden.

Die Globalisierung als ein gegenwärtig vorliegender und ablau­fender Prozeß, der auch zur thematischen Ablösung von aktiven wie passiven »Ent­wicklungstheorien und -strategien« gegenüber »Ost­­eu­ropa« und der »Dritten Welt« führt und deren Offenle­gung als zumindest partielle Illusion einschließt. Dazu gehört auch die Aus­einanderset­zung um den Erhalt der »sozialen« Kom­po­nente der »Markt­wirt­schaft« gegenüber der Brutalisierung völ­liger Libe­ra­­li­­sierung. Auch dieses bedeutet für uns eine Problema­ti­sierung in der Schule.

Der nach wie vor konsensual als sinnhaft, legitim und notwen­dig angesehene ratio­na­le Den­kansatz, mit dem Ein­schluss bzw. auf der Basis ethischer Dimensionen im Verantwortungshandeln und den über die Religionen vermittel­ten Werte, muß durch An­sätze wie z.B. der Zivilisationstheorie oder der Machttheorie er­gänzt werden. Die sozial-emanzi­pa­tiven Ansätze müssen erhal­ten und ausgebaut werden.

Gerade die – im Sinne der neuen Moderne – begrenzt ent­wic­kelten Regionen der Semiperipherie und ihre Defizite im Bereich von Zivi­lisierung sind es, die nun in weltgesellschaftliche Prozeße einbegrif­fen sind und nur auf diese Weise beeinflusst werden können. Inso­weit stellen internationale Kontakte eine fort­laufen­de Basis für die bewußte Behand­lung und aktive Partizi­pa­tion an diesen Prozessen dar.

Damit ergeben sich zugleich erhebliche Motivationsverände­rungen für die Schüler(-innen). Dieses als Notwen­digkeit zu be­grei­fen und zu definieren erübrigt sich. Es ergibt sich dann zwin­gend die Frage: Wie gehen wir damit um? Wie bewälti­gen wir die eigenen Defizite, die eigenen notwendigen Anpassungen an die Er­forder­nisse, die sich stellen. Nie­mand hat diese Fähigkeit in seiner eige­nen Ausbildung entwickeln können. Kommunikatives Handeln schließt sich dabei an koopera­tives an. Dieses kann geübt und praktiziert werden, u.a. in Projekten oder im Gruppenun­terricht.

Das Plädoyer für die Fortführung von internationalen Aktivitä­ten ist nicht mehr als ein schönes Beiwerk von Schule zu betrach­ten oder als stressiger Appendix. Es ist ein bewußtes und gewoll­tes sich Einstellen auf die Vorgänge im Jetzt. Der Reiz des neuen Neuen, des permanenten Entdeckens könnte vielleicht der Motiva­tion dienen. Ost­mit­tel- und Südosteuropa, die Türkei und die dort lebenden Menschen bieten sehr viel Neues. Dieses stellte dann ei­ne endgültige Beendigung der in zwei Weltkriegen erfolgten psy­cho­sozialen Erstarrung dar.

Trotz erheblich geringer Mobilität waren übrigens soziale wie kulturelle Kontakte mit dem Baltikum, der Türkei und Ruß­land im preussisch-deutschen wie habsburgischen Herrschaftsbereich vor dem Ersten Weltkrieg sehr intensiv. Knüpfen wir als Ausdruck ei­nes europäisch-inte­grativen Prozeßes daran an. Nutzen wir die Chan­ce für selbststeu­erndes, oder formuliert in der traditionellen bürgerlichen Sprache als verantwor­tungsvoll bezeichnetes pä­d­a­go­gisches Handeln.

Toleranz bedeutet dabei die wirkliche Akzeptanz anderer Le­bensweisen. Diese kann man praktizieren, wenn man dazu willens ist. Damit kann man auch die Barrieren der (z.T. vermeintlichen) Intoleranz verringern. Man muß es zumindest ver­suchen. Die Frage, ob die gemachten Ausführungen nur für die Kolleg(-innen) bis fünfundfünfzig gelten, darf ein­fach nicht gestellt werden.[11]

III. Zur Wechselwirkung von pädagogischer und gesell­schafts­politischer Dimension

Der Versuch einer Bilanzierung schulisch-pädagogischer Arbeit muß unter dem Aspekt der Bewertung und Gewich­tung im politi­schen Raum erfolgen. Es ist nicht die Pädagogisierung des Politi­schen allgemein, sondern vielmehr die Feststellung, daß Lehre und Wissenschaft nicht trennbar sind von Gesellschaft. Sie sind deren inte­grale Bestandteile und damit ihren Interdependenzen, In­terak­tionen und Spannungen unterworfen.

Wenn Theologie und Philosophie auf abstrakter Ebene (oft­mals) in großer Ferne von der Realgesellschaft ope­rie­ren, im Raum der Schule wird – bei allen Abstraktions­versuchen – der Ein­bezug in diese und damit die Unent­rinnbarkeit aus der gegebenen Pro­ble­ma­tik deutlich. Die Pädagogik umschließt diesen Raum, der durch mehrfa­che Problem­ebe­nen eingegrenzt und bestimmt wird. Schule ist damit Organon des Politischen. Dieses órganon ist mit dem Be­griff der praxis (dem Handeln) zu ver­knüpfen, nicht mit dem der poiesis (dem des Herstellens).[12]

Hat nun Pädagogik primär mit Gliedern von Gesellschaft zu tun, so bekommt am Ende der siebziger Jahre die­ser Kontext be­zo­gen auf Schulkontakte mit Polen – verstärkt durch die Erhö­hungen der Spannungen in den frühen acht­ziger Jah­ren – eine hohe gesell­schaftliche Dimension im Raum des Politischen. Der ‘kleine’ Schü­leraus­tausch, der das gemeinsame Lernen im Mikro­be­reich von Schule zum Gegenstand hat, wird zumeist unterhalb der kogniti­ven Ebene angesiedelt und oft von dem leicht mißzu­verstehenden Begriff »affektiv« begleitet. Im zu diskutierenden Fall hat diese Ge­fühlsbeziehung im Mikrobereich der Gesellschaft einen hohen Stel­lenwert und wird zugleich zum Gegenstand des Politischen selbst.

Der Reiz besteht nun für uns als Lehrer in der – bewußten – Selbstdefinition des Pä­dagogen als Zoon Politikon. Die­ser Wert und die Wirkung insgesamt sind eingebunden in die gefühlte, z.T. un­bewußte, partiell reflek­tierte All­tags­wirk­lichkeit. Diese ist zu­gleich die Basis bzw. der Raum des Politischen.

Die genannte Dimension konkurriert in der Regel mit Versu­chen kognitiver Wahrnehmung und intellektueller Re­flex­ion im Unterrichtsgespräch. Dieser Kontext, dessen wir uns zweifellos be­wußt sind, ist es, der in den schönen Reden und Schriftdarstellun­gen zwar erwähnt, ob seines Stellenwertes aber zu wenig gewich­tet wird und wissen­schaftlich kaum erforscht ist.

Eine erhebliche theoretische wie pädagogisch-praktische Frage ist die Wechselwirkung zwischen der Dimension des Politischen und der mora­lischen Implikation. Die moralische Dimension zu postulieren kommt dabei zunächst einer Selbstverständlichkeit gleich. Als Hypothese ist sie je­doch kaum brauchbar. Sie ist nicht falsifizierbar, aber nicht ein­fach als Leerformel zu entwerten. Es handelt sich zweifellos um eine legitime Frage, die zu hinterfragen es sich lohnt und deren Validität und Dimension auszu­leuchten durchaus fruchtbar, wenn nicht gar notwendig ist.

Die Frage hat ihre Wurzel in den vielfältigen widersprüchlichen und mehrfachfunktiona­len Prozessen in der westdeut­schen Nach­kriegsgesellschaft. Sie ist eingebunden in die politi­schen Auseinan­der­setzungen unter der Decke des Kalten Krieges, ja der inneren Widersprüchlichkeit, wenn nicht gar generel­len Heuchelei ange­sichts der Nichtbe­wälti­gung des zurückliegenden Geschehens. Die­ses zu begreifen, war die Nachkriegsgesell­schaft nicht in der Lage – viel­fach auch nicht gewillt. Ein Verarbeiten von Gewalttaten, de­ren aktive mit der pas­siv-lei­denden Komponente interde­pendent ver­bun­den ist und in der späteren Alltagsrealität umgewichtet und ver­schmolzen wird, erfordert Stärke und Distanzie­rungs­fä­higkeit, eine Bewältigung verlangt eine gewisse Größe. Das kol­lek­tive Gedächt­nis übte sich nach 1945 dies­bezüglich wesentlich im Ver­drän­gen. Die Realsituation des Einzelnen erforderte vor allem Kraft für die Über­lebens­arbeit.

Es ist kaum zu untersuchen, worin denn nun die wirklichen Mo­tive für unsere Vorgänger in den fünfziger Jahren bestanden, Schü­leraustausch zu praktizieren. Es scheint dabei nur für Angli­sten und Roma­nisten leicht zu sein, Antworten zu finden.

Vergessen wir nicht, es waren zuerst Bürgerinnen und Bürger aus Bristol – auch und gerade Überlebende des Holo­caust – die auf uns Hannoveraner zutraten und die Städtepartnerschaft anreg­ten. Somit waren die frühen England­fahrten auch eine Folge der ausge­streckten Hände aus England. Sie wurde gern ange­nom­men. Sie hal­fen Dämme zu brechen und führten zu stabilen z.T. lebens­lan­gen Freundschaf­ten. Die Frank­reich betreffende Entwick­lung schloß sich an, war aber weitgehend politisch gewollt und hatte damit zugleich eine spezifische politische Funktion in der späten Adenauer-Ära. Sie war die Voraussetzung für die Über­windung der ökonomisch-politischen Machtschwäche im Vergleich zu dominan­ten wie auch aufsteigenden ehemals nebenrangigen Weltre­gionen. Auch der Verfasser erinne­rt sich gern an Frankreichfahrten wäh­rend seiner eigenen Schul­zeit in den sechziger Jahren. Sie bedeu­te­ten zweifellos eine grundlegende Motivation für eigenes päd­agogi­sches Handeln in dem Raum, den Schule zur Verfügung stellte und weiterhin stellen muß.

Ähnliches gilt für die Hollandkontakte der Bismarckschule. Sie waren, wie auch später der kurze Finnland­aus­tausch, aus persönli­chen Begegnungen entstanden und haben sich spontan sehr schön ent­wickelt. Sie unterla­gen einer abnehmenden politischen Implika­tion und Notwendigkeit. So endete denn der Austausch mit Hol­land man­gels Inter­esse der Niederländer.

Mit Polen war das anders. Ausgestreckte Hände gab es bundes­deutscherseits zunächst nicht. Im Gegenteil: poli­tische Fühler sei­tens der um internationale Anerkennung und Loslösung von Mos­kau bemühten polnischen Regie­rung wurden in der Adenauer–Ära zurückgestoßen. Positive politische Implikationen gab es ebenfalls nicht. Man benö­tigte dagegen das Offenhalten der sog. Deutschen Frage als eine Art Bewußtseinsdroge zur Verhinde­rung der Aner­ken­­nung von entstandenen Realitäten als Folge des verlorenen Krie­­ges, etwas, das Millionen von Menschen auf Grund ihrer Schick­­sale nicht zu ertragen vermochten. Die Einsicht in das »Un­ab­­änderliche«, das »ökonomisch-politisch Notwendige« und das mensch­lich »Sinnvolle« war niemals zu einem Staatsziel definiert wor­den. Daß sich dennoch die Entwicklung zu dem ergab, was als Neue Ost­politik in die Geschichte eingegangen ist, kann denn heute wohl eher als – zweifel­los mehrfachinterdependenter – un­ge­steuerter gesell­­schaftlicher Prozeß begriffen werden.

Es soll an dieser Stelle nicht zum wiederholten Male die Rolle der Kirchen bei dem sog. Aussöh­nungs-, Ver­stän­di­gungs- und dem daraus langfristig resultierenden Normalisierungs­prozeß her­vor­gehoben werden. Ihre Bedeu­tung angesichts politischer Lähmung in Westdeutschland in der Rolle des Initiators, der eine längst über­fällige Entwicklung lostritt, kann nicht hoch genug bewertet und gewürdigt werden. Aber: Welche Christen waren es denn, die die politi­sche Erstarrung klug durch­brachen? Konnten sie es nicht nur deshalb, weil ein Großteil ihrer in Kirchen­hierar­chien etablier­ten Amtsbrüder aus der Nazi­zeit entmachtet wor­den waren und nicht nur deren Schweigen, sondern erhebliche Mitschuld, gar Mit­tä­terschaft, längst in geschichtsdidaktischen Quel­len­sammlun­gen der sechziger Jahre doku­mentiert wor­den war? War dieses nicht zugleich eine verspätete kollektive bzw. in­stitutionelle Reue, for­muliert von wenigen evangelischen Theolo­gen, gar ein Einge­ständ­nis von Schuld, ein Ersatz für das unter­las­sene Aufarbeiten von Ver­­strickungen?[13]

Zweifellos ist es – insbesondere für ehemals Involvierte – ver­breitete Praxis, darüber weitgehend zu schwei­gen. Die Aufhebung dieser verdrängten Tabus mögen spätere Generationen aufarbei­ten – sollte es denn jemals in diesen Machtmolochen, die die Orga­nisationen der etablierten Christenheit darstellt, über­haupt ge­schehen.

Die Frage, warum junge Pädagogen, vor allem Geschichts-, Erd­kunde- und Religionslehrer sich in den sechziger Jahren engagier­ten – die Politiklehrer kamen erst in den siebziger Jahren hinzu – ist nicht her­aus­lösbar aus der sie gesell­schaftspolitsch prägenden Phase, also ihrer »eigenen Epoche«.

Bevor man sich fragt, wieso jemand, der in den fünfzi­ger­/­sech­zi­ger Jahren als Schüler, Wehrdienst­leisten­der und Stu­dent seine Bewußt­seinsprägung erfährt, der vielleicht in Magde­burg, in Wies­ba­den oder Han­nover geboren ist, in Niedersachsen seine schuli­sche und universitäre Ausbildung erfahren hat und in der Lan­des­haupt­stadt arbeitet, sich für Polen interessiert, ohne jemals fami­lia­le oder andere Beziehungen zum Land und seinen Men­schen geknüpft zu haben, muß die Frage nach der Bestimmung und Ein­gren­zung des Mo­ralischen erfolgen, sei sie denn – als Hypo­these – eine prägende, wenn nicht gar dominante Kategorie. Hinzu gesellt sich historische Neugier, das gesellschafts­politi­sche ‘über-den-öst­li­chen-Tellerrand-schauen’ des eigenen sehr kritisch betrach­te­ten Sy­stems, dessen nachbarli­ches konkurrierendes vor­geb­lich positiv gewertete Alternativen enthielt. Zumindest bot es sich damals theo­retisch an.

Das, was wir oftmals mit moralischer Implikation zu bezeich­nen pflegen, ist einerseits viel zu hoch gegriffen, will man die Trag­weite des Begriffes nicht zu sehr abschwächen. Das pädagogi­sche Han­deln ist wesentlich die logi­sche Folge der vielen kleinen Öff­nungs­prozesse seit den fünfziger Jahren. Aus der skeptischen er­wuchs die kriti­sche Gene­ration, die nicht nur wagte, Fragen deut­lich zu stel­len, sondern den Protest über die frühen schein­heili­gen Antworten lauthals kundtat. War der Vietnamprotest nicht zu­gleich die Ab­rechnung mit den kollektiven Heu­cheleien der fünf­zi­ger Jahre? Richtete sich studentischer Protest nicht ge­gen die Ein­engung in die vielen Denk­korsetts, die noch bestan­den? Wie viele Geschichts­professoren hatten denn in den sechzi­ger Jahren wirk­lich den Mut, aus der Tradition reproduzierter dogmatischer Lehr­meinungen aus­zubrechen. Wie lange hat es denn gedauert – um die gravie­rendsten Beispiele anzuführen – bis man nicht mehr die jeg­liche Schuldfrage unterlau­fende Phrase vom Hinein­schlit­tern in den Er­sten Weltkrieg reproduzierte, son­dern die höchst aktive Rolle und den erklärten Willen der preus­sisch-deutschen und Tei­len der habsburgischen Macht­eliten be­nannte. Wie lange brauch­te man, um die Legenden von der vor­geblichen Pflichterfül­lung sei­tens der Funktionseliten im Nazi-Deutschland, insbe­son­dere der beteiligten Offiziere, die Beteue­rung ihrer Nichtvoll­strickung in Gewaltakte bis hin zu Genoziden als gezielte und bewußte Verdec­kung historischer Realität offen­zu­le­gen?

Jede neue Pu­blikation der Fischer-Schule machte die Tragweite der Problematik deutlicher und ließ die akade­mi­schen und publizi­stischen Gegner noch mehr rasen und aufheulen. Irgendwann wur­de es stiller um sie, zumeist auf­grund des Erreichens des ver­dien­ten Ruhestands. Wie lange brauchte man, um den Zweiten Welt­krieg nicht nur als entfesselt darzustellen, sondern als die begon­nenen Versuche zur syste­ma­tischen physi­schen und psychi­schen Aus­­löschung von Völkergruppen als Fortsetzung der Kriegs­ziele des Ersten Weltkrieges. Dieser back-ground in den Dis­kussio­nen historischer oder politik­wissen­schaftlicher Seminare in den sechzi­ger Jahren, in den Ausbil­dungsseminaren für Gymnasialleh­rer(‑in­nen), auch den Medien, hat uns nachhaltig geprägt. War die Schärfe der Argumenta­tion oft­mals unange­messen in der Vielfalt dieser Umbruchprozesse, in dieser überfälligen und hoch dynami­schen akademi­schen wie gesellschaftlichen und geistigen »Re­vol­te« war sie kein Fehler, sondern die Folge einer lange ange­legten, aber ver­­­hinderten bzw. verzögerten Entwicklung, eine Auswirkung von erupti­ven Spannungsauf­brüchen. Zweifellos hat sie in den sieb­­zi­ger Jahren für die folgende Studentengene­ration an Be­deu­tungs­­kraft verloren. In deren Blickwin­kel erschien zu­nehmend die Dritte Welt, nicht mehr die Zweite.

Darunter mischte sich die Bewußtwerdung der Schuld der Vor­gängergeneration. Deren Wahrnehmen wie das Einge­ständnis an das eigene Beteiligtsein an Gewaltakten, ihre Verdrängung des Ge­schehens im Glücklichsein über das eigene ‘Noch–mal–davon­ge­kom­­men­–sein’ vieler, muß als Grenze des menschlich Verkraftba­ren gesehen werden. Diese Hypo­thek über­nahm die nächste Gene­ration. Die Logik der Verständigungs- und Aus­söhnungsprozesse im Westen, das Neugier­verhalten, der Wissensbedarf gegenüber dem, was hinter dem Eiser­nen Vor­hang geschah, nachdem die­ser die ersten Risse und Rostlöcher bekommen hatte – ausgenommen ‘na­­tür­lich’ der Grenzzaun von Tra­vemünde bis Plauen, der mit säch­sischer Emsigkeit gezogen und preußischer Gründlichkeit be­wacht und instandge­halten wurde.

Hintergrund dessen, was sich individuell hinter dem verbirgt, was man mit Moral, Verantwortung, Wie­dergut­ma­chung oder Ge­stal­tungswille umschreibend bezeich­net, mag individuell unter­schied­lich gestaltet sein, kaum jemand outet sich dies­bezüglich wirklich. Vielleicht ist es die Einsicht in die Notwendigkeit, ange­sichts zuneh­mender ato­marer Bedro­hung und der Unfähigkeit oder gar des Unver­mögens bzw. der Unwilligkeit der westlichen Macht­eliten wie auch der östlichen Macht­verfügenden, oder gar der Profiteure des steigenden Spannungsgra­des und ihrer ins Un­er­messliche gesteigerten Kosten. Es gilt, die Dimensionen des eben­falls damit verbundenen sich aus­deh­nen­den Elends in der Welt als Mitverursacher wahrzunehmen. Vielleicht war es auch nur die Chancenahme für diesen kleinen Part an politischer Ei­gentätigkeit. Vielleicht liegt es daran, in einem Berufe zu wirken, in dem tradi­tionelle ‘harte’ Machtquellen ver­schlossen sind, auf der psy­choso­zialen Ebene politisch im Klei­nen zu wirken und die ‘kleine Befrie­digung’ erfährt, in dem Versuch, dem Anspruch zu genü­gen, ein gesellschaftlich handelnder Mensch zu sein: ein Zoon politikon.

Insgesamt kann von einer gesellschaftspolitischen, fachwissen­schaftlichen und fachdidaktischen Dis­kus­sion und Spannungs­ku­mu­lation gegen Ende der sechziger Jahre gesprochen werden. Als logische Kon­sequenz bot sich – sobald es im Verlauf der siebziger Jahre eine Hinwendung zu Osteuropa in politischer und – bezogen auf die Schule – in pädagogischer wie fachdidaktischer Hinsicht möglich wurde.

Pädagogisches Engagement resultiert aus der Zusammenfüh­rung vielfältiger gesellschaftspolitischer Impli­ka­tionen innerhalb international-politischer Rahmengebung. Es erwächst aus dem Spannungsbereich fachwissen­schaft­licher wie didaktischer Dis­kur­se, die wiederum im Kontext stehen zum Spannungsbereich von Rol­­lenzuord­nung – der tra­dierten Legitimationswissenschaften und ihrer Träger an Universitäten und öffent­lichen Schulen – wie den sich emanzipierenden, sich zunehmend als kritisch definieren­den Wissen­schaften und ihren Didak­tike(r)n, ausgehend von den Uni­­versitäten unter starker Impulsgebung durch außer­universi­täre Wissenschaftler und Publizisten.

Der (vordergründig) als didaktisch-methodisch verstandene Streit um »Geschichte als Sozialwissenschaft« ist heute ein längst aus­gestandenes und überlebtes Problem. Historiographie und Dy­na­stiekunde sind längst überla­gert und ersetzt durch Methoden aus Ökonomie, Soziologie und Politikwissenschaft. Umgekehrt hat der histori­sche Ansatz seinen festen Platz in den (scheinbaren) Ge­genwartsdisziplinen.

Ein weiteres Paradigma stellt der Versuch bzw. das Ziel dar, Denken und Handeln in der Pädagogik miteinander zu ver­knüp­fen. Kognitives, abstrahierendes bzw. Distanzdenken verknüpft sich mit Handlungsorientierung und als ein heute der Utopie oder Irratio­nalität verdächtiger Ansatz, die gesellschaftliche Verände­rung über Eman­zi­pierung und Macht­partizipation bisher Benach­tei­ligter herbeizuführen. Der Kompensationsgedanke, bezogen auf Benach­tei­ligt­sein, Unter­pri­vi­le­gie­rung sowie sozialer Ungleichheit trägt ebenfalls zum bewußten Eingang des Politischen in die Di­dak­tik bei.

Nun darf nicht übersehen werden, daß die idealistische Schule der Jahrhundertwende keineswegs unpoli­tisch war – sie war es zu­höchst, nur hatte sie ihre spezifische Funktion in der Enge der damaligen bürgerli­ch und land­adlig defi­nierten Gesell­schaft und ihren starren Machkonstellationen.

All diese Zusammenhänge wurden in den sechziger Jahren nach und nach bewußt und wirksam. Sie führten zur Neu­de­fi­ni­tion des Pädagogischen – ohne zu konsensualem Verhalten der Beteiligten zu führen. Die vielfältigen Ver­suche zur Herausbildung einer Streit­­kul­tur waren nicht immer von Erfolg begleitet. Statt dessen repro­duzieren sich Machtkämpfe auf diver­sen Ebenen – insbeson­dere in intellektualisierten Berufsverbänden – die der Pädagogik abträglich sind.

In dem Paradigmenwechsel der prägenden sechziger Jahre wur­den unterdrückte Gefühle freigesetzt. Mit bitte­rem Beigeschmack erfuhren Studenten davon – zumindest diejenigen, die sich dafür interessieren bzw. durch Dozen­ten dafür interessiert werden. Da vieles von dem, was heute ‘neu’ gedacht wurde, ein Wieder­auf­neh­men der Gedanken der Reformdiskussion in der Weimarer Demo­kratie war – die ihrerseits ihre Wurzeln im admini­strativ unter­drückten Fortschrittsdenken des neunzehnten Jahrhunderts hatte. Man erinnere sich an die Forde­rung zum ganz­heitlichen oder na­turnahen Unterricht, zur Abschaffung der sog. Vorschulen.

Das, was man vielfältig als »moralisch« abgeleitetes Engage­ment angesehen wurde, ist mehr ein Offenlegen von unter­drück­ten Gefühlen, von am Gerechtigkeitspostulat orientierten Lebens­ziel­­vor­­stellungen – um den oft als häßlich oder garstig empfun­den­en Po­litikbegriff herauszunehmen.

Kaum jemand kann klar und für den Fragenden nachvollzieh­bar schlüssig Motivation und Engagement im kon­­kreten Kontext erklären. Es ist vieles Freude, Genugtuung – weniger die sog. Ver­antwortung. Letzteres wäre ein viel zu hoch gegriffener Versuch, resultierend aus dem verkrampften Festhalten am Kantischen Denken, oftmals eine Idealisie­rung aus der Verklärung im Nach­hinein, wenn nicht gar ein Ideo­lo­gem.

Bleiben wir auch hier bei unseren Leisten. Bei analytischer Be­trachtung kann nicht von einem impuls­geben­den Vorliegen eines Vorausgegangenen, einem »moralischen Impetus« ausgegangen wer­­den. Eine solche Hypo­these hält keiner gesellschaftswissen­schaft­­lichen Analyse stand. Die Kategorie der Moral ist auf die Mo­ti­­va­tion gesell­­schaftspoliti­schen Handelns nicht anwendbar. Man mag das beklagen. Ethisch-mora­lische Kate­gorien haben zwei­fellos einen hohen Stellen­wert in der Bewertung bereits er­folgter Hand­lungs­abläufe, auch ihre Bewer­tungsmuster im Zu­sammen­hang mit erzieherischer »Zielorientierung« sei her­vor­ge­hoben. Konträre Auf­­fassungen sind in diesem Zusammen­hang zweifellos gegeben, nur muß klar gesehen werden, daß eine we­sentliche Funktion in der An­wendung von Existenz­legitimation und Zielpro­jektion der jeweils eigenen Gruppe besteht.

Die Kategorie des Moralischen ist dabei (nur) der Versuch, das hochdifferenzierte Interdependenzgeflecht von poli­ti­schen Impli­ka­tionen, von individuellen Verarbeitungs‑ wie kollektiven Ver­drän­gungsmechanismen zu über­la­gern. Sie hat dabei oftmals die Funk­tion, eine Ursachenanalyse zu verhindern und real existieren­de Inter­­de­pen­den­zen zu verschlei­ern.

Wir können die Basis des pädagogischen Tuns als eine Art »Ant­­wort­handeln von unten« beschreiben, als einen Ver­such zur Aus­deh­nung von Freiheitsräumen durch »kritisches Denken«, da­mit auch ein Wider­stehen dem Oktroi ehemals herrschender ‘un­re­­flek­tierte’ Wert- und Normenkataloge.

IV. Schlußbetrachtungen

Es ist bedauerlich und bedrückend, daß nach den Erkenntnissen der zweiten Hälfte der sechziger Jahre – resultierend aus der Ein­sicht in die Not­wendigkeit, zu qualitativen Reformen zu gelan­gen – ein Kom­promiß, der zunächst auf breiter Basis stand und und getragen wurde von der Spannbreite politisch relevanter Kräf­te in der späten Nachkriegs­gesellschaft der BRD – nicht dazu führ­te, daß eine zukunfts­orientierte Reform im Konsens gelang.

Dabei kann generell konstatiert werden, daß, nachdem die ‘har­­ten’ Aus­einandersetzungen der Nach­kriegs­­zeit beigelegt wor­den wa­ren, alle politisch relevanten Kräfte unter dem Deckmantel der »Sozialen Marktwirtschaft« ihren Platz gefun­den hatten.

Die Frage,

  • ob eine tragische Verstricktheit der Beteiligten die Ursache war,

  • ob die Machteliten Westdeutschlands und ihre Funktionsträger zu sehr befürchten mußten, an Einfluß zu verlieren,

  • ob man – dem Zwang zum verbalen Schlagabtausch gehor­chend – die gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen in die »wei­chen« Gefielde verlegte,

  • ob trotz begonnener Reformen vor allem die ökonomischen Macht­quellen dieser Gesell­schaft in die »Gegenrichtung« spru­del­ten,

ist gegenwärtig nicht zu klären.

Der Wunsch und die Bereitschaft zum Konsens für Reformen waren dahin; der Mut zum Neudenken durch restaurative Ten­den­zen beseite gedrängt. Eine zweite Restaurationsphase in der Ge­schichte der Bundes­republik?

Konservative Kräfte versuchten zunehmend, seit der ersten »Wende« in Deutschland, den »Reform«-Begriff für sich zu rekla­mie­ren und neu zu besetzen. Dieses ist ihnen neben anderen Ver­su­chen[14] partiell geglückt.

Für den Verfasser wird das Prinzip Reform weiterhin einen ho­hen Stellenwert haben. Die Politische Bildung hat die Verpflich­tung, die Gegenwart kritisch zu sehen und zu beurteilen, sie in der Folge historischer Pro­zesse zu deuten und zu gewichten.

Gerade angesichts der Schwelle zum Dritten Jahrtausend – das hier bei uns in Hannover mit dem wohl bedeutungsvollsten Ereig­nis eingeläutet wird – müssen wir weiterhin den Willen zum Fort­denken zeigen. Das bedeutet, wir müssen die Verzagten ermutigen und die Verstockten überwinden.

Wir dürfen die weitreichenden Entschei­dun­gen auf keinen Fall den anonymisierten »Global-Players« über­lassen. Reformen zu den­ken und voranzubringen ist unsere moralische Verpflichtung.

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Gerhard Voigt

Politik in der Schule?

Über den Zusammenhang zwischen öffentlichem Politikdiskurs und Selbstbild von Politiklehrerinnen und Politiklehrern: Erfahrungen an der Bismarckschule Hannover*

Manche fühlen sich von riesigen Bücherwänden und -ketten bedroht, mich er­mutigen sie. Ein so riesiges Bildungsinstrument muß mir dabei helfen können, mich über meine Affekte zu erheben... Wissenschaft trö­stet, denn sie macht den Schmerz zu einem interessanten Fall, an dem sich was bewei­sen läßt.

Stan Nadolny: Netzkarte[15]

Die Bismarckschule hat eine gespaltene Identität: Naturwis­senschaftlicher Schwerpunkt und UNESCO-Projekt-Schule, tech­nische Leistung, Effizienz und Politische Bildung, Eman­­zipation und Liberalität. Es ist in zwanzig Jahren Ringens nicht gelungen, diese beiden Pole eines breiten und po­tentiell frucht­baren Lern­angebots zu versöhnen, in Wert zu set­zen. Der langjährige Schul­leiter der Bismarckschule Hannover, Ul­rich Bau­ermeister, hat durch die Beteiligung an der Reformarbeit in Nie­dersachsen in­tensives schulpolitisches Engagement bewie­sen, gleichzeitig in sei­nem Unterricht in fast allen Fächern des ge­sell­schaftswissen­schaftlichen Aufgabenfeldes sich bemüht, die Ziele der Politischen Bildung für seine Schülerinnen und Schüler umzu­setzen, frucht­bar zu machen. Die Inhalte der Politischen Bil­dung waren für Ul­rich Bauermeister immer Verpflichtung und Heraus­forderung zu­gleich. Wie schwer es aber ist, dieses optimi­stische Programm mit den Aufgaben und Zwängen einer Schullei­terstelle zu vereinigen, beschreibt an anderer Stelle sein Kollege Eckhart Jander, Schullei­ter unserer Nachbarschule, der Tellkampf­schule, der selbst aus der niedersächsischen Schulreformarbeit kommt.[16]  

Doch ist dies nicht eigentlich nur ein Problem der Bismarck­schule, es ist ein Problem des Selbstverständnisses von Schule in unserer heutigen Gesellschaft selbst und es ist ein Problem der Po­litischen Bildung, des »Politischen«, das in eine »Krise« geraten ist.

Die subjektive Perspektive bietet sich nicht nur wegen der ge­ringen Distanz des Verfassers zum Thema, sondern auch durch die langjährige Arbeit im Vorstand des Verbandes der Politikleh­rer an. Nur wenige Kolle­ginnen und Kollegen sind heute noch be­reit, en­ga­giert und aktiv an der Gestaltung der wesentli­chen Zu­kunfts­auf­gaben mitzuwirken. An diesen Widerständen ist das Re­form- und Aufbruchspotential der Bismarckschule nicht zur er­warteten Wirk­samkeit gekommen, sind auch die Hoffnungen von Ulrich Bau­er­meister nicht erfüllt worden. So sind meine The­sen vor allem auch Fragestellungen, die einer wissenschaftlich-empiri­schen Über­prü­fung bedürfen und als Beiträge, vielleicht auch Ein­reden, im inner­fachlichen Diskurs zu verstehen sind. So ist dieser Aufsatz auch eine Frage nach noch offenen Auswegen.

Lehrerdasein zwischen »Konformitätsdruck und Profilierungs­zwang«[17]

Politiklehrerinnen und Politiklehrer stehen vor der Anforderung, das, was anderen Pädagogen aus pädagogischer Verantwortung heraus aufgetragen ist: die eigene Situation kritisch zu reflektie­ren, die Bedingtheit der Motivation und der eigenen Kompetenz zu erkennen und das Verhältnis zur Institu­tion Schule kritisch-ra­tional zu klären – als ebenso fachlich-kognitiven Bereich der ei­ge­nen stoffli­chen Unterrichtskonzipierung zu verstehen und um­zu­setzen.

Dieses Leben aus der Selbstreferentialität heraus begründet die typische »postmoderne« Existenz der Politik- und Gesell­schaftswis­senschaften und der Lehrkräfte in diesem Fachbereich. Damit sind sie aber auch typisch der Krisenwahrnehmung und den Bewälti­gungshemmnissen dieser »Postmoderne« unterwor­fen.

Was dem Menschen in unserer Staatsgesellschaft allgemein am Ende des 20. Jahrhunderts als Krise, Unübersichtlichkeit und Ori­en­tierungsunsicherheit, ja als bedrohliche Auflösung der »Ord­­nungen« erscheint, stellt sich dem selbstreferentiellen Per­spek­­ti­ven aufge­schlossenen Wissenschaftler und Philosophen als Ab­sur­di­­tät oder Paradoxa der sowohl gesellschaftlichen wie wis­sen­­schaft­lichen Realität dar. Künstler haben diese Befindlichkeit im Laufe des 20. Jahrhunderts in ihrer größeren Sensibilität ge­gen­über den Verwer­fungen der Realität schon viel früher erfah­ren und zum Ausdruck gebracht, als dies in anderen öffentlichen Dis­kur­sen bemerkt und umgesetzt wurde; die gesamte Kunst- und Li­teraturgeschichte der Moderne ist eine Auseinandersetzung mit dem Zerfall der einst als sicher wahrgenommenen Realitäten. Es ist bezeichnend, daß der Anstoß zu einer eingehenderen phi­loso­phi­schen Befassung mit den Paradoxonen des Realen aus der ma­thematischen Logik und der naturwissenschaftlichen Erkenntnis­theorie kam, die an die Grenze des euklidschen Welt- und Zah­len­bildes gestoßen war. Die Konver­genz künstlerischer Erfahrung mit der mathematisch-naturwissen­schaftlichen Erforschung der Gren­zen der traditionellen Logik und Realitätswahrnehmung hat in großartiger Weise Douglas R. Hofstadter in seinem Werk Gödel, Escher Bach – ein Endloses Ge­flochtenes Band[18] ausgebreitet.

Daß gerade in den gesellschaftswissenschaftlichen und poli­ti­schen Disziplinen wie in einer breite­ren Öffentlichkeit eine weit­ver­brei­tete Tendenz dagegen besteht, diese irritierenden und ver­un­sichernden Erkenntnisse abzuweisen, gar zu anathematisie­ren und sich auf subjektiv begründete ethisch-normative Schein­si­cher­hei­ten traditioneller Realitätsdefinitionen und ‑wahr­neh­mungs­­ein­schrän­kungen zurückzuziehen, ist menschlich verständ­lich, aber ge­sell­schaftlich ebenso gefährlich und destruk­tiv. Der So­zio­logie ist dieses Verhalten präsent und einleuchtend, wenn das lei­tende ge­sell­­­schaftliche Prinzip des Bedürfnisses nach Ord­nungs‑, Orien­tie­­rungs- und Zukunftssicherheit unter­sucht wird, das die sozio-psy­chologische Grundlage des Macht- und Legi­tima­tions­pro­zesses in der organisierten und institutionalisierten (Staats-) Ge­sellschaft ist.

Wo Selbstreferentialität verunsichern muß, bringt gegenseitige Bestätigung der Ordnungsstruktu­ren und Werte für das Leben des Einzelnen, aber auch für die Schule Schutz vor der Kälte und Be­drohung durch die Realität und Schutz vor der Furcht vor Über­forderung. Gerade die Schule ist eine Institution, die zum ei­nen in ihren Schülerinnen und Schülern Menschen mit noch nicht hinrei­chend entwickelter Ich-Stärke und damit expliziter Schutz­befoh­lenheit unterrichtet, die zum anderen aber gerade auch die tradi­tionelle gesellschaftliche Aufgabe übernimmt, der folgenden Gene­ration diese Ordnungssicherheit zu vermitteln – sie ist gera­de nicht die Institution der ungeschminkten und unge­schützten Kon­frontation mit dem irritierenden und verunsichernden Zerfall tra­ditioneller Realitätssi­cherheit, mag diese Konfrontation auch rational geboten und letztlich gesellschaftlich unabweisbar sein.

Daher auch das oft panische Festhalten von Pädagogen an ob­soleten und zum Teil sogar ge­fährlichen Grundbildungskonzep­ten und einer affirmativ-rückwärtsgewandten Werteerziehung. Poli­tik­lehrerinnen und -lehrer sind in dieser pädagogischen Kon­zep­tion notwendigerweise dann Fremdkörper und Außenseiter, wenn sie die prinzipiell selbstreferentielle, auf grundsätzliche Verunsi­che­rung zielende Struktur ihres Faches noch ernst neh­men und zur Richtschnur ihres pädagogischen Verhaltens ma­chen. Nur zu schnell siegt aber in der eigenen Biographie die be­quemere affir­mative Pädagogik über die irritierende gesell­schafts­wis­senschaftli­che Bildung! Damit ist das Leiden der Poli­tik­leh­rer­schaft an ihrem Fach zu verstehen und zu beschreiben. Gleich­zei­tig ist diese oft man­gelnde Identifikation mit den fach­lich-ratio­na­len Potentialen der Sozial- und Politikwissenschaften aber auch mit ein Grund für den Bedeutungsverlust des Faches und, fast möch­te man sagen: das Ver­schwinden des originär Poli­tischen aus den öffentlichen Diskursen, was es umso leichter macht, dif­fa­mie­rend Politik mit Parteipolitik gleich- und herabzu­setzen.

Welche Bedingungen finden Politiklehrerinnen und -lehrer nun in der Schule vor, wenn sie diese gesellschaftlichen Widersprüch­lichkeiten und selbstreferentiellen Reflexionsansätze zum didakti­schen und unterrichtsmethodischen Leitprinzip erheben wollen?

Die Institution Schule ist nur vor dem Hintergrund des Zivili­sa­tionsprozesses zu verstehen. Eine fachgeschichtliche Wurzel der Politikwissenschaft, vor allem im süddeutschen Raum noch heute in der Universitätsorganisation erweisbar, ist das ältere Staats­recht bzw. ist die Staatsphiloso­phie, die den entsprechenden juri­s­tischen und philosophischen Fakultäten zugeordnet sind. Die so­zi­alwissen­schaftliche Zuordnung zu einem ohnehin jungen und nicht einheitlich strukturierten Fach­bereich ist uneinheitlich und auch inhaltlich oft uneindeutig. Entsprechend der zeitweise nega­tiven Wertbeset­zung des Begriffs »Gesellschaft«[19] ist damit auch in der Didaktik des Politikunterrichts die sozialwis­senschaftliche Fun­dierung des Politikbegriffes und erst recht nicht des »Staa­tes« als Unter­richtsge­genstand des Faches eindeutig und zwingend. Die Einführung eines im Kontext einer sozial­wissen­schaftlichen Zivili­sations- und Staatstheorie unverzichtbaren korrespondierenden Begriffes einer »Staatsgesellschaft« als Charakteristikum und Typ­­­kategorie ist daher nicht ohne weitere Refle­xion des fach­li­chen Selbstverständnisses des Politikunterrichts selbstver­ständ­lich.

Dementsprechend erreicht das Fach »Politik« in vielen Fällen Schülerinnen und Schüler als »Staats­­bürgerkunde«; auch spätere Fachbezeichnungen sind auffällig uneinheitlich (Sozialkunde, Ge­meinschaftskunde, Gesellschaftslehre) und zeichnen die Uneindeu­tigkeit sowohl der didaktischen Konzepte wie der sie tragenden po­litischen Setzungen nach.

Damit ist die Unsicherheit gegenüber einem wertbesetzten Ge­genstand und seine Einbindung in die Prozesse der Machtge­win­nung und des Machterhalts ebenso zu charakterisieren, wie dar­aus rein äußerlich die jeweiligen (partei-) politischen Optionen der Landesregierungen als verfassungsmäßige Träger der »Kul­tur­ho­heit« in der Bundesrepublik Deutschland abzulesen sind.

Entsprechend dieser institutionellen und gesellschaftlichen Vorgaben ist der Fachgegenstand von Anfang an deutlich ge­gen­wartszentriert und aktualistisch verstanden und bewußt von ei­ner, meist auch von aktuellen Bezügen befreiten, »historischen Bildung«, die vom Fach Geschichte ge­tragen wird, abgesetzt wor­den. Die vom Gegenstand her nicht hinreichend begründbare strikte Fä­cherauftei­lung in Politik, Geschichte und Erdkunde[20]  be­dingt einen uneinheitlichen und unscharfen Gebrauch von ge­mein­samen Begriffen und Kategorien.

Im Sinne der Staatsgesellschaft ist Schule vor allem eine In­stanz, Affektkontrolle und Distanz­fähigkeit durchzusetzen und in der Gesellschaft allgemein zu internalisieren. Wie in der ganzen Ent­wicklung des modernen Staates, etabliert sich untergründig aber eine gegenläufige Bewegung und Zielgewißheit, eine Hoff­nung, die Verkürzungen und Erstarrungen der Zivilisation aufzu­brechen, Autonomie und Selbstbestimmung, Selbstverantwortung und Spontaneität, Neugier und Bereitschaft, gesellschaftliche Ri­si­ken einzugehen, in der Schule wie in der Gesellschaft durchzu­set­zen. Zivilisationsprozesse sind nie eindeutig und irreversibel, son­dern in Gleichgewichtssyteme der Gesellschaftsentwicklung ein­ge­bunden. Von Rousseau (»Emile«) über die vielfältigen Schul­re­formkonzepte der zwanziger Jahre (Montessori, Land­schulbewe­gung, Waldorfpädagogik) bis zu al­ternativen Schul- und Lebens­konzepten der Gegenwart (Summerhill, Cuernavaca, Paullo Freire, an­tiautoritäre Erziehung) zieht sich eine neue antizivilisa­torische, aber dennoch zutiefst wertverpflichtete neue Tradition, Schule und staatsgesellschaftliche Zwänge zu entkoppeln und immanente Widerstän­digkeit als Lebenskonzept zu ermöglichen. Diese An­stöße von außen habe tiefe Spuren in Generationen von Lehrkräf­ten auch im staatlichen Schulwesen hinterlassen und Selbst­gewiß­hei­ten und unbefragte Traditionen aufgebrochen.

In den besten Zeiten des gesellschaftlichen Wandels in der Bun­desrepublik Deutschland vor al­lem in den siebziger Jahren konnten sich auch Teile des Staatsapparates und der Kultuspolitik dieser immanenten Widerständigkeit – sehr vorsichtig – nähern und eine Reformphase einleiten, deren Tief­gang und gesellschaft­liche Wir­kung bis heute noch nicht endgültig wissenschaftlich ausgelotet worden ist. Wir Politiklehrer waren eine Zeit lang Teil dieses Re­formaufbruchs. Die Reformer kamen in die Schulen und bewegten einiges, zum Teil – wie Ulrich Bauermeister an der Bis­marckschule Hannover oder Eckhart Jander an der Tellkampfschu­le Hannover –als Schulleiter. Doch in einer Zeit, in der so­gar der Begriff Reform für Entliberalisierung den neuen Ausbau staatli­cher Repressions­apparate unter dem Furchtgespenst der Organi­sierten Kriminalität und der Ausländerkriminalität und für die Be­zeichnung massiven und systematischen Sozialabbaus perver­tiert wird, kann tatsächli­che Reform wohl kaum noch in die Reali­tät umgesetzt werden. Und wo bleiben die Unterrichtenden, die sich den emanzipatorischen Zielen der Politischen Bildung ver­schrieben haben in der histori­schen Gewißheit, daß diese Wider­ständigkeit notwendiger Teil auch der etablierten Politischen Kul­tur Mitteleuropas ist, durch Revolu­tionen erkämpft, von Ket­zern und Widerstandskämpfern geadelt? Daß letztlich die Grund­rechte, die das Grundgesetz der Bundesre­publik Deutschland ein­leiten, nicht affirmatives Selbst­verständnis der Staatsgesellschaft sein können, sondern das erkämpfte Recht, Menschenrecht gegen den Staat einfordern zu dürfen und zu müssen?

Kein Lehrer, keine Lehrerin der heute unterrichtenden Gene­ra­tionen seit den Siebziger Jahren ist nicht von Motivation und Aus­bildung her auch mit den Konzepten der pädagogischen Wi­der­ständig­keit in Berührung gekommen; die große Frage ist, ob er im täglichen unterrichtlichen Umgang mit Schülerinnen und Schü­lern diese Widerständigkeit behaupten und glaubhaft vermit­teln kann, also auch bereit ist, das damit verbundene gesellschaft­liche Risiko einzugehen, oder ob er der Erfahrung der Wider­sprüchlich­keiten der Alltagsrealitäten erliegt und sich wieder den traditio­nellen af­firmativen pädagogischen Rahmenbedingungen ein- und unterord­net.

In der Politischen Bildung verstärkt sich dieser strukturelle Grundwiderspruch noch dadurch, daß er sich selbst thematisiert, besser: thematisieren muß. Gerade über eine bewußte Politische Bil­dung kommen moderne philosophische Konzepte des selbstre­fe­rentiellen Denkens in die Didaktik. Das Dilemma ist, daß da­mit – vor dem Hintergrund von Herkunft, Biographie und Ausbil­dung – Leh­­rerinnen und Lehrer, auf die unmittelbare Unter­richtspraxis fixiert, prinzipiell überfordert sind und diese Über­forderung als Streß wahrnehmen. Und Streß verursacht Intole­ranz, Mangel an Dis­tanzie­rungs- und Selbstdistanzierungsfähig­keit, letztlich: päd­a­go­gische Inkompetenz. K. Peter Fritzsche schreibt dazu in seinem le­senswerten Aufsatz: Über die Schwie­rigkeiten, Toleranz zu üben[21]:

Toleranz „ist das Resultat eines mühsamen Lernprozesses und beruht nicht auf Schwä­che, son­dern auf Stärke: Über die Wechselbeziehung mit Streß... Es ist so­zialer Streß, der Bürger anfällig für Intole­ranz macht. To­leranz-Schwellen sind deshalb als Streß-­Schwellen zu begreifen.

Bei sozialem Streß geht es um das Ver­hältnis von sozialen und politischen An­forderungen und den Fähigkeiten der Menschen, damit umzugehen, oder bes­ser: Es geht um das Mißverhältnis von Problemdruck und Pro­blem­lösungskom­petenz und um die Reak­tionen auf dieses Mißverhält­nis­. Wenn Belastungen der Gesell­schaftsstruktur oder des sozialen Wan­dels auf begrenzte oder feh­lende Fä­hig­keiten ihrer Verarbeitung treffen, wenn Pro­blemdruck auf man­gelnde Kom­pe­tenzen und Res­sourcen trifft, mit die­sem Druck umzugehen, dann wird diese Konstellation von den be­trof­fenen Bür­gern als Streß wahrgenommen: das Gefühl der Heraus­for­derung wird durch das Gefühl der Überfor­derung ver­drängt. Abwehr- und Fluchtreaktionen sind als Ersatzlösungen wahr­scheinlich, um dem Streß zu entkommen.

Nach dieser Streß-Konzeption gibt es keine absolute Überfor­derung, son­dern es gibt Gefühle von Überforderung, die im­mer von der Einschätzung der Betroffe­nen abhängen. Der Streß ist we­der allein das Ergebnis von ob­jektiven Belastun­gen noch von feh­lenden Kompetenzen. Erst das Zu­sam­mentreffen eines relati­ven Zu­viel an Belastung und eines relativen Zu­wenig an Möglichkei­ten der Be­wäl­tigung läßt das Gefühl der Überfor­derung ent­ste­hen. Dieser Streß-Begriff unter­scheidet sich al­so vom um­gangssprachli­chen Be­griffsgebrauch, wo Streß lediglich ein Zu­viel an Be­lastung meint!

Die Toleranz-Schwelle in einer Gesell­schaft läßt sich somit als Streß-Schwel­le konzipieren: Je größer der soziale Streß, desto ge­ringer die Wahrschein­lichkeit, daß die gestreßten Bürger sich tole­rant verhalten.“

Der niederländische Soziologe und Philosophie Cas Wouters[22]  be­schreibt den daraus resultieren­den Grundwiderspruch des heu­ti­gen Entwicklungszustandes des Zivilisationsprozesses anschaulich:

„Die­se Zwänge zur Identifikation und Individualisierung, zu Kon­formität und Profilierung, gehen wie die zwei Seiten eines Janus­kopfes aus ein und demselben Prozeß der Zivilisation hervor. Aus diesen Zusammen­hängen wird ersichtlich, wie wichtig es ist, in Gleichgewichten zu denken. Denn oft genug wird eine kul­tur­kriti­sche Diagnose, welche die diktierten Mu­ster der fortschreitenden Ein­schränkung von Selbstbestim­mungsmög­lichkeiten ver­zeichnet, einer Individua­lisierungsdiagnose ge­genüberge­stellt, die, wie auch immer formuliert, die ge­wachsene individuelle Frei­heit betont. Freilich sind die beiden miteinander ver­schränkten Diagno­sen gleichermaßen einseitig: diktierte Muster und Frei­heits­träume spie­geln einander wie Ängste und Passionen, Schreckensbilder und Ideale.

Jene Verschränkung macht aber jeden Versuch einer Bewer­tung des Ge­samtpro­zesses zu einem allenfalls ambivalenten Ba­lanceakt. Immer mehr Erfahrungen, Interpretationen und Ideale sind selbst ambivalent gewor­den. Im Prozeß der Informalisierung vollzieht sich eine ‚kontrollierte De­kontrolle‘ des sozialen Ver­kehrs und des Gefühlslebens; aber wo genau lie­gen deren Gren­zen? Es haben sich Ausblicke auf neuar­tige Verhaltens- und Ge­fühlsalternativen ergeben; viele sind in neue Richtungen gegan­gen, man­che gingen zu weit. Wie verhält es sich zum Beispiel mit dem ris­kanten He­donismus und dem Sich-gehen-Lassen?“

Dieser gesellschaftlichen Ambivalenz begegnen Politiklehrer und ‑leh­rerinnen Tag für Tag bei ih­ren Schülerinnen und Schü­lern, ohne dagegen eindeutige und widerspruchsfreie gesellschaft­liche Konzepte, Ordnungs- und Verhaltenbilder und Werte setzen zu können, dieser gesellschaftlich-zivili­satorischen Ambiguität fühlen sie sich aber auch in ihrer eigenen Biographie ausweglos unter­wor­fen. So kann zunächst nur die Forderung gestellt wer­den, die Fähigkeit, gesellschaftliche Dissonanzerfah­rungen und Pa­radoxien auszuhalten, zu verstehen und distanzieren zu können. So komme ich noch einmal auf das Eingangs zitierte Motto zu­rück: „Wissenschaft tröstet, denn sie macht den Schmerz zu ei­nem in­teressanten Fall, an dem sich was beweisen läßt...“

Über die fünf absurden Antagonismen im Leben des Politiklehrers

Fassen wir nun die bisher fachlich und philosophisch gefaßten Grundprobleme zusammenfassen in fünf Beobachtungen, die über­spitzt und eher feuilletonistisch auf den Punkt gebracht wer­den sollen. Das soll weh tun und nicht der üblichen Affirmation die­nen. Es läßt, das mag zu Recht einzuwenden sein, Distanz und Selbst­distanz missen, es widerspricht den »abgehobenen« Forde­rungen, die wir selbst eben formuliert haben. Doch soll es in durchaus selbstreferentieller Weise eine Katharsis ermöglichen.

1. Distanzierte Verwicklung: Die Politik

Politiklehrer und -lehrerinnen wollen Politik machen, vielleicht gar die Gesellschaft verändern und verbessern, die Schule zum Agen­ten des gesellschaftlichen Fortschritts machen, sich auf die neue Gene­ration voller Hoffnung und Optimismus einlassen – und tre­ten ein in eine Institution, die den Ballast der herkömmlichen Ord­nungs­vorstellungen, die die Selbstverständlichkeiten der Staats­gesell­schaft zum Ordnungsmodell ihres Funktionierens und ihres Alltags macht. Die Politik entfernt sich.

Gerade die große Zahl von Leh­re­rin­nen und Lehrern in den staatlichen Ver­tre­tungs­kör­per­schaf­ten verweist auf eine absurde Entwicklung: nicht aus ihrer Erfahrung als Lehrerinnen und Leh­r­er heraus wird Politik gestaltet, sondern in der vorweggenom­me­nen und überkompensierten Furcht vor den negativen Stereo­ty­pen ge­genüber der Lehrerschaft wird Politik unbewußt als Flucht vor der eigenen Biographie betrieben: absurde Verwick­lung.

2. Distanzierte Verwicklung: Die Schule

Die Beziehung von Lehrerinnen und Lehrern zur Schule sind ge­kennzeichnet von Dichotomien. Grundüberzeugungen und affek­ti­ve Strukturen bilden sich in den meist dreizehn Jahren eigener Schul­zeit heraus: sie sind der Orientierungsrahmen für die spä­tere Haltung zum Lehrerberuf. Rollen, Muster, Rollenerwartun­gen, Rol­lendistanz und Zuwendung werden hier schon angelegt. Der »Front­wechsel« ist für junge Lehrerinnen und Lehrer daher ein tieferer affektiver Einschnitt als der Eintritt in einen anderen Beruf: vielleicht wird dieser Einschnitt aber verdrängt durch die irratio­nale Hoffnung auf Kontinuierung der sozialen Lebenswelt. Berufs­wahl des Lehrers als Symptom einer affektiven und sozialen Ent­wicklungsverzögerung, von Infantilismus?

Ein großes Problem stellen vor allem diejenigen Lehrkräfte dar, die – vielleicht mit Ausnahme einiger Ferienjobs – nie eine andere Arbeitswelt als die Bildungsinstitutionen Schule und Hoch­schule kennen gelernt haben. Diese institutionalisierten, immobi­len und staatsaffirmativen institutionalisierten Lebenswelten, in denen Freiheit als Narrenfreiheit definiert wird, sind mehr als nur ein üb­licher Arbeitsplatz, sie sind Orientierungsmuster für spezifi­sche pädagogisierte Welt- und Gesellschaftsbilder.

Es fällt von außen her daher leicht, die Praxisferne der Lehrer­schaft zu verurteilen – erkennt man Lehrerinnen und Lehrer doch sehr schnell an einem besonderen Habitus, an aufdringlichem Sprachduktus und an »bes­ser­wisserischen« Weltbildern –, über­sieht dabei jedoch, daß dieser Lehrerhabitus notwendige struktu­relle Folge einer objektiv widersprüchlichen Berufssituation ist, de­ren Folge beinahe zwangsläufig affektive und soziale Überforde­rung ist. Dieser affektive Widerspruch ist noch zu thematisieren.

Solange sich Schulpolitik im Aufrechterhalten vorher willkür­lich (will sagen: politisch) gesetzter Stundentafeln und Formal­cur­ricula erschöpft und von der dummen Annahme ausgeht, Lern­er­folg li­near an erteilten Stundenzahlen erzielen zu können, ist die Schule typischer und zentraler Ort des allseits beklagten Staats­versagens.

Als Lehrer Versagensverwaltung zu betreiben und zu profes­sionalisieren, fordert bestenfalls zynische oder ironische Selbstdi­stanz, bewirkt aber wohl eher Traumatisierungen...

3. Intellektualisierungsprozesse und Affirmation

In der Schule vollziehen sich organisierte Intellektualisierungspro­zesse. Die kognitive und methodische Seite dieser Prozesse ist Ge­genstand der allgemeinen und der Fachdidaktik, sie ist rationalen Kriterien offen und letztlich auch optimierbar. Dabei stellt sich die grundsätzliche Frage, in wie weit sich Schule und Lehrerdasein auf diese Effizienzperspektive reduzieren läßt und reduziert wer­den darf.

Der gegenwärtige schulpolitische Trend geht gerade in die Rich­tung, die kognitiv-methodische Effizienz als mögliches und sinnvol­les Ziel der Schule zu behaupten und schulpolitisch-admi­nistrativ durchzusetzen.

Daß dem ein grundsätzliches Mißverständnis zu Grunde liegt, ist dem Sozialwissenschaftler sehr deutlich. Intellektualisierungs­prozesse sind nicht in erster Linie persönliche, individualpsycho­lo­gisch begründbare Prozesse des Wissens- und Fähigkeitserwerbs, sondern setzen kommunikative Prozesse in der Gesellschaft, Dis­kurse über Gruppenidentitäten und soziale Kohäsion, über offene oder verhinderte soziale Mobilität in eben dieser Gesellschaft vor­aus. Alle effizienten kognitiv-erzieherischen Bemühungen der Schu­le vermögen nichts gegenüber sozialen Diskriminierungs- und Di­stanzierungsprozessen, die zu einer Einschränkung der infor­mel­len oder formalen Teilhabe an den dargestellten Diskursen über die gesellschaftlichen Entwicklungen führen.

Unsere schulische Behandlung der so wahrgenommenen ethni­schen, sprachlichen oder nationalen Minderheiten – wobei diese Wahrnehmungsperspektive zunächst einmal selbst kritisch relati­viert werden müßte! – ist weitgehend abhängig von gesellschaftli­chen Distanzierungs- und Ausgrenzungsstrukturen, die über Schü­lerschaft, Elternschaft und das Kollegium selbst in den Schulalltag hineinwirken.

So ist eine formale Gleichbehandlung nicht nur zu wenig, son­dern eine deutliche Affirmation gesellschaftlicher Ungerechtig­keitsstrukturen und damit auch nicht über personalisierte Ethik aufzulösen. Gerade Politiklehrerinnen und -lehrer erleben diese grundlegende Nichtumsetzbarkeit ihrer gesellschaftlichen Einsich­ten und Analysen in die Unterrichtspraxis, da auch das Sprechen über dieses Thema im Unterricht, da es ja durchaus legitimer Un­ter­richtsstoff in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern ist, ten­denziell zu einer Verstärkung und Bestätigung der Abgren­zungs- und Fremdheitsdefinitionen führen kann, als Absurdität und exi­stentiellen Konflikt für das eigene Selbstbild.

4. Indirekte Sehnsucht nach der Tat

Handlungsorientierter Unterricht gilt allenthalben als unbestrit­te­nes Leitziel. Aber bitte: Lehrer oder Lehrerin sollen nicht »Han­deln«, sondern Schülerinnen und Schülern zum Handeln be­fä­hi­gen... Wer aber trägt die Verantwortung für dieses »Han­deln«? Wer­den hier nicht gesellschaftliche »Stell­ver­tre­ter­krie­ge« ausge­foch­ten, in denen der durch reale Zwänge unterdrückte Hand­lungs­wunsch des Lehrers den Schülerinnen und Schülern auf­ge­bür­det wird, mit der Vorgabe, daß dieses »Handeln« aber tun­lichst folgenlos zu bleiben habe? Stärker als je zuvor wird in der gegen­wärtigen kulturellen Situation Schule virtuell und uneigent­lich – und damit verstärkt sich ihr Bedeutungsverlust in den Bio­gra­phien ihrer Schülerinnen und Schüler. Nur Lehrerinnen und Leh­rer scheinen noch – durch ihren täglichen Job – existentielles Interesse an der Schule zu haben, nachdem das inhaltliche und gestalteri­sche Interesse zusehends verlischt... Eine absurde Situa­tion, die noch widersprüchlicher wird, geht man den affektiven Grundlagen und Konflikten nach:

5. Distanzierte Erotik.

Eifersucht: Es ist zu untersuchen, ob ein Eifersüchtiger wahrhaftig sich fürch­tet, die Gunst der geliebten Person zu verlieren, oder ob er dieses sich selbsten nur berede und als Vorwand brauche, seinen Neid damit zu ber­gen.

Lexikon von 1734, nach Nadolny, Netzkarte, a.a.O.

Es wäre gesellschaftswissenschaftlich unsinnig zu behaupten, daß »Schü­lerorientierung« und affektive Zuwendung zu Schülerinnen und Schülern nichts mit auch intimen sexuellen Affekten zu tun hätte. Gerade das ist der Grund einmal der Tabuisierung dieses Themas im Lehrerbewußtsein, zum anderen der literarische und mediale Reiz, mit der dieses Skandalon in die Diskurse der virtuel­len Medienwelt hineinwirkt. Es ist die typische Situation am Ende eines langen Zivilisationsprozesses, in dem die Intimität und die Sexualität »hinter die Kulissen gelegt« worden ist, in der die menschliche Identität durch das Erlernen einer wirksamen Affekt­kontrolle sich fraktioniert in öffentliche und private Rollenspiele. Daß diese Metaphorik zur Beschreibung sozialpsychologischer Ver­haltensstrukturen, in der das Leben zum Spiel auf einer imaginä­ren Bühne wird, in der die soziale Kontrolle sich zu einem ima­ginä­ren Publikum der Affektkontrolle und Affektdarstellung wan­delt, in der ein Leben in der Uneigentlichkeit, Mehrschichtigkeit und Selbstdistanzierung, auch der Ambiguitäten und Zweideutig­keiten zum Alltag geworden ist, heute zum alltäglichen Deutungs­muster für gesellschaftliche Strukturen geworden ist, zeigt die tiefgehende Wirksamkeit der mittel- und westeuropäischen Zivili­sierung.

So wird noch einmal die Ambivalenz des Zivilisationsprozesses sehr deutlich, der einerseits der gesellschaftlichen und histori­schen Notwendigkeit entspringt, damit aber auch dem Einzelnen zuneh­mend Begrenzungen und Konformitätszumutungen aufer­legt. So wird Unsicherheit gegen Selbstzucht eingetauscht.

Der in der klassischen Pädagogik thematisierte Euphemismus des pädagogischen Eros, der nur verschleiert, daß sein antiker Be­zugsgegenstand sehr viel unverhohlenere Sexualität meinte, steht einer konkreten Metamorphose zum amour fou auch heute noch offen. Wieviel bedeutet doch die verrückte Liebe zu einer Frau, zu der schlanken, dunkelhaarigen, jugendlich lachenden Abiturientin oder dem jugendlichen Blondschopf vor der Panik des baldigen Nie­wiedersehens, das immer näher rückt? Die vielen Über­tra­gun­gen, Ersatzhandlungen und Anspie­lungen, die gerade nicht ver­stan­den werden sollen, die aber zu einem Selbstgespräch des Sozi­al­wissenschaftlers mit seinem alter ego als Lehrer führt. All­tags­er­fahrungen, distanzierte Affekte, die umso interessanter werden, als sie für den Politiklehrer nicht naiv erfahrbar sind, son­dern im reflektierten und selbstreferentiell überprüften Bedeu­tungs­kon­text als existentielle Absurdität er­fah­ren wird.

Doch sollte hier nicht in erster Linie das tabuisierte Skandalon thematisiert werden, sondern die grundsätzliche Einsicht, daß Di­stanz und Zuwendung, wenn diese nicht nur Rolle und angelern­tes Verhaltensrepertoire ist, über konkurrierende und sich aus­schlie­ßende Symbolwelten verfügen und Realität als Dichotomie un­ein­deutig und damit verunsichernd definieren.

Die Widersprüchlichkeit offenbart sich vor allem in der Nach­kriegslehrergeneration, die einerseits mit dem ernstgemeinten An­spruch ihren Beruf ergriffen hat, sich nicht von der alten auto­ritä­reren Schulwelt einfangen zu lassen, sondern Pädagogik aus den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler heraus zu entwic­keln, die dabei zunächst freiere, alternative Verhaltensfor­men zu­ließen und auch einforderten – bis zum generellen Zulas­sen des »Duzens“­ –, dabei aber eine gewisse emotionale Distanz­losigkeit erzeugten, die der weiterbestehenden funktionalen und struktu­rel­len Distanzforderung der Institution, des institutionel­len Leh­rens und Beurteilens, zuwider liefen. Lehrerrolle ist wider­sprüch­lich de­finiert durch Nähe bei gleichzeitiger Distanz, und es wäre zu vor­dergründig, dies als einen Widerspruch zwischen Päd­agogik und Amt definieren zu wollen: es ist ein Grundwiderspruch des in­terge­nerationellen Interagierens, es ist Teil auch der not­wendigen Ge­nerationenkonflikte.

Oft wird dann die echte Zuneigung und Zuwendung gerade die­ser Kolleginnen und Kollegen aus der Interessenlage und der Reali­tätswahrnehmung der betroffenen Schülerinnen und Schüler als aufgesetzte unechte Maske abgelehnt und als Marotte oder per­sön­liches Alltagsritual disqualifiziert.

Andere Kolleginnen und Kollegen, gerade mit Erfahrungen in der Berufswelt, betonen in ihrer Alltagssymbolik die strukturelle Distanz, auch um gesellschaftliche Klarheit und Differenzierungs­fähigkeit zu erzeugen. Frühzeitiges »Siezen« und höflicher Um­gangston setzt sich vom traditionellen autoritären Habitus durch gelebtes Ernstnehmen der Schülerpersönlichkeiten ab und reprä­sentiert wahrnehmbare didaktisch-methodische Zuwendung und Akzeptanz. In diesem Falle wird aber der strukturelle affektive Konflikt in die Persönlichkeit des Lehrers zurückgenommen, „hin­ter die Kulissen verlegt”, was zu den dargestellten „absurden” double-bind Beziehungen führen kann, aus denen ein verletzungs­freier Ausweg kaum denkbar ist.

Daß diese Widersprüchlichkeit nicht nur theoretisches Kon­strukt der Selbstbespiegelung von Lehrern ist, zeigt vor allem die Beobachtung der tiefgreifenden Verunsicherung von Schü­ler­in­nen und Schülern, die – auch im Sinne einer problembeladenen mehr­­fachkulturellen Akkulturation – Schulsysteme sowohl im Aus­land, vor allem in den Ländern der Semiperipherien und der Transfor­mationsstaaten Ost- und Südosteuropas mit ihren höher standar­disierten und formalisierten Alltagsritualen und dem of­fenen Machtanspruch persönlicher Hierarchien kennen gelernt und durchlaufen haben, bei der Konfrontation mit Leh­rer­ver­hal­ten, das in ihren Augen nicht konsistent ist: ernstgemeinte Kritik zu äu­ßern, verhaltenssteuernd einzugreifen und gleichzeitig meist non­verbal Zuwendung und persönliche Akzeptanz zu ver­mit­teln, bleibt gleichermaßen unverständlich wie das gegenteilige Ver­hal­ten, ver­bal pädagogische Überzeugungen der Zuwendung und Ge­rechtig­keit zu übermitteln und dabei wiederum nonverbal Vor­ur­teile, Ab­lehnung und affektive Distanz sichtbar werden zu las­sen. Letzteres ist leider die dominierende Erfahrung unserer aus Ost­europa stammenden Schülerinnen und Schüler...

Gesellschaftliche Umbrüche und Generationserfahrungen

Die Mehrzahl der deutschen Politiklehrerinnen und Politiklehrer ist in den siebziger Jahren an den Universitäten ausgebildet wor­den und hat mit den Examina ihre Politikfakultas erworben. Schon Ende der siebziger Jahre werden die Ausbildungskapazitä­ten der er­sten wie der zweiten Phase der Leh­rerausbildung wieder einge­schränkt und das Fach wird gegen die Intentionen der »Saar­brüc­ker Rah­menverein­barung«, die der Politischen Bildung eine zen­tra­le Inte­grations­funktion in den Schulen zuwiesen, wieder zu einem Neben­fach, in vielen Bun­deslän­dern den »klassischen Fä­chern« des gesell­schafts­wissen­schaftlichen Aufgabenfeldes Erd­kun­de und Geschichte nicht nur neben-, sondern untergeordnet.

Das umfassende Konzept einer Politischen Bildung hatte sich ohnehin im Schulalltag nicht durchsetzen können; und seither werden Politiklehrerinnen und Politiklehrer fast ausschließlich we­gen ihres zweiten oder ihrer weiteren Fachbefähigungen, nicht je­doch wegen ihrer Fakultas im Fach Politik von den Schulen ge­sucht und in den Schuldienst übernommen. Ein erheblicher Teil des Un­terrichtes, der der Politischen Bildung dienen soll, wird fachfremd von Historikern und Geographen erteilt. Das heißt letztlich, daß heute viele Schulen (fast) ohne ausgebildete Politik­leh­rerinnen und Politiklehrer auskommen und die Kolleginnen und Kollegen mit der Fakultas Politik überwiegend in anderen Fä­chern einge­setzt wer­den. Damit verbunden ist auch die Erfahrung ei­ner Umprofes­sionalisie­rung der Politiklehrerinnen und Politik­lehrer selbst zu verweisen. Der Begriff des Selbstverständnisses ist jedoch grundlegend zu relativieren, obwohl die Frage nach dem Selbstver­ständ­nis zu den am häufigsten disku­tierten Themen in der Politik­lehrerschaft gehört. Es kann kein kollektives Selbstver­ständnis einer Berufsgruppe geben!

Eine dazu entwickelte Fragestellung bedürfte aber noch einer eingehenderen Bearbeitung: Wie wirkt sich die gege­nüber allen an­deren Fächern auffällige Geschlossenheit und Ein­heitlichkeit der Generations- und Berufserfahrung der Politikleh­rerinnen und Poli­tiklehrer auf deren Politik- und Gesellschafts­verständnis, ihre Realitätswahrnehmung und ihr Selbstbild aus? Welche Konse­quenzen hat das für das öffentliche Erscheinungs­bild des Faches Politik, seine schulischen Wirkungsmöglichkeiten und seine gesell­schaftliche Akzeptanz?

Zur Mehrdeutigkeit des gesellschaftlichen Umbruchs in den siebziger Jahren als Primärerfahrung der heutigen Politikleh­rerin­nen und Politiklehrer

Die Politiklehrerschaft, die vornehmlich heute in den Schulen ak­tiv ist, die aber auch maßgeblich an der Entwicklung der Richtli­nien für das Fach beteiligt war, hat ihre politische Sozialisation in den sechziger und siebziger Jahren erfahren und Ende der sechzi­ger, Anfang der siebziger Jahre die politischen und gesellschafts­wissen­schaftlichen Deu­tungsmodelle und Paradigmen erlernt, die noch heute maß­geb­lich die Schulpraxis des Politikunterrichts be­stim­men, während der fachfremd erteilte Politikunter­richt sich sehr viel häufiger an älte­ren Gesellschaftstheorien und funktio­na­lis­ti­schen »All­tags­theo­ri­en« über die Gesellschaft orientiert.

Ende der sechziger Jahre war – so jedenfalls die eigene Erinne­rung an das damalige Politikstudium – die doppelte Auseinander­set­zung mit den zeitgeschichtlich-politischen Brüchen und ihren ge­sell­schaftlichen Ursachen und Folgen zentrale politikwissen­schaft­liche Fragestellung und Studien­schwerpunkt: Wie konnte es zu der – durchaus von einem strikt moralisch wertenden Ansatz her gese­hen – Katastrophe des Nationalsozialismus in Deutsch­land und zum Weltkrieg kommen, und, das ist die zweite Perspek­tive, wie ist die deutsche Gesellschaft nach dem Krieg mit der Er­fah­rung des Nationalsozialismus und des Krieges umgegan­gen? Grunderfah­rung auf der sub­jektiven Ebene der Studienmoti­vation und des damit untrennbar verbundenen politischen Engage­ments – was die Politologie in Teilen der politischen Öffentlichkeit und erst recht in der akademi­schen Gesellschaft von Anfang an suspekt machte und ihr den Vorwurf der Subversivität und der anarchistischen Aufsässigkeit einbrachte – war der Vorwurf, daß die deutsche Ge­sellschaft eben nichts aus diesen Erfahrungen ge­lernt hätte, was die aktuellen Bezüge auf die restaurativ-verkru­steten Strukturen der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit der »Wiederaufbaujahre« hinreichend plausibel machte, war aber auch der ethisch wer­tende Bezug auf die neu in die öffentlichen Dis­kurse tretenden De­saster der Situation der »Dritten Welt« und schließ­lich die mo­ra­li­sche Dissonanz­erfahrung des Viet­nam-Krie­ges zwi­schen De­mo­kra­tie­postulat der »Freien Welt« und unver­hüllter mi­litärischer Durch­setzung von Hegemonialansprüchen durch die USA.

Ein wissenschaftliches Mittel, diese Dissonanzerfahrungen auf­zuarbeiten, wurde in der Rezep­tion der »Kritischen Theorie« und der neomarxistischen »Neuen Linken« gesehen, die die studien­lei­tenden Paradigmen an den meisten politikwissenschaftlichen Lehr­stühlen darstellten. Die didak­tischen Modelle, die sich darauf be­ziehen oder daraus mehr oder weniger überzeugend ableiten lie­ßen, stellen als Grundkategorien den Konfliktbegriff, die Eman­zipa­tionsforderung und das Egali­tätspostulat in den Mittelpunkt des Politikunterrichtes. Wie wenig das in der Öffentlichkeit ver­stan­den oder gar akzeptiert wurde, zeigte die hochgradig emotio­nalisierte und in der Machtaus­einan­dersetzung wenig rational funktionali­sierte Diskussion um die noch nach heutigen Maßstä­ben in­novati­ven und pädagogisch interessanten Rahmenrichtli­nien-Entwürfe in Hessen und in geringe­rem Maße auch in Nord­rhein-Westfalen oder auch die Geschwindigkeit, mit der unmittel­bar nach dem Wechsel der Landtagsmehrheit in Nie­dersachsen 1978 die bisherigen Kurs­entwürfe und Unterrichtsmodelle, für die Re­for­mier­te Sekundar­stufe II (Gymnasiale Oberstufe) »in der Ver­sen­kung« verschwan­den – sehr zur Freude vieler Schulen, die sich die­ser didaktischen Her­ausforderung nur ungern gestellt hat­ten, wie der Verfasser aus vie­len Beratungsgesprächen an nieder­säch­si­schen Schulen im Auf­tra­ge des Kultus­ministeriums erfahren mußte.

Das grundsätzliche Problem, das sich im weiteren Verlauf der didaktischen Umsetzung und Begründung immer deutlicher zeig­te, war, daß die genannten Postulate zwar in einer altehrwürdi­gen phi­losophischen Tradition stehen – das anthropologische Erzie­hungs­modell Rousseaus scheint in der Retrospektive deutlicher durch, als es den überwiegend marxistisch überzeugten Protagoni­sten seiner­zeit selbst bemerkbar war –, ein theoretischer didakti­scher oder fachlicher Kontext zwi­schen diesen Kategorien völlig unterschiedli­chen Charakters ließ sich damals und läßt sich wohl auch heute nur schwer herstellen. Es handelt sich letztlich um po­litische Leit­vorstellungen und nicht um politikwissenschaftliche Analysekate­gorien.

Aus der – heute obsoleten – Überzeugung heraus, daß das »The­o­rie-Praxis-Modell« ein geeig­netes dialektisch strukturiertes Instru­­ment zur Erhellung von Lernprozessen sei und daß, davon aus­­ge­hend, ein Syntheseschritt zur »Einheit von Theorie und Pra­xis« mög­lich wäre – was sich realiter unter dem Druck des Mißer­fol­ges die­ses Modells aber immer stärker zu einer tatsächlichen The­o­rie­feind­lichkeit von »Schulpraktikern« entwickelte, die heu­tige Pro­ble­me unreflektierter Emotionalität, Entzivilisierung, Ra­tio­­na­li­täts­skepsis und schließlich der Durchsetzung irrationaler Welt­­bil­der des New Age vorbereiten half – entwickelte sich ein han­d­lungs­leitendes Gesellschafts­bild, das sich immer weniger eig­nete, tat­säch­liche gesellschaftliche Prozesse und Veränderungen real wahr­zu­nehmen und adäquat zu beschreiben und zu analy­sie­ren.

Aus dem ethisch-moralisch motivierten Ansatz eines kritischen Politikstudiums und der Über­zeugung, politische Veränderungen bewirken zu müssen und zu können, entwickelten sich bei einer Vielzahl von Politiklehrerinnen und Politiklehrer, die in den siebzi­ger Jahren in den Schuldienst eintra­ten und heute noch die Mehr­zahl der aktiven Politiklehrerinnen und Politiklehrer stellen, ge­sell­schaftliche Leitvorstellungen und Realitätsdeutungen, die im­mer weniger geeignet sind, die realen gesellschaftlichen Prozesse und Veränderungen adäquat aufzuarbeiten. Die strukturellen und lern­situativen Ursachen sind dabei gewiß noch nicht umfassend genug dargestellt worden oder überhaupt schon darzustellen, so daß hier die kurzen Thesen dazu genügen müssen; wichtiger ist aber, daß diese Realitätsdistanz sich als weitgehend unreflektierte oder ideo­logisch verschobene Dissonanzerfahrung bei den Kolle­ginnen und Kollegen in mangelnder Berufsmotivation, Frustra­tio­nen und oft irrational strukturierten »Widerstandshaltungen« negativ auf ihre Unterrichtspraxis und damit ihre Erziehungser­folge auswirkt – oft im Sinne einer self-fulfilling prophecy. Damit wird dieses Problem über die individuelle Bedeutung hinaus zu ei­ner gesellschaftsrele­vanten Rah­menbedingung für die weitere Lehrerausbildung und Lehrerfortbildung.

Die »Reform« des Faches Politik?

Mitte der siebziger Jahre arbeiteten in Niedersachsen die Kommis­sio­nen für die Reform der Sekun­darstufe II. Für das Fach Gemein­schaftskunde wurden in der Kommission B für das gesell­schafts­wis­senschaftliche Aufgabenfeld, den Saarbrücker Rahmenver­ein­ba­rungen folgend, zentrale und integrative, d.h. auch in Hin­blick auf die Bezugswissenschaften offene und interdis­zi­plinäre Cur­ri­­cula entwic­kelt, die sich sogenannten Pflichtauflagen für die Poli­ti­sche Bil­dung ausdrückten. Konsequenz dieser Konzeption war, daß das Kursthema den fachlichen Schwerpunkt determinie­ren sollte – z.B. ein Kurs zum Thema Soziale Ungleichheit sollte schwer­­punktmä­ßig soziologi­sche Fachbezüge aufgreifen – und nicht das Fachin­teresse bzw. das vorgegebene Fachcurricu­lum. Die Kurse sollten abgeschlossen, fachlich voraussetzungslos und in der Lern­sequenz beliebig kumulier- und zusammenstellbar sein, wor­aus sich für je­den Kurs Mindestanforderungen zur Vermitt­lung von Allgemein- und Orientierungswissen ebenso wie von in­stru­men­tel­len Qualifi­ka­tionen ergaben.

Diese, vor allem vom damaligen niedersächsischen Kultusmini­ster Peter von Oertzen persön­lich initiierte und vorangetriebene Schulreform gab für die sozial- und politikwissenschaftliche Di­daktik ebenso Grund zu Hoffnungen wie für die damals in den Schuldienst tretenden Politikleh­rer. Die erste Praxiserfahrung die­ser Generation war dann jedoch der massive Widerstand der Schu­len gegen diese Reform, die sich bald konzentrierte auf den Wi­derstand gegen die umfassen­den Bildungsziele der Politischen Bil­dung. Dagegen gestellt wurden zwei Prinzipien, die es in den Re­formkommissionen gerade zu überwinden galt: das Fachprinzip und die Sequenzialität des schulischen Curriculums.

Politisch blieb diese Gegenbewegung siegreich. Schon in Zeiten der Reformkommissionen traten neben die integrativen Kursan­gebote die – zunächst noch als rein ergänzend gedachten – rei­nen Fachkurse, mit denen vor allem die noch nicht integrativ qualifi­zierten älteren Fachlehrer ›beruhigt‹ werden sollten. Doch, ausge­hend vom Aufgabenfeld C, drang auch die Forderung nach der Festlegung verbindlicher Kursfolgen, die inhaltlich aufeinan­der aufbauen sollen, in den Vor­dergrund und haben sich dann auch im gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeld in den spä­ter ent­wic­kelten Rahmenrichtlinien wieder durchgesetzt.

Diese Entwicklung wurde von den jungen Politiklehrern ›der ersten Generation‹ als Verrat an den Bedingungen wahr­ge­nom­men, unter denen sie angetreten waren. Gleichzeitig zeigte es sich, daß in den Kollegien und in der Öffentlichkeit gerade diese Poli­tik­leh­rer verantwortlich und haft­bar gemacht wurden für all das ›Übel‹, das die Schulreform über die Schulen gebracht hatte, mit der Kon­se­quenz, daß schon in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre kaum noch eine Schule Bedarf an Politik- (Gemein­schafts­kunde- und Sozial­kunde-) Lehrern geltend machte. Diese Gruppe war die erste Leh­rergruppe, die nicht mehr damit rechnen konn­ten, eine Arbeits­platzgarantie im öffentlichen Schulwesen zu be­sitzen.

Das Interesse der Politiklehrerinnen und Politiklehrer muß wieder auf die Erneuerung ihres Faches geleitet werden

Soweit ist dieser Prozeß als »Scheitern der 68er Generation« schon oft, wenn auch selten analy­tisch überzeugend und vor al­lem nicht auf die Berufsgruppe der Politiklehrerinnen und Politik­leh­rer be­zogen, dargestellt worden. Die bisherige Darstellung ist daher in einem gewissen Sinne auch banal. Doch stellen sich mir einige Fra­gen, die von der zeitgeschichtlichen Situation verallge­mei­nernd abheben und auf eine mögliche Erneuerung der di­dakti­schen Pa­ra­digmen abheben. Als Selbstbetroffener wähle ich hier wieder diese subjektivistische Perspektive.

Das Motiv, Politik zu studieren, war in unserer Generation, wie schon erwähnt, vorwiegend durch ethisch-moralische Dissonanzer­fahrungen geprägt. Beim Verfasser war es, mir sei diese per­sönli­che Reminiszenz hier erlaubt, nach einem abgebrochenen ersten Studienabschnitt einer mehr­jährigen Berufstätigkeit als Straßen­bahnfahrer, die den ersten biographischen Kontakt zur Arbeits­welt darstellte, und immer stärker die Frage nach Ursachen und Funk­tionen sozialer Ungleichheit, nach betrieblicher und staatli­cher Herrschaft und nach der Berechtigung oft schwierigster Ar­beits­be­dingungen wachsen ließ, zunächst mit der praktischen Konsequenz der gewerkschaftlichen Or­ganisation und dann, als folgerichtig so empfunden, dem Eintritt in die SPD. Dann erst kam die berufliche Umorientierung und die Entscheidung, aus eben diesen Gründen Politikwissenschaften zu studieren.

Das wissenschaftliche Selbstverständnis des »sine irae et stu­dio«, das ohnehin ein gesellschaft­lich kritisch zu hinterfragendes Ideo­logem ist, taugt zur Begründung und Handlungsleitung eines so motivierten Studiums nicht.

Die vielfältigen Erfahrungen einer Generation, die die Umbrü­che und Verschiebungen der Machtbalancen in der Gesellschaft nicht hat verarbeiten und positiv umsetzen können – wobei sich hier die Schuldfrage nicht stellt, sondern das Verständnis der Wir­kungsfaktoren Desiderat bleiben muß, führten zu einer Morali­sie­rung und Ethifizierung des Berufsbildes, das es möglich mach­te, daß wieder obsolete Grundpostulate wie die Frage nach der Grund­bildung und der Wer­teerziehung in den Vordergrund tra­ten und die rationalen und emanzipativen Ansprüche der Politi­schen Bil­dung in den Hintergrund drängten. Aus den recht sub­jektiven An­merkungen dieses Auf­satzes sollte zumindest deutlich gewor­den sein, welche Erfahrungen und biographische Orientie­rungen zu diesem Verlust an politischer und wissenschaftlicher Rationali­tät geführt haben und wie wenig allein das Betrauern dieses Ver­lustes politisch wirksam sein kann.

Anmerkungen:

*      Gekürzt und aktualisiert aus: Gerhard Voigt, Hrsg.: Ein Jahrzehnt Türkeipartnerschaft. Ein Bericht über die Partnerschaft der Bismarckschule Hannover mit der Istanbul Lisesi 1985 bis 1996 im Rahmen der Arbeit einer UNESCO-Projekt-Schule. Mit dem Reisebe­richt der Türkei-Studienfahrt der Türkei-Ar­beitsgemeinschaft der Bismarckschule im Frühjahr 1996 (11.-28.05.96). Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., Heft 9, Hannover 1997.

[1]      vgl. den Bericht von Rainer Gusky über seinen Aufenthalt in der Familie Türkoğlu in dem Heft »Ein Jahrzehnt Türkeipartnerschaft«, a.a.O.

[2]      Bezug: die Klassenfahrt der 11c v. 16. - 21. 02. 1998; Berichte dazu sind in der Schulzei­tung der Bismarckschule unter der Überschrift ‘Leipzsch un Dräsdn’ erschienen. Die Aussa­gen und Thesen beziehen sich u.a. auf offizielle Gespräche, z.T. auf persönliche Informa­tionen sowie anderweitig vermittelte subjektive Eindrücke. Es handelt sich nicht um eine voll­stän­dige Darstellung des Programms der Klassenfahrt.

[3]      Dieses stellt angesichts der an Schlüsselthemen orientierten neuen Methodik kein wesentli­ches Problem dar, es ent­geg­net nur der Überfrachtung von Detailwissen. Nur Touristen­führer (die ehemaligen ‘Stadtbilderklärer/innen’) meinen, dass es sinnvoll sei, etwas über August den Starken wissen zu müssen.

[4]      LEIPZIG – TOURISTISCHER STADTFÜHRER; Hrsg.: Fremdenverkehrsverein Leipzig, Auflage 10/1995, Punkt 29

[5]      Ein mögliches neues Unwort für Arbeitsplätze als ABM oder auf 610/520-DEM-Basis.

[6]      Im Unterschied zu den Schulen hat man die Universitäten und Hochschulen geschlossen und ‘neu’ gegründet.

[7]      Das Elias’sche Fremdzwang-/Selbstzwangmuster bietet sich zur Interpretation an.

[8]      vgl.: Engler, Wolfgang: Die zivilisatorische Lücke. Frankfurt/M, 1992

[9]      Man denke an die primitiven Verhaltensweisen von in kommunistische oder faschistische Machtzirkel diffundierten An­ge­hö­rigen der proletarischen oder kleinbürgerlichen Milieus. Nicht umsonst hat man die Verhaltensweisen der alten preu­ßi­schen Oberschicht, der ‘Krautjunker’, nachgemacht: Hermann Göring wie Erich Honecker als die obersten Jäger­meister der Schorfheide.

[10]    Als ein Beispiel dafür kann die der deutsch-polnischen Verständigung dienende Zeitschrift DIALOG gelten, deren verdienst­volles Wirken seit vielen Jahren anerkannt wird. Insbeson­dere seitens der polnischen Autoren werden ‘schön­ge­schrie­bene’ kulturell-historische Be­gebenheiten dargelegt. Die Gefahr der Suggestion des ehemals (scheinbar) Positiven, der oft span­nungs­ge­mil­derten Darstellung, ist evident. Symptomatisch ist, daß die Problem­phasen der gemein­sa­men Geschichte zwar bewußt einbezogen werden, in der Regel aber moralisierend und mythisch erdrüc­kend präsentiert werden. Kritisch-analytische Ansätze der Geschichtsforschung sind tabu, zumindest nicht gelitten. Eine Synthesebildung in der Moderne auf der Basis des Historischen ist da­durch sehr erschwert, vermutlich ohne daß dies den Beteiligten in letzter Konsequenz bewußt ist. Die Wellen des Neuen über­decken einfach das Geschehene. Unsere Aufgabe in Westeuropa ist es, die sich bietenden Chancen der analytischen Aufarbeitung - in enga­gierter Distanz – zu nutzen als entscheidende Vor­aus­setzung für Bewältigungsprozesse. Insofern enthalten unsere kleinen Schritte, sofern sie bewußt durchgeführt und begleitet sind, eine nicht zu un­terschät­zen­de und gering zu wertende Dimension.

[11]    Wenn, dann ist sie leicht zu beantworten: Warum fährt ein zur Pensionierung anstehender Kollege mit sei­nem schnellen Wagen nach Italien – doch nicht, weil er dort die Sprache und Kultur, mit der er sich seit Jahren beschäftigt, schon umfassend kennt?

[12]    vgl.. Brokmeier, Peter: Institutionen als Organon des Politischen. In: Göhler, Gerhard (Hrsg.): Die Eigenart der In­sti­tutionen, Baden-Baden 1994, S. 167ff.

[13]    Man vergleiche die jüngste Aufarbeitung und die Diskussionen um den Fall Maharens.

[14] Ein anderes Beispiel ist die versuchte Neubelegung des ‘Solidaritäts’-Begriffes.

*      Unter Verwendung eines Aufsatzes in Wellie / Hufer: Sozialwissenschaftliche und bil­dungstheoretische Reflexionen. Glienicke/Berlin und Cambridge/MA 1998.

[15]    Taschenbuchausgabe S. 108/109.

[16]    Siehe den Beitrag in diesem Heft auf S. 50

[17]    Als Formel übernommen aus dem Titel von: Cas Wouters: Konformitätsdruck und Profi­lierungszwang. Zwischen Identifikation und Individualisierung: Ambi­va­lenzen des Af­fekt­managements. Frankfurter Rundschau, Nr. 8, 11.01.94, S. 10; Forum Human­wis­sen­schaf­ten.

[18]    Stuttgart 1985 (Klett-Cotta).

[19]    Vgl. die Gegenüberstellung der Begriffe Gesellschaft und Gemeinschaft bei Tönnies oder auch das vor allem in der deutschen Politischen Kultur als Widerspruch verstan­dene Be­griffspaar Zivilisation und Kultur, das von Elias ein­gehender analysiert worden ist.

[20]    die sich jedoch gut aus der universitären Tradition heraus erklären und ableiten läßt, in der die Fächer zu unter­schiedlichen Zeitpunkten und aus unterschiedlichen, wissen­schaftli­chen wie politischen Interessen heraus konsti­tuiert und in den universitären Bildungska­non einbezogen worden sind.

[21]    Quelle: Frankfurter Rundschau, Nr. 87, 13. April 1996, Seite 16. Dokumenta­tion

[22]    gl. Fußnote 17.

Autoren:

Bellersheim, Uwe: Lehrer an der Bismarckschule

Brudńo, Ludwika: Lehrerin des V. Lizeums in Posen

Büthe, Till: Lehrer an der Bismarckschule

Haase, Wilfried: stellv. Schulleiter der Bismarckschule

Helms-Scholz, Eva: beurlaubte Lehrerin der Bismarckschule

Henicz, Roman: Direktor des V. Lizeums in Posen

Jander, Dr. Eckhart: Direktor der Tellkampfschule

Kronig, Michael: Lehrer an der Bismarckschule

Lippelt, Gerburg: Lehrerin an der Bismarckschule

Nettelmann, Dr. Lothar: Lehrer an der Bismarckschule

Orłowski, Prof. Dr. Hubert: Adam- Mickiewicz-Universität Posen

Riechers, Albrecht: Leiter des Studienseminars Hannover III

Schlömer, Dr. Rolf: Lehrer an der Bismarckschule

Sielenkämper, Thomas: Lehrer an der Bismarckschule

Stünkel, Gerhard: Lehrer an der Bismarckschule

Szińajtis, Danuta: Lehrerin des V. Lizeums in Posen

Voigt, Gerhard: Lehrer an der Bismarckschule

Wehking, Ulrich: Lehrer an der Bismarckschule

Wernstedt, Prof. Rolf: Präsident des Nieder­sächsischen Landtages

Wichńacz, Małgorzata: ehemalige Schülerin des V. Lizeums in Posen

Inhaltsverzeichnis:

Rolf Wernstedt:

Ulrich Bauermeister

Wilfried Haase

Einleitung

Rolf Schlömer

Sehr geehrter Herr Bauermeister!

Roman Henicz

Organisator und Diplomat

Eva Helms-Scholz

Für Ulli B.

Gerhard Stünkel

St an Ba

Uwe Bellersheim / Thomas Sielenkämper

Gewerkschaftsarbeit an der Bismarckschule – anno dunnemals

Gerburg Lippelt

Aus dem Porzellanladen der interkulturellen Pädagogik

20 Jahre Schülerinnen und Schüler aus Mittel- und Osteuropa an der Bismarckschule

Albrecht Riechers

Ulrich Bauermeister – eine dreißigjährige Beziehungsgeschichte

Hubert Orłowski

Die Drewenz ist ein Fluß in Polen …

Danuta Sziłajtis

Ein Mann mit Profil

Ludwika Brudńo

Es gab mal eine Idee

Schüleraustausch mit Poznań

Małgorzata Wichńacz

Internationale Jugendkontakte

Michael Kronig:

Polen im Herbst. Begegnungen und Impressionen

Ulrich Wehking:

Reiseeindrücke von der Austauschfahrt nach Poznań im September 1995

Ohne Datum:

Mittwoch, 20.09.95:

Donnerstag, 21.09.95:

Freitag, 22.09.95:

Samstag, 23.09.95:

Sonntag, 24.09.95:

Montag, 25.09.95:

Dienstag, 26.09.95:

Mittwoch, 27.09.95:

Donnerstag, 28.09.95:

Eckhart Jander

Schulkrise und Schulreform: Ein Mitstreiter fehlt

Reform der gymnasialen Oberstufe: Ist das nicht sehr ferne Vergangenheit?

Gerhard Voigt

Ein Jahrzehnt Türkeipartnerschaft*

Lothar Nettelmann

… einige Anmerkungen zu den projekt- und studienfahrtorientierten Klassenreisen im 11. Jahrgang

Lothar Nettelmann

Bilanz im Politischen – Schule im Bereich internationaler Aktivitäten

1. Zum Osteuropa-Engagement – wie es zustande kam

II. Zur Rechtfertigung von pädagogischem Engagement – eine Legitimierung internationaler Aktivitäten im Bereich von Schule

III. Zur Wechselwirkung von pädagogischer und gesellschaftspolitischer Dimension

IV. Schlußbetrachtungen

Gerhard Voigt

Politik in der Schule?

Über den Zusammenhang zwischen öffentlichem Politikdiskurs und Selbstbild von Politiklehrerinnen und Politiklehrern: Erfahrungen an der Bismarckschule Hannover*

Lehrerdasein zwischen »Konformitätsdruck und Profilierungszwang«

Über die fünf absurden Antagonismen im Leben des Politiklehrers

1. Distanzierte Verwicklung: Die Politik

2. Distanzierte Verwicklung: Die Schule

3. Intellektualisierungsprozesse und Affirmation

4. Indirekte Sehnsucht nach der Tat

5. Distanzierte Erotik.

Gesellschaftliche Umbrüche und Generationserfahrungen

Zur Mehrdeutigkeit des gesellschaftlichen Umbruchs in den siebziger Jahren als Primärerfahrung der heutigen Politiklehrerinnen und Politiklehrer

Die »Reform« des Faches Politik?

Das Interesse der Politiklehrerinnen und Politiklehrer muß wieder auf die Erneuerung ihres Faches geleitet werden

Autoren

Impressum:

Druckausgabe:

Schriftenreihe des UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V.m Heft 10
[ISSN 0945-1536]

Umschlag und Titelgestaltung: Hansjörg Rümelin

Kronig, Michael; Nettelmann, Lothar; Voigt, Gerhard; Wehking, Ul­rich (Hrsg.):

Reform – vom Gedanken zur Praxis. Für Ulrich Bauermeister / Her­aus­ge­geben von Michael Kronig, Lothar Nettelmann, Gerhard Voigt und Ulrich Wehking

Hannover: UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. [An der Bismarckschule 5, D 30173 Hannover], 1998 (Schriftenreihe des UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., Heft 10) [ISBN 3-930307-09-X]

Internetpublikation:
auf http://www.unesco-club-hannover.de (URL gelöscht 2011), 1. Januar 2002 / Bearbeitung 26. April 2008

Neupublikation auf http://www.politiklehrerverband.org, 19.12.2009

Parallelpublikation auf http://www.voigt-bismarckschule.de
Bearbeitungsstand 25.07.2011

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Bearbeitungsstand: 1998 / 1.1.2002 / 19.12.2009.

Letzte Bearbeitung: 25.07.2011

   
   

 

     
   

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Info unter: http://www.voigt-bismarckschule.de
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