
übernommen aus der
Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee,
Bismarckschule Hannover
ISSN 0945-1536: Sonderheft
1 / 2001
Titelblatt und Inhaltsverzeichnis
Lothar Nettelmann:
Handlungsorientierung im
Schüler-Austausch mit Polen
Schul-Partnerschaften und
handlungsorientierter Unterricht
1. Zur
Handlungsorientierung
Handlungsorientierung ist zunächst einmal eine sehr
allgemeine Zielvorstellung und ein offenes pädagogisches Konzept, dass
seine fachlichen, unterrichtlichen und didaktischen Konkretisierung noch
erfahren muß.
Im Zusammenhang mit den Anmerkungen zu den einzelnen
Fächern wurde versucht, aus den jeweils dafür geeigneten
Fachkonzeptionen heraus handlungsorientierte Konkretisierungen und
Unterrichtsperspektiven zu entwickeln. Es ist hier nicht der Ort, eine
allgemeine Theorie der Handlungsorientierung zu entwickeln, die für
die Praxis des Schüleraustausches zunächst einmal auch keine größere
Relevanz hätte. Es genügt hier, aus den knappen Anmerkungen heraus
einige verallgemeinernde Resumees zu ziehen, um eine weitere
Entwicklung handungsorientierter Unterrichtsprojekte anzuregen und
zu fördern.
Vor allem erscheint uns das Konzept der
Handlungsorientierung geeignet, eine praktische und pragmatische
Verständigungsbasis mit den polnischen Kolleginnen und Kollegen zu
begründen, ohne in problematische theoretische Klärungen und
Diskurse einzutreten, wo es ganz praktisch um die Vorbereitung,
Betreuung und Auswertung von Reisen in das jeweilige Partnerland geht.
Handlungsorientierung in diesem Zusammenhang bedeutet also zunächst
einmal nur, von den vorhandenen schulischen Strukturen und den
Fachtraditionen ausgehend Interaktionsformen des Unterrichts zu
entwickeln, die das eigene, ziel- und erfolgsgerichtete Arbeiten der
Schülerinnen und Schüler an den Themen und Probleme des Partnerlandes
und allgemeiner der deutsch-polnischen Beziehungen möglich macht. Vor
allem sollen auch Arbeitsformen gefunden werden, in denen deutsche und
polnische Schülerinnen und Schüler trotz aller Sprachprobleme
gemeinsame Fragestellungen und Beobachtungen finden können.
Handlungsorientierung führt letztlich bei seiner
Verfeinerung und Weiterentwicklung zum projektorientierten Lernen.
Daher könnten bestimmte Charakteristiken der Handlungsorientierung auch
aus den Charakteristiken des Projektarbeitens abgeleitet werden. Aber
während sich in der Konsequenz Projekte als Alternativen zum
»traditionellen Lernunterricht« verstehen, ist Handlungsorientierung
ein ergänzendes und erweiterndes, d.h. auch: belebendes und
motivierendes Attribut, das den herkömmlichen Unterrichtskontexten und
Fachcurricula zugeordnet wird.[1]
Handlungsorientierung bedeutet aber immer die Öffnung
des Lernens für nicht vorhergesehene Ergebnisse und Einsichten, das
Hereinholen von Informationen und aktuellen Kommunikationsmitteln,
die noch nicht didaktisch prästrukturiert sind, und die Nutzung
außerschulischer Kommunikationsbeziehungen und Lernorte. Das
erfordert und fördert rein höheres Maß an Selbsttätigkeit bei den
Schülerinnen und Schülern; von den Lehrerinnen und Lehrern verlangt es,
sich wenigsten ansatzweise für fachfremde und fächerübergreifende
Fragestellungen und Perspektiven zu öffnen.
2. Zum
historischen Gegenstand
2.1. Vorbemerkungen
Die »Entdeckung« des »Nachbarn Polen«, Ende der 70-er
Jahre, vollzog sich nicht nur in der »Neuen Ostpolitik« und in den
Entspannungsbemühungen auf staatlicher Ebene, sondern fand ungeahnte,
ungeplante und oft begeisterte Resonanz in Schulen, Kirchen und
Jugendgruppen. Erste vorsichtige Begegnungen und Reisen wurden bald
durch den Wunsch nach fester institutionalisierten
Schul-Partnerschaften ergänzt. Die Bismarckschule Hannover war dabei
in vieler Hinsicht Vorreiter, auch, weil es ihr gelang, diesen
Schüleraustausch einzubinden in die Städte-Partnerschaft zwischen
Hannover und Pozna
und zu verbinden mit den Aktivitäten der 1979 gegründeten
Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hannover.
Eine gewisse »Polen-Euphorie« – deren Reichweite in
der Bevölkerung, wie sich dann später herausstellte, durchaus nicht
so groß war, wie es damals den ‚Aktivisten‘ erschien – war doppelt
motiviert: einmal in der Aufbruchstimmung, die die Verkrustungen des im
Ost-West-Konfliktes erstarrten Nachkriegseuropas mit all ihren
Bedrohungen durch Wettrüsten und Feindbildprojektionen aufzubrechen
versuchte und zum andern in dem bewußten Aufgreifen der Konfrontation
mit der Zeitgeschichte, mit der schrecklichen Vergangenheit des
deutsch-polnischen Verhältnisses, der »Begegnung mit Auschwitz«. Das
Eine war ohne das Andere nicht denkbar, und beide Motive waren primär
moralisch begründet und in hohem Maße emotional getragen.
Die große Ernüchterung in der heutigen Begegnung mit
Polen zeigt, dass die alten Konzepte und Motive nicht mehr tragen. Das,
was üblicherweise als Normalisierung des deutsch-polnischen
Verhältnisses verstanden wird – vielleicht sogar als Ergebnis des
aktiven Polen‑Engagements der achtziger Jahre – äußert sich nicht nur
als abnehmendes und im günstigsten Falle verlagerndes Interesse,
sondern konkret in dem im heutigen Deutschland dominierenden
Desinteresse an Polen, wenn es nicht gerade um ökonomische Interessen
geht, aber auch im beängstigenden Wiederaufleben abwertender und
aggressiver Nationalstereotypen. Diese sind nicht mehr wie bei der
Kriegs- und Fluchtgeneration geprägt vom persönlichen Erleben im
Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg, sondern formieren sich heute
um die Vorstellungen von polnischer Kriminalität,
Autoschieberbanden, mafiöser Gewalt und Schwarzarbeit. Diese
negativen Prägungen werden verstärkt durch die ausgrenzende und
rigide Ausländerpolitik und das Betonen der Thematik der »Inneren
Sicherheit« durch die Bundes- und insbesondere einige
Landesregierungen. Es ist ein Klima tendenzieller Abwehr, von
Xenophobie und der nationalen Negativ‑Stereotypen entstanden, dem die
Politik wenig entgegengesetzt und in bestimmten Bereichen dieses
instrumentalisiert.
Schul-Partnerschaften, die allein durch die
Versöhnungs- und Begegnungsthematik motiviert waren,[2]
können auch deshalb heute nicht mehr erfolgversprechend eingeschätzt
werden, weil sich in Polen selbst die Bedingungen grundlegend
gewandelt haben. Auch hier sind nach der politischen Wende, nach
Liberalisierung und Öffnung internationale Kontakte und Reisen nach
Deutschland nichts Besonderes mehr. Sie haben auch nur noch in der
älteren Generation etwas mit der zeitgeschichtlichen Vergangenheit
zu tun.
Die Alltäglichkeit der Begegnung läßt
utilitaristische und jugendtypische hedonistische Motive –
Sprachen lernen, Beziehungen knüpfen, Spaß haben – in den
Vordergrund treten. Es handelt sich dabei zweifellos um im Umfeld
von Schuld als positiv eingeschätzte Werte und Lernziele. Und das auf
beiden Seiten: die Universalisierung der Lebensstile gerade in der
jüngeren Generation ist im deutsch-polnischen Vergleich evident.
So stellt sich die Frage, mit welchen didaktischen
Konzeptionen wir heute Schul-Partnerschaften und
Schüler/innen‑Austauschprogramme – von deren pädagogischen und
politischen Bedeutung wir weiterhin fest überzeugt sind – motivieren,
vorbereiten, durchführen und in einen größeren schulischen
Zusammenhang einbinden können.
Im Vordergrund der didaktischen Überlegungen muß ein
klares Verständnis für die dynamischen Veränderungsprozesse in
Europa stehen. Der allgemeine politische Wandel vom West-Ost-Konflikt
zur Auflösung von WPO und RWG und zum Beitritts‑Prozess Polens zu NATO
und EU steht neben dem damit interdependent verbundenen
gesellschaftlichen und ökonomischen Wandel sowohl in den sogenannten
»Transformationsländern« wie auch im »Westen«. Erst vor diesem
Hintergrund kann erneut die Frage nach der Motivation und der
didaktischen Neubestimmung der schulischen Begegnung mit Polen
gestellt werden. Vor allem vordergründig moralisierende Konzeptionen
dürften heute eher das Gegenteil von dem bewirken, was sie intendieren.
Das ist ein besonderes Problem für die engagierte kirchliche
Polenarbeit, die sich aus einer christlich-moralischen Motivation
heraus begründet.
Es scheint daher sinnvoll zu sein, zunächst einmal
eine gewisse Bestandsaufnahme zu versuchen, einen Rückblick auf die
Entwicklung des Schüleraustauschs zu geben, indem auf die sehr
unterschiedlichen Konkretisierungen Wert gelegt wird, um zu
didaktischen Konzeptionen vorstoßen zu können.
2.2 Schüleraustausch‑Aktivitäten im
Rückblick
Schüleraustausch‑Aktivitäten werden in der Regel
getragen, zumindest aber vor- und nachbereitet, von Kolleginnen und
Kollegen, die die Fächer des Aufgabenfeldes »B« vertreten, von
Fremdsprachler/innen weniger, da zwar in manchen Schulen das Fach
Russisch angeboten wird, Polnisch aber nur höchst selten. Auch
Deutschlehrer/innen tun sich oftmals sehr schwer: auf Hauptmanns
Spuren in Schlesien oder denen des Kaschuben Günter Grass in Danzig?
Welcher Physiker weiß schon, dass in Frauenburg/Fromburg
ein berühmtes Pendel hängt oder dass man in Thorn/Toru
ein interessantes Kopernikus-Museum besichtigen kann? Der Kollege, die
Kollegin, die z.B. Biologie und Sport vertreten und eine Gruppe
begleiten wollen, die an einem See bei Posen/Pozna
das Wasser untersuchen und auch noch segeln möchten, fragt dann schon,
ob man nicht am Vorbereitungsnachmittag etwas über Polen erzählen
könne. Das wäre sozusagen der Normalfall. Man sucht nach Beispielen
aus der Geschichte und der Politik, findet aktuelle gesellschaftliche
Probleme über die man sprechen kann, wie z.B. der bevorstehende
Beitritt zur NATO und die sicherlich nach der Jahrtausendwende
erfolgende Integration in die EU. In den achtziger Jahren waren es
Themen wie die »wirtschaftlich prekäre Situation« oder auch »wie man
helfen könne«.
Die historische Themenfülle ist schier
unerschöpflich. Sie reicht vom letzten ‘friedlichen’ Staatsbesuch
eines deutschen Staatsoberhauptes,
Otto III., – vor dem des
Bundespräsidenten Richard v.
Weizsäcker – über die immer noch herumgeisternde Frage, ob
Kopernikus nicht vielleicht doch ein Deutscher gewesen sei und Veit
Stoß nicht doch ein Pole, bis zum obligatorischen Thema, dem »Zweiten
Weltkrieg« und »Auschwitz«. Einstiegsfragen oder Motivationen
herbeiführende und Spannungen erzeugende Fragen und Hypothesen sind im
Lehrerdasein grundsätzlich legitimiert.
Nachdem drei wesentliche Phasen deutsch-polnischer
Jugendbegegnungen und -arbeit erkennbar und abgeschlossen sind, sollte
nun über eine neue Legitimation nachgedacht werden. Dies ist um so mehr
nötig, als wir uns im Übergang zur (abschließenden) europäischen
Integrationsphase befinden.
Die erste Phase war die der »Versöhnung« und
»Normalisierung« dienende der sechziger und siebziger Jahre.
Völkerrechtlicher Höhepunkt waren der Abschluß des »Warschauer
Vertrages vom 7. Dezember 1970« zwischen der BRD und der VRP – Kürzel,
die inzwischen historisch geworden und ad acta gelegt sind.[3]
Ich denke aber, dass das Thema »Ostpolitik« auch im Politik- oder
Geschichtsunterricht seinen Stellenwert behalten wird.
Die »Ereignisse« und das »Abkommen von Danzig« im
Jahre 1980 stellen den Übergang zur zweiten Phase dar, einem schon auf
nichtstaatlicher Ebene beginnenden »ungesteuerten« Prozess der
Normalisierung. Der Machtverfall kommunistischer Apparate und
Parteien, die besonders bedrückende Situation des
»Kriegszustandes«, dann der Auflösungsprozess der PVAP, der »Runde
Tisch« und die Wahl des ersten nichtkommunistischen
Ministerpräsidenten Tadeusz
Mazowiecki sind die Eckdaten. Die erste Karte des
‚Kartenhauses‘ WPO/RGW war fast ohne Geräusche gefallen. Die
Geräusche beim Fall der Mauer in Berlin – der Bundeskanzler
unterbrach bekanntlich seine Polenreise – wurden nur noch verursacht
durch hupende Trabbis, knallende Sektkorken und die ersten
Mauerspechte.
In dieser zweiten Phase bis 1989 haben sich sehr
fruchtbare und bewegende Kontakte ergeben. Aufgrund ihrer vielfältigen
Interdependenzen und hohen Spannungsbeziehungen war sie für unsere
Arbeit sehr fruchtbar, so deprimierend sie andererseits nach dem 13.
Dezember 1981 eine lange Zeit war.
Die dritte Phase wurde in ihrem politisch-rechtlichen
Rahmen gesetzt durch die deutsche Vereinigung, das damit verbundene
deutsch-polnische Vertragswerk, zu dessen wesentlicher Folge die
Bildung des Deutsch-Polnischen Jugendwerkes[4]
gehörte. Ein besonderes Thema war die sehr differenziert zu
betrachtende fein abgestufte und wiederum hoch komplexe Rolle der
katholischen Kirche in Polen.[5]
Der weltpolitische Struktur- und Konfliktwandel, der
auf der Reflexionsebene auch als »Paradigmenwechsel« verstanden
werden kann, hatte vielfältige Veränderungen auf der Ebene von Jugend
und Schule zur Folge. Die Motivationen von Schülerinnen und Schülern
und Lehrerinnen und Lehrern wandelten sich in Polen wie in
Deutschland. Der Neugiereffekt verblasste, der Reiz des Exotischen,
des Besonderen, war für die westdeutschen Schülerinnen und Schülern
dahin. Normalität stellte sich zunehmend ein. Ostdeutscherseits gab es
eine starke Abkehr vom Osten und Hinwendung zum Westen, nachdem die
alten staatlich-rituellen Beziehungen zwischen der DDR und der VRP
erloschen waren.
Erfreulicherweise ergaben sich vielfältige neue
Kontakte, insbesondere z.B. im Bereich der Sekundarstufe I wie auch dem
Berufsschul-Sektor. Sie waren z.T. das Ergebnis veränderter
Motivationslagen und damit Ausdruck von veränderten Verhaltensweisen
Jugendlicher. Es kann nicht die These vertreten werden, dass
Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe II generell ‚weniger
Interesse oder Lust‘ haben, nach Polen zu fahren. Die Verlagerung
bedeutet für den Sek.-I-Bereich eher traditionelle Begegnungs-Fahrten.
Im gymnasialen bzw. Sek.-II-Bereich finden zunehmend an der
gemeinsamen Durchführung von an Projekten oder an der Erarbeitung und
Vertiefung von Unterrichtsinhalten orientierten Studienfahrten
statt. Beispiele liegen aus den Bereichen Ökologie[6]
und Geographie vor, es gibt den Austausch von Theater- oder
Musikgruppen (Chor und Schulband), der gemeinsame Segel-Kurs in
Masuren oder der Surf-Kurs an einem norddeutschen See. Als sehr
fruchtbar hat sich die internationale Begegnungsstätte Auschwitz/Oswicim
und seit einiger Zeit Kreisau/Krzyszowa erwiesen.[7]
Ein sehr schönes Beispiel ist das der Goetheschule in Hannover.
Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 7 und 8 haben zusammen mit
dem Schulorchester die Kinderoper Brundibar aufgeführt. Eine Aufführung
in der Partner-Pchule in Marienburg/Malbork ist geplant. Die
Schul‑Partnerschaft schließt das gesamte Kollegium ein. So wurde z.B.
eine fünftägige Fahrt nach Marienburg zum Besuch der dortigen
Partner-Schule als eine sog. SCHILF[8]
durchgeführt. Die Kontaktbesuche, mit dem Ziel, über didaktische und
methodische Ansätze Gespräche zu führen und Erfahrungen
auszutauschen, haben in den meisten Schulen als Folge und Ergänzung
der Schüler/innen‑Austausch‑Programme stattgefunden.[9]
Die Erfahrungen vieler Schulen sind dokumentiert worden, leider
selten in einer öffentlich publizierten Form.[10]
2.3 Zur didaktischen Konzeption
In einem projektorientierten Ansatz kann eine
didaktische Konzeption allgemeiner Schulpädagogik, die sich auf den
Schüler/innen‑Austausch bezieht, sich am konzeptiven Ansatz der
Politischen Bildung orientieren. Als Basis bietet sich der inzwischen
traditionelle Ansatz Gieseckes an.[11]
Fragen betreffend den Bezug zum Kommunikations-System
wie auch zu kommunikationstheoretischen Ansätzen sind bezüglich
ihrer methodisch-didaktischen Übertragung auf die Schule bisher
unzureichend rezipiert worden. Zur Frage einer Anwendung im allgemeinen
Bereich Politischer Bildung gibt es erst einen beginnenden Diskurs.
Zur Legitimierung der gegenwärtig beginnenden vierten Phase nach dem
politisch und juristisch weitgehend bewältigten
Transformations-Prozess[12]
in den »Beitritts-Ländern« ist über die Kategorien der Politischen
Bildung im allgemeinen, aufbauend auf der Politik‑ und Geschichts‑Didaktik,
verbunden mit Handlungsorientierung, erfassbar. Die
sozialpsychologische Ebene soll ausgeblendet werden.
Auf unseren Kontext lassen sich in Anlehnung an
Giesecke folgende Thesen
bzw. Fragen formulieren:
1. Welche Problemfelder
zwischen jungen Deutschen und Polen liegen vor?
2. Welche gemeinsamen
oder unterschiedlichen Ursachen und Bedingungen für Konflikte liegen
vor?
3. Welche Tabubereiche
gibt es?
4. Inwieweit liegen
identische oder verschiedene Interessen vor?
5. Welche
Handlungs-Strategien bieten sich an?
6. Welche Folgen können
aus ihrer Umsetzung resultieren?
7. Inwieweit kann
Orientierungs-Wissen gemeinsam erarbeitet werden?
8. Welche rechtlichen
oder anderen Rahmen-Bedingungen liegen vor?
Es ist davon auszugehen, dass die Frage nach den
Handlungs- und Orientierungszusammenhängen die Leitschnur für den
gemeinsamen Bildungs- und Erziehungsauftrag darstellen werden und
müssen.
Diese Fragen müssen Lehrerinnen und Lehrer jeweils
entsprechend dem Selbstverständnis ihres Auftrages, ihres Faches und
ggf. ihrer gesellschaftspolitischen – einschließlich der religiösen –
Zuordnung und Bindung diskutieren. Eine Entscheidung kann nicht im
Konsens erfolgen. Sie muss im Diskurs zu einem anzustrebenden Konsens
erfolgen und von gegenseitigem Respekt getragen werden. Das Ziel soll
sehr einfach und traditionell formuliert werden: der mündige in einem
demokratisch verfassten System handelnde junge Mensch.
Ein grundsätzlicher, vor allem politikdidaktischer
Dissenz, der deutlich in die Didaktik der sogenannten »Wertfächer«
hinweist, kann hier nicht hinreichend diskutiert, sollte aber als
Problem angesprochen werden. Auf der einen Seite steht die Vorstellung
von z.B. Sutor und Gagel, dass dieser »mündige, demokratischen Werten
verpflichtete« junge Mensch durch einen inhaltlich beschreibbaren
»Wertekanon« bzw. »Wertekonsens« bestimmt und erzogen werden kann; auf
der anderen Seite stehen die eher methodisch oder diskursiv
argumentierenden Autoren wie Hilligen, Claußen oder Voigt, die sich
einer inhaltlichen Wertdefinition weitgehend verweigern und statt
dessen Befähigungen und methodische Fähigkeiten, aber auch die
diskursive Einbindung in das »Projekt der Aufklärung« in den
Mittelpunkt ihrer didaktischen Konzeptionen stellen.[13]
Die gesamte Diskrepanz ist auch Ausdruck eines
Generationen-Konfliktes in der Didaktik der
gesellschaftswissenschaftlich relevanten Fächer, die der
Politischen Bildung dienen. Dies hängt in besonderem Maße mit der
Legitimation der Politischen Bildung in der Nachkriegszeit ab, eines
durch die Amerikaner vorgegebenen primär moralisch abgeleiteten
Ansatzes und Anspruchs, sowie der dann in den späten fünfziger Jahren
efolgenden Konstruktion des mit einem übergreifenden Anspruch
verbundenen Faches Gemeinschaftskunde / Sozialkunde. Der Kern
der »Wertsetzung«, die sich z.B. in der »Westorientierung«
ausdrückte, wurde in der Wissenschaft und Hochschuldidaktik in den
späten 60-er Jahren »kritisch hinterfragt«. und in der Folgezeit,
oftmals im Kontext mit der »Kritischen Theorie« massiv in Frage
gestellt. Zweifellos sind die skizzierten Ansätze und Diskurse
wiederum Ausdruck wie Gegenstand gesellschaftspolitischer
Auseinandersetzungen und Spannungsbeziehungen der 70-er und 80-er
Jahre in Westdeutschland. Diese selbst sind aber in der
Vergangenheit in der Schulpraxis weniger wahrgenommen worden und in
den Kollegien praktisch nicht thematisiert oder gar diskutiert
worden.[14]
Der Gesamtzusammenhang ist insgesamt nur über einen
prozessualer Ansatz »selbstreferentiell« zu betrachten.
Eingeschlossen sind daher Wahrnehmungsschwierigkeiten mit »sich selbst«
sowie mit den jeweils erst im Nachhinein spürbaren Veränderungen. Das
bedeutet, dass sich ‚nur im schulischen Alltagstrott‘ verstrickte
Kolleginnen und Kollegen auch nur wenig der Problematik bewußt sind und
sich ihr andererseits aber kaum entziehen können.[15]
Sicher sind gerade auch in der internationalen
Thematik solide kognitive Grundlagen im Bereich des
Orientierungswissens notwendig. Es ist zweifellos notwendig, sich
über die schülerseitige Rezeptionsbedingungen für dieses Wissen
pädagogische Gedanken zu machen. Dabei wird gerade unter dem
Gesichtspunkt des Motivationswandels in der Jugendkultur sichtbar,
dass herkömmliche repetitive und »lernorientierte«
Vermittlungsstrategien an Bedeutung und Wirkungseffizienz verloren
haben. Es ist sinnvoll, fachorientierte und projektorientierte
Unterrichtsmethodiken zu überprüfen, wie sie in Reformkonzepten vor
allem wieder seit den 70-er Jahren entwickelt worden sind. Interessant
sind dabei auch die Überlappungen zu religionspädagogischen Ansätzen,
über die an anderer Stelle noch Überlegungen anzustellen sind, da sie
gerade in den Beziehungen zu Polen eine besondere Rolle spielen.
3. Zur
Problematik seitens der Unterrichtsfächer
3.1 Didaktischen Prämissen auf deutscher
Seite
Ein praktisches Problem grundsätzlicher Natur ergibt
sich aus der Organisation schulischen Lernens in Unterrichtsfächern.
Ein eigentlich sinnvoller projektorientiert-interdisziplinärer Ansatz,
Schul-Partnerschaften zu organisieren, vorzubereiten und auszuwerten,
stößt an die durch Stundenplan und Fachcurricula vorgegebenen
Beschränkungen und Grenzen.
Dass dennoch fachunabhängige Versuche erfolgreich
unternommen wurden, zeigt unser Rückblick auf die konkreten
Schul-Partnerschaften. Oft dient das Modell eines
Arbeitsgemeinschafts-Angebots für die konkret an einem
Besuchs-Programm beteiligten Schülerinnen und Schüler als
fächerunabhängiger organisatorischer Ausweg, der dennoch durch
die Fachbezüge der beteiligten Kolleginnen und Kollegen seine jeweils
besondere Färbung erhält.
Wenn wir die Beteiligung der einzelnen Fächer Revue
passieren lassen, zeigt sich, dass primär die Geschichte, Politik und
Geographie einer Vor- und Nachbereitung zur Verfügung stehen. Gerade
auf letzteres sollte besonderen Wert gelegt werden. An der
Bismarckschule Hannover wird der Austausch seit einigen Jahren vor
allem von zwei Kollegen betreut, die der im ökumenischen
Selbstverständnis arbeitenden Fachgruppe Religion angehören.
Es würde im gegebenen Zusammenhang zu weit führen, im
Einzelnen auszuführen – was eigentlich allen Fachkolleginnen und ‑kollegen
bekannt ist –, wie stark die Fächer des
gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeldes didaktisch und in
ihren wissenschaftlichen Bezügen heterogen und auch zerstritten sind,
so dass sicherlich konsistente und konsensfähige fachlichen Entwürfe
kaum entwickelt werden können. Grundsätzlich lassen sich hier
Bruchlinien zwischen eher affirmativen und kognitiv betonten
Fachkonzeptionen und kritisch-distanzierenden, eher
handlungsorientierten Ansätzen aufzeigen, wobei sicherlich
Übergangsformen denkbar und vorfindlich sind.
Ganz bewußt ist hier der pädagogische Begriff der
»Handlungsorientierung« in den Vordergrund gestellt worden, obwohl er
durchaus strittig und in seinen didaktischen Konsequenzen sicherlich
noch nicht hinreichend und konsensfähig entwickelt worden ist. Doch
er steht für einen pädagogischen Diskurs, von dem wir meinen, dass er
auch für die Entwicklung und Neubegründung von Schul-Partnerschaften
und Schüleraustausch-Konzeptionen fruchtbar gemacht werden kann. Uns
ist auch in den bisherigen Überlegungen klar geworden, dass einerseits
die moralisch-emotionale Motivation zur Begründung und Durchführung von
Schüler-Begegnungen nicht mehr tragfähig ist, und dass andererseits ein
rein kognitiv-lernorientiertes didaktische Vorgehen wenig Sinn in der
aufwendigen Durchführung von Studienfahrten, Projekten und
Schulpartnerschafts-Programmen sieht. Es scheint daher notwendig zu
sein, curriculare ‚Scheuklappen‘ abzulegen und ein dennoch
alltagstaugliches, pragmatisches – das heißt damit auch: die
Potentiale der vorhandenen Fächer optimal ausschöpfendes –
didaktisches Konzept zu finden, das vielleicht mit diesem allgemeinen
pädagogischen Prinzip der »Handlungsorientierung« gefunden werden
könnte.
Die entscheidende Frage ist, inwieweit
Handlungsorientierung über traditionelle Fachunterrichtsformen
hinausgehen können: Es kann sich also nicht nur darum handeln, einen
Unterricht‚ im Spagat‘ beider Schulen ggf. an einem dritten
Austragungsort, z.B. in der Tatra oder an der Ostsee[16]
stattfinden zu lassen. Was kann aber »Handlungorientierung« in unserem
Falle unter schulischen Bedingungen konkret bedeuten?
In den Fächern des Aufgabenfeldes »B« oder auch in
Deutsch bedeutet das einmal, die Möglichkeiten des selbständigen
Umgangs und Kontaktes mit »gesellschaftlichen Handlungsträgern« und
auch mit Medien und Kommunikationsmitteln systematisch und kritisch zu
üben und anzuwenden, um z.B. mit den Mitteln des Interviews, der
Medienanalyse oder – z.B. in Polen selbst – der bewußten und
methodisch vorbereiteten »teilnehmenden Beobachtung« wesentlichen
inhaltlichen Aufschluß über die Situation in Polen und des
deutsch-polnischen Verhältnisses, über die Lebensbedingungen der
Gastgeber wie der Unterrichtssituation in der PartnerSchule zu
erlangen.[17]
Weiterführende Aktivitäten, wie z.B. selbst in die
Öffentlichkeit zu treten, sind gut denkbar, müssen aber aus der
konkreten Situation heraus entwickelt und pädagogisch verantwortet sein.
Das von vielen Tageszeitungen angebotene Projekt »Zeitung in der
Schule« (»ZiSch«) kann dabei eine wertvolle Hilfe sein und
weiterführende Anregungen bieten. So wurde vor einiger Zeit in der
Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ)[18]
eine sehr anregende Berichtseite über eine Polenreise von Schülerinnen
und Schülern der IGS Langenhagen gestaltet, die selbst auch als
Unterrichtsmaterial zur Vorbereitung einer solchen Reise geeignet
ist. Aber auch Zeitungen wie die »FAZ«, die »FR« oder die »SZ«
beteiligen sich am »ZiSch«-Projekt. Eine Nachfrage kann sich lohnen!
Berichtet werden kann hier auch von einem
zurückliegenden Schülerprojekt, das beispielhaft für eine
handlungsorientierte »Öffnung der Schule« stehen kann. An der
Bismarckschule Hannover haben Ende der siebziger Jahre Schüler[19]
der Oberstufe ein Projekt durchgeführt, das in gewissem Sinne auch ein
‚Startschuß‘ für die später folgenden Polenaktivitäten der Schule
gewesen ist. In Zusammenarbeit mit einem Freizeitheim der
Landeshauptstadt Hannover (dem Freizeitheim Linden) haben die in
einer Arbeitsgemeinschaft organisierten Schüler eine »Polnische Woche«
gestaltet. Neben einer umfangreichen, selbst zusammengestellten
dokumentarisch-zeitgeschichtlichen Ausstellung im Foyer des
Freizeitheimes wurde eine Woche lang jeden Abend eine öffentliche
Veranstaltung angeboten, vom geschichtlich-länderkundlichen Vortrag
über thematische Filmabende mit polnischen Dokumentar- und
Spielfilmen aus der niedersächsischen Medienzentrale über
Lichtbilder-Reiseberichte bis zur abschließenden, von den Schülern
moderierten Podiumsdiskussion mit Politikern und Fachleuten. Auf
diese Weise wurde das ganze Spektrum der damaligen deutsch-polnischen
Problematik erfaßt. Die »Polnische Woche« fand dann auch große Resonanz
bei den Besuchern und den lokalen Medien und war, trotz der ebenfalls
erfahrenen heftigen Anfeindung durch organisierte
»Vertriebenen-Funktionäre« für die beteiligten Schüler ein Höhepunkt
ihrer Schulzeit gewesen. Eine solche Veranstaltung würde sich heute in
der Nachbereitung eines Schulpartnerschafts-Programmes anbieten.
Dass das Fach Geschichte für das Thema »Polen« eine
ausschlaggebende Rolle spielt, dürfte offensichtlich sein. Gerade auch
das betonte, für die eigene Nationalidentität wichtige und affektiv vor
allem bei der älteren Generation hoch besetzte Geschichtsbewußtsein in
Polen reizt, einem kritischen eigenen historischen Zugang. Zwei
Probleme ergeben sich beim historischen Arbeiten zum Thema »Polen« auch
in der Vorbereitung einer Polenreise unmittelbar. Einmal ist dies die
fachliche Situation des Geschichtsunterrichts in Deutschland, der mehr
noch als das Fach Politik sich in engen curricularen Systematiken
eingebunden versteht und wenig offen ist für neue kritische, z.B. an
den historischen Sozialwissenschaften orientierten Zugängen und
Themenbestimmungen, die dann auch eine größere methodische und
didaktische Offenheit nach sich ziehen würden. Im Bereich der
Wissenschaft jedoch sind Umbrüche und Neuorientierungen nicht mehr die
Ausnahme. Vor allem die historische Soziologie, die
Zivilisationsforschung und die sich derzeit sehr schnell entwickelnden
Kulturwissenschaften regen zu fachlichen Grenzüberschreitungen und
Neuorientierungen an.[20]
Auf der anderen Seite gibt auch das »polnische
Geschichtsbewußtsein« Probleme auf.[21]
Gerade weil in Polen das Überleben als Volk und Nation, d.h. der »Polonitas«,
so eng mit dem dieser historischen Voraussetzung zugrunde liegenden
nationalen »Geschichtsbewußtsein« verbunden ist und als Ausdruck einer
nationalen Kontinuität, die Teilungen und Okkupationen überdauert,
kann inhaltlich an dieses Geschichtsbewußtsein nicht das Kriterium der
historischen Objektivität angelegt werden. Polnische Geschichte ist zu
einem großen Teil Geschichtsmythos und funktionalisierte
Wunschvorstellung.[22]
Dies zu erkennen, in seiner Bedeutung richtig zu würdigen und dabei
nicht selbst in abwertende Beurteilungsmuster zu verfallen, ist eine
für den traditionellen Geschichtsunterricht beinahe unlösbare Aufgabe
und verlangt um so mehr nach einer gesellschaftswissenschaftlichen
Fundierung, die nicht aus den polnischen Quellen selbst zu ziehen
ist.[23]
In gewisser Weise offenbaren sich damit auch
unterschiedliche fachliche Selbstverständnisse zwischen den Fächern
des gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeldes. Die von den Fächern
Politik und Geschichte ausgehenden Betrachtungsweisen divergieren
oftmals noch in beträchtlichem Maße, wenngleich es heute in der
Geschichtswissenschaft und -didaktik – damit auch in der Lehrer
/innen‑Ausbildung – selbstverständlich sein sollte,
sozialwissenschaftliche Methoden anzuwenden, vor allem seit die
sogenannte »Münchener Schule« der »Geschichte als historischer
Sozialwissenschaft« breiter rezipiert worden ist. Andererseits ist
m.E. ein noch oft vorfindlicher ahistorischer, systemkundlicher oder
aktualistisch-kurzschrittiger Ansatz in der Didaktik der
Sozialwissenschaften inadäquat.
Für Reisevorbereitungen sind Geographen immer wieder
gefragt, gilt doch länderkundliches Orientierungswissen als
notwendige Voraussetzung für das Verständnis des Lebens in einem fremden
Land. Doch ist die Didaktik der Geographie noch nicht besonders gut
darauf vorbereitet, diese Aufgabe kritisch und das eigene Denken und
Urteilen der Schülerinnen und Schüler fördernd zu übernehmen; zu sehr
ist gerade die Schulgeographie noch alten didaktischen Paradigmen
verhaftet.[24]
In jedem Falle können geographische Themenzugänge durch ihre materielle
Konkretheit und eine gewisse »untheoretische« Nüchternheit dazu
beitragen, Polen als sachliches und interessantes Thema zu begreifen
und daraus sehr konkrete Lern- und Arbeitsaufträge zu entwickeln, die
den Bezug zu handlungsorientierten didaktischen Konzeptionen
erleichtern. In der wissenschaftlichen Didaktik des Faches gibt es
mehrere innovative Ansätze, deren Verankerung in der Schulgeographie
vorliegt.[25]
Etwas schwierig ist es für die Unterrichtspraxis, dass
handlungsorientierte geographische Unterrichtsmodelle sich vor allem
auf den Nahraum orientieren, in dem Schülerinnen und Schüler im Gelände
arbeiten können. Im Rahmen eines Schulpartnerschafts-Programmes kommen
aus der Sicht der Geographie vor allem drei praxisorientierte
unterrichtliche Konzeptionen in Frage:
1. Einbindung in eine
allgemeinere geographische Thematik – orientiert an den verbindlichen
Schlüsselproblemen –, u.U. interdisziplinär verbunden mit anderen
Fächern wie der Biologie im Baltic Sea Project, wobei
projektorganisierte Vorbereitungsarbeit am Schulort und die zentrale
Empirik (Messung, Kartierung, lokale Quellenarbeit) während des
Aufenthalts in Polen geleistet wird.
2. Organisation eines
geographisch-empirischen Vergleichs von räumlichen Strukturproblemen und
‑entwicklungen, bei denen die empirische Arbeit zwischen den
Partner-Schulen geteilt und die Auswertung und der eigentliche
Vergleich bei einem Besuch oder einem wechselseitigen Besuchsturnus
gemeinsam erfolgt. Hier wären vor allem Themen wie Modernisierung und
Marktorientierung der Landwirtschaft, Stadtsanierung,
Verkehrsprobleme etc. denkbar. Um einer fachlichen Einseitigkeit
vorzubeugen, sind hier sicherlich ganz bewußt interdisziplinäre,
gesellschaftswissenschaftliche oder historische Fachphasen mit
einzubauen.
3. Arbeit unter
Einbeziehung der »Neuen Medien« mit der Chance, deutsch-polnische
Beziehungen in größere internationale Kontexte zu thematisieren. Sehr
schnell werden hier aber engere geographische Fachbezüge zu
überschreiten sein, wenn man hier zwangsläufig auf Probleme der
Globalisierung und der Universalisierung auch der Lebensformen in
den behandelten Ländern stößt.
In jedem Falle wird hier eine sorgfältige
Projektplanung, die entsprechende didaktisch-methodische Kompetenzen
der beteiligten Lehrerinnen und Lehrer voraussetzt, notwendig sein.
Leider ist der didaktische Diskurs über die Projektarbeit gerade durch
die modisch gewordenen unverbindlichen Projektwochen in den Schulen
weitgehend eingeschlafen, obwohl auch auf kultusministerieller Ebene
Ende der 70-er Jahre hier interessante und pädagogisch anspruchsvolle
Konzepte auch für die Sekundarstufe II – in der sich diese Arbeitsform,
die von vielen Gymnasiallehrern manchmal als “pädagogische Mätzchen”
abqualifiziert wird, noch am wenigsten durchgesetzt hat – entwickelt und
publiziert worden sind.[26]
Das Thema »Polen« ist bei Geographen recht beliebt,
da gerade wirtschafts- und sozialgeographische Grundtatsachen am
Beispiel Polens gut entwickelt werden können (Stadt‑Rekonstruktion
nach dem Zweiten Weltkrieg; GOP; Ostseehäfen).[27]
Da das Thema in allen Geographie-Rahmenrichtlinien verbindlich
vorgeschrieben ist, findet sich eine Fülle von Unterrichtseinheiten,
die jedoch durch ihre starke fachliche Einengung selten zur
Vorbereitung von SchüleraustauschFahrten geeignet sind. Eine positive
Ausnahme macht das Themenheft Polen der Zeitschrift Praxis Geographie,
4/1992, in dem auch Vorschläge für Schülerreisen zu finden sind.[28]
Einen wesentlichen Anteil an der Neuorientierung der
deutschen Politik gegenüber Polen nach dem Zweiten Weltkrieg hatten
die Kirchen. Polen selbst hat eine ganz besondere, ambivalente
Beziehung zum Glauben und zur katholischen Kirche, die sich immer auch
als eine politische Kirche verstand. Dies sind sicherlich auch
Voraussetzungen für eine Würdigung der neueren
religionspädagogischen Ansätze, die für die Entwicklung von
Schülerbegegnungs‑Programmen mit Polen eine wichtige Rolle spielen.
Auch hier ergeben sich wieder die Probleme der
Funktionalisierung der Inhalte einer Politischen Kultur, die schon im
Zusammenhang mit dem Fach Geschichte und dem polnischen
Geschichtsbewußtsein angesprochen worden sind. Doch darf hier nicht
übersehen werden, dass noch eine zweite moralisch-politische Tradition
der Begegnung mit der Zeitgeschichte im deutsch-polnischen Verhältnis
wirkungsvoll war und wesentlich zur internationalen Entspannung
beigetragen hat, nämlich die aus der antifaschistischen Tradition des
politischen Widerstands herrührende Begegnung, die ihren Ausdruck
z.B. in der »Aktion Sühnezeichen« findet. Dies ist auch ein wichtiges
Thema für die Wertfächer außerhalb des Religionsunterrichtes, die
ebenfalls in die schuldidaktischen Überlegungen einbezogen werden
müssen, vor allem, da sie sich derzeit in der Bundesrepublik
Deutschland im Umbruch befinden und eine Neubestimmung ihres
Selbstverständnisses durchmachen.
Ebenfalls im Religionsunterricht wie auch in den
sonstigen Wertfächern ist ausdrücklich die Problematik des christlichen
Selbstverständnisses angesichts des »Holocausts« zu thematisieren, wobei
es bekanntlich ja in Polen – vor allem in Bezug auf die Nutzung der
Begegnungsstätte Auschwitz/Oswicim
– christlich-jüdische Rivalitäten gegeben hat und gibt. Das Problem des
Antisemitismus ist daher über den zeitgeschichtlichen Anlaß hinaus
allgemeiner zu thematisieren und als gesellschaftliches und politisches
Problem zu verstehen. Ein solcher Problemhorizont ist an den Schulen
noch selten zu finden, in Polen eigentlich noch überhaupt nicht, was mit
den zeitgeschichtlichen Bedingungen der gesellschaftlichen
Entwicklung in diesem Land zu tun hat.
3.2 Zum pädagogische Diskurs mit polnischen
Kolleginnen und Kollegen
Mehrfach sind wir schon auf die Tatsache gestoßen,
dass die von der (west-)deutschen abweichende gesellschaftliche und
zeitgeschichtliche Entwicklung in Polen auch zu anderen Situationen in
den polnischen Schulen und zu anderen Fachselbstverständnissen geführt
hat.
Gerade am Beispiel des Religionsunterrichts werden
die unterschiedlichen Erfahrungen, Auffassungen und Konzeptionen
besonders deutlich. Es ist die Aufgabe einer sorgfältigen Vorbereitung
der Polenkontakte und Polenreisen, dass unterschiedliche Traditionen
und Auffassungen nicht zu gegenseitiger Sprachlosigkeit und zu
Mißverständnissen führen. Aus Berichten über die verdienstvolle Arbeit
im GESW Vlotho ist bekannt, dass die Zusammenarbeit mit von polnischen
Theologen begleiteten Gruppen ambivalent war. Man arbeitete offenbar
auf einer stärker moralischen und emotionalen Ebene. Die offene,
kritische und oftmals distanzierte Haltung unserer Schülerinnen und
Schüler war für diese Kollegen nur schwer nachvollziehbar. Der
Vorschlag eines begleitenden Theologen, “man möge doch gemeinsam das
Evangelium lesen und deuten” ist als Überzeugung nachvollziehbar,
andererseits aber inadäquat.[29]
Nun könnte man natürlich fragen, inwieweit methodisch
unterschiedliche Ansätze oder Divergenzen im Selbstverständnis bei
der Betreuung von Schüler/innen‑Gruppen relevant sind, zumal ein
›guter Lehrer‹ sachadäquat verschiedene Methoden abdecken müsste.
In der Zusammenarbeit mit polnischen Fachkollegen und
Fachkolleginnen zeigen sich die skizzierten Ansätze, nur dass in der
traditionellen Geschichts- und Geographielehrer/innen-Ausbildung die
traditionellen Methoden dominierten. Politik fand zudem (früher) als
affirmativer Staatsbürgerkunde-Unterricht statt. Während in der
Lehrer/innen-Ausbildung neuere westdeutsche Methoden seit länger Zeit
Eingang gefunden haben, gibt es andererseits faktisch noch keine
Didaktik der Politischen Bildung in Polen, sie ist erst noch im Aufbau.
Im Diskurs mit polnischen Kolleginnen und Kollegen
mangelt es zudem an der (eigenen) Sprachkompetenz. Die polnischen
Lehrer/innen haben zumeist ihre Fakultas in einem Fach erworben, so
dass die Deutschlehrer/innen kaum etwas von der Didaktik unseres
Aufgabenfeldes »B« verstehen und die polnischen Kolleginnen und
Kollegen mit der Fakultas Geschichte oder Geographie in der Regel eine
(westliche) Fremdsprache nur unzureichend beherrschen.
Die Beiträge der polnischen Kolleginnen und Kollegen
waren in der Regel nationshistorisch orientiert und deutlich
symbolbesetzt. Die Problematik hängt u.a. damit zusammen, dass man
aufgrund der Friktionen in der jüngsten polnischen Geschichte jeweils
im Neubeginn nicht an da »Alte« anknüpfen konnte und deshalb an das
»Vor-Alte« anknüpft und versucht dieses zu reproduzieren. Zweifellos
ist letzteres dabei wieder Ausdruck für mehrfach interdependente
innergesellschaftliche Machtkämpfe. Die entsprechenden Wahrnehmungen
waren für unsere Schülerinnen und Schüler wichtig und auswertbar.
Die Unterschiede in den Voraussetzungen, im
Selbstverständnis etc. können sich im Rückblick als sehr fruchtbar
erweisen. Wir sollten gemeinsam entsprechende Ansätze und Beispiele
finden und diskutieren. Ein Ansatz könnte in der Handlungsorientierung
liegen.
4.
Nachbemerkungen
Ein wichtiges pädagogisches Prinzip ist im gegebenen
Zusammenhang stets zu beachten: Man muss das gegenseitige Gefühl haben,
›ernst genommen‹ zu werden. »Handlungsorientierung« – gemeinsames
Arbeiten – kann über den Aufbau von Gruppenkonsens und ‑identität zur
psychosozialen Stabilisierung beitragen und helfen, (noch)
bestehende Negativ-Stereotype abzubauen. Das ›Ernstnehmen‹ bedeutet
daher auch, ›ergebnis- und zielorientiert‹ zu arbeiten, die
Arbeitsprozesse aber prinzipiell offen und diskursorientiert zu
gestalten.
In der Vergangenheit hat es unterschiedliche
Erfahrungen mit ›Handlungen‹ gegeben. Folgende Beobachtungen von
Kolleginnen, die seit Jahren einen Schüleraustausche durchführt, seien
kurz skizziert:
A) Eine polnische
Kollegin berichtete ihr, dass Eltern eines Schülers ihre Zustimmung zu
einer Fahrt nach Deutschland nur unter der Voraussetzung erteilt
hätten, dass die begleitende Lehrerin garantierte, dass ihr Sohn
während des Aufenthalts nicht rauchte und die betreffende Lehrerin
gegebenenfalls strenge Maßnahmen ergriffe.
B) Andere Eltern der
polnischen Partner-Schule haben sich geweigert, die Teilnahme ihres
Sohnes zu erlauben, damit der Sohn in Deutschland nicht ‘verdorben’
werden solle.
C) Eine andere deutsche
Lehrerin stellte fest, dass die polnischen Schülerinnen und Schüler,
insbesondere die Jungen, viel höflicher seien, als die deutschen
Schüler.
Es ist im gegebenen Zusammenhang nicht notwendig,
über den Aufbau und die Reproduktion von Stereotypen zu sprechen. Jede
Kollegin und jeder Kollege weiß um diese Problematik und kann dieses in
der Vor- und Nachbereitungs-Phase thematisieren. Die Frage bleibt,
inwieweit ›spezifische Handlungen‹ zum Abbau einiger Stereotypen
beigetragen werden kann und und wie dieses zu intendieren sei.
Als Beispiel für diese Problematik erscheint ein
Aspekt besonders diskutierenswert: Sind polnische Schülerinnen und
Schüler höflicher, ›weil sie es sind‹? Sind deutsche Schülerinnen und
Schüler andererseits weniger höflich, weil sie vielleicht nicht so gut
erzogen worden sind? Beides ist gesellschaftshistorisch zu
hinterfragen. In diesem Kontext kann ein Exkurs zur heutigen
sozialgeschichtlichen Problematik der Soziogenese der »Höflichkeit«
erfolgen.
Der Schlüssel liegt in der
gesellschaftlich-geschichtlichen Herleitung der Entwicklung von
»Höflichkeit« sowie den soziostrukturellen Bedingungen zum Erlernen
und zur Reproduktion dieser Verhaltensweisen. Erklärungsmuster sind
durch die »Zivilisationstheorie« gegeben.[30]
»Höflichkeit« ist in diesem Kontext nicht als ›Eigenschaft‹,
sondern als ein zunächst an den Höfen des europäischen Hochadels, aus
gehend von Frankreich, erzwungenes Verhaltensmuster zu sehen, das u.a.
zur Durchsetzung und Stabilisierung von Macht (des ›Einherrschers‹,
des ›Monarchen‹) diente. Ehrerbietung ist wesenlich Ausdruck einer
Machtdistanz und Unterordnung. Das gesamte Verhalten, der Habitus,
ist ein Spiegel von Machtbalancen.
An der polnischen Gesellschaft lassen sich viele
Beispiele verdeutlichen. »Höflichkeit« kann dabei auch als
ritualisiertes Verhalten der Pazifizierung gedeutet werden. Dies gilt
exemplarisch für machtarme Segmente in peripheren und semiperipheren
Gesellschaften, in Nomaden- und Ackerbaukulturen, für den Landadel,
die ›gentry‹ bzw. die ›Szlachta‹.
Bestimmte Verhaltensrituale sind in Europa vom Adel
übernommen und vom aufsteigenden Bürgertums kopiert worden. Die
Verhaltensregeln haben dabei zugleich die Funktion einer Abgrenzung
von den unteren Schichten. Höflichkeitsrituale, einschließlich des
Handkusses gegenüber der ›Dame‹ – wobei ›Sinnhaftigkeit‹ und
›Ästhetik‹ keineswegs in Frage gestellt werden sollen – sind zumeist
nichtreflexives, ritualisiertes Verhalten, das in westeuropäischen
Gesellschaften, insbesondere denen, die Friktionen unterworfen waren,
in Prozessen der »Modernisierung« und »Universalisierung«
aufgrund anderer ‚modischer‘ Einflüsse abgebaut worden.
Auch über größere Zeiträume reproduziertes
Verhaltensweisen sind nicht Ableitung einer »anthropogenen Konstante«.
In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass die sog.
»Wertediskussion« in den achtziger Jahren in Westdeutschland
wesentlich einen funktionalen Charakter hatte und in der Regel nicht
die Diskussion von Inhalten zum Gegenstand hatte. Das Phänomen, das in
den Medien und in der politischen Auseinandersetzung als
»Werteverfall« postuliert und beklagt wird, drückt wesentlich einen als
bedrückend und diffus empfundenen Prozess von Verhaltensänderungen
aus, gegen dessen ›Verständnis‹ man sich verschließt und dessen
›Nachvollzug‹ man sich wehrt. Dieses im mainstream von
»Universalisierung« ablaufende Geschehen bedeutet zugleich Angst vor
Einflusslosigkeit, vor Machtverlust, innerhalb enger wie anonymer
Interdependenzen.
Norbert Elias hat mit Blick auf die mitteleuropäische
Geschichte die Interdependenz der Entwicklung der
›Staatsgesellschaft‹ in den entstehenden europäischen Nationalstaaten
mit der fundamentalen Habitusentwicklung vom ›mittelalterlichen
Menschen‹, der vom Leben in der Feudalgesellschaft bestimmt war, zur
›modernen Zivilisation‹ als komplexen und an Verschiebungen von
gesellschaftlichen Machtbalancen geknüpften Prozeß dargestellt und
historisch belegt. Die innere Differenzierung und Spannweite dieses
Prozesses konnte er durch den Vergleich der unterschiedlichen
Entwicklungen in Frankreich und Deutschland, den Vergleich der
französischen ›civilté‹ und der deutschen ›Kultur‹ darstellen.
Im Zentrum dieser Habitusentwicklung steht eine
grundlegende Verhaltensänderung und eine Änderung der
gesellschaftlichen und individuellen Realitätssichten und
Wertorientierungen, die zunächst gekennzeichnet sind durch die
zunehmende Zentralisierung und Orientierung auf den ›Hof‹ hin, die
›höfische Verhaltensstandards‹ verlangt. Dieser Prozess hat am
Vorabend der Französischen Revolution seinen Höhepunkt erreicht. Er
ist dann aber übergeleitet in einem lang andauernden
Internalisierungsprozeß und einer sozialhierarchischen Durchsetzung
von ›Zivilisationsstandards‹ und ›Habitusformen‹ ‘von oben
nach unten’, d.h. vom ›Hof‹ über das aufsteigende ›Bürgertum‹ hin
letztlich auch in die ›Arbeiterschaft‹ und die ›Arbeiterbewegung‹.[31]
Der skizzierte Ablauf kann auch verstanden werden im Sinne einer
machtbezogenen kulturellen ›Homogenisierung‹, die eng verknüpft ist
mit der Entstehung und Durchsetzung des Bildes der ›Nation‹, des
›Volkes‹ und der ›Ethnie‹.[32]
Elias erklärt damit ein wesentliches Element der
gesellschaftlichen Entwicklung Europas und der Habitusunterschiede
des ›mittelalterlichen Menschen‹ von dem des ›modernen Staatsbürgers‹.
Das entspricht wissenschaftsgeschichtlich der
historisch-soziologischen Forschungsmotivation vor dem Hintergrund des
traumatischen Erlebnisses des Zusammenbruchs der als gültig
geglaubten Zivilisationsstandards in der Zeit des
Nationalsozialismus in Deutschland und im Zweiten Weltkrieg, die
bisherige ›Selbstverständlichkeiten‹ fragwürdig und erneut
erklärungsbedürftig werden ließen. Die Biographie Norbert Elias’ und
anderer bedeutender Sozialwissenschaftler kann sicherlich erhellend
herangezogen werden.
Es wäre aber ein Mißverständnis, diesen
Forschungsansatz einfach ‘umkehren’ zu wollen und als allgemeine
Beantwortung der Frage nach der gesellschaftlich-historischen
Entstehung von ›höflichen Habitusformen‹ verstehen zu wollen. Gerade
in einem heute über Deutschland und Europa hinausblickenden
Forschungsinteresse ist deutlich zu machen, daß das, was in
Mitteleuropa als ›höfliches Verhalten‹, als Internalisierung,
Habitualisierung und Ritualisierung von sozialen ›befriedenden‹
Umgangsformen verstanden wird, auch in anderen Kulturen und unter
abweichenden soziogenetischen und psychogenetischen Bedingungen
seinen Platz hat und für Erhalt und Selbstverständnis dieser Kulturen
eine zentrale Bedeutung einnimmt.
Die unter Heranziehung der Ansätze der
›Weltsystem-Theorie‹ nach Immanuel Wallersteinm aktuell gewordenen
Forschungsrichtung, die sich auf das Entstehen regionaler und globaler
zentral-peripherer Disparitäten konzentriert und dabei die
‚schillernde und ambivalente‘ gesellschaftliche und sozioökonomische
Situation in den ›Semiperipherien‹ in den Vordergrund rückt, zeigt nur
zu deutlich, daß hier ein auf die europäische Geschichte reduzierter
Habitusbegriff der ›Höflichkeit‹ nicht ausreicht. ›Höflichkeit‹ – wir
bleiben trotz semantischer Bedenken bei diesem Begriff – spielt nicht
nur eine psychogenetische Schlüsselrolle in der Herausbildung der
modernen Staatsgesellschaft, sonder kann geradezu in gegenteiliger
Funktion zur Stabilisierung von machtschwachen Gruppen beitragen.
Gerade das Fehlen des institutionalisierten Nationalstaates macht die
stabilisierende Funktion von internalisierten kollektiven Wertbegriffen
und ritualisierten Alltagsverhaltensweisen, die uns in hohem Maße
als ›zivilisiert‹ und ›höflich‹ erscheinen wollen, notwendig.
Als weiteres, der Konsolidierung und
Aufrechterhaltung instabiler Gesellschaften dienendes Prinzip, gilt das
der ›Widerständigkeit‹. Es ist über prinzipielles Abwehrverhalten
sowie eine generelle Antihaltung beschreibbar, die sich seit dem 18.
Jahrhundert herausgebildet hat. Sie war in Polen zunächst gegen die
›fremde Obrigkeit‹ gerichtet. Im moderneren Entwicklung entstand
daraus die generelle Antihaltung gegenüber dem Staat. Unter den
Angehörigen der Eliten ist ein defensives Verhalten und z.T. betont
vorsichtiges und zurückhaltendes Taktieren beobachtbar. Es ist
verpönt, klare Ablehnungen zu treffen oder verbindliche Zusagen zu
geben.
Solche Begriffe, die auch in der europäischen
Gesellschaft vor der Herausbildung der Staatsgesellschaften eine
wichtige Rolle spielten, sind z.B. der zentrale Begriff der ›Ehre‹, im
engeren Sinne vor allem der ›Familienehre‹, aus dem das Verhalten
der Blutrache, der ›Vendetta‹ abzuleiten ist. Dieses Verhalten gilt vor
dem Hintergrund der modernen europäischen Durchsetzung des
›Gewaltmonopols‹ des Staates als ›unzivilisiert‹ und
›anachronistisch‹ und wird als Verstoß gegen die ›Menschenrechte‹
aufgenommen. Das Rechtsgebot der ›Gastfreundschaft‹, die durchaus
nicht aus religiösen Geboten abzuleiten ist, sondern der Pazifizierung
und Stabilisierung dient einer nicht staatsgeordneten Gesellschaft.
Gerade Staaten, die durch innere und äußere
historische Faktoren erst spät eine Transformation zur modernen
Staatsgesellschaft eingeleitet haben, die z.T. bis heute nicht
widerspruchsfrei abgeschlossen ist, wie z.B. Polen oder die Türkei,
die beide den schillernden Begriff der ›Semiperipherien‹ und der
›Transformations-Gesellschaft‹ illustrieren, zeigen bis heute
nichtstaatsgesellschaftliche Höflichkeitsformen und habitualisierte
Verankerungen in traditionellen Verhaltens- und Wertstrukturen. Dies
sollte der Ansatz sein, über Elias hinausgehend, den
Zivilisationsbegriff in historisch-kultureller Hinsicht zu erweitern
und neu zu reflektieren.
Es wird nicht leichter, daß auch in diesen
Semiperipherien über gewisse historische Zeiträume echte höfische
Kulturen entstanden sind, wie der Sultanshof des Osmanischen Reiches
oder die Magnatenhöfe der Szlachta-Gesellschaft in Polen, deren
nostalgisch-romantisierende Reminiszenz im 19. Jahrhundert sich noch im
sogenannten Sarmatismus wiederfand.