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Aus: Lothar Nettelmann / Dariusz
Adamczyk, Hrsg.:
Zur Frage einer
polnischen Nationalkultur - Polen in Europa: Vergangenheit, Gegenwart,
Zukunft.
Tomasz Markiewicz Die politische Kultur der Polen nach der Wende 1989Definition der politischen KulturDer Amerikaner Gabriel A. Almond hat 1956 die heute geläufige Definition der politischen Kultur formuliert als “die Gesamtheit der individuellen Einstellungen und Orientierungen der Teilnehmer des jeweiligen Systems. Es ist eine subjektive Sphäre, die den politischen Handlungen zugrunde liegt und diesen eine Bedeutung verleiht.”1 Der polnische Soziologe Jan Garlicki definiert die politische Kultur als eine zeitlich variable, durch historische Tradition und Strukturen der politischen Institutionen und Grundsätze des Funktionierens eines Systems geprägte Gesamtheit der Orientierungen einer Gesellschaft, der sozialen Gruppen und Individuen in Bezug auf die Politik.2 Die politische Kultur der Polen – historische TraditionenDie allgemeine Meinung über die Polen nennt als ihre Nationaleigenschaften u.a. die Freiheitsliebe. Durch eine unglückliche Schicksalsfügung hatten die Polen, 123 für die Entwicklung moderner Gesellschaften in Europa wichtige Jahre lang, d.h. von 1795 bis 1918, keinen eigenen Staat und somit keine Möglichkeit, ihr eigenes Modell einer Demokratie zu entwickeln. Seit dem 16. Jahrhundert galt in Polen das System der ›Adelsdemokratie‹, die aus demokratischen Strukturen für die privilegierte Klasse – die ›Szlachta‹ – bestand, und zwar in Form eines Parlaments für die gesamte Republik – des ›Sejm‹ – und der Kreisparlamente – der ›Sejmiki‹. Die Könige wurden ebenfalls von der ›Szlachta‹ gewählt. Seit Anfang des 15. Jahrhunderts gab es keine erbliche Thronfolge. Die ›Adelsdemokratie‹ der Ersten Republik endete mit Anarchie und einem verspäteten, wenn auch fortschrittlichen Versuch, die Staatsordnung in Anlehnung an die Ideale der Aufklärung zu reformieren, in Form der ersten Verfassung in Europa und der zweiten in der Welt, die am 3. Mai 1791 in Warschau verabschiedet wurde. Vier Jahre später besiegelte die ›Dritte Teilung‹ das Verschwinden Polens von der Landkarte Europas. Eine neue Episode der – diesmal zeitgenössischen und modernen – Demokratie folgte in den Jahren 1918-1939. Sie wurde unterbrochen durch den Krieg und danach die Einrichtung des Kommunismus. Erst seit 1989 leben die Polen wieder in einem demokratischen Staat. Die erwähnte Verfassung vom 3. Mai 1791 hat in das damalige politische Leben Polens neue Lösungen eingeführt, die die politischen Rechte der Staatsbürger festgeschrieben, die Willkür der ›Szlachta‹ eingeschränkt, darunter den Grundsatz des ›Liberum veto‹, d.h. der vorgeschriebenen Einstimmigkeit, die es einem adligen Sejm-Abgeordneten ermöglichte, die Sitzung des Parlaments abzubrechen, wenn diese nicht nach seinen Vorstellungen verlief. Dieser im 18. Jahrhundert missbrauchte Grundsatz war einer der Gründe für die Krise, die Lähmung und den Sturz des Systems. Darüber hinaus hat die Verfassung die Grundlagen für die Entstehung eines modernen Staates geschaffen, in dem politische Rechte nicht nur der ›Szlachta‹, sondern auch dem Mittelstand, d.h. dem Bürgertum zustanden. Die Verfassung formulierte die Vorbilder der politischen Kultur und der Gestalt des Staates, aus denen die kommenden Generationen der polnischen Politiker schöpften; sie war ebenfalls eine Inspiration für die polnischen Politiker im Jahre 1918, als sie die wiedergeborene Zweite Republik aufbauten. Die politische Kultur der Polen hat ihre Wurzeln in der Epoche der Aufklärung und des vorher herausgebildeten Systems der ›Adelsdemokratie‹. Diese Tradition und die europäischen Vorbilder beeinflussen die Ansichten der Polen im 19. und 20. Jahrhundert. Die politische Kultur in der Volksrepublik PolenIn der Zeit 1944-1989 war die polnische Gesellschaft in ihren Überzeugungen und Aktivitäten nicht homogen. Die Tradition des Pluralismus in Polen wurzelt in der Epoche der ›Adelsdemokratie‹, als das ›Königreich Polen‹, in der Union mit dem Großherzogtum Litauen, ein multinationaler Staat war. Im 17. und 18. Jahrhundert lebten neben der polnischen Bevölkerung, die knapp die Hälfte aller Einwohner ausmachte, Litauer, Ukrainer, Weißrussen, Deutsche, Juden sowie kleinere ethnische Gruppen wie Tataren oder Armenier in Polen. Es dominierte die römisch-katholische Konfession. Religionsfreiheit nahmen allerdings auch Lutheraner, Calvinisten, Anabaptisten, griechische Katholiken, Orthodoxe, Moslems und Juden in Anspruch. Die ›Adelsdemokratie‹ wurde endgültig durch die ›Dritte Teilung‹ Polens im Jahre 1795 vernichtet, die Tradition der Unabhängigkeit und des Ungehorsams blieb jedoch im Bewusstsein der Polen das ganze 19. Jahrhundert hindurch verwurzelt und half dabei, die Zeit der Unfreiheit zu überstehen und das nationale Bewusstsein trotz mangelnden Staates sowie der Germanisierungs- und Russifizierungsprozesse wachzuhalten. Nach der Erlangung der Unabhängigkeit nach dem Ersten Weltkrieg im Jahre 1918 hat sich in Polen ein System der pluralistischen Demokratie etabliert. Es existierte ungestört von 1918 bis 1926. Die Tradition des Pluralismus und das polyzentrische Modell des Staates hatten bis 1939 Bestand. In der zweiten Hälfte der 40er Jahre, nach Kriegsende, nach der Änderung der Grenzen und der Gründung eines neuen Staates – der Volksrepublik Polen – hat die Gesellschaftsordnung eine Monostruktur angenommen, was ein Merkmal des kommunistischen und totalitären Systems war. Infolge des Krieges gab es keinen Vielvölkerstaat mehr – bedingt durch die Änderung der Grenzen, den Holocaust sowie die Aussiedlung der Deutschen aus den neu erworbenen Gebieten und der Ukrainer und Lemken aus den südöstlichen Gebieten. Zum ersten Mal in seiner Geschichte wurde Polen zum Land einer Nation, einer Ideologie, einer Religion, zentralistisch regiert. Außerdem war es, anders als in der Zwischenkriegszeit, ein Staat mit beschränkter Souveränität, abhängig von der Sowjetunion. Bald tauchten Widersprüche auf. Die kommunistische Ideologie war mit der römisch-katholischen Religion nicht zu vereinbaren. Die nationalen Minderheiten blieben erhalten, obwohl sie einen geringen Anteil der Gesellschaft darstellten. Auch der kulturelle Pluralismus blieb erhalten. In den ersten drei Jahren nach dem Krieg kam es zu Versuchen, neue Organisationen zu gründen sowie eine legale Oppositionstätigkeit zu führen. Die Einrichtung des Stalinismus im Jahre 1948 hatte diese Versuche brutal unterbrochen, aber nach der ersten Entstalinisierung von 1956 führten das nationale Bewusstsein und die politische Kultur der polnischen Gesellschaft zu Versuchen, demokratische Werte zu bewahren und demokratische politische Ansichten in das monozentrische System einzufügen. Diese Werte lagen Protestbewegungen zugrunde und fanden sich in den Programmen der Oppositionsgruppen. Die Aufgabe, die Werte der polnischen politischen Kultur zu bewahren, wurde zu einem wichtigen Bestandteil des Ethos der polnischen Intelligenz. Ideen und Ansichten zur Organisierung des Gesellschaftslebens, die aus diesen Kreisen hervorgingen, haben mehrmals zu Veränderungen und Reformen im Nachkriegspolen geführt. Nach Jan Garlicki wurde die politische Kultur der polnischen Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg, in der Zeit der Volksrepublik Polen, durch zwei Faktoren geprägt. Erstens waren es Muster aus der Vergangenheit, zweitens der Monozentrismus des Systems des real existierenden Sozialismus.3 Der Monozentrismus drückte sich in der Eliminierung oder zumindest in einer Einschränkung der Aktivitäten der Bürger in alternativen institutionellen Strukturen aus. Diese Aktivität wurde reglementiert; die Möglichkeit, Parteien und quasi politische Organisationen zu gründen, die Alternativen zu der regierenden kommunistischen Partei vorschlugen, wurde eingeschränkt. Die sozialen Verhaltensweisen wurden von einem politischen Entscheidungszentrum reguliert, das selbst keiner gesellschaftlichen Kontrolle unterlag. Die vorherrschende Rolle im System hatte die kommunistische Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (PVAP), die von zwei ›Satellitenparteien‹ unterstützt wurde: der Vereinigten Bauernpartei (ZSL) und der Demokratischen Partei (SD), in der das Gewerbe und die Kleinunternehmer vertreten waren. Der erwähnte G.A. Almond hat die Voraussetzungen für die Gestaltung der politischen Kultur im real existierenden Sozialismus in den Ländern Ostmitteleuropas trefflich charakterisiert und festgestellt, dass Regierungen und insbesondere die Führungen der kommunistischen Parteien “die Bestimmung des Organisationsmonopols und des Monopols der Massenmedien anstrebten. Der ideologische Konformismus wurde belohnt und die Abweichung streng bestraft. Die örtlichen und nachbarschaftlichen Gemeinschaften wurden von Parteiaktivisten beaufsichtigt. Kinder und Jugendliche wurden in parteitreuen Formationen organisiert, und in den Schulprogrammen wurde Nachdruck auf linientreue ideologische Indoktrinierung gelegt.”4 Gegen den Monozentrismus des politischen Systems wurde jedoch eine Abhilfe gefunden. Das Leben des Durchschnittspolen verlief in zwei Wirklichkeiten – einer offiziellen und einer privaten. Dieses Phänomen wurde von Czesław Miłosz in seinem 1953 im Exil erschienenen Buch ›Das verführte Denken‹ als ‚Ketman‘ geschildert. Im offiziellen Leben verhielt sich der Bürger entsprechend der Erwartungen der Obrigkeit und versteckte seine eigentlichen Ansichten, während er im privaten Leben die Muster der politischen Kultur aus der Vergangenheit beibehielt und das sagte, was er wirklich dachte. Folglich glaubte vor der Wende 1989 nur ein Bruchteil der Menschen an die herrschende Ideologie; ein seit 1948 allgemeines Phänomen war die Flucht von der Politik in das Familien- und gesellschaftliche Leben. Diese Tendenz nahm insbesondere in der Zeit des Stalinismus (1948–1956) und dann im Kriegszustand (nach dem 13.12.1981) zu; sie wurde in Polen als ›innere Emigration‹ bezeichnet. In der ganzen Epoche der Volksrepublik Polen entstanden allerdings legale Organisationen, die die Beteiligung derjenigen ermöglichten, die sich mit dem sozialistischen System nicht identifizierten – verschiedene Klubs, Organisationen, Vereine. Eine wichtige Rolle spielte die katholische Kirche – eine Institution, die eine Erweiterung des Monopols der komunistischen Partei auf die gesamte Gesellschaft erschwerte, die in das politische Leben eingriff und in deren Umfeld verschiedene Organisationen entstanden. Die Wende 1980 in Richtung SystemwechselDie Welle der Arbeiterproteste im August 1980 und die Entstehung der unabhängigen Gewerkschaft ›Solidarność‹, die zu einer sozialen Massenbewegung von knapp 10 Millionen Polen wurde, hat zur Beschleunigung der Systemreform beigetragen. Es war gleichzeitig ein Ausdruck des Vertrauensverlustes breiter Kreise der Gesellschaft gegenüber den Kommunisten, die die Versprechen einer besseren Zukunft nach der blutigen Niederschlagung der Streiks im Dezember 1970 nicht einzuhalten imstande waren, gegenüber einer totalen wirtschaftlichen Ineffizienz des Systems, die seit Mitte der 70er Jahre spürbar war. Die Explosion der Unzufriedenheit wurde unmittelbar durch die Verschlechterung der Lebensbedingungen und die Einschränkung der Presse-, Meinungs- und Religionsfreiheit sowie durch die Verlogenheit der Obrigkeit verursacht, die in den Medien eine Erfolgspropaganda betrieb, während die Misere der Wirklichkeit ganz offensichtlich war. Die politische Kultur der regierenden Eliten war nicht homogen. Ein Teil von ihnen war sich des Reformbedürfnisses bewusst, daher war jedes dritte PVAP-Mitglied auch ein Mitglied der ›Solidarność‹. Die Reformbewegung wurde durch den am 13.12.1981 verhängten Kriegszustand gestoppt. Während des Jahreswechsels 1988/89 reifte unter den Machteliten das Konzept zur Aufnahme der Verhandlungen mit der illegalen, aber immer noch aktiven Opposition. Im März 1989 kam es zu Gesprächen am ›Runden Tisch‹ zwischen den Machthabern und den Vertretern der oppositionellen Gruppierungen, insbesondere der ›Solidarność‹. Die katholische Kirche hat als Vermittlerin bei den Verhandlungen eine große Rolle gespielt. Diese aktive Rolle der Kirche im politischen Leben bildet ein festes Element der politischen Kultur in Polen und ist historisch bedingt. Die Kirche war im 19. Jahrhundert ein Substitut des Staates, unter dem Kommunismus wurde sie zu einem Substitut der legalen politischen Opposition. Die Gespräche am ›Runden Tisch‹ führten zur Wiederzulassung der ›Solidarność‹ sowie zur Beteiligung der bisher illegalen Opposition an der noch nicht völlig demokratischen Parlamentswahl (35 % der Sitze im Sejm und 100 % im Senat sollten demokratisch gewählt werden, die übrigen standen den Regierungsparteien PVAP, ZSL, SD sowie konzessionierten Gruppen wie PAX, PZKS und UChS zu). Gebrochen wurde das Machtmonopol in den Massenmedien – es entstand u.a. als erste oppositionelle Tageszeitung seit 1948, die Gazeta Wyborcza. Der ›Runde Tisch‹ lässt sich als ein Ausdruck der politischen Kultur der Machthaber und der Opposition auslegen. Die beiden Parteien haben von ihren jeweiligen Interessen abgesehen und einen Kompromiss erreicht, indem sie die Staatsraison und die Zukunft des Staates in den Vordergrund stellten. Die Parlamentswahlen im Juni 1989 haben über die Richtung der weiteren Reformen in Polen entschieden. Sie haben zur Gründung der ersten nichtkommunistischen Regierung in Polen nach dem Zweiten Weltkrieg geführt. In der Zwischenzeit bildete sich das Bürgerkomitee, in dem politische Gruppen wirken konnten, die früher im Untergrund waren. Aus dem Bürgerkomitee gingen Gruppen hervor, die sich allmählich in politische Parteien verwandelten. Die politischen Ereignisse von 1989 haben die Kulturlandschaft verändert: vom beinahe totalem Verschwinden der Überreste der marxistischen Ideologie bis hin zum Auftauchen von christdemokratischen, nationalen und extrem rechten Ideologien. Manche von ihnen haben es bis heute geschafft, sich zu institutionalisieren, indem sie zu Parteien wurden und Tages- und Wochenzeitungen, Hörfunksender usw. gründeten. Mit der formellen Öffnung des Landes und einer massiven Verbreitung der neuen Medienanstalten kam es ebenfalls zu einer Invasion von Kulturbotschaften aus dem Westen. 1991 fand die erste wirklich demokratische Parlamentswahl statt, an der sich 60 Parteien und Gruppierungen beteiligten. Im Sejm waren dann 29 Parteien vertreten, die im Senat 17 parlamentarische Klubs bildeten (es war eine Verhältniswahl, allerdings ohne eine Sperrklausel). Dies war ein Ausdruck des Pluralismus der polnischen Gesellschaft und zugleich eines seit Jahrhunderten charakteristischen Merkmals der polnischen politischen Kultur, d.h. der Zersplitterung der politischen Szene. Die politische Kultur in der Dritten RepublikDie Wiederherstellung des pluralistischen Modells der polnischen politischen Szene führte zur Belebung der öffentlichen Aktivitäten der Bürger. Es kam zur Herausbildung neuer Muster von Beteiligungen am politischen Leben des demokratischen Staates. Die Aktivitäten der Bürger konzentrierten sich vor allem auf die Wirtschaft. Angesichts der Einführung (am 1.1.1990) der Grundsätze der Marktwirtschaft (auch mit offiziell eingeführter Arbeitslosigkeit, die früher doch latent existierte, aber nicht von Staat und Partei aus ideologischen Gründen annerkannt worden war) wurde die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage bzw. Beibehaltung des bisherigen materiellen Status zur Priorität. Die meisten Menschen widmeten sich dem täglichen Existenzkampf, dagegen sank nach der gesellschaftlichen Mobilisierung von 1989 - 1991 das Interesse am öffentlichen Leben, darunter an der Politik. Am Anfang der 90er Jahre haben die Bürger ihre Lebensprioritäten neu formuliert. Traditionell haben die Polen die Familie an den ersten Platz gestellt, einen größeren Wert als früher legten sie aber auf die berufliche Karriere und den materiellen Status als auf allgemein-gesellschaftliche Fragen und die politische Freiheit. Eine Verdeutlichung dieser Veränderungen sind die Ergebnisse einer Umfrage unter 1000 Studenten der Warschauer Universität im Jahre 1993 über die Bürgerrechte und -freiheiten, die in einem demokratischen System beachtet werden sollten. Tabelle 1: Die Meinung der jungen Polen zum Thema Rechte und Freiheiten der Bürger, die in einem demokratischen System respektiert werden sollten(Angaben von 1993, in Prozent) Rechte und Freiheiten (Unwichtig/weniger wichtig/sehr wichtig/Am wichtigsten)
N=1267 Quelle: Garlicki 1995, S. 142 Aus diesen Untersuchungen folgt, dass junge Polen damals folgende Rechte und Pflichten als die wichtigsten befanden:5
Weniger wichtig erschienen Rechte wie:
Am Ende der 90er Jahre dominiert in der politischen Kultur der Polen wieder, wie in der Volksrepublik Polen, ein passives Unterordnungs- und Beteiligungsmodell. Es bedeutet jedoch nicht, dass keinerlei Veränderungen im Vergleich zur Epoche des real existierenden Sozialismus eintraten. Heute stellt das monozentrische System kein Hindernis mehr für eine aktive Beteiligung der Bürger am politischen Leben dar. Das politische System ist demokratisch und pluralistisch. Eine Barriere bildete aber ein großes Engagement der Bürger in der materiellen Sphäre. Es kam auch zur Enttäuschung eines Teils der Gesellschaft über die Mechanismen der Demokratie. Das Gefühl von Einflussnahmen der Bürger auf politische Entscheidungen nahm nicht zu. Die große Anzahl der Parteien machte es den mit dem Alltag beschäftigten Polen schwer, sich mit dem jeweiligen Programm zu identifizieren. Tabelle 2: Das Gefühl der Einflussnahme auf das öffentliche Geschehen; eine Untersuchung des CBOS vom Ende 1999 an einer Stichprobe der erwachsenen Polen (%)
Ihrer Meinung nach haben Menschen wie Sie
Einfluss auf die Probleme: des Staates: 16 - 82 -2 der Wojewodschaft, in der sie wohnen: 17 - 80 - 3 des Kreises und der Gemeinde, in der sie wohnen: 31 - 67 - 2 der Kirchengemeinde, der sie angehören: 36 - 56 - 8 der Ortschaft oder Siedlung, in der sie wohnen: 43 - 54 - 3 des Betriebes, wo sie arbeiten: 47 - 49 - 4 N= 1521 Quelle: CBOS 1999 Mehr als 80 % der Polen sind der Meinung, dass sie keinerlei Einfluss auf das Geschehen im Lande haben. Dies ist ein Ergebnis des allgemeinen Phänomens der Distanzierung von der Politik, das leider an die Verhaltensweisen aus der Zeit der Volksrepublik Polen denken lässt. Dieses Phänomen kommt ebenfalls in einer relativ niedrigen Beteiligung an Parlaments- und Kommunalwahlen zum Ausdruck (bei der letzten Parlamentswahl am 23.09.2001 lag die Beteiligung bei 46 %; die vergleichbaren Zahlen betrugen 1998 in Deutschland 82,2 %, in Tschechien 73,8 %, in Ungarn 57 % – Angaben nach Gazeta Wyborcza vom 25.09.2001). Die aufeinanderfolgenden Wahlen von 1993, 1997 und 2001 haben die politische Szene stabilisiert, die Wahlordnung hat eine Sperrklausel von 5 % vorgesehen, was die politische Zersplitterung einschränkte. Heute sind im Parlament 7 Parteien vertreten. Kennzeichnend für die zeitgenössische politische Kultur der Polen ist die schwankende politische Unterstützung. Die Regierenden verlieren die Unterstützung zugunsten ihrer Kritiker. Der Wahlkampf erfolgt nicht im Bereich der Programme; die Wähler wählen nach dem Prinzip der Negation, es geht nicht um das Programm der jeweiligen Partei, sondern um den Wechsel konkreter Akteure der politischen Szene. Damit lässt sich u.a. die vernichtende Niederlage des rechten Post-SolidarnoÑ?-Blocks AWS und seines dreijährigen Koalitionspartners – der Freiheits-Union erklären (abgesehen von zahlreichen politischen Fehlern, die während der Regierungszeit von beiden Parteien gemacht wurden). Ein weiteres Merkmal ist die Bildung neuer politischer Formationen, um den gegenwärtig kompromittierten Aushängeschildern zu entfliehen. Die sinkende Popularität der Regierung wird meistens von der Tendenz zu Spaltungen und zum Wechseln der Abgeordneten zu anderen bzw. neuen Gruppierungen begleitet. Konditionen und Perspektiven der BürgergesellschaftNach allgemeinen Vorstellungen besteht in einem totalitären Staat keine Bürgergesellschaft. Zwischen dem Individuum (Familie) und dem Staat gibt es keine vermittelnden Institutionen, oder sie werden total kontrolliert durch den Staat. Verbot und Kontrolle sollten zur Eliminierung der Konkurrenz und des Konflikts in der öffentlichen Sphäre führen. Und obwohl in der Praxis der nicht öffentliche Konflikt und die Konkurrenz doch präsent waren, so wurden sie allerdings von der politischen Szene total beseitigt zugunsten der Ideologie einer ganz ungestörten Zusammenarbeit und Harmonie. Mehr als 40 Jahre lang wurden die Konflikte durch das kommunistische Regime versteckt oder unterdrückt. Den Bürgern wurde weisgemacht, dass das Wesen des Gesellschaftslebens im Ausbleiben von Konflikten bestehe, wofür die Zentralplanung, Verwaltungsentscheidungen und eine von oben oktroyierte Verteilung des Sozialprodukts sorgen würden. Die Eliminierung der Konkurrenz und des Konflikts aus der öffentlichen Szene hinterließ dauerhafte Spuren im Bewusstsein der Gesellschaft. Meinungsverschiedenheit, Streit, Konkurrenz und Konflikt – so charakteristisch für den öffentlichen Diskurs und für die Demokratie – finden bei einem beachtlichen Teil der Polen kein Verständnis und keine Anerkennung. Es erweist sich als schwer, die Tatsache zu akzeptieren, dass Streit, Konkurrenz und Konflikt im neuen politischen System etwas Normales, ja Erwünschtes sind. 1995, also nach 6 Jahren des Bestehens von demokratischen Spielregeln, stimmten 73 % der Polen der Meinung zu, dass “Streitigkeiten zwischen politischen Parteien etwas Normales sind”, jeder fünfte (19 %) hieß aber diese Meinung nicht gut und fand, Demokratie sei vor allem Durcheinander und Chaos. Es kann gesagt werden, dass nach 6-jährigen Erfahrungen drei Viertel der Polen die grundsätzliche strukturelle Bedingung der Funktion der Demokratie und der Bürgergesellschaft – Konkurrenz und Konflikt – akzeptierten, während jeder fünfte sie immer noch ablehnte. Die spontane Selbstorganisierung steht im Widerspruch zum Wesen des totalitären Staates. In Polen nach 1956 war es allerdings nicht so eindeutig. Es entstanden mehrere Vereine, es wurden mehrere Organisationen mit einem hohen Grad der Autonomie reaktiviert. In fast allen Organisationen war die Mitgliedschaft freiwillig. Die Bedeutung jener Freiwilligkeit war allerdings anders als in demokratischen Ländern. Sie wurde durch die Motivation entstellt. Der kommunistischen Partei trat man vor allem wegen der beruflichen Karriere bei. Freiwilligkeit lässt sich jedoch nicht ausschließen im Falle von Berufsorganisationen, wissenschaftlichen Gesellschaften, Sportklubs oder der Pfadfinderbewegung. Nach 1956 bildet das Jahr 1976 eine weitere Zäsur – die Entstehung einer offenen, im Gegensatz zur heimlichen und institutionalisierten Opposition (Komitee zur Verteidigung der Arbeiter KOR sowie politische Parteien, z.B. Konföderation für Unabhängiges Polen KPN, Fliegende Universitäten, Freie Gewerkschaften), die ununterbrochen über eine längere Zeit wirkte – ein im damaligen Osteuropa völlig neues Phänomen. 1980-1981 wurde die ›SolidarnoÑ?‹ zu einer Schule der Demokratie und der Selbstorganisierung. In Gegenreaktion auf das Fassadenhafte der offiziellen Institutionen und Organisationen und die Fiktion ihrer Verfahren wurden bei der ›SolidarnoÑ?‹ die demokratischen Verfahren zur Wahl der Organe von Betriebsorganisationen bis hin zu den höchsten Organen der Gesellschaft genau beachtet. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre hat die öffentliche Aktivität der Bürger eher in verschiedenen Vereinen, Klubs, lokalen Organisationen, Komitees, Selbstverwaltungseinheiten als in politischen Organisationen zugenommen.
Tabelle 3: Die Aktivität der Polen in
verschiedenen Bewegungen, Vereinen und gesellschaftlichen Organisationen nach
CBOS
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Web-Fassung: 31.01.2006 / rev. 20.11.2009 /
20.12.2009 / 28.01.2010 / 25..07.2011 - Verantwortlich: Gerhard Voigt
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