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Inhalt: Die Oberschlesische Volksabstimmung Die Situation von 1945 bis 1949 Zu den anderen Aufsätzen in diesem Band
Zwischen dem ausgehenden 18. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Polens staatliche und nationale Existenz durch die totalen territorialen Aufteilungen, die die Nachbarmächte bis 1945 durchführten, in einer Radikalität in Frage gestellt worden wie sonst in keiner anderen Geschichtsepoche. Die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert verstärkte Identifikation des Polentums mit dem Katholizismus,[1] um durch das religiöse Bekenntnis und die konfessionell gebundene Praxis das eigene national-kulturelle Selbstverständnis zu bewahren, bildet die an sich plausible Antwort auf das äußere politische Geschehen. In diesem Klima der staatlichen Unterdrückung gedieh der Gedanke des polnischen Messianismus, der die Bedeutung der realen Situation auf den Kopf stellte, indem er den besonderen Sendungsauftrag des polnischen Volkes propagierte: Die Leiden des polnischen Volkes wurden nach dem blutigen Aufstand von 1830/31 theologisch gedeutet und heilsgeschichtlich überhöht. Damit gewänne die polnische Nation Anteil am Erlösungswerk Christi am Kreuz, der sich analog zu den Polen unschuldig und freiwillig für die Völker geopfert und damit schließlich seine Gegner besiegt habe.[2] Vor diesem politisch hochbrisanten und theologisch überfrachteten Kontext sollen an dieser Stelle für das 20. Jahrhundert einige kirchenhistorische Aspekte herausgegriffen werden, die bei aller notwendigen Einschränkung der Betrachtungsweise das wechselseitige Abhängigkeitsverhältnis von Katholizismus und nationaler Identität verdeutlichen. Die zentrale Bedeutung des konfessionellen Bekenntnisses erklärt sich zunächst aus dem geopolitischen Umfeld, “weil durch diesen [katholischen] Glauben ein Pole sich von einem Russen oder westlichen Ungläubigen unterscheidet.”[3] Damit findet in der religiös-konfessionellen Differenzierung die staatspolitische eine Analogie. Nicht umsonst gelten als Orte nationaler Identität und Selbstvergewisserung zwei Wallfahrtsorte mit mythisch-patriotischem Charakter: Jasna Góra mit dem wundertätigen Muttergottesbild von Tschenstochau und Wilna mit dem ebenfalls mirakulösen Marienbild Muttergottes an der Ostra Brama. Die national-politische Funktion der beiden Marienkultstätten wird im Nationalpoem Herr Thaddäus des berühmtesten polnischen Dichters Adam Mickiewiczs (1798-1855) greifbar - ein Lied, das noch heute in den Lehrplan jeder Schule gehört: “Heilige Jungfrau, die Du das helle Tschenstochau verteidigst und im Spitzen Tor zu Wilna leuchtest!”[4] Das konfessionelle Bekenntnis ist damit wesentlich bipolar marianisch als offensives politisches Fanal qualifiziert; entsprechend war die wichtigste Funktion der Muttergottes von Tschenstochau und Wilna die ›Sache Polens‹. Nach dem siegreichen nationalen Abwehrkampf gegen die Schweden hatte bekanntlich der polnische König Jan II. Kazimirz (1648-1668) am 1. April 1656 die Muttergottes zur Königin Polens proklamiert[5]; seit jenem Tag trägt Maria den offiziellen Titel »Königin der polnischen Krone«. Als solche wird sie noch in der Gegenwart bei Invokationen im Gottesdienst angerufen, beispielsweise in der Lauretanischen Litanei, obgleich Polen seit 1918 Republik ist.[6] Zu der wesentlich politischen Aussagekraft des konfessionellen Bekenntnisses, das sich gegen das angrenzende mehrheitlich protestantische Deutschtum im Westen sowie gegen das orthodoxe Russland im Osten richtete, trat verstärkend das Moment der kriegerischen Auseinandersetzung.[7] Bereits Mickiewiczs ›Große Litanei‹ aus den ›Büchern der polnischen Pilgerfahrt‹ bittet in einer theologisch gewagten Anrufung ›Um den allgemeinen Krieg‹, auf die die Gemeinde antwortet: “Bitten wir Dich!”[8] Denn von einem solchen Weltkrieg erhoffte sich der Dichter nationale Selbstbestimmung. Damit schälen sich zwei konstitutive Momente für die religiös kontaminierte national-kulturelle Identität heraus: marianisch geprägter Katholizismus mit messianischem Gedankengut und die Idee von der kriegerischen Auseinandersetzung zur Verteidigung bzw. Durchsetzung der eigenen staatlichen Existenz als großpolnisch-jagiellonisch verstandener Nationalstaat. Nach der Wiederherstellung Polens nach 1918, die sowohl die polnische als auch die deutsche katholische Geschichtsschreibung als einen ›Akt der geschichtlichen Gerechtigkeit‹ und einen ›Aktivposten für die katholische Kirche‹[9] verbucht, einte die ›nationale Pflicht‹ die beiden zeitweise konträren Partner Kirche und Staat.[10] Dabei zeigte sich nicht nur das restlose Eintreten der Polen für die Belange der Kirche[11] in seiner Ausrichtung auf den Staat, sondern auch die national-patriotische Identität als Regulativ für die Qualität und Quantität von Kirchentreue und katholischer Praxis. Damit wurde auch das religiös-missionarische Wirken zum Dienst am Staat ebenso wie Patriotismus und die Ausbreitung der politischen Herrschaft der Verbreitung der Katholischen Kirche dienlich war. In einer solchen religiös-politischen Ideenwelt liefen nichtpolnische Katholiken leicht Gefahr, selbst als Glaubensgenossen diskreditiert, d.h. nicht als vollwertige Katholiken anerkannt zu werden. Die selbst gern hervorgekehrte Einheit des polnischen Katholizismus mit der römischen Kirche sah dementsprechend in der Realität päpstlicher Ein- und Widersprüche gerade im 20. Jahrhundert ganz anders aus. Gerade die jeweiligen Nachkriegsereignisse lassen dies exemplarisch deutlich werden. Bekanntlich enttäuschte die alliierte Grenzziehung von 1919 die politisch federführenden Nationaldemokraten herb[12]. Marschall Józef Pisudski (1867-1935) verfocht bereits ab Januar 1919 mit militärischen Mitteln seine jagiellonische, romantisch-historische Konzeption von einem polnischen Staat als föderatives Gemeinwesen von Polen, Ukrainern, Litauern und Weißrussen[13]. Rasch und energisch stieß er nach Kiev vor, wo er im Verein mit dem national-ukrainischen General Petljura die Ukraine vom Bolschewismus befreien und diese dann dem polnischen Staat anschließen wollte. Die sowjetrussischen Truppen vereitelten jedoch solche Pläne, trieben die Polen aus der Ukraine und standen im August 1920 vor Warschau. Hier ereignete sich dann am Himmelfahrtstag Mariens (15.8.) das legendäre ›Wunder an der Weichsel‹, das die Russen in die Defensive brachte und die militärische Situation vollständig auf den Kopf stellte. Polnische Kriegsfreiwillige gingen mit dem Kreuz in der Hand in den Abwehrkampf mit der Überzeugung, nicht nur fürs Vaterland sondern auch für den katholischen Glauben zu fallen.[14] Der vollständige Sieg über Sowjetrussland, den der Friede von Riga am 18. März 1921 besiegelte, qualifizierte Polen wie bereits im 17. Jahrhundert gegen die Schweden und 1683 gegen die Türken als ›Vormauer des Abendlandes‹.[15] Marianisch geprägter Katholizismus, offensive militärische Auseinandersetzung und messianisches Sendungsbewusstsein zur Rettung Europas lassen sich bei diesen Ereignissen als identitätsstiftende Momente herausfiltern. Sogar der Hl. Stuhl spielte mit: Der erste Nuntius im Nachkriegspolen, Achille Ratti, war nahezu der einzige auswärtige Diplomat, der in der Krisensituation von 1920 in der polnischen Hauptstadt ausharrte, zum Widerstand aufrief und schließlich ein Tedeum für die Befreiung Warschaus anstimmte.[16] Der rasch erworbene Prestigegewinn Rattis in Polen war jedoch abhängig von seiner Interessenkongruenz mit national-polnischen Zielen der Polen, wie sich bald zeigen wird. Die Wilna-FrageJagiellonischen Vorstellungen folgend, besetzten polnische Truppen das zu etwa 50% von Polen und Weißruthenen besiedelte Gebiet von Wilna, nachdem sich die bürgerlich orientierte Regierung der Republik Litauen Anfang 1919 unter dem Druck der Roten Armee nach Kaunas zurückgezogen hatte. Aber schon Ende Februar 1919 wurde dort durch den Vormarsch der Russen die ›Vereinigte Sozialistische Räterepublik Litauens und Weißrusslands‹ in Wilna unter kommunistischer Führung ausgerufen und die polnischen Selbstschutzkräfte aus der Stadt verdrängt. Die polnische Offensive ließ nicht lange auf sich warten und erreichte bis zum Sommer des Jahres Minsk und Bobrujsk, wobei Pisudski um die Gunst der Bevölkerung warb, indem er den Einwohnern des ehemaligen Großfürstentums Litauen die “Lösung der nationalen und konfessionellen Fragen” zusagte.[17] Durch diese Militäraktion kam das religiös-kultische Zentrum Wilna mit seinem bedeutenden Marienwallfahrtsort mit kurzer Unterbrechung bis zum Zweiten Weltkrieg an Polen. Das wurde dadurch sanktioniert, dass der Warschauer Nuntius Ratti in seiner Funktion als Apostolischer Visitator für die ehemaligen russischen Gebiete im Januar 1920 die Stadt mit militärischen Ehren und der Anwesenheit der höchsten staatlichen Vertreter besuchte und dadurch die austauschbar religiös bzw. nationalpolitische Bedeutung Wilnas für Polen heraushob. In das Besuchsprogramm war selbstverständlich auch das dortige Marienheiligtum integriert.[18] In einer solch militärisch und politisch brisanten Situation ist die institutionelle Unterscheidung zwischen Nuntius und Visitator marginal - noch dazu, da sich die päpstliche Kurie auch in Zukunft mit polnischen Interessen identifizierte:[19] Rattis Besuch in Wilna muss als Punktgewinn für Polen und seine national-religiösen Ziele gewertet werden. Wilna kam zwar durch das litauisch-polnische Abkommen von Suwalki vom 7. Oktober 1920 erneut an Litauen, wurde aber kurz darauf von polnischen Truppen erneut besetzt, polonisiert und schließlich der Republik Polen angeschlossen.[20] Das polnische Konkordat vom Februar 1925 zementierte dann auch kirchlich-jurisdiktionell diese neue politisch-militärische Situation: Das viergeteilte Bistum Wilna - der zu Litauen und zu Sowjetrussland gehörige Teil war dem Oberhirten unzugänglich - wurde durch den Kirchenvertrag zur Erzdiözese erhoben und durch die beiden polnischen Suffraganbistümer Lomza und Pinsk in die Kirche Polens integriert; außerdem glich Rom die Bistums- an die Landesgrenzen an.[21] Als treibende Kraft lässt sich eindeutig die Warschauer Regierung erkennen, die aus innen- und außenpolitischen Gründen an einem raschen Vertragsabschluss mit dem Hl. Stuhl interessiert war:[22] Bereits Ende August 1918 wurden erste Sondierungen zwischen Ratti einerseits sowie politischen und kirchlichen Vertretern Polens andererseits aufgenommen. Der Hl. Stuhl blockierte zunächst offizielle Verhandlungen, da die Grenzen Polens noch bis 1923 nicht politisch und völkerrechtlich geklärt waren. Als dann substantielle Verhandlungen in Rom einsetzten, verlangte Polen das vollständige Eintreten in die kirchlichen Rechte der Vorgängerstaaten, was bei zahlreichen Vertragspunkten auch gelang, vor allem bei der Wilna-Frage. Die zu erwartende Reaktion Litauens erfolgte unmittelbar: Die Regierung des neuentstandenen baltischen Staates brach im Sommer 1925 wegen des Konkordats ihre diplomatischen Beziehungen zum Hl. Stuhl brüsk ab.[23] Um den Preis eines solchen Eklats wurde dieser bedeutende kultische und national-relevante östliche Außenposten Polens staatspolitisch und kirchlich fest an den polnischen Staatsverband angeschlossen. Kirche und Nation hatten sich kooperativ und gewaltsam durchgesetzt. Der Cieplak-ProzessBei einer fundierten Analyse der sowjetrussischen Kirchenverfolgung der zwanziger Jahre stößt man unvermutet auf polnisches missionarisch-nationales Gedankengut. Denn nicht nur das katholische Kirchenvolk in Sowjetrussland bestand zu einem Großteil aus Polen, sondern ebenso die kirchliche Führungsschicht.[24] Der polnisch gesinnte, geschickt taktierende Eduard Freiherr von der Ropp wirkte auch nach der russischen Suspendierung vom Amt des Erzbischofs von Wilna (1907) - vor allem nach 1917 - im Sinne der Ausbreitung des Katholizismus, die er mit polnischem Sendungsbewusstsein in Verbindung brachte.[25] Auch als Rom von der Ropp 1917 zum Erzbischof von Mohilev, also zum Leiter der Katholischen Kirche in Sowjetrussland, ernannt hatte, konnte dieser nur bis 1919 amtieren, da er von den Boschewiki verhaftet und im November nach Warschau abgeschoben wurde, von wo er seine Tätigkeit fortzusetzen gedachte.[26] Ropps ›Plan einer systematischen Missionierung Russlands‹ schloss nämlich auch die Forderung nach Entsendung von polnischen Geistlichen ein - ein Recht gegenüber der Sowjetmacht, das er auch in seinem Warschauer Exil lebhaft verfocht.[27] Das isolierte Russland, das nach außenpolitischer Anerkennung strebte, schien Ende des Jahres 1921 kurzfristig sogar ›Missionaren‹ das Recht auf Einreise gewähren zu wollen - wenn diese sich jeder politischen Propaganda enthalten würden.[28] Trotz solchen taktischen Entgegenkommens kam es bald zu scharfen Auseinandersetzungen der Bolschewiki mit der Katholischen Kirche, die abgesehen vom ideologischen Hintergrund auch im militärischen und politischen Konflikt zwischen Polen und Russland wurzelten. Das russische Misstrauen gegenüber einer polnischen Infiltration wurde durch von der Ropps Stellvertreter in Mohilev, Weihbischof Jan Cieplak und Generalvikar Konstanty Budkiewicz, weiter geschürt, die aus ihrer Verbindung zur polnischen Republik keinen Hehl machten.[29] Dies wurde ihnen und zahlreichen weiteren Geistlichen in Petrograd zum Verhängnis: Wegen ihres Widerstandes gegen die staatliche Beschlagnahmung von kirchlichem Eigentum wurden 14 Geistliche und ein Laie im März 1923 verhaftet und zu einem Schauprozess[30] nach Moskau transportiert. Bei der Abreise aus Petrograd waren Tausende von Polen zum Bahnhof gekommen und sangen bezeichnenderweise am Bahnsteig “Unter Deinen Schutz und Schirm fliehen wir, heilige Gottesgebärerin.[31] Das Todesurteil gegen Cieplak wurde auf vatikanische Intervention in schwere Einzelhaft verwandelt, während die über Budkiewicz verhängte Todesstrafe am 31. März vollstreckt wurde. Tatsächlich war das Material über die politische Tätigkeit Budkiewiczs so erdrückend, dass selbst der Papst ein feierliches Requiem im Vatikan aus diplomatisch-politischen Gründen ablehnte.[32] Budkiewicz hatte sogar die polnische Regierung brieflich gebeten, gegen die sowjetischen Religionsgesetze zu intervenieren.[33] Tschitscherin hatte sogar nach der Urteilsverkündung in Rom und Warschau versichern lassen, dass die Todesstrafe nicht vollstreckt werde, wenn die Kurie und die Polen ruhig bleiben würden. Dessen ungeachtet hatte der polnische Ministerpräsident Sikorski eine fast drohende Parlamentsrede gegen Russland gehalten.[34] An dieser Stelle wird ganz deutlich, dass prominente polnische Vertreter aufgrund des besonderen Sendungsauftrags des polnischen Volkes auch religiös-konfessionell offensiv vorgingen und eine Art Protektorenfunktion für den Katholizismus im Ausland übernahmen.[35] Der politische und ideologische Gegensatz lieferte weiteres Konfliktmaterial, das in die Verfolgungsmaßnahmen gegen die Katholische Kirche im sowjetischen Machtbereich einfloss. In der Sorge um die Cura animarum steuerte der Vatikan einen anderen Kurs: Um weitere Verhaftungen von Priestern und Gläubigen zu vermeiden, verzichtete die römische Kurie auf jede Konfrontation mit Moskau und arbeitete sogar noch in den nächsten Jahren an einer möglichen Übereinkunft, um die kirchliche Praxis rechtlich zu sichern. Im Gegensatz zum Vatikan, der nicht an eine rasche Änderung der inneren Verhältnisse Russlands glaubte,[36] verfocht von der Ropp als vermeintliches Sprachrohr der russischen Katholiken eine rigorose Linie der Wiederherstellung des Status quo ante, also der vollständigen Herausgabe des beschlagnahmten Kirchengutes.[37] Unterstützung erhielt er vom einflussreichen Jesuitengeneral in Rom, dem Polen Wodzimierz Ledochowski.[38] Moskau konnte dem polnischen Drängen schon deswegen nicht nachgeben, weil die sowjetische Regierung katholische Einrichtungen als polnische Institute geschlossen hatte.[39] Auch der Hl. Stuhl erkannte deutlich diesen politischen Zusammenhang und isolierte in Rom polnische Einflussnahme. Damit kam es in der Russlandpolitik zu einer deutlichen Differenzierung von polnischen und päpstlichen Optionen. Die Oberschlesische VolksabstimmungUnter den Plebisziten, die die Entscheidungsgrundlage für die polnisch-deutsche Grenzfrage nach dem Ersten Weltkrieg bilden sollten, war die Volksabstimmung im oberschlesischen Gebiet vom 20. März 1921 die heftigst umkämpfte und nationalistisch aufgeladenste - ging es doch hier auch um bedeutende wirtschaftliche Fragen.[40] Bereits Ende November 1918 notierte ein führendes Mitglied des deutschen Generalstabs: “Fest steht, dass in Oberschlesien wild für Polen agitiert wird, und dass ein großer Teil der katholischen Geistlichkeit die Agitation unterstützt [...]. Da die Oberschlesier, besonders die Frauen, zum großen Teil leichtgläubig und streng kirchlich sind, spielt der Klerus dort eine entsprechende Rolle.”[41] Die nationale Konfrontation nahm schon im August 1919 derartige Ausmaße an, dass nach polnischen Ausschreitungen in zahlreichen oberschlesischen Kreisen der Belagerungszustand verhängt wurde. Die drei polnischen Volksaufstände zwischen August 1919 und Mai 1921, die von Truppenkontingenten und Freiwilligen aus der ganzen Republik Polen unterstützt wurden, versuchten eine territoriale Entscheidung gewaltsam herbeizuführen.[42] Der Kampf um Oberschlesien wurde damit eindeutig zur nationalen Sache, an der die Kirche Polens in vorderster Linie teilnahm. Auf polnischer Seite wurde der einheimische Wojciech Korfanty zur nationalen Symbolfigur, der durch unermüdliche Agitation bereits Anfang des Jahrhunderts die preußische Germanisierungspolitik Schlesiens[43] stoppen und eine nationalpolnische Gesinnung entfachen konnte.[44] Korfanty setzte für die patriotische Agitation vordringlich politisierende Geistliche ein, durch deren Prestige in ihren Pfarrgemeinden er breite Bevölkerungskreise erreichte. Geschätzt werden etwa 5 % nationalpolnische Geistliche aus Oberschlesien, die sich von Korfanty für dessen politisch-patriotische Ziele instrumentalisieren ließen.[45] Diese zwar sehr kleine Gruppe war agitatorisch jedoch sehr aktiv und wurde zudem von auswärtigen Klerikern tatkräftig unterstützt. Beispielsweise nahm der aus dem Wartheland stammende junge Priesteramtskandidat Andrzej Wronka, der später eine bedeutsame Rolle beim Wiederaufbau der Katholischen Kirche in Polen spielen sollte, für fünf Monate (1920) an den Abstimmungskämpfen in Oberschlesien teil. Bischöfliche Mahnungen gegen die Beteiligung der Geistlichen an nationalistischen Agitationen blieben erfolglos. So hatte beispielsweise der Breslauer Oberhirte Adolf Kardinal Bertram im Sommer 1919 mehrfach versucht, einen leidenschaftlichen national-politischen Bruderstreit in seiner Diözese, zu der das oberschlesische Abstimmungsgebiet gehörte, zu verhindern und seinen Klerus zur Mäßigung zu bewegen. Vor allem ging es ihm darum, auswärtige Geistliche aus den Kämpfen herauszuhalten, was aber selbst dann nicht gelang, als die Lokalverwaltung Oberschlesiens am 11. Februar 1920 von der Interalliierten Regierungs- und Plebiszitkommission übernommen wurde.[46] Auf polnischen Wunsch hin wurde der beliebte Warschauer Nuntius Ratti als ›unparteiischer Abstimmungskommissar‹ der Interalliierten Kommission beigegeben, um die Situation zu beobachten und die Freiheit der Abstimmung zu bewährleisten.[47] Auf deutscher Seite hatte sich lediglich Kardinal Bertram zugunsten dieser Nomination ausgesprochen; Berliner Regierungsstellen lehnten diese entschieden ab, da sie Rattis Unabhängigkeit anzweifelten.[48] Zunächst versuchte der Hl. Stuhl, deutsche Ressentiments dadurch auszuräumen, dass er Ratti anwies, sich möglichst lange im oberschlesischen Abstimmungsgebiet aufzuhalten, um einseitiger politischer Einflussnahme vorzubeugen. Es war aber gerade die notwendigerweise unparteiische und versöhnliche Haltung Rattis in der aufgeheizten Situation patriotischer Begehrlichkeiten, die den päpstlichen Vertreter bei beiden Seiten diskreditieren musste: Sowohl Deutschland als auch Polen versuchten nämlich Ratti für ihre eigenen nationalen Interessen zu instrumentalisieren.[49] Der schwelende Konflikt kam im Juni 1920 offen zum Ausbruch, als die Interalliierte Kommission Bertram daran hinderte, das Abstimmungsgebiet - also Teile seiner eigenen Diözese - zu betreten, um eine Firmreise durchzuführen. Diesen Eingriff in genuin kirchliche Rechte konnte Bertram nicht hinnehmen, zumal er auf der anderen Seite polnische Priester ungehindert in der Öffentlichkeit agieren sah. Außerdem versuchten polnische Regierungsstellen immer wieder, die kirchliche Jurisdiktion über Oberschlesien vom Fürstbistum Breslau abzulösen, um jede deutsche Einflussnahme auszuräumen. Obwohl der Hl. Stuhl diesen polnischen Bestrebungen energisch entgegentrat und Ratti damit in eine schwierige Situation brachte, übte der Papst bis Oktober keinen Einfluss auf die Interalliierte Kommission aus, um kirchliche Rechte zu verteidigen, und brüskierte damit Bertram und die deutsche Seite.[50] Während die deutsche Seite weiterhin den Vorwurf der Befangenheit Rattis aufrecht erhielt, nahm Polen ihm sein Einschreiten gegen nationalistische Agitationen von Priestern übel.[51] Warschau warf dem päpstlichen Diplomaten sogar Untätigkeit und Konspiration mit Deutschland vor und verlangte von ihm die Absetzung deutscher Pfarrer sowie die Segnung polnischer Fahnen.[52] Aus dem allseits beliebten Ratti war in Polen in wenigen Wochen eine politische persona non grata geworden! Als Bertram am 21. November 1920 jede nationale Propaganda des Klerus mit der Strafe der Suspension vom geistlichen Amt ahndete – und zwar mit päpstlicher Billigung –, richtete sich der Unmut der polnischen Behörden gegen Ratti so heftig, dass man in Warschau die Abtrennung Oberschlesiens vom Breslauer Fürstbistum und die Abberufung des Nuntius offen betrieb. Die polnische Zeitung »Gazeta Poranna« warf Ratti Ende des Jahres sogar vollständigen Mangel an Orientierungsgabe vor, so dass signifikanterweise sein Name “nicht mit goldenen Buchstaben in das neu aufgeschlagene Buch der polnischen Nation”[53] eingetragen sei. Die politische Relevanz des katholischen Vertreters wird hier deutlich greifbar! In einer veritablen Nacht- und Nebelaktion reiste Ratti am 2. Dezember aus Polen ab und kehrte erst im Mai 1921 für nur wenige Tage nach Warschau zur offiziellen Verabschiedung zurück.[54] Die großen Sympathien der Polen für Ratti waren in blanke Ablehnung umgeschlagen, als plötzlich neue nationalpolitische Implikationen ins Spiel kamen. Hier folgte die Katholizität und Kirchentreue nationalen Leitvorstellungen, wobei es schwierig ist, zwischen beiden zu trennen. Diese unreflektierte Blindheit diskreditierte sogar päpstliche Neutralitätsverpflichtung. Trotz der definitiven alliierten Grenzfestsetzung vom 15. Juli 1922, die besonders in Deutschland große Unzufriedenheit hervorrief,[55] setzten sich die nationalen Differenzen bis 1925 fort - vor allem auf kirchlichem Gebiet. Denn nach der völkerrechtlich relevanten Teilung Oberschlesiens von 1922 war der Weg frei für die Neuordnung der Jurisdiktion. Unmittelbar nach der Entscheidung des Völkerbundrates vom 12. Oktober 1921 über die Teilung des Landes forderte Warschau vom Hl. Stuhl die Errichtung eines Bistums für Ostoberschlesien. Der Papst lehnte dies ab und bildete aus dem fraglichen Landesteil unter Hinzunahme eines polnisch gewordenen Teils des Kommissariats Teschen die Apostolische Administratur Kattowitz, die sich institutionell als Provisorium verstand und direkt Rom unterstellt wurde.[56] Die polnischen Konkordatsverhandlungen, die substantiell erst 1924 einsetzten, gaben dann Warschau neue Möglichkeiten, Ostoberschlesien noch enger in die polnische Kirche einzubinden: Bereits Anfang Dezember 1924 sickerten in der internationalen Presse deutliche Umrisse von der neuen kirchlichen Zirkumskription Polens durch.[57] Im März 1925 hatte man dann Gewissheit: Die Administratur Kattowitz wurde zur Diözese erhoben und dem Metropolitanverband Krakau eingegliedert; außerdem sollte das neue Suffraganbistum laut Konkordatstext den Namen ›Schlesien‹ erhalten. Auf der sensibilisierten deutschen Seite erhob sich ein veritabler Sturm der Entrüstung, der die Berliner Ministerialbürokratie bis hinauf zum Reichskanzler zu scharfen Protesten beim Vatikan veranlasste.[58] Man wandte sich vehement gegen die Bistumsbezeichnung ›Schlesien‹, die nach Ansicht der deutschen Ministerien “die Anwartschaft der Polen auf das weitere Gebiet der deutschen Provinz Schlesien”[59] zum Ausdruck bringen solle. Ähnlich wie Wilna wurde auch Ostoberschlesien seit 1925 vollständig in die Katholische Kirche Polens integriert. Damit glaubte man, sowohl gegenüber dem orthodoxen Russland als auch gegenüber dem protestantischen Deutschland als akatholische, polenfeindliche Kräfte – selbst wenn die Situation in der Realität viel differenzierter aussah – institutionell unüberwindbare Barrieren aufgerichtet zu haben. Ganz deutlich ist dabei die Methode Warschaus zu erkennen, über kirchliche Organisationsstrukturen auch politische und damit nationalkulturelle zu verfestigen: Die Ausbreitung des Polentums diente der Ausdehnung des Katholizismus und umgekehrt. Wie rasch und effektiv - selbst gegen vatikanische Widerstände - politische und kirchliche Integration ineinandergriffen, überrascht nur den, der den Katholizismus nicht als wesentlichen Faktor für die kulturelle und politische Identität des polnischen Volkes würdigt. Gerade die militärisch-politische Umbruchsituation nach dem Ersten Weltkrieg lässt deutlich werden, wie eminent wichtig die Rolle der Katholischen Kirche bei der politischen Integration in den polnischen Nationalstaat war, so dass widrigenfalls sogar ein anfangs hochwillkommener päpstlicher Vertreter in wenigen Monaten zur persona non grata erklärt werden konnte. Katholische Kirche als theologische Größe war damit eine höchst ambivalente Einrichtung, als politische dagegen hochwillkommen. Die Situation von 1945 bis 1949Für die Beurteilung der ersten fünf Nachkriegsjahre ist sowohl das Auseinandertreten von polnischem Staat und polnischer Führung durch die Errichtung eines kommunistischen Regimes von Bedeutung wie auch die relative Schwäche der Moskau-hörigen Regierung in Warschau - stellt man den Vergleich mit anderen Ostblockstaaten an.[60] Die Historiker sind sich weitgehend einig darüber, dass der polnischen Führung weitgehend die Verankerung im eigenen Land fehlte; die Regierung strebte daher auch über 1950 hinaus nach einer Legitimierung durch andere gesellschaftliche Kräfte,[61] wobei die Kirche traditionell immer noch die prominenteste darstellte. Das Traditionsmotiv wurde in seiner Intensität noch dadurch verstärkt, dass die Katholische Kirche Polens jegliche Kollaboration mit den beiden Besatzungsmächten Deutschland und Sowjetrussland im Weltkrieg abgelehnt und als Preis dafür mehr als 3000 ermordete Priester und Ordensleute aufzuweisen hatte.[62] Die Kirche Polens als Hort nationaler Identität erhielt in der Situation, als die Gesellschaft des Landes das Regierungssystem und seine Vertreter als fremdes Transplantat - noch dazu als ein vom Erzfeind Russland eingesetztes - abstieß,[63] besondere politische Bedeutung. In dieser Funktion wurde die Kirche, die bereits in Zeiten nationaler Unterwerfung sowohl gesellschaftliche Zufluchtstätte als auch wichtigste Erziehungsanstalt und Hort der familiären, sozialen und nationalen Kultur gewesen war, in ganz besonderer und umfassender Intensität in Anspruch genommen.[64] Nur so ist es zu erklären, dass das neue politische System der selbstbewussten Kirche Polens in den ersten Nachkriegsjahren in der Öffentlichkeit breiten Raum einräumte: Noch im Jahre 1948 erschienen im ganzen Land 26 katholische Blätter; etwa eine halbe Million Polen waren in katholischen Vereinigungen unterschiedlichster Art organisiert.[65] Hinzu kam, dass sich zahlreiche Kommunisten gerne als katholikenfreundlich gerierten und sich an der religiösen Praxis beteiligten.[66] Zunächst unverständlich ist dabei jedoch die Haltung führender kirchlicher Vertreter. Hatte die Kirche vor 1945 den Bolschewismus radikal abgelehnt, so verhandelte der polnische Primas Augustyn Kardinal Hlond, der im Juli 1945 aus dem Exil zurückgekehrt war, ausgerechnet mit jener Partei, die er noch 1936 als die größte Gefahr für die Menschenwürde und die katholische Ethik bezeichnet hatte.[67] Diese Kompromissbereitschaft gegenüber dem Regime lässt sich nur auf eine als widersprüchlich zu bezeichnende Grundeinstellung zurückführen, nach der die aus Polen gebildete Regierung aus nationaler Perspektive zwar eine gewisse Legitimität aufwies, die neue politische Kultur des Landes jedoch ganz unpolnisch war. Um dieses Dilemma aufzubrechen, versuchten ausgerechnet zwei Priester im Herbst 1946 erfolglos, eine katholische Gegenpartei zu den Kommunisten ins Leben zu rufen, nachdem die christlich orientierte Arbeitspartei kurz nach ihrer Gründung gespalten und gleichgeschaltet worden war.[68] Dass die bevorstehenden Sejmwahlen vom Januar 1947 nur eine Farce sein würden, die nicht den Mehrheitswillen des Volkes widerspiegeln konnten, war dem Episkopat bereits im Vorfeld bewusst. Deshalb gaben die Bischöfe auch keine eindeutigen Wahlempfehlungen ab, sondern legten den Wählern die katholische Morallehre als Entscheidungsmaßstab vor.[69] Die Kirche Polens und ihre Vertreter nahmen hier ihre vorrangige Verantwortung für die nationale und staatliche Identität wahr, suchten die Diskrepanz zwischen Nation und Staat zu überbrücken und im Zweifelsfall zu kooperieren. Ganz deutlich und unzweifelhaft zeigte sich das bei solch nationalpolitisch brisanten Fragen wie die Integration der deutschen Ostgebiete in den polnischen Staatskörper,[70] als Kirche und Staat ohne Einschränkungen an einem Strang zogen - galt es doch für die Kirche, ehemals mehrheitlich protestantische Gebiete für den Katholizismus ›zurückzugewinnen‹. Kardinal Hlond hatte in diesem Zusammenhang 1948 sogar von der ›Stunde der Abrechnung von Jahrhunderten‹[71] gesprochen.[72] Noch Stefan Wyszyski erklärte 1950: “Die Wiederherstellung des Katholizismus im deutschen Osten ist ein Akt der Gerechtigkeit Gottes, des Herrn der Geschichte.”[73] Der konstruktive Beitrag der Kirche Polens innerhalb dieses Integrationsprozesses ist sowohl in der deutschen als auch in der polnischen Historiographie ein unbestrittenes Faktum. Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang jedoch, dass bereits die zweite Plenarkonferenz des polnischen Episkopats vom Mai 1946 künftig alles vermeiden wollte, was als eine Bestätigung der Regierungspolitik‹[74] hätte gedeutet werden können. Ausgenommen blieb jedoch die Kirchenpolitik Deutschlands. Hier hatten die Bischöfe nach eigenen Worten eine ›patriotisch-nationale‹ Linie zu vertreten, die man nicht anders als vor dem Hintergrund der Messianismusidee und der Vorstellung von Kirche als dem wichtigsten nationalen Kulturträger Polens verstehen kann. Es verwundert daher nicht, dass bereits kurz nach dem Weltkrieg marianische Elemente in der Nationalidentität und im gottesdienstlichen Bereich starke Förderung erfuhren: Noch bevor in Tschenstochau vor einer Million Pilger das ganze Land der Gottesmutter Maria geweiht wurde (8. September 1946)[75], führte man vor allem in den ehemals deutschen Ostgebieten, beispielsweise am 20. Februar 1946 in der Diözese Danzig, das Fest der Jungfrau Maria als Königin Polens mit Messformular und Brevierlesung ein; am 15. August desselben Jahres weihte der Danziger Apostolische Administrator Wronka die Diözese an der Weichselmündung der Gottesmutter. Trotz dieser selbst kultischen Integration der neuen polnischen Gebiete hatte sich der Hl. Stuhl bis in die siebziger Jahre geweigert, die von Polen immer wieder betriebene Neuordnung der kirchlichen Jurisdiktion durchzuführen und aus polnischen Gebietsteilen deutscher Bistümer selbständige Diözesen zu errichten.[76] Darüber hinaus hatte Pius XII. in einem offenen Brief im März 1948 seine Zuneigung für die vertriebenen Deutschen geäußert und damit eine Protestwelle der polnischen Regierung ausgelöst.[77] Auch in anderen Bereichen verweigerte sich die Katholische Kirche Polens aufgrund ihrer selbstauferlegten Verantwortung jeglicher Ghetto- und Untergrundsituation, die für die Zeit der staatlichen Fremdherrschaft typisch gewesen war. Selbst als das kommunistische Regime kirchenfeindliche Maßnahmen versuchte, den Einfluss des polnischen Katholizismus zu brechen oder zumindest zu reduzieren, arbeitete die Kirche am Aufbau einer “progressive[n] Tradition [...], um auf diese Weise die Integration der Kirche in den sozialistischen Staat zu betreiben.”[78] Eine Trennung in ein Polen der Marxisten und ein Polen der Gläubigen kam damit für die Kirche nicht in Frage,[79] ohne Verrat an ihrem Auftrag als einheitsstiftende nationale und kulturelle Sammelstätte zu begehen. Bedeutsam für die vorsichtige Kompromissbereitschaft der polnischen Kirche gegenüber dem Regime war aber noch ein ganz anderes Moment. Viel stärker als die von den Historikern immer wieder angenommene Furcht vor dem angeblich unbesiegbaren Stalinismus[80] wirkte sich die streng patriotische Gesinnung vieler Kirchenführer auf das innenpolitische Verhalten des Episkopats aus. Gerade vor dem Hintergrund einer solch romantisch verklärten Gedankenwelt, die polnische Nation und Katholizismus als unauflösliches Gewebe verknüpfte, war eine Fundamentalopposition gegen den Staat gar nicht denkbar, zumal dieser als polnischer qualifiziert werden musste. Beispielsweise hatte sich der erste Apostolische Administrator von Danzig, der bereits erwähnte Andrzej Wronka (1945-1951), mehrere Monate als polnischer Patriot im oberschlesischen Abstimmungskampf betätigt. Von ihm durfte man im polnisch gewordenen Weichselgebiet national-zuverlässige Maßnahmen erwarten. Sein Amtskollege in Landsberg/Warthe, Edmund Nowicki, hatte Anfang des Zweiten Weltkriegs Berichte über die Kirche in Polen verbreitet und damit sein Leben riskiert. Schon Anfang Oktober 1939 wurde er verhaftet und im Mai 1940 in das Konzentrationslager Dachau verlegt. Damit stand also auch seine patriotische Ausrichtung nicht in Zweifel. Auch der bis in die 50er Jahre amtierende Kattowitzer Bischof Stanisaw Adamski, der unter der nationalsozialistischen Okkupation gelitten hatte, ohne jedoch sein Amt aufgeben zu müssen, hatte an den Aufständen in Oberschlesien 1919/21 teilgenommen.[81] Im Jahre 1950 scheint dann der Gipfelpunkt einer kirchlich-staatlichen Zusammenarbeit erreicht worden zu sein, wobei die Kirche eindeutig den schwächeren Part gewählt hat. Die erste, 1948 einsetzende Verfolgungswelle gegen den Katholizismus und der Tod des Primas Hlond führten zu stärkerer Kooperationsbereitschaft der Kirche gegenüber dem Staat. Der neue Primas Stefan Wyszyski bot der Regierung im Februar 1949 die Bildung einer Gemischten Kommission - gebildet aus kirchlichen und staatlichen Vertretern - zur Beilegung der schwelenden Streitpunkte an. Damit erkannte der Primas nicht nur die Legalität des kommunistischen Regimes an, er stufte es darüber hinaus auch als verlässlichen Vertragspartner ein.[82] Die darauffolgenden Verhandlungen waren von gezielter staatlicher Polemik und restriktiven Maßnahmen gegen das kirchliche Leben wie der Verstaatlichung der Caritas, der Beschlagnahmung von Kirchengut und der Auflösung katholischer Vereine begleitet.[83] Trotz dieser staatlichen Drohgebärden und kirchenfeindlichen Aktionen fand sich der Episkopat am 14. April 1950 zu einem Abkommen mit der Regierung bereit, um den rechtsfreien Raum zu verlassen, der durch die Kündigung des Polenkonkordats durch die Regierung entstanden war.[84] Der erste der insgesamt 19 Artikel verpflichtete die Kirche, die “Achtung vor dem Gesetz und der Autorität des Staates” zu lehren. Sogar auf dem Gebiet der Volksfrömmigkeit wurde keine staatsfeindliche Tendenz geduldet (Art. 7). Ferner sollten sich die polnischen Bischöfe in Rom zugunsten einer dauerhaften Einbindung der ehemaligen deutschen Ostgebiete in die Kirche Polens verwenden (Art. 3). Dafür erhielt der Episkopat allgemeine Garantieerklärungen für die kirchliche Praxis im Ausbildungssektor, im caritativ-katechetischen Bereich sowie im Vereins- und Ordenswesen. Das Abkommen gewährte der Kirche nur eine sehr kurze Erholung; schon in den Jahren 1951 bis 1953 erlebte der gesamte polnische Katholizismus die schwersten Verfolgungen innerhalb der kommunistischen Ära.[85] Kritik am Vertrag setzte innerhalb Polens aber bereits während der Verhandlungen ein; nach der Unterzeichnung des Vertrags sprach das päpstliche Staatssekretariat von der ›politischen Naivität‹ des Episkopats, die nur Misserfolg und Niederlage bewirken könne.[86] Wie immer man den Vertrag auch wertet: als Kapitulation der Kirche, als Versuch, die kirchliche Praxis rechtlich zu sichern oder als Mentalitätswandel im Umgang mit den staatlichen Organen[87] – richtig ist, dass keine der beiden Seiten ernsthaft annehmen durfte, dass der jeweils andere sich präzise an den Wortlaut des Abkommens halten würde und konnte. Viel mehr bestätigt der Vertrag sowohl durch seinen faktischen Abschluss wie auch durch seinen konkreten Inhalt die symbiotische Beziehung von polnischer Kirche und Staat, selbst wenn dieser sich kirchenfeindlich gerierte. Zusammenfassend lässt sich also festhalten: Dem Katholizismus billigte der polnische Staat und seine gesellschaftlichen Kräfte breite Relevanz für die kulturelle und nationale Identität zu. Die Kirche nahm diese Rolle aktiv und kooperativ wahr, solange die staatliche Integrität gewährleistet war. Selbst gegenüber einem sich aggressiv kirchenfeindlich verhaltenden Regime zog sich die Kirche Polens nicht auf subalterne, untergrundähnliche Positionen zurück, da sie sich als Repräsentant des nationalen Willens und der nationalen Sendung fühlte. Kirche und Nation wurden damit in zahlreichen Punkten deckungsgleich, selbst bei äußerer (vatikanischer) Kritik. Die spezifisch marianisch geprägte Frömmigkeit trug dabei Züge eines Staatskultes, der sich in seiner Protektorfunktion gegen die übermächtigen nichtkatholischen Nachbarn Russland und Deutschland wandte. Nicht zufällig liegen die beiden prominenten marianischen Zentren Tschenstochau und Wilna in den Grenzgebieten zum konfessionellen Gegner. Literaturverzeichnis:Bahlcke, Joachim, 2000: Die Geschichte der schlesischen Territorien von den Anfängen bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, in: ders. (Hg.), Schlesien und die Schlesier, München, S. 13-154. Bihlmeyer, Karl/Tüchle, Hermann, 1961: Kirchengeschichte, Bd. 3: Die Neuzeit und die neueste Zeit, Paderborn. Broszat, Martin, 1972: Zweihundert Jahre deutsche Polenpolitik, Frankfurt/M. Brzoska, Emil, 1964: Das christliche Oberschlesien, Bonn. Fattorini, Emma, 1992: Germania e Santa Sede. Le nunziature di Pacelli tra la Grande guerra e la Repubblica di Weimar, Bologna. 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[1] Holzer 1998, 68. [2] Scholz 1989, 149-157. Heilsgeschichtlich optiert das Polentum damit für eine Position als Miterlöser der Welt in der universalen Heilsordnung Gottes; vgl. ebd., 150. [3] Manthey 1965, 297. [4] Zitiert nach: Wirpsza 1983, 23. Dazu auch: Manthey 1965, 307. [5] Siedlarz 1996, 29. [6] Vgl. dazu: Wirpsza 1983, 23-26. [7] Siedlarz 1996, 30-31; Holzer 1998, 68. [8] Zitiert nach: Scholz 1989, 150. Vgl. auch: Manthey 1965, 250. [9] Bihlmeyer/Tüchle, 1961, 507. [10] Holzer 1998, 68-69. [11] Manthey 1965, 304. [12] Broszat 1972, 203-207. [13] Roos 1986, 52-54; Prizel 1998, 56-57. [14] Manthey 1965, 252. [15] Dazu: Roos 1986, 75-89; Rhode 1965, 471-472. [16] Meysztowicz 1969, 193-195; Samerski 1999, 30. [17] Roos 1986, 38, 63-75; Rhode 1965, 467. [18] Schmidlin 1939, 15; Meysztowicz 1969, 190-191; Schwaiger 1999, 204. [19] Festgehalten werden muß, dass sich die Kurie bereits vor 1918 für die Wiedererrichtung Polens offen ausgesprochen hatte; dagegen wurde die zu drei Vierteln von Katholiken bewohnte Republik Litauen erst 1922 von Rom anerkannt. Im November 1922 empfahl Kardinalstaatssekretär Gasparri Litauen, ein freundschaftliches Verhältnis zu Polen aufzubauen, was in Litauen Verbitterung auslöste; Schmidlin 1939, 137. [20] Roos 1986, 94-99; Rhode 1965, 472-473. [21] Payga 1988, 104. Originaltext bei: Acta Apostolicae Sedis 17, Rom 1925, 273-287. [22] Auch zum folgenden: Payga 1988, 91-98; Samerski 1999, 93-96. [23] Schmidlin 1939, 138. [24] Die etwa 1,6 Mio. Katholiken des lateinischen Ritus in Sowjetrußland waren polnischer Abstammung und Sprache: Stehle, 1993, 19. [25] Ebd., 17, 29, [26] Ebd., 19, 25-29. [27] Ebd., 34. [28] Ebd., 33. [29] Ebd., 15, 53. Beispielsweise waren die Protokolle der Priester-Zusammmenkünfte in Petrograd auf Polnisch abgefaßt worden: McCullagh, 1926, 193. [30] Übersetzung der Anklageschrift: McCullagh, 1926, 190-220. [31] Rood 1993, 69. Vgl. auch: Suttner, 1992, 23-24. [32] Rood 1993, 71; Stehle, 1993, 54. [33] Stehle 1993, 53. [34] Ebd. [35] Der römische Botschaftskonsultor Steinmann sprach 1922 nach Erörterungen mit dem Moskauer Vertreter Worowski von Polen, “das sich als Schutzherr der katholischen Kirche Russlands aufspielt”: zitiert nach: ebd., 34. [36] Ebd., 54. [37] Ebd., 34. [38] Vor allem ging es den beiden polnischen Kirchenmännern darum, jegliche Anerkennung des Sowjetregimes durch den Vatikan zu verhindern; Rood 1993, 65; Stehle 1993, 55. [39] So Worowski 1922: Stehle 1993, 34. [40] Dazu: Broszat 1972, 201-213; Bahlcke 2000, 121-133. [41] Bahlcke 2000, 124. [42] Roos 1986, 91-92; Bahlcke 2000, 126-129. [43] Brzoska 1964, 54. [44] Roos 1986, 90. [45] Brzoska 1964, 54-55. [46] Ebd., 55. [47] Samerski 1999, 30.
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