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Politische
Kultur und Herrschaft
Identität: Ein affirmatives
Konzept
Veränderungen
in der Codierung der Politischen Kultur
Zu den weiteren
Aufsätzen in diesem Band
Die folgenden Ausführungen fußen auf einem Referat, das die inhaltlichen
Positionen der verschiedenen Referenten zum Tagungsthema »Polnische Nationalkultur«
in Hinblick auf die zu Grunde liegenden sozialwissenschaftlichen Kontexte
fundieren und verallgemeinernde Diskurszusammenhänge offen legen sollte.
In dem Text sind daher wesentliche Aspekte der Tagungsdiskussion
insbesondere über das begriffliche Paradigma der ,nationalen Identität‘ und
nachfolgende Gespräche im Kreis der Teilnehmerinnen und Teilnehmer eingearbeitet
worden.
Begriffliche Grundlagen
Tomasz
Markiewicz beginnt sein Referat über „Die politische Kultur der Polen nach der
Wende 1989” mit dem von ihm zitierten Definitionsversuch der Politischen Kultur
von G. A. Almond (1956):
(›Politische
Kultur‹ ist) „die Gesamtheit der individuellen Einstellungen und Orientierungen
der Teilnehmer des jeweiligen Systems. Es ist eine subjektive Sphäre, die den
politischen Handlungen zugrunde liegt und diesen eine Bedeutung verleiht.”
Markiewicz
bezieht sich damit
auf die maßgeblichen amerikanischen Autoren Almond
(z.B. 1956, 1983) und Verba (z.B.
1965) die für sich und auch gemeinsam (1963) oder zusammen mit anderen Autoren
(z.B. Verba / Nie, 1972, Almond / Powell, 1956, Peye / Verba, Hrsg.,
1965) den Begriff der ›Politische Kultur‹ in die amerikanische
Politikwissenschaft eingeführt haben, als ›Political
Culture‹ und auch als ›Civic Culture‹,
was die heute aktuellen Diskurse über die ›Zivilgesellschaft‹
vorwegnimmt (vgl. dazu aktuell Claußen,
2001a).
Der Verständniskontext und die Rezeption der sozialwissenschaftlichen
Kategorie ›Politische Kultur‹ ist
jedoch vielschichtiger und widersprüchlicher, als es die paradigmatische
Definition Almonds vermuten lässt.
›Politische Kultur‹, die begriffsgeschichtlich eingebunden ist in den Diskurs über
die Kultur, bzw. im angelsächsischen
Bereich ›culture‹, impliziert daher
auch in der zugewiesenen Semantik die Bedeutungsunterschiede des Kulturbegriffs
im deutschen und im angelsächsischen Sprachraum.
In der Bundesrepublik Deutschland ist zunächst die Trennung der
Begriffe Kultur und Politische Kultur nicht scharf. In
Tagungen und Sammelbänden wird Politische
Kultur als ›Hochkultur‹ mit
politischen Inhalten wie z.B. politischen und zeitgeschichtlichen
Theaterstücken, Filmen, bildnerischen Werken oder als Kultur-Politik – d.h. staatliche Initiierung, Förderung und
Finanzierung von Kultur-Einrichtungen – verstanden. Eine der polnischen
Situation durchaus angemessene Zwischenposition nimmt der schon zitierte
Beitrag von Tomasz Markiewicz in
diesem Band ein, der seiner theoretisch allgemein gehaltenen Fundierung eine
Fokussierung auf institutionelle Aspekte der Politischen Kultur im zeitgenössischen
Polen folgen lässt, dadurch aber eine traditionelle Banalisierung des Begriffs
vermeiden kann.
Auch wenn im Begriff der politischen
›Hochkultur‹ Interdependenzen aufgezeigt werden können mit dem, was Verba mit seinem Konzept der political culture meint, liegt der
inhaltliche Schwerpunkt doch deutlich anders. Sowohl was den Kulturbegriff selbst angeht, als auch
den uneindeutigen Begriff des ›Politischen‹,
weicht dieser Ansatz deutlich von der political
culture der Sozialwissenschaften ab und ist für diese in der gegebenen
Form kaum analytisch einsetzbar.
Auch die empirische Exemplifikation im Referat von Tomasz Markiewicz konzentriert sich,
wie schon angedeutet, auf die äußeren Indikatoren der polnischen Gesellschaft,
wie politisches Engagement oder Teilnahme an gesellschaftlichen
Gruppierungen und Institutionen,
die einem traditionellen Politikbegriff
zuzuordnen sind. Mehr aber ist in den sich schnell wandelnden und in ihrem
Selbstverständnis derzeit sehr unsicheren und fragmentierten
Transformationsgesellschaften ebensowenig konkretisierbar wie in vergleichbaren
Gesellschaften der Semiperipherien, wie z.B. der Türkei, wo die
sozialwissenschaftliche Literatur im konkreten Nachweis der Formen der
Politischen Kultur meist an der Oberfläche bleiben muss. Das Problem ist
exemplarisch und kritisch angesprochen worden in der Untersuchung von Nettelmann 1997 über “Polnische Intellektuelle und Arbeiter
1980/81”.
Ein weiterer Aspekt der Irritation und begrifflichen ›Ver-Uneindeulichung‹ lässt sich schon
bei Verba selbst in seinen
Ausführungen zur Politischen Kultur in Osteuropa z.B. in “The Remaking of
Political Culture” (1965) festhalten, in denen sehr deutlich wertende
Gesichtspunkte einer “besseren” oder “weniger entwickelten” Politischen
Kultur im Sinne eines amerikanischen Demokratiepostulates durchscheinen, die
den sozialwissenschaftlichen Wert seiner Ausführungen tendenziell tangieren.
Dies entspricht einer allgemeinen Tendenz der amerikanischen Sozialwissenschaften,
die sich immer wieder als moralische Instanz verstehen, eine Funktion, die
ihnen als auf die praktische Politik und Politikberatung Bildungsinstitution
zuwächst.
Damit weicht sie sehr deutlich von den europäischen Traditionen
ab, die auf kritische Distanz, ›Kritische
Theorie‹ und philosophische Durchdringung jenseits sozialwissenschaftlichen
Pragmatismus anheben. Dieser Tradition versucht sich auch eine moderne
Sozialwissenschaft in Polen anzunähern, wenn auch belastet durch Jahrzehnte
staatlich verordneter Isolierung, die nur durch private Initiative, die in
Polen eine große Rolle spielt, überwunden werden konnte.
Die Verquickung analytischer und normativer Kategorien im
Begriff der ›political culture‹
wäre noch tolerierbar, wenn explizit nach einem Sinnpostulat einer ›Politischen
Kultur‹ gefragt wäre. Die ›Politische
Kultur‹ würde dann gemessen an ihrer gesellschaftlichen Funktion oder auch
an ihrer Stellung zu den geforderten
weltgesellschaftlichen Zielen “Demokratie, Gerechtigkeit und Menschenrechten”,
deren grundsätzlicher Mangel an interkultureller Konsensfähigkeit aber ausdrücklich
zu problematisieren ist. Die eher unbedarfte ethische Kategorisierung, dass die
Politische Kultur, die den USA genehm ist, eine ,gute Politische Kultur‘ wäre, ist auch dann sozialwissenschaftlich
nicht hinnehmbar, wenn sie bei amerikanischen Autoren oft aufscheint.
Das Tagungsthema »Polnische
Nationalkultur« legt es nahe, den Kontext von ›Kultur‹ und ›Nation‹ zu
thematisieren und bei den erkennbaren und auffälligen Charakteristiken einer
konkreten ›Politische Kultur‹ anzusetzen. Dabei stellt sich die Frage, ob das
erkannte ›Typische‹ einer (politischen)
Kultur auch distinktiv ist, das
heisst: ob diese Charakteristik in der Lage ist, durch ihre Gültigkeit eine ›Nationalkultur‹ zu begrenzen und
von anderen zu unterscheiden. Aus kulturwissenschaftlicher Sicht hat dies Klaus P. Hansen (1995: 143-152) als Standardisierungen der
Realitätsdefinitionen in den – historisch durch übergeordnete Homogenisierungsprozesse
entstandenen – ›Sonderkollektiven
Volk und Nation‹ beschrieben.[1]
In einem knappen Résumé sollten die Charakteristiken des
›Kulturbegriffs‹, wiedergegeben werden, wie er von Hansen entwickelt wird, da sie die Grundlage eines brauchbaren
Konzeptes auch im Sinne der ›Politischen Kultur‹ sind, sich der Frage nach
einer ›polnischen Nationalkultur‹ zu nähern:
– Träger der Kultur sind die einzelnen
Menschen; die Vielzahl von Erfahrungen, Herkünften und Biographien bewirkt eine
potenziell unendlich große Zahl kultureller Ausformungen und
Kulturverständnisse.
– Die
sozialwissenschaftliche Grundeinsicht – ohne die die Gesellschaftswissenschaften
undenkbar wären –, dass individuelle
Erfahrungen und Biographien in gesellschaftliche
Strukturen eingebettet sind, von diesen präformiert und standardisiert
werden und daher als regelhaft beschrieben werden können, führt zu der
Erkenntnis, dass auch die Kulturverständnisse und Realitätssichten der
Menschen gruppen- und gesellschaftsabhängig bestimmten regelhaften Mustern,
Verteilungen und Ausformungen zuzuordnen sind.
– So
entstehen inhaltliche Ausprägungen eines ›kollektiven
Gedächtnisses‹, das sich in typischen Inhalten und Verhaltensdispositionen
niederschlägt, die im Sozialisationsprozess intergenerationell tradiert und
individuell als Enkulturationsprozesse
beschrieben werden können; vermittelt werden in diesem Prozess standardisierte
Kommunikationsstrukturen und die sprachliche Codierung gemeinsamer Symbol- und
Sinnverständnisse.
– Menschen
sind durch ihre ›Politische Kultur‹ in diesem Sinne aber nicht determiniert; doch bietet ihre Einbindung in eine konkrete
›Politische Kultur‹ im Zusammenhang mit der jeweils konkreten
gesellschaftlichen Situation bevorzugte
und erprobte Optionen des Verhaltens, der Realitätsverständnisse und der
– auch wertenden – Situationsdefinitionen, während andere Optionen,
die außerhalb der Bezugsgruppe durchaus erprobt und verfügbar sein mögen, eher
selten aufgegriffen oder aber explizit als falsch
oder feindlich abgelehnt werden.[2]
Fasst man
diese Einsichten zusammen, erscheint es durchaus sinnvoll zu sein, von ›Nationalkulturen‹ zu sprechen,
was sich dann bezieht auf die gesellschaftliche Situation von Verhaltensnormen,
Realitätsdefinitionen und Wertdiskursen, die als Ergebnis und Umsetzung
gesellschaftlicher historischer Erfahrungen anzusprechen sind.
Das Grundproblem liegt bei dieser Aussage in dem noch nicht
hinterfragten Begriff der ›Nation‹.
Die modernen Sozialwissenschaften, z.B. in der Tradition von Norbert Elias und Immanuel Wallerstein, wissen, dass die ›Nation‹ ein neuzeitlicher,
in Europa historisch durchgesetzter Artefakt ist, der auf einem Prozess des ›nation building‹ beruht und mit der
Herausbildung der modernen ›Staatsgesellschaft‹
parallel läuft. Hier soll der Hinweis auf die ausführlichen Erörterungen dieses
Themas in Voigt, 2001, Nettelmann et al., 2001, genügen.
Die These von der ›Nationalkultur‹ muss daher relativiert und
historisch-kontextuell eingebunden werden: Gesellschaftliche Gruppen, vor
allem wenn sie die Stabilität von ›Überlebenseinheiten‹
(vgl. Elias oder Waldhoff) gewonnen haben, entwickeln typische Ausprägungen und
Spezifikationen einer ›Politischen Kultur‹, die Gedächtnis und Resonanz der
kollektiven Erfahrung ist und die Erinnerung daran selbst überdauern kann:
›Politische Kultur‹ ist in diesem Sinne
›kollektive Erinnerung‹ durch ihr immanentes, tradiertes Wert-, Zeichen- und
Symbolinventar.
Interessant wird dieser Ansatz, wenn er auf konkrete
historische und regionale Situationen exemplarisch angewandt wird, wie z.B. im
Rahmen des Tagungsthemas auf die ›Politische Kultur‹ Polens oder die
›polnische Nationalkultur‹. Dabei ergeben sich sofort neue Frage-Ebenen, die
dann noch anzusprechen und zu erörtern sind: Wie ist das Verhältnis von
›Politischer Kultur‹ und Herrschaft, eine Frage, die in beiden Richtungen erörtert werden muss: einmal die hindernden
oder vorzugsweise fördernden Dispositionen in der ›Politischen Kultur‹ für die
Durchsetzung und Festigung von Herrschaft, also den ›Machtprozess‹, auf der
anderen Seite die immanente und explizite Einwirkung von
Herrschaftsverhältnissen auf die kollektive Erfahrung von sozialen Gruppen und
damit die Entwicklung ihrer ›Politischen Kultur‹. Hier ist das polnische
Beispiel von besonderer Bedeutung, wenn die besondere ›Staatsferne‹ in der ›Politischen Kultur‹ Polens, die oft als ›Alltags-Anarchismus‹ beschrieben
worden ist[3], in Beziehung gesetzt wird mit der historischer Erfahrung
Polens mit Macht-Oktroy und politischen Okkupationen in der Zeit der Polnischen
Teilungen, der Nazi-Okkupation und der gesellschaftlichen Deformierungen in der
Zeit des Stalinismus. Elemente dieser historischen Erfahrungen wurden in der
Tagung zur „Polnischen Nationalkultur” vielfach thematisiert und schlagen sich
daher immer wieder in den Aufsätzen des vorliegenden Bandes nieder.
Wladisaw Markiewicz
(1979) versucht in seinem Aufsatz „Der Begriff ‚Politische Kultur‘ in der polnischen
Politikwissenschaft”, in einer noch marxistisch geprägten
Politikwissenschaft in Polen das amerikanische Paradigma der Politischen Kultur
konstruktiv zu implantieren, indem er – auch im Sinne der amerikanischen
Vorbilder – Politische Kultur auf Wertestukturen und letztlich auf den
gestalteten Prozess der Wertevermittlung in der Politischen Bildung bezieht.
Dieser Ansatz soll in einem längeren Zitat dokumentiert werden:
„Die politische
Kultur ist im Verständnis dieser Autoren ein Komplex von Einstellungen,
Glaubensüberzeugungen und Gefühlen, die Ordnung und Sinn in den politischen
Prozess bringen und grundlegende, das menschliche Verhalten im Bereich des
politischen Systems leitende Voraussetzungen und Prinzipien enthalten. Die
politische Kultur umfasst gleichzeitig politische Ideale und operative
Grundsätze der praktischen Politik, so dass in ihr psychologische und
subjektive Bereiche der Politik vereinigt werden. Sie ist ein Produkt sowohl
der Geschichte des politischen Systems als auch der Lebensgeschichte seiner
einzelnen Mitglieder. Sie wurzelt demnach ebenso in den politischen Ereignissen
wie in den persönlichen Erfahrungen einzelner Menschen. “Kurz gesagt” –
behauptet Pye –, “stellt die politische Kultur für das politische System
dasselbe dar, was die Kultur für das gesellschaftliche System darstellt.”
Die marxistische Deutung der politischen Kultur als eines
Bestandteils der gesellschaftlichen Entwicklung unterscheidet sich
grundsätzlich von der bürgerlichen Auslegung, insbesondere der Auslegung der
Behavioristen und der Anhänger der sogenannten Systemanalyse, indem sie den
Klassenfaktor als Hauptdeterminante der politischen Einstellungen und Verhaltensweisen
heraushebt.
Meinerseits verstehe ich als politische Kultur der Gesellschaft
die historisch gestalteten Elemente der global begriffenen Kultur, die durch
eine gegebene Gesamtheit von Menschen anerkannte und begehrte Werte betreffen
und sich vor allem – obwohl nicht ausschließlich – auf das System der
Staatsmacht beziehen. Dazu gehören demnach auch Kriterien, nach welchen die
Gesellschaft sowohl im Bereich der Innen- als auch der Außenpolitik – die
staatliche Politik zu beurteilen und sich mit den Richtungen der
Regierungstätigkeit zu solidarisieren oder sich ihnen zu widersetzen pflegt.
Als Zeichen der politischen Kultur und des Grades, in dem sich
einzelne, das Volk oder die eine Staatsgemeinschaft bildenden Klassen und
Schichten einer Gesellschaft die politische Kultur angeeignet haben, ist zum
einen die der Politik in der Wertehierarchie einer Gemeinschaft zugewiesene
Stelle zu betrachten. Zum anderen zeigt sich die politische Kultur im Verhältnis
dieser Gemeinschaft zu den verschiedenen öffentlichen Institutionen und Formen
der politischen Tätigkeit, wie es in bestimmten Einstellungen und im Verhalten
zum Ausdruck kommt. Einen gewissermaßen kondensierten Ausdruck findet dieses
Verhältnis in der freiwilligen, obwohl verschieden begründeten Teilnahme an
der Arbeit der Parteien und anderer politischer Organisationen.
Die so verstandene politische Kultur enthält zahlreiche
Komponenten, zu denen – als die wichtigsten – gezählt werden können:
1. das historische Bewusstsein.
2. die politischen Einstellungen und das politische Verhalten,
3. die politische Führung,
4. die politischen Spielregeln,
5. die Grundlagen der politischen Pädagogik.” (Markiewicz 1979: 176-177.)
Politische Kultur und Herrschaft
“The Strongest Poison
ever known
Came from Cesar’s
Laurel Crown”
William Blake,
Auguries of Innocence
Das
sensible Gleichgewicht zwischen Repräsentation
der Inhalte einer ›Politischen Kultur‹, den individuellen und kollektiven Schicksalen und der veränderlichen realen gesellschaftlichen
Situation lässt relativierend folgende Charakteristiken der ›Politischen
Kultur‹ wie auch der Kultur einer
Geruppe insgesamt hervortreten. ›Politische Kultur‹ ist in diesem Kontext:
• in ihrer
Repräsentation und Ausprägung ambivalent,
• situativ
gebunden,
• in hohem
Maße selbstreferentiell und
•
ausformungs- und interpretationsfähig wie auch -bedürftig.
Es
erscheint nicht sinnvoll, von der ›Politischen Kultur‹ als verfestigter Entität zu sprechen, sondern von der ›Politischen Kultur‹ als fortdauerndem Prozess. Das rekurriert auf das dynamische
Konzept Elias’, der von dem Prozess der Zivilisation (Elias 1990/1976) ausgeht.
In so fern ist der Prozess
der ›Politischen Kultur‹ eine interdependent verbundene Dimension des Zivilisationsprozesses und seiner psychogenetischen Fundierung, wie sie
von Elias herausgearbeitet wird.
Der Prozesscharakter
der ›Politischen Kultur‹ begründet aber auch die prinzipielle Verfügbarkeit und Funktionalisierbarkeit der ›Politischen Kultur‹ im Machtprozess, d.h. zur Durchsetzung von
Macht- und Herrschaftsansprüchen. Herrschaft gründet nach Popitz (1968) auf Vorstellungsinhalten des Legitimitätsglaubens.[4] Dieser ist in der Form der von Popitz in Bezug auf die Begrifflichkeit von Max Weber dargestellten
Unterlegenheits- und Überlegenheitslegenden und der Prozesse der ‚Selbstanerkennung‘[5] zentralen Bestandteil einer ›Politischen Kultur‹.
Die Ambivalenz der
Funktionalisierbarkeit gesellschaftlicher Prozesse trägt in sich aber gleichermaßen
die Potentiale für Gegen- und Unterströmungen, für Inanspruchnahmen zur
Entwicklung von Widerständigkeit
(vgl. dazu Voigt 2001a). Reimer Gronemeyer schreibt über diese
kulturelle Tradition des Widerständischen,
die für die abendländische Politische Kultur ebenso konstituierend ist wie ihr
herrschaftsaffirmativer Aspekt:
“Die Geschichte
der Ketzer und Dissidenten, der Ohnmächtigen und Widerspenstigen bewahrt
eine Alternative zu jenem abendländischen Interventionismus auf, der seine pax
oeconomica wie ein Netz über die ganze Welt gezogen hat. Jener Koalition aus
abendländischer Ethik und wirtschaftlichen Interessen, die im Begriffe ist,
die Welt zu ruinieren, fehlt vor allem eines: – die Fähigkeit des Unterlassens
[...[6]]. Ein Wettlauf mit diesen Siegern ist ohne Sinn. Ein Hoffnungsschimmer,
ein Ausgang aus Unfrieden, Hunger, ökologischen Katastrophen ist wohl nur da
zu sehen, wo Gegenrhythmen zur Koalition der Kreuzzügler, der Macher, der
Planer zu finden sind: in der Fortsetzung jener unterirdischen Geschichte
der Dissidenten, der Besiegten, der Ohnmächtigen” (Gronemeyer, Reimer, 1985: 186).
Herrschaft
ist zugleich der Versuch, eigene Situationsdefinitionen durchzusetzen, Sinn-
und Wertverständnisse im eigenen Interesse zu erzeuugen, d.h. eine eigene Herrschaftsrealität zu konstituieren. In
ihrer Ambivalenz trägt sie in sich gleichzeitig wenn auch nicht
gleichgewichtig den Ansatz ihrer eigenen Widerlegung, des Zerfalls der
Herrschaft. Popitz (1968) versucht in
seinem Aufsatz über die ›Prozesse der Machtbildung‹ nach der überzeugenden
Darstellung der Selbstverstärkung
der Macht, des ,absurd‘ erscheinenden
Funktionierens der Selbstreproduktion
und Selbstreferenz des Herrschaftsprozesses auch die Ansätze einer Überwindung
jeweiliger Herrschaft zu thematisieren und kommt dabei zwangsläufig auf die Notwendigkeit,
von ,unten‘ oder von ,außen‘ her alternative Situationsdefinitionen, Sinngebungen
und Wertverständnisse herbeizuführen
– ein schwieriges Unterfangen, dass oft erst auf den Ruinen der
untergegangenen Herrschaft möglich ist, wie die weltpolitisch bedrückenden und
die militärischen Strategien immer wieder ad absurdum führenden Konflikte und
Kriege vom Golfkrieg bis zum ,Kampf gegen den Terror‘, der Zerstörung und
Bombardierung Afghanistans erneut beweisen:
Die entschlossenen Anhänger der Ordnung,
mehr braucht es nicht,
um die Welt in Trümmer zu stürzen.
Nur einige alte Anarchisten
suchen mit zitternden Köpfen
unter den Ruinen nach ein paar Steinen,
die zueinander passen (Geörgy Dalos: Aussichten 1979).[7]
Der bei Elias
dargestellte Prozess der Homogenisierung der zivilisatorischen
Standards im Zivilisationsprozess und der langsamen Herausbildung – d.h.
aber auch: Durchsetzung – einer Staatsgesellschaft (vgl. Voigt, 2001c), bedeutet in ihrem kulturellen
Kern die unüberschaubare Zahl gruppenbezogener kultureller Standardisierungen (Hansen, 1995, passim) zu reduzieren und einer zentralen Definitionsinstanz, nämlich der Herrschaft, zu unterwerfen. In diesem
Prozess der gesellschaftlichen
Homogenisierung entsteht die moderne Staatsnation,
bzw. der neuzeitliche Nationalstaat,
die selbst zu zentralen Kategorien und Ordnungsangeboten innerhalb der
durchgesetzten nationalen Politischen
Kultur werden. Die heute wieder auflebende öffentliche Diskussion über die
›Verbindlichkeit‹ einer deutschen ›Nationalkultur‹ ist dafür ein
bemerkenswerter Beleg.
Identität: Ein affirmatives Konzept
Identität gehört zu
denjenigen begrifflichen Kategorien, die aus der Philosophie über die Individualpsychologie
in die Sozialwissenschaften wie in die öffentliche Sprache diffundiert sind.
Im Zusammenhang mit der Durchsetzung einer begrifflichen
Vorstellung einer ›Nationalkultur‹
wie sie nicht nur in Polen sondern auch in den westeuropäischen Ländern im
Prozess des nation building an
Verbindlichkeit gewonnen hat, schließen sich einige Fragestellungen an, wenn
nicht nur die Herrschaftsfunktion des Nationalismus zu thematisieren ist,
sondern es zu problematisieren gilt, warum gerade diese Ideologie eine solche
gesellschaftliche Potenz erhält. Dies ist eng verknüpft mit der Durchsetzung
der Vorstellung von einer nationalen
Identität. Aus einer sozialpsychologischen Perspektive wird dabei das
Erklärungsmodell der gesellschaftlichen oder auch nationalen ,Identität‘ herangezogen
(vgl. Voigt, 2001d: 37-38). Doch ist
dies durchaus kritisch zu hinterfragen, wie es Reinhold Schmücker und Rainer
Hering (1994) darstellen: “Den rationalen Kern des Nationalpatriotismus
bezeichnet offenbar der Begriff der ›nationalen Identität‹, der sich zumal bei
Historikern großer Beliebtheit erfreut. Allerdings wird gerade dieser Begriff
oft so unspezifisch benutzt, dass man schon geargwöhnt hat, es handele sich
dabei lediglich um eine ‚verschämte Variante‘ zum Begriff ›Nationalismus‹
(Dieter Schellong). Was also ist ›nationale
Identität‹? Ist sie ein Gefühl der Zusammengehörigkeit von Menschen, die ein
und dieselbe Sprache sprechen? Oder ein Bewusstsein der eigenen Besonderheit
und Andersartigkeit, das die Bürger eines Staates miteinander verbindet?
Hat sie etwas mit kollektiver Selbstbehauptung zu tun oder mit der
Identifikation der einzelnen mit der Geschichte und Kultur ihres Volkes?”
Der Identitätsbegriff ist
in seiner staatlich-gesellschaftlichen Verwendung äußerst kritisch zu beurteilen
und selbst in gewissem Sinne ein auf Gefühlen aufgebautes verschleierndes
Ideologem. Doch würde es zu weit führen, das an dieser Stelle ausführlicher zu
diskutieren[8]. Doch sollen Schmücker
und Hering hier abschließend noch einmal zitiert werden mit einer sehr
einleuchtenden Überlegung:
“Identität ist die
Einheit von Unterscheidbarem: die Gleichheit von etwas mit etwas anderem. Als
personale oder Ich-Identität kann man folglich die projektive Einheit eines
individuellen Subjekts bezeichnen, das sich zu unterschiedlichen
Zeitpunkten als es selbst identifiziert. Jürgen Habermas hat diese personale
Identität vor zwei Jahrzehnten als ‚Fähigkeit sprach- und handlungsfähiger
Subjekte‘ definiert, ‚auch noch in tiefgreifenden Veränderungen der Persönlichkeitsstruktur
. . . mit sich identisch zu bleiben‘? Für eine normale Lebensführung ist
diese Fähigkeit ganz unabdingbar: Wenn sie fehlt oder verlorengeht, sind seelische
Krankheiten regelmäßig die Folge. Darüber hinaus besitzt die personale
Identität jedoch auch eine forensische Bedeutung, auf die schon John Locke
aufmerksam gemacht hat: Wenn ich derjenige bin, der in der Vergangenheit in
bestimmter Weise gehandelt hat, dann bin ich für die Konsequenzen dieses
Handelns verantwortlich. Die Identität eines individuellen Subjekts hat
allerdings nicht nur diese durch seine Selbstwahrnehmung bestimmte
Innenseite, sondern auch eine Außenseite, die von der Fremdwahrnehmung abhängig
ist. Sie kann sich mit meiner Ich-Identität decken, muss es aber nicht. Analog dazu läßt sich einer Gruppe oder
Gesellschaft eine kollektive Identität zuschreiben” [Hervorhebung
G.V.].
Gerade
aber diese letzte Schlußfolgerung ist grundsätzlich zu bezweifeln! Eine
Beschränkung des inflationär gebrauchten Begriffs Identität auf seine Kernbedeutung scheint sinnvoll und angezeigt: Identität ist das Bewusstsein, als Person zeitlich zu überdauern und derselbe zu
sein, der man gewesen ist und der man auch in Zukunft sein wird. Dass damit
ein psychischer Mechanismus und keine
objektivierbare Entität beschrieben wird, macht die Problematik des Begriffes
aus, der uns als Person und soziales Wesen konstituiert.
Damit ist das existenzielle
Erschrecken über den offensichtlichen Identitätsverlust
begründet, das uns gegenüber Hirnerkrankungen
wie der Alzheimerschen Krankheit oder den verschiedenen Formen von Alters- oder
Unfallfolgen-Demenz überkommt,[9] denn wir begründen unser Bewusstsein
zu existieren – also das Ich-Bewusstsein –
aus der Erfahrung – oder auch der Konstruktion –
eben dieser personalen Identität.
Nur durch die Annahme einer persistenten
Identität läßt sich die moralische, rechtliche und soziale Kategorie der persönlichen Verantwortung, d.h. also
letztlich die Frage nach Schuld und Sühne
und der Möglichkeit der sozialen
Sanktionen begründen. Für das soziale Zusammenleben ist daher ein Verzicht
auf das Konstrukt der Identität
undenkbar.
Oft wird gerade von dieser letztlich auch rechtlichen Überlegung
ausgehend, die Notwendigkeit einer institutionellen
oder staatlichen Identität
– also der kollektiven persistenten Verantwortlichkeit und Haftung für
die eigene Geschichte und Gegenwart – betont. Doch liegt dem eine zweifelhafte
Parallele zu Grunde. Institutionelle und staatliche Verantwortlichkeit
resultiert aus Vorstellungen des Vertragsrechtes
und der Vererbbarkeit von Ansprüchen
und Pflichten, gründet damit auf personalisierbare Interessen und
Machtrepräsentationen.
Die im Völkerrecht
festgeschriebene Verantwortlichkeit eines
Staates z.B. als ›Rechtsnachfolger‹
eines anderen (vgl. die Frage nach der Rechtsnachfolge des Deutschen Reiches
nach 1945) gründet entweder auf der durchsetzbaren Forderung der anderen Staaten
als historischer ‚Vertragspartner‘
oder auf seine bzw. auf seinem eigenen Interesse, nämlich durch Anerkenntnis
der historischen ‚Schulden‘ in
seinen anderweitigen ‚Forderungen‘
als ‚Gläubiger der Geschichte‘ anerkannt
zu werden und diesen Rechtswirksamkeit zu verschaffen. Diese aus dem Bereich
des Ökonomischen stammende
Ausdrucksweise wird hier nicht zufällig verwendet, sondern sie betont die aus
der Wirtschafts- und Handelsentwicklung und ihren Interessen zu Beginn der
europäischen Neuzeit stammende Herkunft des Vertragsgedankens und des
Vertragsrechts, das von der politischen Theorie im Gedanken des
Gesellschaftsvertrages übernommen und überhöht worden ist. Bezeichnendes Beispiel
für eine auf dem Vertragsgedankend basierende und gleichzeitig gesellschaftliche
Moderniserungsprozesse intendierende politische Philosophie findet sich in
Jean-Jaques Rousseaus Contrat Sociale.
Für die eigentliche Rechtssphäre ist hier zu verweisen auf die Begründung des
Völkerrechts aus dem Vertragsgedanken bei Hugo Grotius. Die Bundesrepublik
Deutschland bestand in ihrem Beharren auf der alleinigen Rechtsnachfolgerschaft zum Deutschen Reich trotz dessen
bedingungsloser Kapitulation auf der rechtlich-politischen Durchsetzung der
Wiederherstellung des ‚status quo ante‘,
also der sogenannten ‚Wiedervereinigung‘
(»Dreigeteilt niemals« lautete in den 50er und 60er Jahren eine verbreitete
Propaganda-Floskel).
Die Geschichte ist über diese historische Hypothek und die
darauf bezogenen Rechtskonstrukte hinweggegangen. Die Neue Ostpolitik und der politisch-gesellschaftliche Transformationsprozess
in Ost- und Spüdosteuropa haben die Frage nach einer etwaigen Rechtsnachfolge
zum Deutschen Reich obsolet werden lassen. Die Deutsche Einheit zu Beginn der 90er Jahre war eben nicht eine Wiedervereinigung, sondern ein Beitritt
der ‚gewendeten‘ DDR zur Bundesrepublik
Deutschland nach deren politischen Prämissen. Das Verhältnis zu den anderen europäischen
Staaten wurde in neuen Verträgen ausgehandelt und auf das neue Ziel der europäischen
Integration hin ausgerichtet.
Das politische Ziel einer ‚Wiedervereinigung‘
bestimmte jedoch die Prämissen der Politik der Bundesrepublik Deutschland bis
in die 70er Jahre hinein, in politisch konservativen Kreisen tendenziell weiterhin
bis 1990. Diesem Ziel wurde die, innenpolitisch eher einem Verdrängungsverdikt
unterliegende Frage von Schuld und Verantwortung für die NS-Verbrechen des
Deutschen Reiches außenpolitisch anerkannt und z.B. in ›Wiedergutmachungsleistungen‹ und entsprechenden politischen
Grundsatzbestimmungen gegenüber den Siegermächten (lange Zeit mit Ausnahme der
UdSSR) umgesetzt. Späte Folge ist letztlich noch die (wenn auch juristisch
gegen Widerstände durchgesetzte) Anerkenntnis der Entschädigungspflicht gegenüber
den Zwangsarbeitern im ‚Dritten Reich‘,
die, da es vor allem Osteuropäer betraf, in der Zeit des ‚Kalten Krieges‘ nicht thematisiert werden konnte und sollte.
Dieses Beispiel und seine Wandelbarkeit sowie seine innere
Widersprüchlichkeit lassen die Problematik eines Konstruktes einer Deutschen Nationalidentität deutlich
werden. Zur Kultur des heutigen Deutschlands gehört unausweichlich die Hypothek
der NS-Zeit und ihrer Verbrechen als evidentes
Potential der Politischen Kultur dieses
Landes (vgl. Hansen, 1995: 146). Doch
sind die personalen und politischen Repräsentationen dieses topos kontrovers und auch nicht
ansatzweise in Übereinstimmung zu bringen. Die schon betonte innere Verdrängung der Erinnerung an
Schuld und Verbrechen Deutscher und des Deutschen Reiches in der NS-Zeit war
lange Zeit nur formelhaft überdeckte Politik des Staates Bundesrepublik Deutschland und bestimmte das politische Bewusstsein politisch konservativer bzw. nationalistischer Kreise bis heute
(vgl. z.B. die Reaktionen auf die ›Wehrmachtsausstellung‹,
den ›Historikerstreit‹ und um die
Vergleichbarkeit von Nationalsozialismus und Stalinismus, sowie die flache
aber wirkungsvolle ›Schlußstrichdebatte‹,
die von der ,Gnade der späten Geburt‘
lebt, u.a.m.) und steht im krassen Widerspruch zur außenpolitischen Repräsentation einer Deutschen Identität
der Bescheidenheit, des Lernens aus der Vergangenheit und der Schuldanerkenntnis.
Die Frage, in wie weit aus dem Konzept der ›Politischen Kultur‹ oder auch aus der allgemeinen Kulturwissenschaft
heraus ein brauchbares Konzept einer ‚kulturellen
kollektiven oder nationalen Identität‘ zu entwickeln ist, erübrigt sich
eigentlich nach der erfolgten differenzierten Darstellung der Politischen
Kultur als ambivalentes,
funktionalisierbares und differenziertes,
im Kern als Prozess zu begreifendes
in Sozialisation und Enkulturation intergenerationell tradiertes Repertoir von Zeichen, Werten und
Verhaltensoptionen, das das gesellschaftliche Gedächtnis im Sinne einer Metakategorie ausmacht. Dieser
differenzierten Begrifflichkeit ein starres Identitätskonzept überstülpen zu wollen, macht einen adäquaten
kulturwissenschaftlichen Zugang zur gesellschaftlichen Realität obsolet.
Es stellt sich daher die Frage, welchen gesellschaftlichen
Stellenwert der Rekurs auf das
Identitätskonzept oder sogar eine explizite ‚Identitätspolitik‘ einnimmt. Hier wird der machtaffine Charakter des politischen Identitätsbegriffes deutlich.
Zum Ausgangspunkt unserer Überlegungen bezüglich des psychologischen Identitätskonzeptes
zurückkehrend, ist zu verdeutlichen, dass für den einzelnen Menschen neben dem Bewusstsein
der Identität als ‚Bild seiner selbst‘
eine gleich große und interdependent verbundene Rolle spielt.
Das Selbstbild ist nun
keineswegs mit dem Identitätsbewusstsein
zu verwechseln, auch wenn es mit ihm in wechselseitiger Funktionalität
verbunden ist. Selbstbilder bilden
keine feste Größe, sind keine Entitäten
im engeren Sinne, sondern bezeichnen die Grenzschicht
zwischen dem ‚Innen‘ und dem ‚Außen‘, dem Selbst und dem Anderen,
dem Eigenen und dem Fremden. Sie sind die Grundlage der Ich-Erfahrung und damit Voraussetzung
der Identitätsbildung. Deide Dimensionen
müssen aber deutlich voneinander geschieden werden.
Identität repräsentiert die Notwendigkeit
der Persistenz, der Dauer und Zukunftserwartung, letztlich auch des
metaphysischen Unsterblickeitswunsches.
Das Selbstbild bezieht sich auf die Gegenwart, ist aktiv und schließt das
Austauschverhältnis zwischen dem Selbst und seiner (sozialen) Umwelt mit
ein. Selbstbilder konstituieren sich
letztlich in permanenter Praezeption
und Antezeption der Fremdbilder. Sie sind Spiegelungen der Welt im Selbst wie des
Selbst in der Welt. In dieser Spiegelung
entsteht, kurz gesagt, die Persönlichkeit
als Resonanz auf die Erfahrung und Definition – d.h. das Versändnis – der Situation.
Über die Entstehung von Selbstbildern und von Persönlichkeitsmustern liegt eine
umfangreiche psychologische und sozialpsychologische Literatur vor, die hier
nicht referiert zu werden braucht. Klassische Konzepte finden sich in der Rollentheorie[10] und in der Sozialisationsforschung.
‚Persona‘, die Maske, ist letztlich
der Ausdruck eines konkreten Selbstbildes
und seiner nach außen gewendeten realen Repräsentation.
Dass damit Selbstbilder auch und in
erster Linie Resonanzen der ›Politischen Kultur‹ sind, ist die
Klammer der Kritik an den Konzepten einer
kollektiven Identität und der Darstellung
der ›Politischen Kultur‹. Die konkrete Repräsentation des Selbstbildes vor
dem Hintergrund der eigenen Biographie ist in hohem Maße situationsabhängig. Letztlich antwortet sie auf die von Außen an
das Selbst gestellte und von ihm antezipierten Frage: “Wer oder was bin ich”.
“Wer für mich,
wenn nicht ich?
Wie, wenn nicht
so? Wann, wenn nicht jetzt?”
schreibt Primo Levi in seinem bedrückenden Roman
“Wann, wenn nicht jetzt?” (1986: 174). Er beschreibt auch die Quelle dieser
talmudschen Frage in seinem Nachwort (377): “Die Anregung zu seinem Refrain
entnahm ich einigen Worten des Pirké Avoth
(Sprüche der Väter), einer Sammlung von berühmten Sprüchen der Rabbiner aus dem
2. Jahrhundert. Dort heißt es (Kap. I, § 13): »Auch sprach er (der
Rabbi Hillel): ›Bin ich nicht für mich, wer wird’s je sein? Und denke ich an
mich, was bin ich dann? Und wann, wenn nicht jetzt.‹« Selbstverständlich stimmt
die Interpretation dieses Spruches, die ich den Personen in den Mund lege,
nicht mit seiner orthodoxen Interpretation überein.”
Eigentlich würde eine rabbinische Disputation über Hillel viele
der Fragen klären helfen, die das verunglückte Konzept der Identität aufgeworfen hat. Die Rückführung
des ,Ichs‘ auf das Denken an sich selbst umfaßt Identität und reflexives
Selbstbild, und das ,wann, wenn nicht jetzt?‘ führt es in die prinzipielle
Gegenwart, in die Situation.
Primo Levi extrahiert aus diesem philosophischen Kontext die
aktive Seite, indem er das notwendige Handeln, die Entscheidung zum Widerstand
und zum Überleben dem “wann, wenn nicht jetzt?” der Person unterwirft. Diese
letztlich didaktische Wendung motiviert, die Kritik am Identitätskonzept zur
Grundlage einer reflexiven und selbstreferentiellen Pädagogik zu machen.
Zu den Mythologemen der heutigen Gesellschaft
gehört die Kategorisierung der Person nach ihrer Intelligenz. Die Intelligenz
wird, ob nun biologistisch hergeleitet oder milieutheoretisch fundiert, als
existenzielles Attribut der personalen Identität gewertet. Die
Widersprüchlichkeit und ideologische Besetztheit des Intelligenzbegriffs wurde
in den 90er Jahren noch einmal in der vor allem in den USA geführten
Auseinandersetzung um die “Bell Curve”
evident. Die Bedeutung der IQ-Forschung für das Identitäts-Theorem wird gerade bei Studien deutlich, die die
Fremdbildabhängigkeit der IQ-Entwicklung
bei Schülerinnen und Schülern empirisch untersucht haben[11] und größtenteils auf Prozesse der self-fulfilling prophecies (Merton,
1957) zurückführen konnten.
Identität und Selbstbild
Wenn schon
in solchen eher individualpsychologisch orientierten Ansätzen der Identitätsbegriff
relativiert und fragwürdig wird, so verstärkt sich eine fundamentale Kritik bei
der Auseinandersetzung mit den soziologischen Kategorien Beruf und Schicht und
ihrem Einfluß auf die Entwicklung individueller und gruppenbezogener
Selbstbilder. Dabei werden grundsätzliche Unterschiede in den verschiedenen
Gesellschaftsformationen deutlich, wie sie die Zivilisationstheorie untersucht hat (Elias, 1990) und wie sie für semiperiphere Regionen z.B. von Waldhoff (1995) dargestellt wird. Ein
zentraler Unterschied liegt in der sozialpsychologischen Bedeutung der Arbeit. Unsere Industriegesellschaft ist
im Gegensatz zu ruralen und semiperipheren Gesellschaften eine Arbeitsgesellschaft.[12] Das Selbstbild
spiegelt die Bedeutung, die die eigene Arbeit in der Gesellschaft hat. Liebow (1973) zeigt dies in drastischer
Form an randständigen Gruppen des Subproletariats, der ›Eckensteher‹, bei denen verinnerlichte Prozesse der self-fulfilling prophecy das Ausberechen
aus der verfestigten sozialen Situation verunmöglichen. Für die Betroffenen wie
für die Gesellschaft erscheinen diese Persönlichkeitsmuster als ›Identitäten‹ und sind doch Geflechte
von wechselseitig antezipierten Selbst- und Fremdbildern, die damit
gesellschaftliche Stabilität sichern. Es bestätigt sich hier unsere Eingangs
aufgestellte These vom herrschafts-affirmativen Charakter des Identitätskonzeptes.
Aus empirischer Perspektive bestätigt sich immer wieder die hohe
Variabilität von Selbstbildern.
Inhaltlich-kategorial unterscheiden sich typisch Selbstbildrepräsentationen:
- nach
Alter und Geschlecht (biologische und bio-soziale Determinanten),
- nach
sozialer Stellung und Biographie (Statuszuordnungen),
- nach
psychischer wie auch psychopathologischer Determination,[13]
-
nach
beruflicher Tätigkeit (Identifikation mit der Arbeit),
- nach
unterschiedlichen Akkulturationserfahrungen,[14]
- nach
unterschiedlichen Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen.
Die beiden
letztgenannten Kategorien werden oft als “ethnische
Identitäten” mißverstanden, sind aber im Kern gesellschaftlich induzierte
und präformierte Selbstbilder, die vor allem auf Dissonanzerfahrungen und ihrer (mangelnden) Bewältigung beruhen.
Am Beginn der Zerstörung von Selbstwerterfahrung und
Zukunftshoffnung steht die permanente Kränkung der Selbstbilder, es entstehen
Unterlegenheitsmythen, die die eigentlich individuell verstandene Identitäts-Empfindung zu einem
kollektiven Klassenschicksal machen.[15] Diese sekundäre
Interdependenz von ›Wir-Gefühl‹ und Selbstbild ist eine psychische
Begründung für die Annahme einer
kollektiven (ethnischen) Identität. Sie ist auch die Basis der ›Kränkungskonflikte‹, die heute als ethnisch-religiös fundierte Kulturkonflikte
wahrgenommen werden.
In einem weiteren Rahmen ist die ›Identitätshypothese‹ auch eine Frage der wahrgenommenen,
wahrzunehmenden und zu gestaltenden Umwelt im sozialen und biologischen
Kontext.[16] In Bezug auf die politische Bildung ist hier über ein innovatives
Konzept der “Sozioökologie”[17] eine Verknüpfung zu raumwissenschaftlichen Ansätzen herzustellen,
wie es Claußens[18] Forderung nach einem Paradigmenwandel
der Politischen Bildung auch in Hinblick auf eine notwendige ökologische Bildung hervorhebt. In der
heutigen urbanen Zivilgesellschaft wird damit die städtische materielle Umwelt[19] zu einer Inszenierung
von Symbolverhalten und symbolischen Orientierungen, die
gesellschaftliche Realitäten definieren oder erst schaffen. Im Zusammenhang mit
dem inszenierten Terror, der 2001 im globalen Bewusstsein einen tiefen
Einschnitt bewirkte gerade durch seine Fähigkeit, Realitäten, die für sich
genommen keineswegs neu sind, im Bewusstsein
neu zu kreieren, wird der inszenierte
Charakter kollektiver Identitäten offensichtlich. Die materielle Umwelt und
ihre ,Katastrophen‘ werden zur permanenten Bühne von Fremd- und Selbstinszenierungen
und zum Forum der Machtprozesse.
Ihre Formung erhalten die Potentiale und Verständnisrahmen
gesellschaftlicher Inszenierungen im sozialpsychologischen Bereich durch die
(lebenslangen) Sozialisationsprozesse. Lange hat man gerade im
schulpädagogischen Bereich ein recht eindimensionales und deterministisches
Bild der Sozialisation im Jugendalter der didaktischen Arbeit zu Grunde gelegt.
Daraus resultierten entsprechend gering differenzierte, grob
schichtorientierte Modelle des Unterrichts und der Schulorganisation. Das
wurde erst grundsätzlich in Frage gestellt, als die Dominanz von Migrationsprozessen
immer deutlicher werdende Fragmentierungsprozesse in der ›Politischen Kultur‹
Mitteleuropas bewusst machten.
Sozialisation erfolgt zunehmend auch in der Schule in der Form von Akkulturation.[20] Damit verliert die These von der Einheitlichkeit und
Homogenität der ›Politischen Kultur‹ ebenso ihre prima face ,Selbst-Verständlichkeit‘ wie die Hypothese einer die
›Politische Kultur‹ tragenden kollektiven
Identität.
Welche Ausprägung das Selbstbild
konkret annimmt und welcher kategoriale
oder normative Bezugsrahmen
genutzt wird, ist von den genannten Bedingungen der persönlichen Struktur wie von der augenblickliche gesellschaftlichen Situation abhängig.
Damit ergibt sich eine funktionale
Verknüpfung der Selbstbilder von
gesellschaftlichen Situationsdefinitionen,
die, wie wir wissen, herrschaftsaffin sind. Eine empirische Erhebung von Selbstbildern wird eine große Bandbreite
heterogener Selbstbeschreibungen ergeben, z.B. „ich bin...” „gesund”, „ein
Mädchen”, „Straßenbahnfahrer”, „Beamter”, „Hannoveraner”, „schön”, „ein
starker Typ”, „sexy”, „intelligent”, „Politiklehrer”... und es bedarf meist
der Nachfrage, in welchen Bedeutungskontexten diese Selbstdefinitionen stehen
und wie typisch und dauerhaft sie im Bewusstsein
des jeweiligen Menschen sind.
In dem Moment, wenn das Bewusstsein
und damit die eigene Ausdrucksform der Politischen Kultur einer Vielzahl von
Mitgliedern einer sozialen Gruppe von existentiellen virulenten oder offenen
Konflikten bestimmt wird, wenn ganz persönlich Ordnungssicherheit und
Zukunftssicherheit bedroht werden und Angst zur bestimmenden subjektiven
Befindlichkeit wird, prägt sich das auch massiv in den Alltagskonzepten der
Selbstbilder aus, die sich immer stärker durch Integration in die angenommene Eigengruppe auszeichnen und diese Gruppenzugehörigkeit als dominierende
Zuordnungskategorie verstehen. Wenn sich diese Gruppe, zumeist bewusst durch Herrschaftszwänge, als
ethnische oder religiöse Gruppe definiert und nach außen abgrenzt, wird diese
Gruppendefinition als geglaubte
Gruppenidentität angenommen. Dass diese psychogenetische Homogenisierung
die soziale Gruppe zusammenbindet, abschließt und in ihrer Herrschaftshierarchie
absichert, ist der Handlungskern der Ethnogenese.
Im Nahostkonflikt, dessen historische und gesellschaftliche
Ursachen äußerst differenziert und vielschichtig sind, reduziert sich die ethnische Gruppenidentität nach
Jahrzehnten der Konfrontation auf die Zuordnung zur Gruppe der Palästinenser oder Araber einerseits und die der Juden
oder Israeli andererseits. Erst
bedingt durch räumlich-gesellschaftlichen Abstand vom Konflikt selbst
verschiebt sich die Wahrnehmung – auch hier wieder durchaus gewollt und im
Herrschaftsinteresse evoziert – auf einen ›Kulturkonflikt‹ zwischen islamischem Arabertum und christlich-jüdischem Westen, der alle
internen Differenzierungen ausblendet und zu einem Schwarz-Weiß-Denken hinführt
(hinführen soll).
Diese intendierte
Entdifferenzierung des Denkens, die damit den Kern der westlichen säkularen
Kulturerrungenschaften in Frage stellt, ist die Evidenz für den ›politisch
unkorrekten‹ und damit tabuisierten kritischen Einwurf, dass sich die
Denkstrukturen Bin Ladens und George W. Buschs strukturell gleichen.[21]
Veränderungen in der
Codierung der Politischen Kultur
Die
Untersuchung der Traditionslinien, die die ›Politische Kultur‹ ausmachen, konzentriert
sich zumeist auf bestimmte Inhalte, in denen der Ausdruck der ›Politischen
Kultur‹ zu einer bestimmten Zeit fokussiert wird.
Dabei sind für den mitteleuropäischen Bereich die phantasiebestimmte, undifferenzierte,
christlich-gentile Kulturwelt des Mittelalters, die strukturelle Ähnlichkeiten
zur heutigen ›Politischen Kultur‹ in den Gebieten der Semiperipherien aufweist, von der Entwicklung der höfischen Zivilisation mit ihren ›Manieren und Höflichkeiten, ihrem
formalisierten und z.T. sozial ritualisierten Verhaltenskodex, wie sie von Norbert Elias dargestellt wird, der
nachfolgenden ›Politischen Kultur‹ der Nationalstaatenentwicklung,
im Sinne der Ethnogenese und des ›nation building‹ zu unterscheiden von
heutigen Formen der ›Politischen Kultur‹ der industriell-medialen Massengesellschaft im Spannungsfeld von Individualisierung und Globalisierung bzw. Universalisierung.
Die Schwierigkeit besteht darin, in einer differenzierteren und
mehrschichtigen Untersuchung dieser Traditionen Persistenz und Wandel
gültig voneinander unterscheiden zu können. Am auffälligsten ist, dass sich
die verschiedenen Phasen entsprechend der Vermittlungssituationen
und der Kommunikationsstrukturen in
ihrer dominierenden Codierung unterscheiden.
Die Symbolik der mittelalterlichen Kultur ist weitgehend narrativ, umgesetzt in Mythen und Sagen, die eine abstrakte gesellschaftliche Realität und Erfahrung repräsentieren, in ihrer oralen Vermittlung aber tendenziell als wortwörtliche Realitätsüberlieferung
verstanden werden.
Hier lassen sich Ansätze für eine Interpretation heutiger religiöser Fundamentalismen – die
nicht mit ihrer politischen Inanspruchnahme z.B. im ›politischen Islam‹ (vgl. Antes
1996 und 1997) oder in restaurativ-katholischen
Splitterparteien im heutigen polnischen Sejm verwechselt werden
dürfen – finden, deren Bewusstseins-Horizont
letztlich anachronistisch ist. Die
Tradition polnischer kultureller Anachronismen
wird ebenfalls angesprochen bei Nettelmann
/ Voigt, 1986: 167 f., 171 ff.
Einzelne zeichenhafte
Symbole sind allgegenwärtig und allgemein verständlich – das Kreuz als
Symbol des Christentums, daneben das Lamm, die INRI-Initialen u.a. – und
stellen den Kontext der oralen Übermittlung her und werden selbst umrahmt und
konkret-veranschaulicht in einer Vielzahl von Heiligen-Legenden, die den personalen
Charakter der Kultur und der kulturellen Wahrnehmung repräsentieren. Bilddarstellungen finden sich nur im
kirchlichen Raum oder im Lebensbereich der Adligen Oberschicht und sind ›Erziehungsmittel‹ kirchlicher
Überlieferung und Werte-Vermittlung.[22] Die Bildprogramme
sind auf Standardisierung der Vorstellungswelten
und auf Wiedererkennbarkeit hin
angelegt. Sie befestigen die kulturelle Monopolstellung der Kirche in Bezug
auf Ansätze kultureller Standardisierung in einer ansonsten kulturell dezentralen,
lokal orientierten ruralen Gesellschaft.
Nun sollte man nicht meinen, dass diese Inhalte in der Folgezeit
vollständig abgelöst worden wären. Sie sind bis heute mehr oder weniger
deutlich als unterströmige Potentiale der ›Politischen Kultur‹ vorhanden,
verfügbar und auch funktionalisierbar, wie die temporären Rückgriff auf
traditionale Symbol- und Vorstellungswelten bei sich z.B. christlich
legitimierenden Nationalismen immer wieder beweisen lassen.
In der Phase des Zivilisationsprozesses, den Elias darstellt, verfeinert und abstrahiert
sich die Überlieferung. Die Sinngebung der sozialen Realität der ›vorbildlichen Legenden‹ wird
überführt in eine durch Erziehung verbindlich zu machende Regelung des ›richtigen‹ und damit ›sinnvollen‹ Verhaltens und Lebens. Die
Symbolebene wird in die alltäglichen Handlungen selbst verlegt (Grußrituale,
Manieren des Essens, der Sexualität, des formalisierten Gewaltmanagements, wie
es von Elias in vielfältigen
Beispielen erläutert wird.
In den folgenden beiden Phasen des nationalstaatlichen ›nation building‹ und der nachfolgenden
– ich nenne sie einmal im Vorgriff ›nach-nationalstaatlichen‹ –
Gegenwart, die in mancher Hinsicht in Bezug auf konkrete Verhaltens- und
Wertvorstellungen und -normen antithetisch
erscheinen mögen – und damit dialektische Geschichtsbetrachtung
stützen –, vollzieht sich aber in Bezug auf die Repräsentation und
Codierung der ›Politischen Kultur‹ eine durchgängige Entwicklung, die eine
grundsätzliche Kontinuität und Persistenz der gesellschaftlichen
Entwicklung erweist.
Eine nationalstaatsfixierte
›Politische Kultur‹ als Funktion oder Funktionalisierung von
Herrschaftsinteressen, die im Prozess des ›nation
building‹ durchgesetzt werden, ist, wie das 19. Jahrhundert zeigt, in sich äußerst
widersprüchlich und in seiner Codierung
unklar. Darin zeigt sich, dass es sich um den Versuch handelt, ›Politische
Kultur‹ als nationalistisches Artefakt
neu zu schaffen, was ohne um- und missdeutende
Rückgriffe auf den als ‚Steinbruch‘ betrachteten Fundus des kulturellen
Erbes mit seinen Symbolen und Vorstellungswelten nicht möglich gewesen wäre.
Die Narrative Tradition
kumuliert in verschriftlichter Form in historischen
Epen und der Hinwendung zu Volksmärchen
und Sagen. Neben kaum mehr nachvollziehbarer
Emphasierung und Geschichtsklitterung wie bei Felix
Dahn oder Gustav Freytag stehen
ernsthafte wissenschaftliche Bemühungen wie bei den Brüdern Grimm oder in Südosteuropa Pál Kadosa oder Béla Bartók. Die polnische Literatur repräsentiert die
(qualitative) Breite dieses narrativ-mystifizierenden Nationalismus vor dem
Hintergrund der ›Nichtexistenz‹ eines
polnischen Staates und dem gleichzeitigen Festhaltens an der kulturellen,
identitätsstiftenden ›polonitas‹
in einer Vielzahl von historischen Romanen und Nationalepen, wie denen von Mickiewicz, Sienkiewicz oder Slowacki, die an anderer Stelle in diesem Band als exemplarische
Elemente der ›polnischen Nationalkultur‹
dargestellt werden. Bezeichnend ist jedoch in jedem Falle, dass dem
uminterpretierenden Aufgreifen der historischen Narration im 19. Jahrhundert ein anachronistisches Geschichtsverständnis
zu Grunde liegt, die der Entwicklung der wissenschaftlichen Welt- und
Geschichtsbilder und den manifesten Sozialkonflikten widerspricht und sie im
öffentlichen Bewusstsein anathematisiert. In den entwickelten
Staatsgesellschaften Mittel- und Westeuropas waren zu diesem Zeitpunkt die nationalistisch-narrativen Traditionen
weitgehend abgebrochen und sind im 20. Jahrhundert durch die Brüche der
literarischen Moderne wieder nahezu in Vergessenheit geraten oder zur ›Jugendliteratur‹ herabgestuft worden
– was die gefährlichste Form einer ›Traditionsbewahrung‹
darstellt. Der anachronistische Rekurs auf die narrative Codierung der ›Politischen Kultur‹ im 19. Jahrhundert
blieb Episode, zeigt aber, in wie starker Weise obsolete Codierungen und erst
recht Inhalte der ›Politischen Kultur‹ im unterströmigen Symbol-Repertoir
verfügbar und damit aktualisierbar und im Herrschaftsinteresse funktionalisierbar
bleiben. Im 19. Jahrhundert bezeichnen diese Rekurse die herrschende
Repräsentation der ›Politischen Kultur‹ vor allem der Wilhelminischen Zeit in
Deutschland.
In unserem Zusammenhang wird gerade dadurch deutlich, dass die
(literarischen) Texte, um die es hier geht, heute anders gelesen werden: als aufregend-exotische Abenteuerwelten,
die kaum andere Reaktionen evozieren als Star
Treck oder Tarzan. Es müsste
insbesondere dann genauer untersucht werden, wenn die literarisch-politische
Intention obsolet geworden ist und zudem heute in der Regel unverstanden
bleibt, wie das ›verdeckte Curriculum‹
der Charaktere und Wertungen weiter wirkt und immer noch in der ›Politischen
Kultur‹ virulent und verfügbar ist. Dies ist eine gleichermaßen brisante Frage,
wenn es sich um die historische polnische Nationalliteratur handelt, die –
wiederum charakteristisch – im
20. Jahrhundert zur beliebten Vorlage für historische Monumentalfilme wurde und
heute noch in der Lage ist, mehr oder weniger aggressive Nationalstereotype und
überhöhende Selbstbilder zu vermitteln. Im Bereich der semiperipheren Regionen
ist diese Gefahr als noch brisanter einzuschätzen, wenn zum Beispiel in der
türkischen Literatur ein seit dem Ende des 19. Jahrhunderts fortdauernder
nationalistischer Konsens vorzufinden ist, der damit Teile der literarischen
und philosophischen Moderne von der kulturellen Entwicklung der Türkei fern
hält. Die hochaufgeladene Aggressivität der historisch-nationalistischen
Literatur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im damaligen Osmanischen
Reich untersucht Elçin Kürsat-Ahlers (1995) indem sie
„Die Brutalisierung von Gesellschaft und Kriegsführung im Osmanischen Reich
während der Balkankriege (1903-1914)” sozialgeschichtlich als funktionalen
Bezug der „Brutalisierung der
Gesellschaft” und der Brutalisierung der literarischen Intelligenz darstellt.
Die reduktive
Symboltradition wird ebenfalls im 19. Jahrhundert anachronistisch
aufgegriffen und eklektizistisch überstrapaziert mit Kreuz, Adler, Sonnenscheibe und stilisierten saekularen ‚Heiligenfiguren‘, wobei römisch-imperiale,
pseudo-germanische, christliche und ›volkstümliche‹ Symbolik eine heute schwer
erträgliche Symbiose eingehen (nach dem Motto: „was ein Symbol an Sinngebung
und politischer Demagogie nicht schafft, schaffen zwei oder drei Symbole sicherlich”.
Architektonisches ‚Meisterstück‘
dieser Symbolklitterung bis hinein in das übergeordnete Bauprogramm ist das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig aus dem
Jahr 1913. Den historisch-ideologischen Hintergrund im Kaiserreich kurz vor dem
Ersten Weltkrieg im vorliegenden Zusammenhang zu kennzeichnen, ist müßig – weil
offensichtlich. Es ist hier aber hervorzuheben, dass weder die damalige Intention
noch das ›unterschwellige Curriculum‹, wie es heute gelesen werden könnte,
diese Bau- und Symbolsprache ohne entsprechende kritisch-distanzierende, aufklärerische
Einführung heute noch richtig gelesen werden können, wie die abstruse Idee des
Leipziger Rates, das Denkmal heute ohne weitere methodische Attribute und
Begleitung als “Aufruf zum Frieden” zu verstehen, erschreckend deutlich macht.
Nach der Katastrophe des Nationalsozialismus, die in der
historischen Erinnerung sehr eng an rigide und inflationär gebrauchte
zeichenhafte Symbolik gebunden ist – am deutlichsten sichtbar in der
Omnipräsenz des Hakenkreuzes, der Fahnen oder der SS-Runen –, ist in der
Bundesrepublik Deutschland ganz generell gegen diese Form der Repräsentation und Codierung der ›Politischen Kultur‹, die durch verbrecherische
Herrschaftsausübung korrumpiert wurde, verständlicherweise eine deutlichere
Distanz aufgebaut worden als bei unseren europäischen Nachbarn, geschweige denn
bei den Ländern der Semiperipherien, deren ›nation
building‹ heute noch nicht in dem Maße abgeschlossen ist wie in Mittel- und
Westeuropa. Auch hier ist wieder die Türkei ein typisches Beispiel, wo der
Alltag durch Nationalsymbolik und Nationalflaggen ebenso durchsetzt ist wie
die ikonenhafte Allgegenwart von Atatürk-Bildern, die über den
Herrschafts-Aspekt hinaus längst den privateren Charakter von Devotionalien
angenommen haben, wie die Ikonen der christlichen Ostkirchen, über deren
Funktion schon einige historische Aussagen gemacht wurden (vgl. Anm. 22). Generell ist aber festzuhalten, dass heutige sozio-ökonomisch hoch entwickelte Gesellschaften im Spannungsfeld von Individualisierung und Globalisierung diese zeichenhafte Selbstvergewisserung immer weniger benötigen und differenziertere Identifikations- und Tradierungsmuster nutzen, die den Möglichkeiten moderner Kommunikation und ihrer verfügbaren Technologien nutzen. Es gehört in diesem Zusammenhang zu den Widersprüchlichkeiten der US-amerikanischen ›Politischen Kultur‹, dass sie einerseits globaler Vorreiter der modernen Kommunikationsformen ist, andererseits einem exzessiven nationalistischen Flaggen- und Symbolkult huldigt. Es gibt zweifellos Hinweise auf innergesellschaftliche Widersprüche, historische Bruchlinien und nicht |