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Aus: Lothar Nettelmann / Dariusz
Adamczyk, Hrsg.:
Zur Frage einer
polnischen Nationalkultur - Polen in Europa: Vergangenheit, Gegenwart,
Zukunft.
Dariusz Adamczyk Einige Bemerkungen zu historischen und zeitgenössischen Aspekten der Integration Polens in die Europäische UnionFragestellungAuf dem Symposion der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hannover ›Zur Frage einer Nationalkultur in Polen‹ sind einige für das polnische Selbstverständnis zentrale Fragestellungen entwickelt worden. Im Mittelpunkt der Diskussion stand die Problematik der Bestimmung und des Einflusses der aus der Szlachta-Gesellschaft und der Literatur des Romantismus tradierten Verhaltensnormen, Wertesysteme und Denkweisen auf die politische Kultur Polens, die die Integration der polnischen Gesellschaft in die Europäische Union, also ihre Anpassung an die dort herrschenden Standards, erschweren könnten. Dabei gewinnt die Debatte über den ›polnischen Sonderweg‹, über die vermeintlich von Westeuropa abweichenden Entwicklungsstrukturen um so mehr an Bedeutung, je näher die EU-Integration Polens rückt. In der sozialwissenschaftlichen Literatur begegnen uns etliche, in der polnischen Geschichte wurzelnde ›Modernisierungshemmnisse‹ soziopolitischer Natur,1 die wie folgt zusammengefasst werden:
Wenn die These zutrifft, dass die in der Szlachta-Gesellschaft geprägten und in der Teilungszeit verstärkten Denk- und Verhaltensweisen bis heute wirken und die Integration der polnischen Gesellschaft negativ beeinflussen oder sogar verhindern, ist die Frage zu beantworten, ob die politische Kultur der Adelsrepublik tatsächlich als rückständig bezeichnet werden kann? Im folgenden soll in knapper Form zunächst auf den zentralen Aspekt der oben skizzierten Thematik – das berühmt-berüchtigte ›liberum veto‹ – eingegangen werden, dann auf die Frage der romantischen Tradition. Geschichte und Gegenwart der politischen Kultur in PolenBereits im 19. Jahrhundert wurde die Adelsrepublik als ein Staat dargestellt, der heillos zerrüttet und als Wahl-Königtum (seit 1572) politisch ohnmächtig war. Das ›liberum veto‹ bezeichnete man als einen Verfassungsdefekt und Quintessenz der Adelsanarchie, das noch verstärkt durch die für Wirren sorgenden Konföderationen, zum Sturz des politischen Systems der Adelsrepublik führte. Interessant ist, dass dieses Bild sich nicht nur in Deutschland durchsetzte (das den Polen gegenüber nicht immer wohl gesonnen war), sondern auch unter den polnischen Historikern selbst, die sich als ›Aufklärer‹3 begriffen, die mit der Mythologisierung der polnischen Geschichte aufzuräumen gedachten. Der Adelsrepublik hat man als Gegenmodell die absolute Monarchie gegenübergestellt. Folglich ist die Überzeugung entstanden, alles, was “... keine Tendenz zur ›Modernisierung‹ in bezug auf die Vorherrschaft des Staates über die Gesellschaft zeigt,”4 sei als rückständig, anachronistisch und gar anarchisch zu bewerten. Bei genauem Hinsehen kommt man allerdings zu einem differenzierteren Bild. Im 16. Jahrhundert hat sich im polnischen Parlament zwar formal kein Mehrheitsprinzip durchsetzen können, in Wirklichkeit aber wurden Mehrheitsentscheidungen getroffen, die sich über Einsprüche der Minderheit hinwegsetzten. Diese Mehrheitsentscheidungen ermöglichte die geschickte Zusammenarbeit des Königs mit der Abgeordnetenkammer, in der Reformanhänger die Oberhand behielten. Nach der polnisch-litauischen Union 1569 und dem Aussterben der Jagiellonen-Dynastie 1572 begann der Adel einen immer größeren Druck auf die Einstimmigkeit der Beschlüsse auszuüben, um wirkliche bzw. vermeintliche Absolutismus-Bestrebungen der Zentralgewalt zu verhindern. Die Funktionsfähigkeit der Reichstage blieb nichtsdestotrotz bis Mitte des 17. Jahrhunderts intakt, nicht zuletzt weil eine breite Adelsöffentlichkeit gegen den Verfall des Reichstages auftrat und Wege zur Durchsetzung von Beschlüssen gefunden hat. Das Polen des 16.-18. Jahrhunderts kann demnach als ein republikanisches System mit einem – freilich nur für die Szlachta – demokratischen Charakter bezeichnet werden. Dieses System, in dem Prinzipien direkter Demokratie – Provinziallandtage, Konföderationen, Königswahlen – praktiziert wurden, beruhte auf Adelsfreiheit, Gleichheit und Bürgerrechten, wobei sie nur für etwa 8-10% der Bevölkerung galten. Norman Davies hat die politische Konzeption Henry Thoreaus mit den Werten der Szlachta-Gesellschaft verglichen und darauf verwiesen, dass die letzteren auf größeres Verständnis im polnischen Sejm gestoßen wären als in jedem anderen europäischen Parlament. Thoreaus Motto, die beste Regierung ist solche, die am wenigstens regiert, hätte als Quintessenz der Überzeugung der Adelsopposition, die sich gegen die Stärkung der Zentralgewalt richtete, breite Zustimmung auf allen Provinziallandtagen gefunden.5 “Das ›liberum veto‹ hingegen, das zum ersten Mal 1652 zur Geltung kam, ”... ist weniger eine Verkörperung der Adelsanarchie als vielmehr ein untaugliches politisches Instrument in den Händen der sich bekämpfenden Magnatenfraktionen, die weder einzeln für sich noch mit Hilfe des Königs eine Vormachtstellung zu erlangen vermochten.”6 Das ›liberum veto‹ war Ausdruck eines übertriebenen Legalismus, der die Rechte eines einzigen Abgeordneten schützte.7 Nur am Rande sei erwähnt, dass 1652 die Adelsrepublik sich in einer Krise befand, deren sichtbarstes Symptom der bereits seit 1648 andauernde Kosaken-Aufstand war. Die im späten 18. Jahrhundert vorgenommenen Reformen des Staates – u.a. die Abschaffung des ›liberum veto‹ und des Konföderationsrechts – zeigen, dass das politische System der Adelsrepublik durchaus wandlungsfähig war. Das am 3. Mai 1791 beschlossene Grundgesetz stellte die erste Verfassung Europas dar. In der Zeit der Teilungen hat ein Großteil des Adels nie den Gedanken aufgegeben, die Unabhängigkeit wiederzuerlangen. Die gescheiterten Aufstände, vor allem im 19. Jahrhundert, führten dazu, dass die Polen als Rebellen und Romantiker wahrgenommen wurden, die sich durch das ausgeprägte militärische Engagement und Heldentum sowie die damit verbundene Fehleinschätzung gegenüber den Teilungsmächten auszeichnen. Die polnische, vorzüglich durch die romantische Literatur des 19. Jahrhunderts verstärkte Tradition sollte der Satz von H. Sienkiewicz widerspiegeln: “Unglücklich das Land, das keine Helden hat.” Dem wird der Satz von B. Brecht gegenübergestellt: “Unglücklich das Land, das keine Helden nötig hat.”8 Die Tradition der Aufstände, des aktiven Kampfes dürfte sicherlich auf einen Teil der polnischen Nation, vor allem den Adel, zugetroffen haben. Dennoch: Es gab auch die Tradition der Verständigung, die aus der Notwendigkeit erwuchs, einen tragfähigen Kompromiss zwischen den gegensätzlichen Lagern des Loyalismus und des Widerstands zu schaffen. Vertreter dieser Position unterschieden sich von den Loyalisten durch die Überzeugung, dass die nationalen Traditionen sich in politischen Organisationen und Institutionen niederzuschlagen haben, von den Widerständlern hingegen dadurch, dass sie das bestehende Regime akzeptierten. Hier sei u.a. auf die Gestalten F. K. Drucki-Lubecki und A. Wielopolski9 verwiesen. Spätestens nach dem gescheiterten Januaraufstand 1863/64 hat man erkannt, dass der militärische Widerstand unter den herrschenden Umständen nicht viel taugt. Kritik übten die sog. ›Warschauer Positivisten‹, für welche die kulturellen und wirtschaftlichen Ressourcen der polnischen Nation noch nicht genug entwickelt waren, um einen unabhängigen Staat zu bauen und dann zu erhalten. Sie gingen davon aus, dass man in den polnischen Provinzen zuerst Handel und Gewerbe verbessern, Städte und Eisenbahnen aufbauen sowie das Bildungsniveau und das Nationalbewusstsein der polnischen Bevölkerung heben müsse. Ihr Motto lautete: “Wir brauchen keine eigenen Soldaten, Minister und Parlamente, um bequem und glücklich zu leben. Uns genügen die handels-industriellen Eroberungen sowie zivilisatorische Errungenschaften.”10 Diese Positionen wurden in dem nach 1918 bereits unabhängigen Polen von Roman Dmowski11 und seinen Anhängern vertreten: Die Zweite Republik (so bezeichnete man den 1918 gegründeten polnischen Staat) sei kein Wert an sich, wenn sie nicht auf soliden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fundamenten beruhen wird.12 Eine pauschale Gleichsetzung der Szlachta-Gesellschaft mit Anarchie, Chaos und politischer Unfähigkeit zeigt also die Vergangenheit Polens genauso eindimensional wie die Ableitung der Verhaltensweisen und -normen der Polen ausschließlich aus der romantischen Tradition. Auch in der gegenwärtigen polnischen Gesellschaft lassen sich zwei grundsätzlich konträre Auffassungen des nationalen Selbstverständnisses unterscheiden. Während die sog. Traditionalisten die nationalen Werte hervorheben, sehen die ›Modernisierer‹ oder ›Revisionisten‹ in der EU-Integration den wichtigsten Faktor für die Modernisierung Polens und für den zivilisatorischen Aufstieg der Gesellschaft. Die Letzteren glauben, mit nationalen Geschichtsmythen aufräumen zu können, was am ausdrücklichsten die Worte einer Schriftstellerin widerspiegeln, sie dürfe “endlich in ihrer Prosa ihre Orgasmen zählen und nicht mehr nur die Toten.”13 Wie verhält es sich mit der politischen Kultur Polens nach 1989? In dem vom Warschauer Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung durchgeführten EU-Monitoring-Projekt werden Chancen und Grenzen der Integration Polens in europäische Strukturen dargelegt. Aus der Studie geht hervor, dass die Leistungsfähigkeit des Staates und der öffentlichen Verwaltung ein Hemmnis für langfristige und strategische Ziele wie die europäische Integration ist. Der formale Staatsaufbau wecke zwar keine Zweifel, aber die praktische Umsetzung im Bereich der verfassungsmäßigen Ordnung bleibe ein Problem. Es wird auf die Tatsache hingewiesen, dass in Polen das Recht politisch instrumentalisiert wird. Das System von Interessenrepräsentation in Polen stellten Autoren des Berichts als inkohärente Verbindung von Klientelwirtschaft und Korporatismus dar, wobei die Tendenz zur Klientelwirtschaft an Intensität gewinnt.14 Ähnlich kritisch beurteilt die Lage Wiktor Osiaty½ski, demzufolge die politische Elite Polens den Staat als potentielle Beute wahrnimmt. Im polnischen Wertesystem existiert weder ein Rechtsbewusstsein noch ein Wirtschaftsverständnis, was der Autor auf die langfristigen Folgen der Teilungen zurückführt. Da sich in Polen keine Zivilgesellschaft herausgebildet hat, sind die Bürger nicht imstande, sich gegen die Allmacht des Staates zu wehren.15 Während Osiaty½ski für eine Privatisierung des Staates plädiert, geht die Soziologin Jadwiga Staniszkis davon aus, dass seine vorschnelle Privatisierung zur Entstehung von Machtstrukturen führte, die sich erheblich von denen des Hobbeschen Staates unterscheiden. Der polnische Staat hat sich nach Staniszkis in den letzten vier Jahren aus den zentralen Lebensbereichen zurückgezogen und das Feld der Kommerzialisierung sowie suspekten Klientelsystemen überlassen.16 Korruption, fehlende Rechtsstaatlichkeit, Populismus oder die schwache Leistungsfähigkeit des Staates können allerdings in keiner Weise als ‘typisch‘ polnisches Phänomen betrachtet werden, dem die Tradition der Szlachta-Gesellschaft zugrunde liegt. Ein vordemokratisches Politikverständnis begegnet uns nicht nur in Ost- und Ostmitteleuropa. Das Beispiel Italiens mit Silvio Berlusconi, der die Gewaltenteilung verachtet, seine Kritiker für Feinde hält und als Kommunisten – die übelste Beschimpfung aus seinem Mund – denunziert, zeigt das Gegenteil. In diesem Zusammenhang ist auch auf die ‚Schwarzen Kassen‘ der Christdemokraten in der BDR hinzuweisen, die deutlich zeigen, wie ,europäisch‘ dieses Problem ist. Auch das Phänomen des Populismus, dessen Paradebeispiel in Polen der selbst ernannte Bauernvertreter Andrzej Lepper darstellt, ist im europäischen Kontext zu sehen. Einen beachtenswerten Ansatz liefert diesbezüglich der italienische Schriftsteller und Journalist Dante Andrea Franzetti. Er versucht das Phänomen des Populismus in Europa mit der Ausbreitung eines ›Homo oeconomicus‹ zu erklären, der den ,politisch denkenden Menschen‘ ersetzt. Franzetti sieht die Politik nicht einfach als Verwaltung oder Managment, sondern Gestaltung und Vision, nach denen sich die Menschen sehnen, die immer ein Bedürfnis nach idealen Zielsetzungen haben werden. Da die Politik aber das Bedürfnis nicht zu befriedigen vermag, wird dieses Feld von Extremisten, Utopisten und Vereinfachern besetzt. Franzetti zufolge sind paradoxerweise die Blochers, Haiders, Bertinottis, aber auch Leppers, “die einzigen verbliebenen echten Politiker, indem sie der Politik – allerdings in perverser Weise – ihre ideale Sphäre zurückgeben.”17 Tradition des sozioökonomischen RückstandsDass die Integration Polens in westeuropäische Strukturen dennoch mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden ist, muss festgehalten werden. Sie sind allerdings nicht in erster Linie auf die politische Sphäre zurückzuführen – zumal Polen die wichtigsten Bedingungen der EU im Hinblick auf die Einführung des parlamentarischen Systems, die Achtung der Menschenrechte sowie den Schutz der Minderheiten längst erfüllt hat –, sondern auf die sozioökonomische Entwicklung, die ich als Tradition des Rückstands bezeichnen möchte. Im überregionalen Wirtschaftssystem nahm Polen bereits seit der Frühen Neuzeit eine semiperiphere Stellung18 ein, die sich in den durch die Leibeigenschaft und Gutswirtschaft dominierten Agrarstrukturen, einer geringen wirtschaftlichen und sozialen Bedeutung der Städte und des Bürgertums sowie in den Exporten von Rohstoffen niederschlug. Diese Strukturen wirkten sich hemmend auf den Industrialisierungsprozess aus, der noch zusätzlich durch die Teilungen Polens erschwert wurde. Die Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1918 und die seit den 20er Jahren forcierte Integration in die Weltwirtschaft vermochten nicht die Überbleibsel des Feudalismus zu beseitigen. Die Gutsbesitzer verfügten weiterhin über große Anbauflächen, und die überwiegend auf dem Land lebende Bevölkerung – etwa 70-75 % – war sehr arm. Da viele Bauernwirtschaften zu klein waren, um alle Familienmitglieder beschäftigen zu können, gab es auf dem Land einen erheblichen Überschuss an Arbeitskräften, die von der Industrie nicht aufgesogen werden konnten. Demzufolge fiel die verdeckte Arbeitslosigkeit sehr hoch aus. Die Einführung des Monopolsozialismus in Polen kann vor diesem Hintergrund auch als ein Versuch betrachtet werden, die Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft nachzuholen. Dieser Versuch hat zwar zur Verstärkung des Rückstands Polens im internationalen System beigetragen, war aber für ihn nicht allein verantwortlich.19 Diese historisch bedingte Rückständigkeit lässt sich in einem Bündel von Indikatoren erfassen, von denen drei in knapper Form besprochen werden sollen. Die langfristigen Folgen des Rückstands Polens zeigen sich vor allem am Beispiel der Agrarstrukturen. Knapp 25 % der Bevölkerung leben heute von der Landwirtschaft, und viele Bauernhöfe betreiben Subsistenzwirtschaft. Während in weiten Teilen Westeuropas die Landbevölkerung bereits im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – übrigens in einem langen und schmerzhaften Prozess – von Industrie, Bauwesen und Dienstleistungen aufgesogen wurde, gelang es in Polen die Modernisierung der Landwirtschaft und die Industrialisierung des Landes nur unzulänglich. Der Urbanisierungsgrad z.B. hat die 50-Prozent-Marke erst um 1970 überschritten. Nach 1989 kehrten viele Arbeiter, die von den benachbarten Betrieben – Werften, Berg- und Hüttenwerken – entlassen wurden, in die Dörfer zurück. Die ohnehin hohe Zahl der Beschäftigten auf dem Lande erhöhte sich deutlich, und die verdeckte Arbeitslosigkeit schwankt dort um 1 Mio.20 Man schätzt, dass womöglich nur 400.000, also ca. 20 % der etwa 2 Mio. Höfe, die Aufnahme Polens in die EU überleben werden.21 Von den Investitionen profitieren vor allem größere Städte wie Warschau, Posen, Danzig oder Krakau, und die landwirtschaftlich geprägten Regionen geraten in einen immer größeren Rückstand, was sich auch in erheblichen Einkommensunterschieden niederschlägt. Ein dramatischer Konflikt zwischen Stadt und Land ist vor diesem Hintergrund nicht auszuschließen. Die Stellung Polens in der internationalen Arbeitsteilung besteht in erster Linie in Ausfuhren von Halbfabrikaten und Rohstoffen. 1997 exportierte Polen vor allem Güter aus dem primären und sekundären Sektor: Kohle, Kupfer, Holzmöbel und Textilien. Die Tatsache, dass in den letzten Jahren auch Konsumgüter und technologieintensive Industrieprodukte ins Ausland verkauft werden, ist nicht auf eine Innovationsstärke der polnischen Unternehmen zurückzuführen, sondern auf die ausländischen Investitionen, denn mehr als die Hälfte aller Ausfuhren Polens werden von transationalen Unternehmen (vorneweg die Automobilindustrie) bestritten. Hier zeigt sich auch, dass Polen für die westlichen Unternehmen auf Grund billiger Arbeitskräfte und interessanten Absatzmarktes attraktiv ist. Im Zusammenhang mit der Struktur des polnischen Außenhandels ist auch auf das hohe und weiter ansteigende Handelsdefizit und folglich das Leistungsbilanzdefizit hinzuweisen, das seit 1999 die von den internationalen Finanzorganisationen als ›Gefahrenzone‹ definierte Marke von 6 % des Bruttoinlandsprodukts überschreitet. Die Hauptursache für die Ungleichgewichte in den Außenwirtschaftsbeziehungen sei laut dem wirtschaftswissenschaftlichen Beratungsgremium des Ministerrates die ungenügende Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe sowohl auf den Exportmärkten als auch gegenüber der Importkonkurrenz im Inland. Die wiederum geht u.a. auf die ungenügende Kapitalausstattung und die Startbedingungen der Transformation an der Wende 1989/1990 zurück.22 Die rückständigen Wirtschaftsstrukturen schlagen sich im Bruttoinlandsprodukt nieder. In Polen erreichte es pro Kopf, umgerechnet mit Kaufkraftparitäten, im Jahr 2000 41 Prozentpunkte des EU-Durchschnitts (100). Deutschland z.B. wies 106 Prozentpunkte vor, und Griechenland, das EU-Schlusslicht ist, 67. Vor Polen liegen nicht nur alle EU-Mitglieder, sondern auch einige der anderen ostmitteleuropäischen EU-Kandidaten: Slowenien mit 73, Tschechische Republik mit 59, Ungarn mit 53 und die Slowakei mit 49.23 Der sozioökonomische Rückstand erschwert also die Integration Polens in die EU, die ihn aber zugleich zu beheben helfen soll. Ausblick: Polens auf dem Wege zur EUDie Gleichzeitigkeit der Prozesse der sozioökonomischen Modernisierung und der politischen Demokratisierung kann zumindest auf kurze Sicht zu einem Widerspruch führen und den Staat destabilisieren. Denn auf der einen Seite wird erwartet, dass die polnische Gesellschaft Armut, Arbeitslosigkeit und die fehlende soziale Sicherheit unter Zukunftserwartung in Kauf nimmt. Andererseits kann die ‚soziale Schieflage‘ Bürgeraktivitäten und die Demokratisierung der Gesellschaft kaum fördern. Sicherlich wird die politische Entwicklung Polens in erster Linie vom weiteren Verlauf der wirtschaftlichen Entwicklung abhängen. Es geht dabei nicht nur um die bereits erwähnte Agrarfrage, sondern auch um die Problematik struktureller Veränderungen wie die Privatisierung der großen Staatsbetriebe samt ihren sozialen und politischen Folgen. Die internationalen Rahmenbedingungen sind aber für den sog. Transformationsprozess Polens nicht gerade günstig.24 Die westlichen Länder, allen voran Deutschland, haben zwar ein großes Interesse, dass Polens Integration in die EU erfolgreich verläuft – und das aus Gründen der politischen Stabilität wie auch der eigenen Exportmöglichkeiten für Investitions- und Konsumgüter. Das ,Fitmachen‘ soll aber nicht dazu führen, dass in Ostmitteleuropa potentielle Konkurrenten für westeuropäische Produzenten entstehen. Auf der anderen Seite widerspricht es den polnischen Interessen, in den Branchen, in denen die (Land)-Wirtschaft Polens konkurrenzfähig ist, Beschränkungen der eigenen Produktion zu akzeptieren, um die nicht konkurrenzfähigen Sektoren in einem EU-Land zu schonen. Man befürchtet ferner, dass etliche Betriebe in Polen die verschärfte Konkurrenz mit westeuropäischen Unternehmen nicht werden überleben können. Die Auffassung also, dass große Teile der Wirtschaft Polens innerhalb der EU zu einem Reservoir für billige Arbeitskräfte und zu einem Absatzmarkt für westliche Erzeugnisse degradiert werden, ist nicht von der Hand zu weisen. Gibt es aber Alternativen zur EU? Hans-Heinrich Nolte hat 1995 vorgeschlagen, östlich der Oder – in einem Großraum von der Ostsee zum Pazifik – eine eurasiatische Wirtschaftsunion zu schaffen, die einen sinnvollen Schutz eigener Industrien gegen Westeuropa, Japan und die USA bieten würde.25 Diese Möglichkeit ist in Polen nie ernsthaft diskutiert worden. Es liegt auf der Hand, dass eine stärkere Hinwendung zum Osten für die politischen Eliten der ostmitteleuropäischen Länder keine reelle Alternative darstellt, selbst wenn solch eine Union wirtschaftlich vernünftig wäre. Die politischen und psychologischen Gründe sind dabei entscheidend: Laut Umfragen würden nur 11 % der Befragten eine stärkere und politische Zusammenarbeit Polens mit Russland befürworten. Das entspricht etwa der Gruppe derjenigen (13 %), die die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen mit den USA vertiefen würde. 43 % der polnischen Bevölkerung sprechen sich hingegen eindeutig für die europäische Integration aus.26 Die meisten Anhänger stärkerer Anbindung Polens an die EU rechnen allerdings nicht damit, dass ihre wirtschaftliche Lage sich nach dem Beitritt deutlich verbessern wird. Dies zeigt, dass weite Teile der polnischen Bevölkerung die ökonomische Entwicklung ihrer Heimat nach der Aufnahme in die EU durchaus realistischer einschätzen können als das oft in Deutschland angenommen wird. Die Umfragen zeigen außerdem, dass viele Polen – ihren politischen Eliten (mit Ausnahmen) folgend – der Auffassung sind, dass es für die Zukunft ihres Landes keine vernünftige Alternative zur EU-Integration geben kann. Es bleibt nur die Frage, ob beide Seiten – sowohl Polen wie auch die EU – für diesen Schritt reif sind? LiteraturAdamczyk, Dariusz, 2001: Polens halbperiphere Stellung im internationalen System: Eine Long-Run-Perspektive, in: Zeitschrift für Weltgeschichte, Bd. 2.2, S. 79 91. Bocheński, Aleksander, 1984: Dzieje głupoty w Polsce, Warszawa. Busse, Tanja, 2001: Die Zweite Wende, in: Die Zeit, Nr. 19, Mai, S. 27. Davies, Norman, 1989: Boóe Igrzysko. Historia Polski, Kraków. Davies, Norman, 2000: Im Herzen Europas. Geschichte Polens, München. Franzetti, Dante Andrea, 2001: Vier Ansichten eines Aufsteigers, in: Die Zeit, Nr. 24, Juni 2001, S. 39. Hausner, Jerzy, 1999: Wie sich Polen auf die EU vorbereitet. Fehlende Strukturpolitik, in: Dialog, Nr. 51-52, S. 100-101. Juchler, Jacob, 1994: Osteuropa im Umbruch. Politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen 1989-1993, Zürich. Kieniewicz, Stefan, 1987: Historia Polski 1795-1918, Warszawa. Krzemi½ski, Adam, 2001: Amerika ist nur ein Traum, in: Die Zeit, Nr. 25, Juni 2001, S. 3. Mojkowski, Jacek, 2001: Ðlimak sunie do Unii, in: Polityka, Nr. 24, Juni 2001, S. 20-24. Nettelmann, Lothar, 1997: Polnische Intellektuelle und Arbeiter 1980/81, Hannover. Nettelmann, Lothar, 2001: Polska droga ku wolnoÑci. Spojrzenie niemieckiego publicysty, Poznań. Nolte, Hans-Heinrich, 1993: Die eine Welt. Abriss der Geschichte des internationalen Systems, Hannover. Nolte, Hans-Heinrich, 1995: Wohin mit Osteuropa? Überlegungen zur Neuordnung des Kontinents, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 39, September 1995, S. 3-11. Osiatyński, Wiktor, 2001: Folwark pasoóytów, in: Polityka, Nr. 30, Juli, S. 23-24. Pysz, Piotr, 2001: Polen als Vorreiter der Systemtransformation in Mittel- und Osteuropa, in: Dialog, Nr. 57, S. 98-101. Russocki, Stanisław, 1979: Modernisierung oder Reform? Die ›Einstimmigkeit‹ der polnischen Reichtagsbeschlüsse und ihr Wandel im 18. Jh., in: W. Conze, G. Schramm, K. Zernack (Hg.), Modernisierung und nationale Gesellschaft im ausgehenden 18. und im 19. Jh., Berlin. Schaff, Adam, 1984: Polen heute, Wien. Wyczański, Andrzej, 2001: Polen als Adelsrepublik, Osnabrück. 1 Vgl. Schaff 1984, S. 29-30, S. 48-49; Bocheński 1984, S. 16; Nettelmann 1997, u.a. S. 33-49, 318-322. 2 Dazu gehören folgende Paradoxe: a) des doppelten Nihilismus; b) der ,doppelten Instrumentalisierung‘; c) der utopischen Ideologie; d) der Unordnung und der Striktheit; e) der bürokratischen Anarchie; f) des Nicht-Entscheidens; g) einer emotional erschöpften Gesellschaft; h) des Misstrauens. Lamentowicz 1995, S. 67. 3 Hier ist die Gruppe der ›Stańczycy‹ gemeint, die nach dem Januaraufstand 1863/64 entstanden ist und die Auffassung bekämpfte, die Teilungen Polens seien ausschliesslich auf die Aggression der benachbarten Staaten zurückzuführen. 4 Vgl. Russocki 1979, S. 28. 5 Vgl. Davies 1989, S. 488-489. 6 Russocki: Ebda, S. 29. 7 Wycza½ski 2001, S. 331. 8 Nettelmann 2001, S. 155-156. 9 F. K. Drucki-Lubecki (1778-1846) und A. Wielopolski (1803-1877) waren polnische Politiker und Vertreter des Zaren im Königreich Polen, die die Aufstände 1830 und 1863 ablehnten, und für eine Zusammenarbeit mit Russland plädierten. 10 Kieniewicz 1987, S. 318. 11 Roman Dmowski (1864-1939) gehörte neben dem Staatsschef Józef Piłsudski zu den zentralen Gestalten der polnischen Politik zwischen 1918 und 1939. 12 Davies 2000, S. 127. 13 Krzemiński 2001, S. 3. 14 Hausner 1999, S. 100-101. 15 Osiatyński 2001, S. 23-24. 16 Sprywatyzowalięmy państwo? Rozmowa z prof. Jadwiga Staniszkis, in: Dziennik Zachodni, Nr. 150, 29. Juni 2001, S. 10. 17 Franzetti 2001 S. 39. 18 Zur Struktur des internationalen Systems vgl. Nolte, 1993. 19 Vgl.: Adamczyk 2001. 20 Die Zahl nach Mojkowski 2001, S. 24. 21 Busse 2001, S. 27. 22 Pysz 2001, S. 99-100. 23 Die Zeit Nr. 11, März 2001, S. 27. 24 Juchler 1994, S. 53-66. 25 Nolte 1995, S. 8. 26 Nie liczymy na pienia dze. Wywiad z Lena Kolarska-Bobińska, in: Gazeta Wyborcza, Nr. 161, Juli 2001, S. 14.
Angelica Schwall-Düren:
Zum Geleit Witold Krzesinski: Grußwort. Die Aufgaben des Generalkonsulates der Republik Polen Leszek Ziatkowski: Die Adelsrepublik – zur Entstehung einer spezifischen politischen Kultur in Polen Hans-Christian Trepte: Zur Narration nationaler Vergangenheit in der polnischen Literatur Stefan Samerski: Der Beitrag der Katholischen Kirche für die kulturell-nationale Identität Polens im 20. Jahrhundert Gracyna Barbara Szewczyk: Schlesien als deutsch-polnischer Kulturraum Krzysztof Ruchniewicz: Das historische Denken der Polen Tomasz Markiewicz: Die politische Kultur der Polen nach der Wende 1989 Gerhard Voigt: Aspekte von Kultur und Zivilisation: Die kulturelle Dimension des Transformationsprozesses
Internet Publikation
von: Lothar Nettelmann / Dariusz Adamczyk, Hrsg.: Zur Frage einer polnischen
Nationalkultur. Polen in Europa: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Beiträge der
Tagung »Zur Frage einer Polnischen Nationalkultur« der Deutsch-polnischen
Gesellschaft Hannover e.V. im Oktober 2001. Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für
die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. [ISSN 0945-1536],
Sonderheft 1 / 2002. Texte aus der Arbeit der Deutsch-Polnischen Gesellschaft
Hannover e.V. – Hannover 2002, 156 S., A 5, kart. Index – Durchgesehen Fassung. Alle Rechte vorbehalten. Verwendung im Schul- und Bildungsbereich zugestanden. Jede weitere Verwendung nur mit ausdrücklicher Zustimmung der Autoren beziehungsweise des Herausgebers, UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. –
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Hauptabschnitte: Einzelne Kapitel: Nebenseiten zu diesem Kapitel:
Web-Fassung: 31.01.2006 / rev. 20.11.2009 /
20.12.2009 / 28.01.2010 / 25..07.2011 - Verantwortlich: Gerhard Voigt
<bismarckschule.voigt@gmx.de>
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