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Gerhard Voigt: Dritte Welt-Didaktik 1982 Motivation und affektive Lernhindernisse zum Thema »Dritte Welt« und ihre Bedeutung für das geographische Curriculum Vortrag 1982 bei einer »Entwicklungspolitischen Tagung« des »Verbandes Deutscher Schulgeographen«, e.V., vom 1. - 3. 11. 1982 im Reichstagsgebäude in Berlin.
Ausgangspunkt der Überlegungen soll eine erstaunliche Beobachtung sein, die bei spontanen Befragungen im Kollegenkreis immer wieder gemacht werden kann: Angesprochen auf die Bedeutung des Lernbereichs »Dritte Welt«, äußern sich Fachlehrer der Geographie, Geschichte und Politik fast übereinstimmend überzeugt von der überragenden Wichtigkeit dieses Themas für die heutige Zeit und, daß Lehrplan und Schulbücher noch längst nicht genug Raum für die Entwicklungsländer einräumen. Insistiert man weiter und fragt nach den Gründen für diese Einschätzung, stößt man auf Verlegenheit, ausweichende und unklare Antworten, ja Verwunderung über die Frage selbst. Einige spontane Antworten sollen das Spektrum kennzeichnen: Kenntnisse über andere Kulturen und den Kulturwandel vermitteln, allgemeine Sensibilisierung für gesellschaftliche Probleme erreichen, Erkennen von »Zusammenhängen«, Verständnis für die Probleme der »Weltgesellschaft« wecken, fachliche Kenntnisse erlernen, Reflexion von Werten und Vorurteilen, Forderung nach politischen Handlungsmöglichkeiten und Engagement aufstellen ... Gemeinsames Kennzeichen vieler Antworten ist das Ausweichen auf sprachliche Leerformeln und Floskeln, die die Unsicherheit der Antworten deutlich machen. Gleichwohl können die meisten Antworten in durchaus sinnvolle pädagogische Zusammenhänge eingeordnet werden, die es in Hinblick auf das Referatthema zu überprüfen gilt. Eine vorläufige Systematisierung ergibt vorherrschend drei Gruppen von Begründungen für das Thema »Dritte Welt«:
Übereinstimmendes Merkmal ist zunächst, daß alle drei Kategorien gesellschaftliche Wertmaßstäbe und Interessen zur Begründung des Stoffangebotes in der Schule bemühen. Jeder eignen sich dabei spezifische Gefahren und Mißbrauchsmöglichkeiten:
Das verständliche Ausweichen auf gesellschaftliche und staatliche Interessen in der Begründung des Themas »Dritte Welt« ist ein Hinweis auf das vorhandene Defizit an Betroffenheit für den einzelnen Schüler, ja für den einzelnen Staatsbürger überhaupt. Das äußert sich bei Rückfragen bei den Schülern ganz deutlich, oft bestätigt durch Elternäußerungen, wenn nicht gerade ein gymnasiales Mittelschichtmilieu eine andere Bewertung in den Vordergrund rückt, wobei dem Thema »Dritte Welt« ein deutlich geringerer Stellenwert eingeräumt wird. Das Mobilisierungspotential für die Probleme der Entwicklungsländer ist recht gering und muß von außen induziert werden. Darin liegt das Kernproblem der didaktischen Umsetzung. Das heißt jedoch nicht, daß die Schüler »Dritte-Welt-Themen« prinzipiell uninteressant fänden, im Gegenteil, auf der phänomenologischen Ebene ist ein recht schnell ansprechendes Interesse leicht zu wecken, weswegen ja länderkundliche Berichte, wenn sie anschaulich sind, gerne als Einstiegs- und Motivationsphasen benutzt werden. Nur drückt sich hier keineswegs das Interesse aus, was sich in den Begründungen des Themas für den Schulunterricht durch die befragten Lehrer feststellen ließ. Das Schülerinteresse ist mit dem Schlagwort »Exotik« und »Abenteuer« zu umreißen. Die psychologischen Hintergründe dieser Interessen, besonders in der Pubertät, sollen hier nicht näher aufgerollt werden, es genügt der Hinweis, daß sich in der Zuwendung zur Exotik Verdrängungsprozesse eigener unbewältigter Konflikte manifestieren, daß – hier auch ideengeschichtlich – in der Figur des »guten Wilden« eine Projektion eigener tabuisierter Bedürfnisse und in der Figur des »Barbaren« oder »Unterentwickelten« die uneingestanden Angst vor der Verletzlichkeit der eigenen Person und Identität ausdrückt. Unreflektiert diese Schillerbedürfnisse zu befriedigen und sie als »Sachmotivation« zu verkennen, hieße, der Schule die Rolle eines Fluchtweges aus der Realität zuzuweisen. Die Naivität, mit der sich die Schulgeographie diesem Motivationskonflikt zuwendet, erfordert m.E. ein Überdenken der Rolle dieses Faches im Gesamtcurriculum. Diese einleitende Situationsdarstellung läßt sich wie folgt zusammenfassen:
So, entsteht schließlich die Gefahr der schieren Reproduktion gesellschaftlicher Vorurteile im Geographieunterricht, die mit einigen Stichworten nur kurz angedeutet werden sollen und die an anderer Stelle ausführlicher zu erörtern sind:
Die Behandlung des Themas »Dritte Welt« ohne kritische Berücksichtigung der genannten Gefahren wäre ein antiaufklärerischer Akt, der den Verfassungsgeboten und den Schulgesetzen zuwider läuft. Motivationshemmnisse bei Schülern Daß diese Gefahren durchaus ernst zu nehmen sind, zeigen die Schulbuchkritiken z.B. von Fohrbeck, Wiesand, Zahar, 1971, oder von Meueler, Schade, 1977, deutlich. Eine Analyse von neuen Rahmenrichtlinien ist ebenfalls nicht unergiebig. Die niedersächsischen RLL Klasse 7-10 Erdkunde lassen jede schülerbezogene Begründung vermissen; für sie soll Geographie mit „geographischen Gegebenheiten“ vertraut machen und „auf der Grundlage des heutigen Wissensstandes“ ein „ausbaufähiges Bild der Erde vermitteln“. Im Vordergrund der Lernziele stehen Kenntnisse und Fähigkeiten, die affektiven Grundlagen bleiben vage und unzureichend begründet und kennen als einzige Zieldimension die »Bereitschaft«. Das magere Gerippe der Inhaltsangebote für die einzelnen Klassen läßt keinerlei Reflexion über Motivationen und Schülerbezüge erkennen. In den Lernzielen taucht diese Dimension überhaupt nicht mehr auf. Vielleicht ist noch das beste, was man über diese RRL sagen kann, daß sie in ihrer unspezifischen Art genügend Freiräume für verantwortungsbewußten Unterricht lassen. Das soll nun keineswegs ein Vorwurf gegen die Verfasser der RRL sein; der Vf. kennt die Arbeit in RLL-Kommissionen zu gut – er war an den RLL Erdkunde für die Sek. II beteiligt, die auch nicht grundsätzlich anderes bieten –, als daß er nicht wüßte, daß die Vorgaben und Arbeitsbedingungen, vielleicht auch die Erwartungen, die an RRL gestellt werden, ein anderes Ergebnis nicht zulassen. Die Gefahr soll nur aufgezeigt werden, daß die im rechtlichen Bereich vielleicht notwendigen Defizite in das Selbstverständnis der Fachkollegen übertragen werden, die die fachdidaktische Diskussion nicht im vollen Umfange verfolgen können. Wie sieht es mit der Motivationsproblematik in der didaktischen Fachliteratur aus? Prinzipiell spiegelt sich das aufgezeigte Dilemma auch hier, wenn es auch eher, wie in den Richtlinien durch Nichtbehandlung umgangen, denn expressis verbis angesprochen wird. Didaktische Kommentare zu Schulbuchausgaben – mit denen der Fachlehrer zunächst konfrontiert wird – (z.B. zu »Welt und Umwelt«, Westermann, oder »Terra/Geographie«, Klett) behandeln naturgemäß grundsätzlich didaktische Probleme nur am Rande. Schülerbezogene didaktische Ansätze finden sich vor allem – durch die Themen selbst provoziert – in der Kommentierung z.B. von siedlungs- und bevölkerungsgeographischen Inhalten an deutschen Raumbeispielen. Dort, wo dieser Ansatz selbst Probleme aufwirft, bleibt er ausgeklammert. Die Stofflegitimation erschöpft sich in der Erörterung der Sachrelevanz im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang. Motivation wird – wenn überhaupt – subjektivistisch als Wecken von aktuellem Unterrichtsinteresse verstanden. Dabei wird das schon angesprochene Problem, ob z.B. vordergründige Exotik- und Abenteuerinteressen als sozialpsychische Projektionen und Verdrängungen nicht eher die sachgerechte Erschließung des Problemfeldes »Dritte Welt« verhindern, als daß sie eine tragfähige Unterrichtsgrundlage darstellen würden nicht hinreichend berücksichtigt. Dabei kann ein kritisches Aufgreifen des Exotikbedürfnisses, das ja eine psychische Realität ist ein sehr gutes didaktisches Prinzip sein, wenn der Schüler sich selbst in den Mittelpunkt der Reflexion gestellt sieht und wenn nicht Exotik als »billiger« Aufhänger benutzt wird. Das verlangt aber über das eigentlich Fachliche hinausgehende pädagogische Kompetenz. Zwei zusammenfassende Thesen sind das Ergebnis der Überlegungen:
In der älteren Fachdidaktik finden sich kaum Ansätze einer kritischen Reflexion über die Betroffenheit der Schüler durch geographische Problemstellungen. Auf einen Literaturbericht dazu will ich hier verzichten; Hinweise finden sich dazu u.a. in Schramkes Paradigmengeschichte, 1975. Bezeichnend ist nur dies Beispiel soll hier angeführt werden, daß in der Festschrift für Karl Fick, 1977, und im Folgeband »Schulgeographie heute« gerade die Motivationsproblematik ausgespart bleibt oder höchstens bei Bauer, S.133 ff., als Motivation des Geographen und Lehrers, Geographie zu betreiben, verstanden wird. Einige neuere Arbeiten versuchen hier jedoch einen Wandel einzuleiten. Zunächst wieder der Hinweis auf die Kommentierung von praxisnahen Unterrichtsmodellen: Einen besonders interessanten Ansatz findet die Unterrichtseinheit »Mit welchem Recht?«, 1980, von Dörr, u.a., einer Gruppe von praktischen Entwicklungshelfern, die ihre eigene Lebenssituation, ihre Betroffenheit in den Unterrichtsentwurf einbringen und dem Schiller vermitteln wollen. Motivation läuft hier vor allem auf der Ebene der personalen Identifikation Parallelen finden sich sicher auch immer dann, wenn der Geographielehrer selbst Praxiserfahrung in der »Dritten Welt« vorweisen kann, die er in Unterricht umsetzt. Ihren Ansatz beschreiben die Autoren wie folgt (S. 13): „Bildungsarbeit auf dem Gebiet der Unterentwicklung muß gegen einer Berg von Vorurteilen und Klischees ankämpfen ... Statt Zusammenhänge zu erklären und die Strukturen der Unterentwicklung aufzuklären, werden lediglich die Erscheinungsformen von Unterentwicklung zur Behandlung des Themas herangezogen. Auch im Bildungsbereich wird das Wissen darüber, daß die gewaltsam betriebene Unterentwicklung der sog. ‚Entwicklungsländer‘ Folge und Bedingung der Entwicklung der europäischen Handels- und Wirtschaftszentren war, erfolgreich verdrängt.“ Die eigene moralische Motivation der Verfasser wird hier sehr deutlich gemacht. Wie überträgt sich das auf den Schüler? Wieder die Autoren des Buches (S.15): „Grundsätzlich zeigte sich... immer Interesse der Schüler an entwicklungspolitischen Fragestellungen. Dieses Interesse verharrte jedoch immer oder fast immer im emotional-konsumentenhaften Bereich ... Der motivierende Effekt der Geschichten allein erwies sich als zu kurzfristiger Impuls und das mehrheitliche Schülerinteresse verfluchte zusehends, wenn die Schüler merkten, daß nicht ein Abenteuer aus einem exotischen Land auf sie wartete.“ Diese praktische Erfahrung bestätigt unsere Ausführungen über die mangelnde Tragfähigkeit der Exotikmotivation. Der Schritt zu echten Betroffenheit muß gefunden werden. Die Unterrichtsmaterialien des BMZ, die von der Sache her viele interessante Anregungen bieten und den meisten Lehrern bekannt sind, liefern in diesem Bereich keine Hilfe. Ist Betroffenheit nun mit »Solidarität« mit der »Dritten Welt« zu umschreiben? Theo Rauch schreibt dazu (in: »Geographie als politische Bildung«, 1978, S.251): „Die Realität zeigt auch, daß Lernprozesse und gesellschaftliches Handeln auch ohne die Grundlage eigener Erfahrung, allein basierend auf Solidaritätsgefühlen zustande kommen können. deutliches Beispiel hierfür scheint mir der Vietnamkrieg zu sein ... Grundlage des ist hier weniger die gemeinsame Interessenlage, sondern der Widerspruch zwischen gesellschaftlichen Normen und der Realität, die aus der Erfahrung solcher Widersprüche resultierende Empörung über Unrecht.“ Dies Zitat zeigt jedoch deutlich, daß die Maßstäbe, nach denen das Empörungspotential gemessen wird, daß die Anlässe, an denen sich Empörung entzündet, gesellschaftlichen Voraussetzungen und der Aufbereitung in den Medien unterliegt; es zeigt gleichermaßen, daß hier vor allem die informierte Mittel- und Oberschicht angesprochen wurde und wird, die Träger der studentischen Protestbewegung der 60er-Jahre wurde. Als allgemeine Unterrichtsvoraussetzung dürfte diese »Solidarität« wohl kaum in Frage kommen. Wie setzt sich nun die Fachdidaktik mit den aufgezeigten Problemen auseinander? Rolf Gutte (Motivation und Lernen, in: Metzler HGU, l982, S. 214 ff.) kritisiert den schon erwähnten oberflächlichen Motivationsbegriff: „Wichtigste Bedingung für eine dauerhafte Lernmotivation liegt nach den Erkenntnissen der Motivationspsychologie im Lerninhalt selbst. In der Geographie wird dies zuweilen mißverstanden, wenn z.B. Hinweise auf ‚interessante‘ Themen wie das Leben bei den Eskimos, Pygmäen etc. erfolgen: Motivation durch Exotik der Lerninhalte. ... hier liegt ein anderer Gedanke zugrunde: Lerninhalte selbst werden auf die zukünftige Lebenspraxis der Schüler bezogen. Schüler sind bereit, sich zu engagieren, wenn die Sache, der Lerngegenstand für ihre gegenwärtige oder absehbare zukünftige Lebenspraxis von Bedeutung ist.“ Hier tritt das Dilemma des Themas »Dritte Welt« in aller Klarheit zutage. Marianne Gronemeyer (Dritte Welt in der Schule, in: »Zur Methodik des Lernbereichs Dritte Welt«, 1977, S. 59) führt aus: „Das Problem, mit dem jede Curriculumplanung zum Lernbereich »Dritte Welt« zu tun hat, ist die Frage: ‚Wie kann das Ferne nahegebracht werden?‘ und das nicht nur im geographischen Sinne. Wie kann die objektive Betroffenheit von Dritte-Welt-Problemen als subjektive Betroffenheit konkretisiert werden, in einem Lernbereich, in dem – kollektiv und individuell – erhebliche Anstrengungen unternommen werden, um Betroffenheit zu vergessen: besser gut verdrängt, als immer dasselbe schlechte Gewissen.“ Die Autorin zieht daraus die folgenden Konsequenzen: „Solange Schule und Lehrer sich gewissermaßen zum Sachwalter des allein relevanten und zukunftshaltigen Erfahrungspotentials erklären, wird der Schüler in einen Kampf um seine schiere Existenz verwickelt, in den auch die Verarbeitung des Nicht-Akzeptiert-Seins gehört“ (S.65) ... „Die Kluft zwischen Erfahrungsbestand und Interessenniveau des Schülers einerseits und dem Stoff inhärenten Anspruch auf eine bestimmte Qualität der Bearbeitung andererseits ist nicht dadurch zu überwinden, daß man den Interessenbegriff beliebig ausweitet und dann zum Auswahlkriterium für Lerninhalte nicht macht, woran die Schüler augenblicklich interessiert sind, sondern woran sie interessiert sein sollten.“ (S.67). Gronemeyer sieht als Lösungsansatz den Versuch, im weitesten Sinne »Erfahrungen« der Schüler zur Grundlage der didaktischen Inwertsetzung zu machen, ohne daß dieser Erfahrungsbegriff hier schon hinreichend konkretisiert wäre. Auf welche Schülererfahrungen kann der Unterricht zu »Dritte-Welt-Themen« zurückgreifen? Aus welchen Lebensbereichen stammen diese Erfahrungen? Schmidt-Wulffen, 1981, II, S. 7, schreibt dazu: „Will man die Wahrnehmung der Schüler in den Unterrichtsprozeß einbeziehen, muß man davon ausgehen, daß gegenwärtige Wahrnehmung durch vorangegangene Erfahrungen beeinflußt wird ... Es geneigt ferner nicht, Erfahrung auf bloßes Faktenwissen zu reduzieren oder auf räumliche Erfahrungen einzuengen. Wird Wahrnehmung von der umfassenden Umweltwahrnehmung auf räumliche Umweltelemente reduziert – etwa in einer mißverständlichen Verabsolutierung der Feststellung Geipels von dem ‚ständigen Umgang des Kindes und des Erwachsenen mit räumlichen Erfahrungen‘ (Fichtinger u.a., o.J., S. 4), werden die Möglichkeiten der Wahrnehmungsorientierung zerstört und bei falschen Voraussetzungen lediglich zum Vehikel geographischer Fachvorstellungen gemacht.“ Aber Schmidt-Wulffen zeigt auch einen ersten Ansatz, um den Widerspruch zwischen Lernerfordernissen und Problemstruktur des Themas aufzulösen: „Probleme der ‚Dritten Welt‘, sind in den seltensten Fällen Schülern durch persönliches Erleben bekannt. Dennoch werden sie wahrgenommen: Durch Gespräche im Elternhaus, in Jugendbüchern, Film und Fernsehen, ja sogar durch Produktwerbung. Es dürfte so gut wie ausgeschlossen sein, daß solcherart vermittelter Erfahrung die ‚Dritte Welt‘ im Licht metropolitaner Einbindung darstellt. Da Wahrnehmung nicht nur den Vorgang des passiven Aufnehmens meint, sondern einen aktiven Erkenntnisprozeß, erhalten wahrgenommene Erscheinungen bzw. Gegenstände über die ‚Dritte Welt‘ in den Augen der Schüler eine Bedeutung, die die Funktion dieser Gegenstände im bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystem wiedergibt (vgl. Wenzel/Schulze-Goebel, 1978, S.2) ... Beispiele belegen, daß es einen grundlegenden Unterschied zwischen objektiver Umwelt / subjektivem Raum und subjektiv Erlebtem gibt. Die Diskrepanz zwischen Subjektivem und Objektivem bedarf der Problematisierung.“ Fassen wir bis hierhin zusammen:
Die Bedeutung des Themas »Dritte Welt« für den Schüler liegt gerade darin, daß er im Rahmen einer kritischen Arbeit am Thema mit seinen eigenen Vorurteilen, seinem Sozialverhalten, den Charakteristiken seiner politischen Bildung konfrontiert wird. Es ist sicher nicht zufällig, zieht man die politischen Entwicklungen in unserem eigenen Land in Betracht, daß fast gleichzeitig mit dieser Tagung zwei weitere Seminare zum Thema »Dritte Welt« die schulische Bedeutung des Themas vor allem in der Chance der Reflexion der eigenen politischen Kultur und Identität gesehen haben und daraus bestimmte didaktische Prämissen ableiteten: Zum Einen: Daß auch die Politikdidaktik sich unserem Thema verstärkt zuwendet, zeigt der Forschungsschwerpunkt »Dritte Welt« am Seminar für Politikwissenschaft in Göttingen. In einer Tagung für Hochschulangehörige, Studenten und Lehrer auf dem Sonnenberg im Harz Ende September 1982 zum Thema »Der Friede und die Dritte Welt im Unterricht« wurde u.a. als Ergebnis festgehalten (zitiert nach dem Abschlußbericht des Seminares): „Als ‚friedenspädagogisches Konzept‘ wurde ... vor allem ein doppelgleisiger Ansatz entwickelt, der auf der einen Seite die Einheit der Sachprobleme und politischen Konfliktlagen (Friedenssicherung, historische und ökonomische Dependenz, Kontakte und Konflikte) postuliert und auf der anderen Seite davon ausgeht, daß das Problem »Dritte Welt« unabhängig von schulischer Vermittlung ein Bewußtseinsinhalt und politischer Konfliktstoff in unserer eigenen Gesellschaft ist, dem sich der Schüler nicht entziehen kann und der auf der anderen Seite, als Indikator der politischen Kultur, Merkmal von politischen Verhaltensmöglichkeiten wie Vorurteilen ist. Dies ist die Grundlage einer politikdidaktischen Umsetzung.“ Und ich möchte hier hinzufügen: einer geographiedidaktischen ebenso. Als Zielkategorien für den Unterricht wurden auf dieser Grundlage genannt:
Zugespitzt wurde dies zu drei grundlegenden Forderungen an die Schule, die den innergesellschaftlichen Aspekt des Themas betonen:
Die zweite oben angesprochene Veranstaltung war das Jahrestreffen der UNESCO-Schulen vom 28.-30.10.82 in Hildesheim. Die Schulen setzten sich als Projektthema 1982/83 die Auseinandersetzung mit dem Islam. In der Tradition dieser Organisation sollen schulische Projekte initiiert werden, die fächerübergreifend und öffentlichkeitswirksam – ganz im Sinne der eben genannten Forderung und hier sogar mit Unterstützung der Kultusminister! – ein internationales Thema umsetzen sollen. Das diesjährige Thema ist sowohl Bestandteil unseres Themas »Dritte Welt« als auch exemplarisch in seiner didaktischen Problemstruktur für das übergreifende Themenfeld. Es gibt kaum einen Deutschen, so wurde übereinstimmend festgestellt, keinen Schüler und keinen Lehrer, der nicht bestimmte, oft inhaltlich diffuse und affektiv besetzte Vorstellungen über den Islam hätte, oft verknüpft mit Vorurteilen z.T. aggressiver Art über Türken und Araber. Die mangelnde Information über die zugrunde liegenden Sachverhalte wie auch über die psycho-soziale Verankerung der Vorurteile und ihre Funktion in unserer Gesellschaft provozieren eine manipulierte Realitätssicht und damit nur sozialschädliche und unangemessene politische und alltägliche Handlungsperspektiven für den Einzelnen. Da sich diese indoktrinierte und ideologische Realitätsverfälschung nicht nur auf den Problemgegenstand selbst (»Islam« oder »Dritte Welt«) bezieht, sondern mit einer Fehlbeurteilung der eigenen Identität verbunden ist, ist die kritische Aufarbeitung unverzichtbarer Auftrag an die Schule, d.h. vor allem an den Unterricht in den gesellschaftswissenschaftlichen und wertvermittelnden Fächern. Welche didaktischen Prinzipien lassen sich daraus ableiten? Bezogen auf den Islam sinngemäß übertragen aber auch auf das Thema »Dritte Welt«, hat auf der erwähnten UNESCO-Tagung der nordrhein-westfälische Religionsdidaktiker Udo Tworuschka einige Thesen formuliert, die in Auszügen wiedergegeben seien:
Diese didaktischen Überlegungen haben weitreichende Konsequenzen für den Unterricht. Schülerbedürfnisse, Alltagsorientierung, medienkritischer Zugang verbieten lehrer- und schulbuchorientierter Unterrichtsstil und verweisen auf die vielfältigen Möglichkeiten des Projektunterrichts. Es ist nicht die Aufgabe meines Referates, didaktische Folgerungen in aller Breite zu erörtern; so sei bezugnehmend auf das Referatsthema nur eine These zur Diskussion gestellt: Die mangelnde unmittelbare Betroffenheit durch das Thema »Dritte Welt« und die vielfältigen gesellschaftlich bedingten Motivationsbarrieren verbieten eine unterrichtliche Umsetzung nach üblichem Muster, konzentriert auf Lehrervortrag, Schulbuch und begleitende Medien; projektorientierte, selbständige, in der Tendenz interdisziplinäre Arbeitsformen sind unverzichtbar; nur durch eine dem Schüler erkennbare Handlungsperspektive können die Motivationsschranken überwunden werden. Das geht nur, wenn das Thema mit allen seinen Bezügen und Parallelen in den Alltag des Schülers einbezogen wird. Die Betrachtung der effektiven Dispositionen des Schülers, seiner Motive, sich auch »Dritte-Welt«-Themen zuzuwenden oder sie abzulehnen, seine Vorurteile gegenüber Ausländern und Minderheiten, seine eurozentrischen Beurteilungsperspektiven, die auf sein Selbstverständnis zurückwirken, hat gezeigt, wie schwierig es ist, einen schülerorientierten didaktischen Ansatz für den Unterricht über die »Dritte Welt« zu finden. Traditionelle Motivationsstrategien greifen zu kurz. Doch stößt diese didaktische Perspektive an praktische Grenzen: Die komplexe affektive Verankerung des Themas kann zwar im Rahmen von längerfristigen Projekten umgesetzt werden, bei der einzelnen Unterrichtseinheit dürften die organisatorischen, vor allem zeitlichen Rahmenbedingungen eine hinreichende Berücksichtigung der Forderungen der schülerzentrierten Didaktik, die über eine reine Wissensvermittlung hinausgeht, erheblich erschweren. Hier greifen nun die im Referatthema angesprochenen curricularen Perspektiven. »Dritte-Welt«-Themen können und dürfen nicht als isolierte Unterrichtsgegenstände behandelt werden, sondern müssen in ein übergreifendes Curriculum eingebunden werden. Solange der eigentlich erforderliche fächerübergreifende Anspruch des Themas aus verschiedenen Gründen kaum realisiert werden dürfte, muß versucht werden, in einem geographischen Curriculum die »Dritte-Welt«-Themen so mit Themen aus der eigenen Umwelt es Schülers zu verknüpfen, daß sinnvolle Transfermöglichkeiten hergestellt werden. Die Situation der Familie, die Lebensverhältnisse und ökonomische Verortung wirft ein Licht auf vergleichbare Situationen in der »Dritten Welt«; wirtschaftliche Entwicklungen hier wie dort provozieren die Frage nach vorhandenen Dependenzen. Der Schüler muß erfahren können, daß das eine Thema ohne das andere nicht zu verstehen ist; daß Urteilsmaßstäbe für unsere eigene Situation an der fremden Kultur zu überprüfen und Vorurteile durch den die eurozentrische Perspektive überwindendenden Vergleich abzubauen sind. Er muß die Lernsituationen der eigenen Gesellschaft wahrnehmen können: Kontakte zu Ausländern – Arbeitsmigranten, Asylanten, Ausländer mit temporären Aufenthalt in der BRD –, Kontakte und Gespräche mit deutschen Experten, die im Ausland tätig waren, unmittelbares Verfolgen der Waren-, Dienstleistungs- und Kommunikationsströme mit dem »Dritte-Welt«-Tourismus, Aufsuchen politischer und karitativer Organisationen, die sich mit der »Dritten Welt« auseinandersetzen, Besuch von Museen und Sammlungen und Gespräche über den Wandel in ihrer Konzeption (z.B. das Bremer Überseemuseum oder die Sammlungen in Berlin-Dahlem); in Ausnahmefällen lassen sich vielleicht als Abschluß der Arbeit zu »Dritte-Welt«-Themen auch Studienreisen z.B. in den Nahen Osten oder nach Nordafrika organisieren? Als Unterrichtshilfe in der Auseinandersetzung mit eurozentrischen Perspektiven sei vor allem noch auf die Schule der französischen Sozio-Ethnographie hingewiesen, die mit Michael Leiris (Die eigene und die fremde Kultur) und Albert Memmi (Der Kolonisierte und der Kolonisator) faszinierende Werke, die als Unterrichtsquellen geeignet sind, anzubieten hat. Auf die übergreifende friedenspädagogische Einbindung des Themas »Dritte Welt« wurde schon weiter oben hingewiesen. Hier eröffnen sich, der Entwicklung der Friedensbewegung in Deutschland entsprechend, neue, zusätzliche Motivationspotentiale und affektive Zuwendungen, die sehr positiv zur Unterrichtsgestaltung beitragen können. Der hohe Stellenwert des Themas »Dritte Welt« innerhalb friedensdidaktischer Konzeptionen zeigt sich, um nur zwei Literaturhinweise zu geben, bei Gronemeyer und den von der GEW vorgelegten Tagungsergebnissen zur ›Situation der politischen Bildung in Niedersachsen‹. Abschließend seien die Ergebnisse der Überlegungen noch einmal in einigen Diskussionsthesen zusammengefaßt:
Bauer, L.: Gedanken zur wissenschaftstheoretischen Grundlegung und Motivation des Geographieunterrichts. In: Fick, a.a.O. Dörr, B., u.a.: Mit welchem Recht? (I) Entwicklungshilfe aus der Sicht von Entwicklungshelfern. Dortmund, 1980 (pad). Fick, K.E., Festschrift für -: Die Geographie und ihre Didaktik zwischen Umbruch und Konsolidierung. Hrg. von K.H. Reinhardt. Frankfurter Beiträge zur Didaktik der Geographie, Band I. Frankfurt , 1977. Fohrbeck, K., A. J. Wiesand, U. Zahar: Heile Welt und Dritte Welt. Medien und politischer Unterricht I. Schulbuchanalyse. Opladen, 1971 (Leske). Geographie als politische Bildung. Beiträge und Materialien für den Unterricht. Geographische Hochschulmanuskripte Heft 6. Göttingen, 1978 (GzFRE). Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft: Zur Funktion der Politischen Bildung in Schule und Gesellschaft. Ergebnisse der GEW-Fachtagung, 1979. Neue Reihe Heft 2. Hannover, 1979. Gottschalch, W.: Schülerkrisen. Entstehungsgeschichten autoritärer Persönlichkeiten. Reinbek, 1977 (rororo). Gronemeyer, M.: Dritte Welt in der Schule – Probleme des Transfers. In: Methodik des Lernbereichs Dritte Welt, a.a.0. Gronemeyer, R. : Frieden. Grundwerte – Texte zur politischen Bildung Band 3. Baden-Baden, 1978 (Signal). Gutte, R.: Motivation und Lernen. In: Jander u.a., HGU, a.a.O. Jander, L., W. Schramke, H.-J. Wenzel: Metzler Handbuch für den Geographieunterricht (HGU). Stuttgart, 1982 (Metzler). Ki-Zerbo, J.: Die Geschichte Schwarz-Afrikas. Wuppertal, l979 (Hammer). Leiris, M.: Die eigene und die fremde Kultur. Ethnologische Schriften. Frankfurt, 1977 (Syndikat). Malcom X: Schwarze Gewalt. Reden. Edition Voltaire. Frankfurt/Berlin, 1968. Memmi, A.: Der Kolonisator und der Kolonisierte. Frankfurt, 1980 (Syndikat). Methodik des Lernbereichs Dritte Welt, Zur –. Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Heft 118. Bonn, 1977. Meueler, E., K. F. Schade: Dritte Welt in den Medien der Schule. Analyse und Konstruktion von Unterrichtsmedien. Stuttgart, 1977 (Kohlhammer). Puls, W.W.: Methodische Probleme des fächerübergreifenden Unterrichts dargestellt am Beispiel Entwicklungspolitik. In: Methodik des Lernbereichs Dritte Welt, a.a.O. Rauch, Th.: Entwicklungsstrategien für die Dritte Welt. In: Geographie als politische Bildung, a.a.O. Schmidt-Wulffen, W. D. : Entwicklung Europas – Unterentwicklung Afrikas. Zwei Bände. Urbs et Regio 24-25/1981. Kasseler Schriften zur Geografie und Planung. – ders.: Ethnozentrismus/Eurozontrismus. In: Jander u.a., HGU, a.a.O. Schramke, W.: Zur Paradigmengeschichte der Geographie und ihrer Didaktik. Geographische Hochschulmanuskripte Heft 2. Göttingen, 1975. Schulgeographie heute. Fachliche, didaktische, Unterrichtspraktische Beiträge. Herausgegeben von K.E. Fick. Frankfurter Beiträge zur Didaktik der Geographie. Band II. Frankfurt, 1978. Tworuschka., U.: Der Islam als Anforderung an den schulischen Unterricht. In: Erziehung heute, I/1982. Wenzel, H., H. Schulze-Göbel.: Umwelt – Raum – Gesellschaft. Lehrerband. Stuttgart, 1978 (Metzler). [Quelle: Vortrag bei einer »Entwicklungspolitischen Tagung« des »Verbandes Deutscher Schulgeographen«, e.V., vom 1. - 3. 11. 1982 im Reichstagsgebäude in Berlin. {Dr. H. W, Friese 1. Vorsitzender; Referat für Öffentlichkeitsarbeit: B. Wilhelmi, 5300 Bonn 2, Kastanienweg 69}]
Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover Vorsitzender: OStR Gerhard Voigt, Pettenkoferstraße 13, D 30880 Laatzen eMail: politiklehrerverband.voigt@web.de http://www.voigt-bismarckschule.de Internetausgabe: Dez.
2003
- Letzte Überarbeitung: 1.2.2004 Zur Textgestaltung
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Web-Fassung: 31.08.2004 - Verantwortlich: Gerhard Voigt <politiklehrerverband.voigt@web.de> |